Gericht/Institution:OLG Hamm
Erscheinungsdatum:10.02.2016
Entscheidungsdatum:15.12.2015
Aktenzeichen:15 W 514/15
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Grundbuchamt darf annehmen, dass 59-jährige Frau noch schwanger werden kann

 

Das OLG Hamm hat entschieden, dass eine 59-jährige Erbin nicht ohne Nacherbenvermerk als Eigentümerin eines zum Nachlass gehörenden Grundstücks ins Grundbuch eingetragen werden darf, wenn in einem Erbvertrag mit der Erblasserin auch künftige Kinder der Erbin zu Nacherben eingesetzt wurden.

Die 1956 geborene Beteiligte aus Münster ist die Tochter der 2015 im Alter von 89 Jahren verstorbenen Erblasserin. 1959 schlossen Mutter und Tochter einen Erbvertrag ab, mit dem die Mutter ihre Tochter zur Erbin einsetzte. Zugleich bestimmten sie den Sohn der Beteiligten und für den Fall, dass die Tochter weitere leibliche Kinder bekommt, sämtliche Kinder zu gleichen Teilen zu Nacherben. Nach dem Tode der Mutter beantragte die Beteiligte die Umschreibung eines zum Nachlass gehörenden Grundstücks auf sie als Eigentümerin. Dabei versicherte sie, abgesehen von ihrem Sohn, der auf seine Eintragung als Nacherbe im Grundbuch verzichtet habe, keine weiteren Abkömmlinge zu haben. Im Grundbuchverfahren erklärte sie zudem, auch zukünftig keine (künstliche) Befruchtung zu planen. Mit dem angefochtenen Beschluss wies das Grundbuchamt den Antrag, die Beteiligte ohne Nacherbenvermerk als Eigentümerin des Grundstücks ins Grundbuch einzutragen, zurück. Die zukünftige Geburt von Kindern könne – so das Grundbuchamt – nicht ausgeschlossen werden.

Die von der beteiligten Tochter gegen die Entscheidung des Grundbuchamtes eingelegte Beschwerde hatte keinen Erfolg. Das OLG Hamm hat die erstinstanzliche Entscheidung des AG Ibbenbüren bestätigt.

Bestimme ein Erbvertrag bereits vorhandene und auch künftige Kinder einer Erbin zu Nacherben, könne das Grundbuchamt bei der Umschreibung eines zum Nachlass gehörenden Grundstücks auf die mittlerweile 59 Jahre alte Erbin auch im Hinblick auf eine künftige Schwangerschaft der Erbin noch auf der Aufnahme eines Nacherbenvermerks in das Grundbuch zu bestehen haben, so das Oberlandesgericht. Ein solcher Vermerk sichere zugunsten des Nacherben den Erwerb des Grundstücks bis zum Eintritt des Nacherbfalls.

Nach Auffassung des Oberlandesgerichts ist die Beteiligte im vorliegenden Fall nicht ohne Nacherbenvermerk als Grundstückseigentümerin einzutragen. Nach der erbvertraglichen Erbeinsetzung seien auch später geborene leibliche Kinder der Beteiligten als Nacherben zu berücksichtigen. Mit den im grundbuchrechtlichen Antragsverfahren zulässigen Beweismitteln lasse sich nicht nachweisen, dass der Eintritt dieser Bedingung – die Geburt weiterer leiblicher Kinder der Tochter – ausgeschlossen sei. Den Beweis könne die Beteiligte mit in dem Verfahren als Beweismittel grundsätzlich zugelassenen Urkunden nicht führen. Es sei auch nicht offenkundig, dass die Beteiligte nicht mehr schwanger werden könne. Denkbar sei eine künstliche Befruchtung, die die Geburt eines leiblichen Kindes zur Folge haben könne. Nach den von der Reproduktionsmedizin geschaffenen Möglichkeiten könnten heute Frauen auch jenseits der Menopause noch schwanger werden. Die Angabe der Beteiligten, dass sie eine künstliche Befruchtung in Zukunft nicht plane, gebe insoweit lediglich ihre Motivationslage wieder und stelle keine dem Nachweis zugängliche Tatsache dar.

Der Beschluss ist rechtskräftig.

Quelle: Pressemitteilung des OLG Hamm v. 10.02.2016