Fachanwalt Sportrecht beim Fußball: Anzug ist optional (Symbolbild)

Neuer Fachanwalt Sportrecht:
Interview mit Professor Dr. Martin Nolte

Wer auf der Suche nach sportlichen Herausforderungen ist, kann auch im Sportrecht fündig werden: Unterschiedlichste Rechtsgebiete werden berührt, mit reichlich internationalen Bezügen, eigenen Sport- und Schiedsgerichten. Mit Wirkung zum 1. Juli 2019 hat die Satzungsversammlung der Bundesrechtsanwaltskammer zu Recht die neue Fachanwaltschaft im Sportrecht eingeführt und trägt damit dieser besonderen Materie Rechnung. Die Fachanwaltsordnung wurde entsprechend geändert.

Mit Theorie und Praxis zum Fachanwalt Sportrecht

Wie für die übrigen Fachanwaltschaften ist auch im Sportrecht der Nachweis theoretischer und praktischer Kenntnisse erforderlich. Der neue § 5 Abs. 1 lit. x. FAO sieht hinsichtlich des Erwerbs der praktischen Erfahrungen vor, dass 80 Fälle aus dem Sportrecht nachgewiesen werden. 20 dieser Fälle sollen rechtsförmliche Verfahren betreffen, wobei dazu auch Sportverbandsgerichtsverfahren und Schiedsverfahren gezählt werden.

Professor Dr. Nolte: Nachfrage nach dem Fachanwalt Sportrecht ist außerordentlich hoch

Professor Dr. Martin Nolte ist Direktor des Instituts für Sportrecht an der Deutschen Sporthochschule Köln und hat im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Sportrecht im Deutschen Anwaltsverein das Konzept und das Curriculum für die Einführung der Fachanwaltschaft entworfen, das dem positiven Beschluss der Satzungsversammlung zugrunde lag. Wir hatten Gelegenheit, Herrn Professor Dr. Nolte aus diesem Anlass zum Thema zu befragen.

juris: Herr Professor Dr. Nolte, Sie haben wesentlich zur Einführung der Fachanwaltschaft beigetragen. Warum ist eine Fachanwaltschaft notwendig?

Nolte: Eine anwaltliche Spezialisierung im Sportrecht trägt der Komplexität und dem hohen Schwierigkeitsgrad des Fachgebiets Rechnung. Sportrecht ist in hohem Maße inter- und intradisziplinär. Die Lösung rechtlicher Fragestellungen erfordert Kenntnisse über die realen Probleme im Sport, über die selbst gesetzten Regeln der Sportorganisationen und das sportrelevante (zwischen-)staatliche Recht. Hinzu tritt ein zunehmendes Maß an Internationalität. Denn in dem Maße, in dem der Sport über Landesgrenzen hinausgeht, sind zahlreiche Rechtsfragen auch internationalisiert.

juris: Worin sehen Sie die Nachfrage für die Fachanwaltschaft Sportrecht und deren Wettbewerbstauglichkeit begründet?

Nolte: Die Nachfrage für eine Fachanwaltschaft Sportrecht ist außerordentlich hoch. Sie beruht auf einem zunehmenden Beratungsbedarf privater Sportinstitutionen (Vereine, Verbände, Ligen), bei sonstigen Sportbeteiligten (Athleten, Trainer, Manager etc.), in Wirtschaftsunternehmen mit Bezug zum Sport (z.B. Sponsoren) sowie bei Medien (Fernsehen, Radio, Print-/Onlinemedien) und im öffentlichen Sektor (Kommunen, Länder, Bund). Der Bedarf steigt in Korrelation zur wachsenden Bedeutung des Sports in gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Rechtsfragen entstehen etwa bei der Bekämpfung von Doping, Wettbetrug, Spielmanipulation und Korruption. Hinzu treten zahlreiche Fragen in den Bereichen der Bildung, der Gesundheit sowie der sozialen Eingliederung, Integration und Chancengleichheit. Weiterer Beratungsbedarf betrifft die Finanzierung des Sports (Fernsehrechte, Marketing, Sponsoring, Mitgliedsbeiträge), steuer- und versicherungsrechtliche Themen sowie die Regulierung von Sportwetten. Schließlich geht es im Sportrecht um die Weiterentwicklung sportverbandlicher Regelwerke und die Selbstorganisation des Sports einschließlich seiner eigenen Gerichtsbarkeit. Eine auf das Sportrecht spezialisierte Fachanwaltschaft nimmt diese Themen in den Blick. Sie dient dazu, ein spezielles Tätigkeitsfeld für Rechtsanwälte auch im Verhältnis zu Dritten (z.B. Beratern ohne juristischen Sachverstand, Kaufleuten) zu erhalten und zu stärken. Dies gilt nicht zuletzt im Verhältnis zur ausländischen Konkurrenz.

juris: Können Sie die Komplexität des Sportrechts anhand eines aktuellen Beispiels einmal illustrieren?

Nolte: Typischerweise wurzeln die Rechtsfragen in den – bisweilen sehr ausdifferenzierten – Sportregeln (inter-)nationaler Sportorganisationen. Das zeigt die aktuelle Klage der hyperandrogenen (intersexuellen) Mittelstreckenläuferin Caster Semenya gegen die sog. „Testosteronregel“ des Internationalen Leichtathletikverbandes IAAF. Diese Regel macht die Startberechtigung in ausgewählten Laufdisziplinen der Frauen davon abhängig, dass die Teilnehmerinnen einen niedrigeren Testosteronspiegel als 5nmol/L Blutserum haben. Die Regel zielt auf die Herstellung relativer Chancengleichheit mit Blick auf Testosteron, das das Muskelwachstum fördert. Während nicht hyperandrogene Frauen einen Testosteronspiegel unter 2nmol/L Blutserum besitzen, liegt der Testosteronspiegel hyperandrogener Frauen oft weit über 5nmol/L Blutserum. Damit sind hyperandrogene Frauen gegenüber nicht hyperandrogenen Frauen im Vorteil. Caster Semenya sah in der Testosteronregel eine unzulässige Diskriminierung und klagte vor dem Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne. Dieser wies ihre Klage ab, weil die Regel seiner Ansicht nach vernünftig, erforderlich und angemessen zur Herstellung relativer Wettbewerbsgleichheit sei. Auf Antrag von Semenya hat nun das Schweizer Bundesgericht eine (super-)provisorische Verfügung erlassen, wonach die Regel für Semenya vorübergehend nicht gilt. Eine endgültige Entscheidung des Schweizer Bundesgerichts steht noch aus. Das Beispiel illustriert die inter- und intradisziplinäre Komplexität der Rechtsfragen im Sport zwischen rechtlichen Fragen im Sport (Geltung von Sportregeln mit Blick auf (zwischen-)staatliches Recht, Verhältnis zwischen Sportgerichtsbarkeit und staatlicher Justiz) mit ihren medizinischen, soziologischen und ethisch-philosophischen Dimensionen. Zentrale Aspekte des Falles greift die aktuelle Ausgabe der von mir mitherausgegebenen Sport-Zeitschrift Causa Sport für nationales und internationales Recht sowie für Wirtschaft auf.

juris: Juristen sind es gewohnt, sich in neue Rechtsgebiete einzuarbeiten. Sehen Sie die deutsche Juristenausbildung mit Blick auf das Sportrecht gut aufgestellt?

Nolte: Die curriculare Juristenausbildung in Deutschland orientiert sich weitgehend an den traditionellen dogmatischen Säulen der Rechtswissenschaften. Sportrecht liegt quer zu diesen Fachsäulen, berührt alle drei Fachsäulen und nimmt vielmehr die realen Probleme im Sport vor allem auch mit Blick auf das selbst gesetzte Regelwerk der Sportorganisationen in den Blick. Um den Mangel curricularer Ausbildung im Sportrecht zu befriedigen, etablierten wir vor einigen Jahren einen akkreditierten Masterstudiengang im Sportrecht an der Deutschen Sporthochschule Köln in Kooperation mit der Universität Gießen (vgl. www.sportrechtsmaster.de). Mit diesem Studiengang erwerben Studierende einen international anerkannten Abschluss (LL.M. Sportrecht Gießen/Köln). Zugleich genießen sie eine Ausbildung zum Nachweis theoretischer Kenntnisse, um den Fachanwalt für Sportrecht zu beantragen. Geplanter Start für die nächste Kohorte ist Herbst 2019.

juris: Herr Professor Dr. Nolte, vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Martin Nolte

Portraitfoto Prof. Dr. Nolte: Interview zum Fachanwalt Sportrecht
  • Universitätsprofessor für Sportrecht und Leiter des Instituts für Sportrecht an der Deutschen Sporthochschule Köln
  • Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Regulierung und Governance mit Sitz in Sankt Augustin bei Bonn
  • Berater von (inter-)nationalen Sportorganisationen und Mitglied von Sportschiedsgerichten
  • Co-Herausgeber der Zeitschrift Causa Sport und Autor zahlreicher Monographien und Fachartikel zum Sportrecht
  • Orientierungsläufer, früheres Mitglied der Nationalmannschaft und heutiger Teilnehmer an Seniorenweltmeisterschaften

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