Werk:jurisPK-Internetrecht
Herausgeber:Heckmann
Autor:Bernhardt/Leeb
Auflage:6. Auflage 2019
Stand:02.07.2019
Quelle:juris Logo
Zitiervorschlag:Bernhardt/Leeb in: Heckmann, jurisPK-Internetrecht, 6. Aufl. 2019, Kap. 6 Zitiervorschlag
Kapitel 6
Elektronischer Rechtsverkehr

Gliederung

 Rn. 1
 Rn. 1
 Rn. 1
 Rn. 2
 Rn. 4
 Rn. 5
 Rn. 5
 Rn. 33
 Rn. 33
 Rn. 41
 Rn. 46
 Rn. 52
 Rn. 62
 Rn. 67
 Rn. 67
 Rn. 71
 Rn. 74
 Rn. 75
 Rn. 112
 Rn. 121
 Rn. 124
 Rn. 134
 Rn. 136
 Rn. 148
 Rn. 148
 Rn. 155
 Rn. 165
 Rn. 165
 Rn. 165
 Rn. 169
 Rn. 170
 Rn. 170
 Rn. 172
 Rn. 176
 Rn. 178
 Rn. 183
 Rn. 185
 Rn. 185
 Rn. 187
 Rn. 189
 Rn. 190
 Rn. 191
 Rn. 193
 Rn. 194
 Rn. 195
 Rn. 200
 Rn. 202
 Rn. 202
 Rn. 203
 Rn. 207
 Rn. 209
 Rn. 213
 Rn. 214
 Rn. 219
 Rn. 220
 Rn. 223
 Rn. 228
 Rn. 231
 Rn. 231
 Rn. 231
 Rn. 233
 Rn. 238
 Rn. 239
 Rn. 239
 Rn. 241
 Rn. 257
 Rn. 258
 Rn. 261
 Rn. 264
 Rn. 267
 Rn. 267
 Rn. 276
 Rn. 284
 Rn. 293
 Rn. 303
 Rn. 309
 Rn. 311
 Rn. 311
 Rn. 312
 Rn. 313
 Rn. 319
 Rn. 319
 Rn. 320
 Rn. 321
 Rn. 321
 Rn. 327
 Rn. 331
 Rn. 332
 Rn. 333
 Rn. 333
 Rn. 334
 Rn. 336
 Rn. 336
 Rn. 338
 Rn. 345
 Rn. 347
 Rn. 347
 Rn. 348
 Rn. 359
 Rn. 359
 Rn. 361
 Rn. 368
 Rn. 369
 Rn. 369
 Rn. 370
 Rn. 372
 Rn. 372
 Rn. 380
 Rn. 382
 Rn. 384
 Rn. 384
 Rn. 385
 Rn. 387
 Rn. 387
 Rn. 388
 Rn. 389
 Rn. 393
 Rn. 393
 Rn. 394
 Rn. 395
 Rn. 401
 Rn. 401
 Rn. 402
 Rn. 403
 Rn. 406
 Rn. 406
 Rn. 407
 Rn. 408
 Rn. 410
 Rn. 410
 Rn. 417
 Rn. 420
 Rn. 420
 Rn. 420
 Rn. 423
 Rn. 426
 Rn. 428
 Rn. 439
 Rn. 444
 Rn. 451
 Rn. 451
 Rn. 452
 Rn. 453
 Rn. 458
 Rn. 462
 Rn. 462
 Rn. 462
 Rn. 464
 Rn. 466
 Rn. 468
 Rn. 478
 Rn. 484
 Rn. 484
 Rn. 485
 Rn. 487
 Rn. 487
 Rn. 493
 Rn. 499
 Rn. 508
 Rn. 508
 Rn. 509
 Rn. 510
 Rn. 516
 Rn. 516
 Rn. 517
 Rn. 518
 Rn. 519
 Rn. 519
 Rn. 520
 Rn. 521
 Rn. 523
 Rn. 523
 Rn. 524
 Rn. 525
 Rn. 527
 Rn. 527
 Rn. 527
 Rn. 529
 Rn. 531
 Rn. 537
 Rn. 537
 Rn. 538
 Rn. 542
 Rn. 542
 Rn. 547
 Rn. 550
 Rn. 551
 Rn. 552
 Rn. 553
 Rn. 556
 Rn. 556
 Rn. 557
 Rn. 560
 Rn. 560
 Rn. 563
 Rn. 565
 Rn. 567
 Rn. 568
 Rn. 568
 Rn. 569
 Rn. 571
 Rn. 576
 Rn. 576
 Rn. 577
 Rn. 578
 Rn. 583
 Rn. 583
 Rn. 589
 Rn. 589
 Rn. 590
 Rn. 591
 Rn. 592
 Rn. 594
 Rn. 595
 Rn. 595
 Rn. 598
 Rn. 602
 Rn. 604
 Rn. 606
 Rn. 608
 Rn. 614
 Rn. 617
 Rn. 617
 Rn. 618
 Rn. 618
 Rn. 620
 Rn. 621
 Rn. 621
 Rn. 622
 Rn. 622
 Rn. 624
 Rn. 625
 Rn. 625
 Rn. 626
 Rn. 626
 Rn. 627
 Rn. 629
 Rn. 632
 Rn. 632
 Rn. 633
 Rn. 633
 Rn. 634
 Rn. 635
 Rn. 638
 Rn. 639
 Rn. 640
 Rn. 640
 Rn. 641
 Rn. 644
 Rn. 644
 Rn. 645
 Rn. 645
 Rn. 648
 Rn. 650
 Rn. 653
 Rn. 655
 Rn. 659
 Rn. 663
 Rn. 665
 Rn. 668
 Rn. 683
 Rn. 684
 A. E-Justice 
 I. Begriffe 
 1. E-Justice/E-Justiz 
1Der Einsatz von IT-Technik in der Justiz hat mittlerweile große Bedeutung gewonnen. Im Binnenbereich der Justiz trägt der Einsatz moderner IuK-Technologien zu einer Vereinfachung und Beschleunigung (im Sinne einer Prozessoptimierung) von Arbeitsvorgängen bei, im Außenbereich kann die Kommunikation mit den Verfahrensbeteiligten (Justizkommunikation bzw. elektronischer Rechtsverkehr) gestärkt werden.1 Die radikal geänderten Möglichkeiten der Informationsbeschaffung (z.B. Einsatz elektronischer Literatur- und Rechtsprechungsdatenbanken), Informationsaufbereitung (z.B. elektronische Aktenführung) und Informationsvermittlung (z.B. Registerportale) bis hin zu eventuellen Einsatzmöglichkeiten der Blockchain-Technologie2 und der künstlichen Intelligenz beschäftigen die Justiz in ihren unterschiedlichen Aufgabenfeldern intensiv. Der umfassende Einsatz von IuK-Technik in der Justiz – auch über nationale Grenzen hinweg3 in europäischer Zusammenarbeit4 – wird zumeist mit dem Begriff E-Justice oder E-Justiz umschrieben5. 
 2. Justizkommunikation/Elektronischer Rechtsverkehr (i.e.S.) 
2Elektronischer Rechtsverkehr (im engeren Sinne) bzw. synonym gebraucht Justizkommunikation umschreibt den Teil von E-Justice, der sich überwiegend in der rechtsverbindlichen Kommunikation der Justiz mit ihren „Kunden“ (den Verfahrensbeteiligten) erschöpft,6 also den sicheren elektronischen Austausch verfahrensbezogener Informationen (und idealiter der anschließenden medienbruchfreien Weiterverarbeitung der Daten, etwa in einer elektronischen Akte). 
3Nach vorliegendem Verständnis erfasst elektronische Justizkommunikation sowohl den „Binnenbereich“ der Justiz (elektronische Information und Kommunikation innerhalb der Justiz bzw. der Justizverwaltung7, elektronische Aktenführung u.Ä.) als auch den „Außenbereich“ (teilweise synonym als Elektronischer Rechtsverkehr [i.e.S.] bezeichnet8). Zu Letzterem zählen die rechtsverbindliche elektronische Einreichung von Anträgen und Klagen, die Zustellung von Urteilen und anderen Entscheidungen, das elektronische Mahnverfahren, elektronische Grundbücher, Handelsregister etc. und – zukunftsoffen9 – allgemein jegliche Form der Kommunikation zwischen (allen10) Verfahrensbeteiligten und den Gerichten11. 
 3. Abgrenzung E-Government/E-Justice 
4Parallelen zum E-Government (zum Begriff des E-Government vgl. Kapitel 5 Rn. 1 ff.) lassen sich nur begrenzt ziehen.12 Zwar besteht eine gewisse Zielkongruenz mit der administrativen Gewalt, was den Einsatz von IT betrifft (Effizienzgewinne, Verbesserung des Bürgerservices, Partizipationsmöglichkeiten, Erhöhung der Transparenz, Befreiung von überflüssiger Bürokratie usw.). Allerdings bedingt die Eigenständigkeit der Justiz als Staatsfunktion vielfach ein eigenständiges Modernisierungsprofil. Dieses unterscheidet sich aufgrund der richterlichen Unabhängigkeit, des Legalitätsprinzips und der sachlichen Unabhängigkeit der Rechtspfleger deutlich vom Verwaltungsbereich.13 Insoweit ist es geboten, auch terminologisch den IT-Einsatz und die IT-gestützte Kommunikation im Justizbereich von der „elektronischen Verwaltung“ abzugrenzen.14 Statt von E-Government muss im Justizsektor von E-Justice die Rede sein.15 
 II. Europäische Tendenzen 
 1. Allgemeines 
5Über den nationalen Bereich hinaus hat E-Justice (nicht zuletzt aufgrund der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2007, die das Thema forciert hat16) eine beachtenswerte europäische Dimension erhalten. Zunehmend werden einheitliche Strukturen für den grenzüberschreitenden Einsatz von IT in der Justiz geschaffen. 
6Ausgangspunkt waren Arbeiten einer vom Rat der Europäischen Union eingerichteten Arbeitsgruppe E-Justice17. Diese hatte den Auftrag erhalten, ein Europäisches Justizportal aufzubauen18, um Bürgern, Unternehmen und Behörden benötigte Informationen für grenzüberschreitende, rechtlich relevante Aktivitäten „auf Knopfdruck“ zur Verfügung stellen zu können. Ein Meilenstein der europäischen Bemühungen um eine Verbesserung der grenzüberschreitenden elektronischen Kommunikation im Justizbereich war die Eröffnung des Europäischen Justizportals im Juli 2010. Die Weiterentwicklung des Portals bildete dann auch den Kerninhalt des von den Justiz- und Innenministern der EU-Staaten verabschiedeten E-Justice-Aktionsplanes 2009-201319. 
7Der Rat (Justiz und Inneres) nahm am 06.12.2013 eine neue Strategie für die europäische E-Justiz (2014-2018)20 an. Diese schrieb die bisherigen Planungen fort: Das europäische E-Justiz-Portal sollte als einzige Anlaufstelle („one-stop-shop“) etabliert werden und Bürgern, Unternehmen und Angehörigen der Rechtsberufe Informationen über das EU-Recht und die einzelstaatlichen Rechtsvorschriften vermitteln. Über das Portal sollten auch einschlägige Informationen aus dem Justizbereich auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene zugänglich sein. Vorgesehen war die Fortentwicklung des europäischen semantischen Webs (im Sinne einer interoperablen Gestaltung der Identifikationen und Semantik von Rechtsdaten) für den Rechtsbereich, um so den Zugang zu Rechtsinformationen zu erleichtern und die Verarbeitbarkeit zu verbessern. Die technischen und rechtlichen Voraussetzungen waren zu schaffen, um die Register intensiver miteinander zu vernetzen. Beabsichtigt war, das Zusammenwirken von E-Justiz-Portal und den Netzen – Europäisches Justizielles Netz für Zivil- und Handelssachen und Europäisches Justizielles Netz für Strafsachen – zu vereinfachen. Die Angehörigen der diversen Rechtsberufe (Anwälte, Notare, Justizbeamte) sollten intensiver in die Diskussion über die Fortentwicklung von E-Justice einbezogen werden. Ziel war es ferner, bei der Arbeit im Rahmen von E-Justice dem Schutz von personenbezogenen Daten, evtl. durch Vorlage eines Gesetzgebungsakts für den Bereich von E-Justice, stärker Rechnung zu tragen. Darauf aufsetzend nahm der Rat für Justiz und Inneres am 06.06.2014 den mehrjährigen Aktionsplan für die europäische E-Justiz für die Jahre 2014-201821 an. Die Mitteilung der Europäischen Kommission zur „EU-Justizagenda 2020 – Stärkung von Vertrauen, Mobilität und Wachstum in der Union“22 widmete sich ebenfalls den zukünftigen Zielen von E-Justice. 
8Unter niederländischem Vorsitz erarbeitete die Ratsarbeitsgruppe „E-Recht (E-Justiz)“ eine Halbzeitüberprüfung, die der Rat in seiner Tagung am 09./10.06.2016 annahm.23 
9War zunächst der Aufbau des Europäischen Justizportals im Schwerpunkt darauf ausgerichtet, den (kostenlosen) Zugang zum Unionsrecht und zum nationalen Recht in allen 24 Amtssprachen der EU zu ermöglichen sowie nationale Register miteinander zu vernetzen,24 so rückten mehr und mehr weitere Funktionen in den Vordergrund: Erhältlich sind Informationen über die Rechtsberufe in den Mitgliedstaaten wie Richter, Staatsanwälte, Rechtspfleger und weitere Gerichtsbedienstete wie „greffier“ in Frankreich sowie ihre Systeme, die im Rahmen der Initiativen der berufsständischen Organisationen entwickelt wurden. Bürgerinnen und Bürger25 können beim Aufruf des Portals Werkzeuge für grenzüberschreitende Recherchen nutzen („Wie finde ich einen Rechtsanwalt?“, „Wie finde ich einen Notar?“). Sie erhalten ferner hilfreiche Angaben über Möglichkeiten der Prozesskostenhilfe, der Mediation, oder spezifisch aufbereitete Informationen über Rechte der Beschuldigten in Strafverfahren in den EU-Mitgliedstaaten. Angehörige der Rechtsberufe erhalten allgemeine Informationen über die justizielle Aus- und Fortbildung zum EU-Recht einschließlich Schulungsmaterial. Der Portalnutzer erhält über eine einheitliche Zugangsstelle den Zugang zu nationalen Registern, den Zugang zu gerichtlichen und außergerichtlichen Verfahren bei grenzüberschreitenden Sachverhalten. Die Entwicklung von effizienten Mitteln (semantisches Web) soll schließlich für einen erleichterten Zugang zu europäischer und nationaler Rechtsprechung sorgen. 
10Hervorzuheben ist insbesondere der European Case Law Identifier (ECLI)26, der am 04.05.2016 in einer ersten Version online ging und mittlerweile von einigen Mitgliedstaaten, dem EuGH, dem EGMR und der Beschwerdekammer des Europäischen Parlaments angewandt wird, um die korrekte und eindeutige Angabe von Fundstellen in den Gerichtsentscheidungen und damit auch eine grenzüberschreitende Suche nach bestimmten, möglicherweise einschlägigen Entscheidungen zu erleichtern. Während vormals Rechtssachen in verschiedenen nationalen und grenzüberschreitenden Urteilsdatenbanken nach unterschiedlichen Regeln und unterschiedlichen Identifikatoren registriert wurden, können seither aufgrund eines Bestands von einheitlichen Metadaten über eine Suchschnittstelle mit nur einem Identifikator thematisch passende Entscheidungen in den nationalen Datenbanken leichter aufgefunden werden.27 Dies hilft, die Kohärenz einer europäischen Rechtsordnung zu verbessern. Der ECLI ist in Deutschland beim Bundesverfassungsgericht, Bundesgerichtshof, Bundesverwaltungsgericht, Bundesfinanzhof, Bundesarbeitsgericht, Bundessozialgericht sowie bei den Gerichten der Länder in ihren Entscheidungsdatenbanken eingeführt.28 
11In ähnlicher Weise sollen der European Legislation Identifier (RLI)29 und das Projekt Legivoc30 mit einem interoperablen Rechtsvokabular aus 15 Rechtssystemen der EU für ein besseres Verständnis der unterschiedlichen europäischen Rechtsordnungen mit unterschiedlichen Rechtsbegriffen sorgen. 
12Die Arbeiten in der Ratsarbeitsgruppe „E-Recht (E-Justiz)“ zielten ferner auf Erleichterungen des Zugangs zu Videokonferenzanlagen im Interesse einer Beschleunigung grenzüberschreitender Gerichtsverfahren ab. Der Rat hat hierzu im Juni 2015 die Empfehlungen „Förderung des Einsatzes grenzüberschreitender Videokonferenzen im Bereich der Justiz in den Mitgliedstaaten und auf EU-Ebene und Austausch entsprechender bewährter Vorgehensweisen“ beschlossen.31 
13Bereits in den ersten Zielsetzungen für das Europäische Justizportal war eine bessere Vernetzung der Register vorgesehen. Zunächst pilotierten sieben EU-Mitgliedstaaten32 auf der Basis von Vorarbeiten von Deutschland und Österreich die Vernetzung ihrer Insolvenzregister. Diese Vernetzung ist seit Juli 2014 über das Europäische Justizportal abrufbar.33 Das Portal bietet über eine mehrsprachige Abfrageschnittstelle die Möglichkeit zur Suche in allen vernetzten Registern. Maßgeblich für die Funktionsweise der Insolvenzregister sind weiterhin die Regelungen des jeweiligen innerstaatlichen Rechts. Mit Verabschiedung der EU-Verordnung 2015/84834 startete am 20.05.2015 die Kommission die Vernetzung der Insolvenzregister aller Mitgliedstaaten. Sie soll bis zum 26.06.2019 mit Durchführungsrechtsakten die in Art. 25 Abs. 2 genannten Einzelheiten festlegen. 
14Schon vor Schaffung des Europäischen Justizportals gab es ein Projekt zur grenzüberschreitenden Grundbucheinsicht (Initiative EULIS – European Land Information Service). An dieses Netzwerk waren die Grundbuchämter von sechs EU-Mitgliedstaaten voll angeschlossen. 
15Die Bemühungen der EU-Kommission, im Rahmen des EU-Justiz-Portals ein eigenes, vergleichbares System aufzubauen, veranlasste die EULIS-Gruppe 2018 zur Beendigung des EULIS-Betriebs und zur Auflösung von EULIS. Die Aktivitäten der Europäischen Grundbuchvereinigung ELRA als gemeinnütziger Vereinigung nach belgischem Recht35, der 32 Organisationen angehören, die wiederum Grundbuchämter in 25 europäischen Ländern repräsentieren, führten u.a. 2010 zur Gründung eines Netzes der europäischen Grundbuchämter (European Land Registry Network36) mit Bereitstellung von Tools für die interne Zusammenarbeit und den Informationsaustausch zwischen Registraren aus den mitgliedstaatlichen Grundbuchorganisationen. In einer zweiten Phase soll das Netzwerk für die Zusammenarbeit mit EU-Behörden und Juristen geöffnet werden. Langfristiges Ziel aller dieser Bemühungen ist eine unionsweite Vernetzung der Grundbücher. Gerade Letzteres ist – aus deutscher Sicht – nicht einfach zu realisieren. Einerseits verzögert sich der Abschluss des gemeinsamen Projekts der Bundesländer, ein bundeseinheitliches Datenbankgrundbuch für Deutschland zu schaffen (Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein sind zwischenzeitlich – zumindest vorläufig – aus dem Projekt ausgestiegen).37 Andererseits divergieren die Zugangsvoraussetzungen zum Grundbuch in den EU-Mitgliedstaaten teils erheblich (in Deutschland ist etwa der elektronische Abruf von Daten im Gegensatz zu den anderen Mitgliedstaaten auf bestimmte Berechtigte beschränkt38), was bei der technischen Lösung zu berücksichtigen ist. 
16Auf der Basis der Richtlinie 2012/17/EU vom 13.06.2012 und der VO (EU) 2015/884 arbeiteten alle Mitgliedstaaten und die Europäische Kommission gemeinsam an einer Vernetzung der Unternehmensregister „BRIS“ (Business Registers Interconnection System). Seit 09.07.2017 ist „BRIS“ freigeschaltet, die Unternehmenssuche ist über das Europäische Justizportal möglich.39 Neben der Möglichkeit, in sämtlichen EU-Amtssprachen nach Informationen zu Kapitalgesellschaften aus allen EU/EWR-Mitgliedstaaten zu suchen bzw. die entsprechenden Dokumente abzurufen, können Informationen zu nationalen Registern aufgerufen werden, die den Nutzern zur Einschätzung der Verlässlichkeit von Unterlagen ausländischer Register dienen können.40 
17Zum 31.12.2014 wurde die vorgenannte RL 2012/17/EU in deutsches Recht umgesetzt und damit eine Verpflichtung zum Datenaustausch zwischen den deutschen Handelsregistern sowie dem deutschen Unternehmensregister einerseits und dem Europäischen Justizportal andererseits begründet.41 Konkret sollen über die Europäische Informationsplattform folgende Daten zu allen Kapitalgesellschaften sowie ggf. ihren Zweigniederlassungen im EU-Ausland abrufbar sein: Firma, Rechtsform, Sitz, Mitgliedstaat, in dem die Gesellschaft eingetragen ist, sowie Registernummer. 
18Auch nicht wirtschaftliche Register werden vernetzt. Seit April 2012 ist das computergestützte Europäische Strafregisterinformationssystem (ECRIS – European Criminal Records Information System) im Einsatz.42 Damit werden die Strafregisterdatenbanken aller EU-Mitgliedstaaten miteinander vernetzt, so dass die Informationen über Strafurteile zwischen ihren Zentralbehörden zügig in einem elektronisch leicht übermittelbaren Standardformat ausgetauscht werden können. Über ECRIS ist es Richtern, Staatsanwälten und sonstigen zuständigen Behörden möglich, in einfacher Weise auf das Vorstrafenregister eines jeden Unionsbürgers zuzugreifen, ganz gleich, in welchen EU-Ländern die betreffende Person bisher schon verurteilt worden ist. Im Rahmen des Pilotprojekts „Europäische Strafregistervernetzung“ (NJR – Network of Judicial Registers) tauschten bereits vor der Einführung von ECRIS elf Mitgliedstaaten (BE, CZ, FR, DE, ES, IT, LU, NL, PL, SK, UK) Strafregisterinformationen elektronisch aus. Dieses Pilotprojekt war in seinem Ursprung von einer Initiative von Deutschland und Frankreich ausgegangen, der schrittweise weitere Länder beigetreten waren. 
19Ein außerordentlicher Rat der Justiz- und Innenminister hat nach den Terroranschlägen in Paris am 20.11.2015 eine Erweiterung des Austauschs von Informationen über Verurteilungen von Drittstaatsangehörigen in der EU über ECRIS vorgesehen. Denn bisher gibt es im System ECRIS keine zentrale Erfassungs- und Speicherstelle für Verurteilungen von Drittstaatsangehörigen und Staatenlosen. Im Bedarfsfall müssen daher alle Erfassungs- und Speicherstellen nach Informationen abgefragt werden. Die EU-Kommission legte daher am 19.01.2016 einen Vorschlag für eine Richtlinie zur Änderung des Rahmenbeschlusses 2009/315/JI über ECRIS43 und am 29.06.2017 einen ergänzenden Vorschlag für eine Verordnung zur Einrichtung eines zentralen Systems für die Ermittlung der Mitgliedsstaaten, in denen Informationen zu Verurteilungen von Drittstaatsangehörigen und Staatenlosen erfasst werden, vor.44 Datenspeicherstelle für die genannten Verurteilungen soll die Agentur eu-LISA werden. Die Verhandlungen über die Richtlinie und die Verordnungen in Rat und Parlament sind noch nicht abgeschlossen.45 
20Des Weiteren sind über das Europäische Justizportal diverse dynamische Formulare abrufbar, über die z.B. ein europäisches Mahnverfahren (Erlass eines europäischen Zahlungsbefehls46) und ein europäisches Verfahren für geringfügige Forderungen in Zivil- und Handelssachen47 eingeleitet werden können. Ferner sind etliche andere dynamische Formulare über das europäische Justizportal abrufbar.48 
21Bei der weiteren Fortentwicklung der Nutzung dynamischer Formulare war das Projekt e-CODEX49 hilfreich, das eine rechtsgültige Übermittlung von Anträgen ermöglicht. Dabei wurden technische Lösungen für einen sicheren und verlässlichen elektronischen Transfer von sensiblen Daten erarbeitet.50 Nach Auslaufen des eCodex-Projekts werden die Pilotverfahren und die technischen Lösungen von dem Projekt Maintenance e-CODEX (Me-CODEX) weitergeführt, gepflegt und verwaltet, bevor die Übergabe an die Agentur der Europäischen Kommission vorgesehen ist. 
22Am 12.12.2008 wurde in allen Mitgliedstaaten der EU (mit Ausnahme Dänemarks) ein einheitliches Verfahren für die Abwicklung grenzüberschreitender Zahlungsansprüche eingeführt,51 das national in den §§ 1087 ff. ZPO verankert ist. Anträge im Europäischen Mahnverfahren sollen weitgehend automatisiert bearbeitet werden. In Deutschland ist das Amtsgericht Berlin-Wedding zentral für die Abwicklung des EU-Mahnverfahrens verantwortlich, § 1087 ZPO. Die IT-Anwendung hierfür wurde in Kooperation mit der österreichischen Justizverwaltung realisiert. Dabei konnte auf in Österreich bereits in Betrieb genommene IT-Anwendungen zurückgegriffen werden, da das europäische Mahnverfahren dem einstufigen österreichischen Verfahren ähnelt. Anders als nach deutschem Recht steht hier am Verfahrensende ein sofortiger Zahlungsbefehl, der dem Antragsgegner zugestellt und ohne weiteren Antrag für vollstreckbar erklärt werden kann, §§ 1093 ff. ZPO. Das EU-Mahnverfahren arbeitet ebenso wie das deutsche Pendant mit Vordrucken, über die ein Antrag bei Gericht eingeleitet werden kann. Das Mahngericht prüft die Angaben lediglich auf Vollständigkeit, jedoch nicht auf Richtigkeit, wodurch eine elektronische Abwicklung relativ leichtfällt. Die IT-Anwendung wurde – in Unterstützung der Ziele der europäischen E-Justice-Initiative – unter der Vorgabe entwickelt, dass sie grundsätzlich in allen Mitgliedstaaten Verwendung finden kann.52 Für den Europäischen Zahlungsbefehl sind ferner Formblätter erstellt worden, die über das Europäische Justizportal in allen EU-Sprachen abgerufen werden können.53 
23Am 25.07.2013 wurde im Rahmen des e-CODEX-Piloten das grenzüberschreitende Einbringen von Anträgen im EU-Mahnverfahren auf der e-CODEX-Plattform zwischen Deutschland, Österreich, Italien und Estland gestartet.54 
24Seit dem 01.01.2009 gilt die EU-Verordnung über ein Verfahren bei geringfügigen Forderungen (Small-Claims-Verordnung55), umgesetzt in den §§ 1097 ff. ZPO. Mit der Änderungsverordnung vom 16.12.2015 wurde u.a. der Anwendungsbereich des Verfahrens auf Ansprüche mit einem Gegenstandswert von 2.000 € auf 5.000 € heraufgesetzt, die unter erleichterten Voraussetzungen grenzüberschreitend geltend zu machen sind. Das Verfahren ist grundsätzlich als schriftliches angelegt. Anträge und Erklärungen können (nach deutschem Recht unter den Voraussetzungen des § 130a ZPO, vgl. § 1097 Abs. 1 ZPO) elektronisch übermittelt werden. Hierfür wurden elektronische Formulare generiert, die in der Gerichtssprache vorgelegt werden müssen.56 Elektronische Formulare sind im Europäischen Justizportal aufrufbar und online ausfüllbar.57 Mündliche Verhandlungen (deren Durchführung im Ermessen des Gerichts steht) können als Videokonferenz durchgeführt werden. Bei der Umsetzung des elektronischen Verfahrens wird es darauf ankommen, eine grenzüberschreitende Authentifizierung des Formularnutzers zu ermöglichen. An dem entsprechenden Instrumentarium wurde im Projekt e-CODEX gearbeitet. 
25Auf Basis einer Evaluation des Aktionsplans 2014-201858 beschloss der Rat am 06.12.2018 während der österreichischen Ratspräsidentschaft eine neue Strategie59 und einen neuen mehrjährigen Aktionsplan 2019-202360. Der Aktionsplan erfasst auch den Zeitraum der deutschen Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 und ist insoweit auch Leitlinie für die Gestaltung der deutschen Präsidentschaft auf diesem Gebiet. Die Strategie erläutert die Ziele für die europäische E-Justiz. Der Aktionsplan enthält die konkreten Projekte. 
26In der Strategie wird darauf verwiesen, dass das Europäische Justizportal in den letzten Jahren um Informationsseiten etwa über das Familienrecht, über an Angehörige der Rechtsberufe gerichtete Fortbildungsmaßnahmen zum EU-Recht bis hin zu den Rechten des Opfers in Strafverfahren oder zum Verbraucherrecht erweitert wurde. Werkzeuge erlauben die Suche nach Rechtspraktikern, Unternehmen oder nach den für den Schutz von Menschenrechten zuständigen Behörden. Elektronische Formulare (auch dynamische) wie z.B. Geburtsurkunden oder Wohnsitzbescheinigungen61 verbessern den Anwendungskomfort. Mit dynamischen Formularen können grenzüberschreitend digital z.B. Verfahren für geringfügige Forderungen über gesicherte elektronische Kanäle initiiert werden. Das E-Codex-Gateway ermöglicht eine gesicherte Kommunikation mit Justizbehörden. Der European Legislation Identifier (ELI) und der Europäische Urteilsidentifikator (ECLI) erlauben eine einfach zugängliche Information über rechtlich relevante Dokumente mit europäischem Bezug, die dann auch für die rechtswissenschaftliche Analyse wertvoll sind. Das Portal erleichtert den Zugriff auf nationale Register wie die Handels- und Unternehmensregister oder die Insolvenzregister. Die Rechtsdatenbank EUR-LEX wurde um neue Dokumentenarten und Suchwerkzeuge erweitert, z.B. um Zusammenfassungen, die die Rechtsakte der Union in einfacher Sprache erläutern. Die Arbeiten rund um das Portal dienen aber auch E-Government-Zielen, weil z.B. das Projekt e-CODEX auch für grenzüberschreitende digitale Verwaltungsdienste genutzt werden kann. Insoweit weist auch die neue E-Justice-Strategie darauf hin, dass eine stärkere Kohärenz zwischen den Instrumenten für E-Justice und E-Government angestrebt werde, soweit die Verfassungsbestimmungen der Mitgliedstaaten (Unabhängigkeit und Gewaltenteilung) dabei berücksichtigt bleiben. Insoweit sollen die E-Government-Grundsätze auch für E-Justice gelten: Der Grundsatz „standardmäßig digital" soll in die nationalen und europäischen Regelungen aufgenommen werden, um eine nahtlose digitale Kommunikation bei nationalen und bei grenzüberschreitenden Sachverhalten zu ermöglichen. Ferner geht es um die Grundsätze der einmaligen Erfassung von Informationen und Weiternutzung für spätere Verfahren zur Vermeidung von redundanten Prozessen, allerdings nur im Einklang mit den Datenschutzvorschriften, der Inklusion und der Barrierefreiheit, der Offenheit und der Transparenz, „standardmäßig grenzübergreifend“ (soweit anwendbar) und „standardmäßig interoperabel“ (gestützt auf Standards und offene Spezifikationen entsprechend den für die Standardisierung geltenden Grundsätzen) sowie um den Grundsatz der Vertrauenswürdigkeit und Sicherheit. Ferner soll europäisches E-Justice nutzerorientiert sein, woraus sich das Ziel ergibt, die Anwendungen, Websites, Werkzeuge und Systeme anwenderfreundlich zu gestalten, wobei die Rechtspraktiker eng in die Weiterentwicklung der Systeme einzubeziehen sind. 
27Angestrebt wird die weitere Verbesserung des Zugangs zu Informationen und Verfahren und der Kommunikation und der Vernetzung mit und zwischen den nationalen Systemen im Bereich der Justiz: Dies betrifft Informationen über die Rechte als Bürger, über das Unionsrecht sowie über die nationalen Rechtsvorschriften zur Umsetzung des Unionsrechts, zu Verfahren, zum Auffinden von Rechtspraktikern und (Justiz-)Behörden, zu den zuständigen Behörden, aus nationalen Registern sowie (Meta-)Daten in wiederverwendbarer Form, die für E-Justice relevant sind. 
28Die Strategie zielt ferner darauf ab, weiterhin papierlose gerichtliche und außergerichtliche Verfahren einzurichten, um die Verfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen. Die e-CODEX-Instrumente sollen genutzt und die elektronische Interaktion und Kommunikation zwischen Justizbehörden, Bürgern und Rechtspraktikern erleichtert werden – auch durch Videokonferenzen und gesicherten Datenaustausch. Für die Kommunikation zwischen den Justizbehörden sollten spezifische Zugangsrechte und ein einheitliches, eIDAS-kompatibles Authentisierungsverfahren geschaffen werden. Die Mitgliedstaaten sind aufgefordert, ihre eigenen E-Justice-Systeme so interoperabel zu errichten und zu verwalten, dass sie eine Vernetzung mit den Systemen anderer Mitgliedstaaten im Hinblick auf eine technische, organisatorische, rechtliche und semantische Kompatibilität erleichtern. 
29Die Projektauswahl sollte auf die Bedeutung für die Bürger, Unternehmen und Justiz und auf hinreichend ausgereifte und stabile, langfristig tragfähige Lösungen in möglichst weitverbreiteten und wichtigen Verfahren ausgerichtet sein. Möglichst sollen alle oder nahezu alle Mitgliedstaaten einbezogen werden. Zu unterscheiden sind Kernprojekte von einer Reserveliste. Legal-Tech-Bereiche wie KI, Blockchain, elektronische Übersetzung und virtuelle Realität sollen aufmerksam beobachtet werden, um die Möglichkeiten erkennen und nutzen zu können, die sich positiv auf den elektronischen Rechtsverkehr auswirken, z.B. durch Effizienzsteigerung oder Erhöhung des Vertrauens. Allerdings sind auch die Risiken und Probleme zu berücksichtigen, die sich insbesondere beim Datenschutz und im Zusammenhang mit ethischen Fragen ergeben. Schließlich soll für eine angemessene Cybersicherheit gesorgt sein. Die Teilnahme an E-Justice-Projekten durch die Mitgliedstaaten beruht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und der Dezentralität, auch wenn in bestimmten Situationen ein zentralisierter Ansatz durch das Unionsrecht vorgeschrieben werden kann. 
30Der neue mehrjährige E-Justice-Aktionsplan 2019-2023 sieht insbesondere eine Weiterentwicklung des Europäischen Justizportals (Betaversion) zur einzigen Anlaufstelle („one-stop-shop“) mit einem neuen Suchtool und neuen dynamischen Funktionalitäten – z.B. für das Small-Claims-Verfahren – vor. Der Zugriff auf Informationen aus den vernetzten, weiterhin national verantworteten Registern (z.B. Handels- und Insolvenzregister, zukünftig auch Grundbücher) soll über das Portal verbessert werden. Tools sollen die Suche nach einem Gerichtsvollzieher erleichtern. Ein weiteres Projekt befasst sich mit der Definition der Rolle der Künstlichen Intelligenz im Justizbereich. Insoweit ist es Ziel eines Projekts, die Rolle zu beschreiben, die die Künstliche Intelligenz im Justizbereich spielen kann, und ein KI-Tool für die Analyse der Gerichtsentscheidungen zu entwickeln. Ein anderes Projekt soll einen Chatbot für das Europäische Justizportal entwickeln, der dem Nutzer assistiert und ihn zu der Information leitet, die er sucht. 
31Ein weiteres Ziel ist es, die Digitalisierung gerichtlicher und außergerichtlicher Verfahren voranzutreiben, um (auch grenzüberschreitend) den Zugang zu Gerichten zu erleichtern und zu beschleunigen. Dies betrifft sowohl den (gesicherten) Datenaustausch zwischen Behörden und Rechtspraktikern (z.B. die elektronische Zahlung von Gerichtsgebühren), aber auch die direkte, gesicherte Kommunikation der Bürger mit Behörden und Rechtspraktikern (z.B. über Videokonferenzen). 
32Zudem sollen die Mitgliedstaaten durch die Gewährleistung der technischen Einrichtungen und durch die Verwaltung ihrer nationalen E-Justiz-Systeme dazu beitragen, dass die Vernetzung und die Interoperabilität mit den Systemen der anderen Mitgliedstaaten erleichtert wird. Neben der Fortsetzung bisheriger Projekte bildet die Realisierung des grenzüberschreitenden Zugriffs auf elektronische Beweismittel im Strafverfahren („E-Evidence“) über das Europäische Justizportal einen Schwerpunkt. Hierfür hatte die EU-Kommission am 17.04.2018 Vorschläge präsentiert.62 
32.1Im Rahmen der von der rumänischen Ratspräsidentschaft und der EU-Kommission am 20. und 21.05.2019 in Bukarest ausgerichteten Konferenz „e-Justice – Challenges and Opportunities in the Digital Era“ wurde über den neuesten Stand der europäischen E-Justice-Projekte berichtet. Die Kommission kündigte die nächsten Maßnahmen an: (i) verbesserte Grundbuchvernetzung mit einem einzigen Zugangspunkt innerhalb des E-Justice-Portals mit Suchfunktionen für Bürger und professionelle Nutzer einschließlich einer Bezahlfunktion, einer Authentifizierungsschnittstelle sowie einer mehrsprachigen Schnittstelle, (ii) verbesserte Recherchefunktionen innerhalb des E-Justice-Portals bei der Suche nach Gerichtsvollziehern (mit einem gleichen Directorysystem für die Suche nach Gerichtsvollziehern wie bei der Suche nach Anwälten und Notaren), (iii) Verbesserung für die Anwaltssuche durch Verifikation des Anwaltsstatus, (iv) Prüfung des Einsatzes der künstlichen Intelligenz und der Blockchain in Justiz- und Rechtsanwaltsanwendungen, (v) Prüfung des Einsatzes eines KI-Piloten im Portal sowie eines Chatbots im E-Justice-Portal. Die E-Evidence-Plattform soll bis Ende 2019 auf der Grundlage der Instrumente von E-CODEX und des EXEC-Projekts zur Verfügung stehen. Gearbeitet wird insoweit mit einer Referenzimplementierung, die den Mitgliedstaaten (auch Deutschland) zur Verfügung steht, soweit Mitgliedstaaten (wie die Niederlande und Spanien) nicht eigene Backend-Lösungen nutzen. Die Einsatzbereitschaft der eIDAS-Instrumente soll für die Justiz hergestellt werden, insbesondere die Anerkennung elektronischer Identitäten und Signaturen im grenzüberschreitenden Kontext. Auch sollen die Vertrauensniveaus für den Einsatz der elektronischen Identifizierungssysteme festgelegt werden. Kurzfristig ist die Finalisierung der BETA-Version des E-Justice-Portals geplant, ebenso die Schaffung einer Europäischen Aus- und Fortbildungsplattform, die Anwendung der E-CODEX-Instrumente für das Europäische Mahnverfahren und das Small Claims-Verfahren sowie die „Insolvenzregistervernetzung 2.0“.
Ein Schwerpunktthema der Konferenz bildete die Diskussion über Einsatzmöglichkeiten der künstlichen Intelligenz: (i) beim Fallmanagement, insbesondere bei der elektronischen Kommunikation, (ii) bei der Fristenkontrolle, (iii) bei automatischer Befüllung von Formularen oder (iv) der Sortierung der Rechtsmittel. Künstliche Intelligenz könne ferner bei der Nutzung der Videokonferenz, bei der automatischen Übersetzung oder der Nutzung der „emotionalen KI“ bis hin zu juristischen Analysen und Risikobewertungen (z.B. bei der Rückfallgefährdung von Verurteilten) sowie auch bei automatischen Entscheidungsvorschlägen eine Rolle spielen. Weitgehend einig waren sich die Konferenzteilnehmer darüber, dass der menschliche Richter durch die KI nicht ersetzt werden könne; auch bei automatischen Entscheidungen (z.B. im Mahnverfahren) müsse es immer einen Rechtsbehelf geben, über den dann ein Richter entscheiden könne.
Aktualisierung vom 05.06.2019
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 2. IT-Zentralisierung 
 a. Allgemeine Problematik 
33Das föderal gegliederte Justizsystem stellt eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für E-Justice dar. Ungeachtet der einheitlichen Prozessordnungen sind die in der Justiz eingesetzten Kommunikationsmittel und Fachanwendungen als Unterstützungsmechanismen rechtsstaatlicher Verfahrensführung dem Grunde nach Sache der einzelnen Justizverwaltungen.63 Im Interesse der Kostenminimierung, der Rechtssicherheit und auch als Akzeptanzvoraussetzung für die Beteiligten ist eine Koordination der benutzten Standards, Anwendungen und Formate zwingend erforderlich.64 Freilich wird dadurch eine Stärkung ministerialer Justizexekutive gegenüber den Gerichtsverwaltungen und Richtern bewirkt.65 
34Bund und Länder reagieren auf diese Herausforderungen teils mit strategischen IT-Konzepten, die eine Standardisierung und Zentralisierung des IT-Einsatzes über Behörden-, Ressort- und Ländergrenzen hinweg vorsehen. Zunehmend werden zum Zwecke eines effizienteren IT-Einsatzes Ressourcen gebündelt, die IT-Kompetenzen in einem Ressort66 konzentriert und dieses mit der zentralen Bereitstellung von Infrastrukturdiensten und anderen IT-Unterstützungsleistungen betraut. Eine zentrale Steuerung und Koordinierung wird teilweise auch bei den die primären Geschäftsprozesse der Ressorts unterstützenden IT-Fachverfahren, den diesen zugrunde liegenden Architekturen und den allgemeinen IT-Standards erwogen.67 
35Die Bestrebungen einiger Landesregierungen, den IT-Betrieb der gesamten Landesverwaltung einschließlich der Justiz auf justizexterne Stellen zu übertragen, haben – insbesondere in der Richterschaft – heftige Diskussionen über die Zulässigkeit dieser Vorhaben entfacht:68 So wurde argumentiert, die Unabhängigkeit der Dritten Gewalt werde durch die zentrale Datenspeicherung bei einer ressortfremden Instanz beeinträchtigt. Nicht nur die verfassungsrechtlich verbürgte „organisatorische Selbständigkeit der Gerichte“ sei verletzt, sondern auch in die richterliche Unabhängigkeit werde eingegriffen und der Grundsatz effektiven Rechtsschutzes sei gefährdet.69 
36Differenzierter fielen die Bewertungen der Bund-Länder-Kommission aus, die die maßgeblichen Rechtsfragen zu den IT-Zentralisierungs- und IT-Standardisierungsbestrebungen in Bund und Ländern in einem Positionspapier aufgegriffen hatte.70 Danach ist eine „IT-Zentralisierung“ (unter Beachtung bestimmter Rahmenbedingungen) grundsätzlich zulässig. Allerdings bedürfen Zentralisierungsmaßnahmen unter ressortfremder Führung regelmäßig einer gesetzlichen Grundlage, eines IT-Steuerungskonzeptes, das den Belangen einer unabhängigen, sicheren und effizienten Justiz ausreichend Rechnung trägt und im Einvernehmen mit den verantwortlichen Justizministern erarbeitet wurde, sowie daran anknüpfender, strenger Datenschutz- und Datensicherheitsmechanismen. 
37Das Bundesverfassungsgericht hat in einem Beschluss vom 17.01.2013 die Verfassungsbeschwerde einer Vorsitzenden Richterin am Oberlandesgericht Frankfurt/M. gegen die Verwaltung des EDV-Netzes für den Rechtsprechungsbereich des Oberlandesgerichts durch die Hessische Zentrale für Datenverarbeitung nicht zur Entscheidung angenommen. Während die Beschwerdeführerin der Ansicht war, die Eignung des EDV-Netzes zur uneingeschränkten elektronischen Überwachung ihrer Arbeit verletze ihre richterliche Unabhängigkeit aus Art. 33 Abs. 5 GG in Verbindung mit Art. 97 Abs. 1 GG und verstoße gegen „das verfassungsrechtliche Gebot organisatorischer Selbständigkeit der Gerichte“ aus Art. 20 Abs. 2 Satz 2, Art. 92 und Art. 97 GG, formulierte das BVerfG, „die Exekutive und sonstige Dritte verfügten – jedenfalls nach den in der angegriffenen Entscheidung des Hessischen Dienstgerichtshofs für Richter formulierten Bedingungen für die Überlassung der Verwaltung des EDV-Netzes der Hessischen Justiz an die Hessische Zentrale für Datenverarbeitung – über keine Zugriffserlaubnisse hinsichtlich der von der Beschwerdeführerin für ihre dienstlichen Aufgaben verwendeten Daten“. Die den einzelnen Systemadministratoren eingeräumten Zugriffsrechte seien streng limitiert und beschränkten sich auf Maßnahmen, die zum Funktionieren des EDV-Netzes betriebsnotwendig sind. Die Weitergabe richterlicher Dokumente an die Exekutive oder an Dritte sei den Administratoren untersagt. Auch die Speicherung und Weitergabe sogenannter Metadaten richterlicher Dokumente wie Autor und Erstellungszeitpunkt seien unzulässig, soweit nicht der konkrete Verdacht eines Missbrauchs des EDV-Netzes zu dienstfremden Zwecken bestehe.71 
38Es bleibt allerdings weiterhin unklar, wie die Kritiker der Entscheidung des Dienstgerichts des Bundes (BGH) und des Nichtannahmebeschlusses des BVerfG eine „entnetzte“ IT-Struktur für die Justiz im Detail organisieren wollen, insbesondere ob es ausreicht, für die Justiz ein eigenes Landesnetz mit einer zentralen, vom Justizministerium (oder einem oberen Gericht) verantworteten Administration vorzusehen. 
39Auch Krüger/Möllers widmen sich den Auswirkungen der Speicherung von Metadaten auf die richterliche Unabhängigkeit.72 Angesichts der Möglichkeit der Erstellung von umfassenden Persönlichkeitsprofilen durch die Exekutive kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die elektronische Aktenführung zu einem strukturell erhöhten Gefährdungspotenzial für den Grundsatz der richterlichen Unabhängigkeit führe.73 So verbiete Art. 97 Abs. 1 GG jede vermeidbare Einflussnahme auf die Entscheidung des Richters, worunter auch subtile und/oder psychologische Beeinflussungen fielen.74 Auch darüber hinaus ergeben sich – so die Autoren – im Zuge der Digitalisierung von Justiz und Verwaltung zukünftig noch zahlreiche weitere Rechtsfragen im Zusammenhang mit Metadaten, ohne die E-Justice bzw. E-Government nicht möglich ist.75 
40Sicherlich dient es der Rechtssicherheit, wenn in einem Gesetz die Zuständigkeiten und Rahmenbedingungen für die Speicherung der Justizdaten und für den Betrieb des Rechenzentrums geregelt werden. So hat Schleswig-Holstein eine eigene gesetzliche Grundlage geschaffen.76 
 b. Föderalismusreform (Art. 91c GG) 
41Eine IT-Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern sowie der Länder untereinander in der Justiz(-verwaltung) wird durch Art. 91c GG ermöglicht.77 Die Norm eröffnet Bund und Ländern die Möglichkeit, bei der Planung, der Errichtung und dem Betrieb der für ihre Aufgabenerfüllung benötigten informationstechnischen Systeme zusammenzuwirken. Dies beinhaltet auch die Errichtung der hierzu erforderlichen Gremienstruktur.78 Das Verdikt einer unzulässigen Mischverwaltung steht seit der Grundgesetzänderung also nicht mehr im Raum. Durch Staatsvertrag nach Art. 91c GG wurden Einrichtung, Arbeitsweise und Entscheidungsmodalitäten eines gemeinsamen IT-Planungsrates beschrieben. Der IT-Planungsrat von Bund und Ländern übernimmt danach die Koordinierung in Fragen der Informationstechnik wie etwa die Festlegung von IT-Interoperabilitätsstandards und IT-Sicherheitsstandards. Im August 2010 hat sich der IT-Planungsrat eine Geschäftsordnung79 gegeben und seine Arbeit aufgenommen. 
42Zwar ist eine IT-Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern auch in Fragen der Justizorganisation wünschenswert und teils auch notwendig. Die Autonomie der Länder in den ihnen verfassungsrechtlich zugewiesenen Bereichen darf aber nicht durch überregulierende IT-Harmonisierung geschwächt werden.80 Weiter ist zu beachten, dass Gewaltenteilung neben der räumlichen, personalen und organisatorischen Trennung der Gewalten auch strikte Datenherrschaft der Justiz bedeutet, derer sich diese nicht durch Zentralisierungs- und Standardisierungsbemühungen justizfremder Hoheitsträger (wie etwa dem ohne explizite Beteiligung der Justiz ausgestatteten IT-Planungsrat nach dem Staatsvertrag zur Ausführung des Art. 91c GG) – schleichend – entledigen darf.81 Vor diesem Hintergrund wurde hinterfragt, ob und in welchem Umfang einzelne Sachbereiche der Justiz-IT einer Lenkung durch den IT-Planungsrat unterliegen dürfen.82 Diese Fragestellung wurde bei der Fassung des Staatsvertrages nicht berücksichtigt. Indes sprechen gewichtige Argumente dafür, dass aufgrund der besonderen Stellung der Justizverwaltung im Gewaltengeflecht, der verfassungsrechtlich verbürgten Unabhängigkeit der Richter und im Hinblick auf das Ressortprinzip eine „ressortfremde“ IT-Steuerung im Justizbereich engen verfassungsrechtlichen Bindungen unterliegen muss.83 Der IT-Planungsrat kann im Bereich der Justiz-IT nicht ohne Berücksichtigung dieser verfassungsrechtlichen Bindungen tätig werden. 
43Die verfassungsrechtlich notwendige Berücksichtigung justizspezifischer Belange im Falle des Tätigwerdens des IT-Planungsrates hat der Bundesgesetzgeber erkannt und in der Begründung des Entwurfes eines Zustimmungsgesetzes84 zum „Vertrag zur Ausführung von Art. 91c GG“ (IT-Staatsvertrag) klargestellt. Darin ist bestimmt, dass der IT-Planungsrat eng mit den Fachministerkonferenzen (also auch der Justizministerkonferenz) zusammenarbeitet, da ein effektiver Einsatz der Informationstechnik nur unter Berücksichtigung der jeweiligen fachlichen Belange gewährleistet werden kann. Insbesondere sind die verfassungsrechtlich begründeten Aufgaben und Besonderheiten der Justiz zu berücksichtigen, soweit der Einsatz der Informationstechnik in der Justiz berührt sein kann. Dem folgt auch der IT-Planungsrat: Durch schriftliche Erklärung zur Geschäftsordnung wurde klargestellt, dass die aus den verfassungs- und einfachrechtlich garantierten Positionen der unabhängigen Rechtspflegeorgane resultierenden Besonderheiten zu beachten sind und die richterliche Unabhängigkeit zu wahren ist.85 In der praktischen Arbeit des IT-Planungsrats wird den E-Justice-Aspekten dadurch Rechnung getragen, dass über das Mitglied im IT-Planungsrat, das als Ansprechpartner der Justizministerkonferenz fungiert, die zur Beschlussfassung im IT-Planungsrat vorgesehenen Tagesordnungspunkte vorab über den E-Justice-Rat der Bund-Länder-Kommission für Informationstechnik in der Justiz zur Stellungnahme zugeleitet werden. Diese Stellungnahmen werden sodann wiederum über den Justiz-Ansprechpartner in die IT-Planungsratssitzungen eingebracht. 
44Auf der Grundlage des am 20.07.2017 in Kraft getretenen Art. 91c Abs. 5 GG wurden die Kompetenzen des Bundes erweitert: Hiernach wird der übergreifende informationstechnische Zugang zu den Verwaltungsleistungen von Bund und Ländern durch Bundesgesetz mit Zustimmung des Bundesrates geregelt. Auf dieser Basis trat am 18.08.2017 das Onlinezugangsgesetz (OZG) in Kraft. Bund und Länder sind verpflichtet, spätestens bis zum 31.12.2022 ihre Verwaltungsleistungen auch elektronisch über Verwaltungsportale anzubieten. Bürger und Unternehmen sollen die Leistungen des Portalverbundes jeweils mit einem einzigen Nutzerkonto in Anspruch nehmen können. Für die elektronische Abwicklung von Verwaltungsverfahren, die der Ausführung von Bundesgesetzen dienen, wird die Bundesregierung ermächtigt, im Benehmen mit dem IT-Planungsrat durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates die Verwendung bestimmter IT-Komponenten nach § 2 Abs. 6 OZG verbindlich vorzugeben. Dies führt in dem Bereich, für den die Bundesregierung Festlegungen in einer Verordnung trifft, zu einem Kompetenzverlust des IT-Planungsrats.86 
45Nunmehr arbeiten Bund, Länder und Kommunen an der Digitalisierung ihrer Verwaltungsdienstleistungen, an einer Zugangsmöglichkeit der Bürger und der Unternehmen über einen Portalverbund sowie an der Errichtung von Nutzerkonten für Bürger und Unternehmen. Auch soweit das Onlinezugangsgesetz für die Digitalisierung der Justiz und der Justizkommunikation keine unmittelbare rechtliche Auswirkung hat, so ist gibt es doch Überlegungen, die Nutzerkonten des Portalverbundes auch für die Justizkommunikation zu nutzen.87 Vorstellbar wäre, als Kommunikations-Rückkanal vom Gericht an einen nicht anwaltlich vertretenen Bürger das Postfach des Nutzerkontos im Verwaltungsportal zu nutzen. Voraussetzung hierfür wäre, die Verordnungsermächtigung des § 130a Abs. 4 Nr. 4 ZPO (bzw. der parallelen Verordnungsermächtigungen in den anderen Verfahrensordnungen) zur Festlegung eines bundeseinheitlichen Übermittlungsweges zu nutzen. Denn seit dem 01.01.2018 ist im Hinblick auf § 174 Abs. 3 Satz 3 ZPO ein Dokument auf einem sicheren Übermittlungsweg i.S.d. § 130a Abs. 4 ZPO zu übermitteln und gegen unbefugte Kenntnisnahme Dritter zu schützen. Eine elektronische Zustellung der Justiz an ein Postfach des Bürgers im EGVP ist daher nicht mehr möglich. 
 3. Datenschutz 
46Im E-Justice-Bereich ist regelmäßig ein höheres Maß an IT-Sicherheit erforderlich als bei E-Government-Anwendungen. Integrität, Vertraulichkeit und der datenschutzkonforme Umgang mit hochsensiblen personenbezogenen Daten, die regelmäßig und in erheblichem Umfang bei der justiziellen Aufgabenbewältigung anfallen, unterliegen besonderen Schutzanforderungen.88 Die erforderliche Hochverfügbarkeit89 von Justizdaten ist zu gewährleisten. Die Vertraulichkeit und Integrität der Kommunikation mit der Justiz ist unentbehrliche Grundlage für den Fortbestand des Vertrauens in die Dritte Gewalt und die Akzeptanz des Einsatzes elektronischer Systeme: Ohne ein Höchstmaß an IT-Sicherheit entsteht Schaden am Rechtsstaat. Den typischen Gefährdungslagen wie (D)DoS-Attacken, Hackerangriffen, Virenbefall, Systemausfall, Datenmanipulation, Identitätsdiebstahl usw. ist wirkungsvoll vorzubeugen.90 
47Für eine etwaige zentrale Datenvorhaltung muss bedacht werden, dass durch die regelmäßig gebündelte Datenvorhaltung hochsensible Datensammlungen entstehen. Dass für landes- oder gar bundesweite Justizdatensammlungen (ggf. unter zentraler Administration) besondere Schutzvorkehrungen geschaffen werden müssen und ausgeklügelte IT-Sicherheitsstrukturen vorzuhalten sind, liegt auf der Hand.91 
48Die Justizverwaltung hat eine umfassende Gewährleistungs- und Kontrollverantwortung für die Schutz- und Kontrollstandards bei Datenschutz und Datensicherheit.92 Die Sicherung von Authentizität und Integrität der gerichtlichen Daten gebietet grundsätzlich eine gesonderte IT-Infrastruktur der Justiz durch ein separates Justiz-Netz. Zugriffsmöglichkeiten justizexterner Stellen (private IT-Dienstleister als Outsourcingnehmer, aber auch das Innenressort im Falle einer „IT-Zentralisierung“) sind dabei nicht hinnehmbar.93 
49Zutreffend wird von Geis/Berlit94 allerdings darauf hingewiesen, dass Sicherheitsrisiken auch bei rein papiergebundener Kommunikation nicht völlig ausgeschlossen sind. Den spezifischen Gefahren einer IT-gestützten Justiz ist vor allem mit einem sachgerechten Risikomanagement zu begegnen.95 Wie in Bezug auf sämtliche Umstellungen, die das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten96 mit sich bringen wird, sollte auch über die Ausgestaltung eines derartigen Risikomanagements bereits frühzeitig nachgedacht werden.97 
50Teilweise wird hierbei in Bezug auf die technisch-organisatorischen Vorkehrungen gegen unbefugten Datenzugriff und Datenfehlgebrauch gefordert, justizspezifische Sonderregelungen zu erlassen, anstatt insoweit lediglich auf das allgemeine Datenschutzrecht zu verweisen und/oder dies durch Verordnung regeln zu lassen.98 
51Für den Schutz des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung erlangt die EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO)99 auch im Bereich E-Justice Bedeutung (vgl. hierzu im Einzelnen Rn. 158 ff.). 
 4. Richterliche Unabhängigkeit 
52„IT-Sachverhalte“ sind dem Grunde nach der Gerichtsverwaltung zuzuordnen und damit Gegenstand der Organisationsgewalt des zuständigen Ministeriums. Sie sind Teil der sogenannten Infrastrukturverwaltung. Darunter wird die Bereitstellung der sachlichen Arbeitsgrundlagen für die Rechtsprechung der Gerichte verstanden: Das reicht von der Errichtung und Instandhaltung der Gerichtsgebäude über die Unterhaltung von Bibliotheken, die Bereitstellung von Vordrucken bis eben zur Ausstattung mit IT- und Computertechnik und den damit verbundenen Vernetzungs- und Rechercheoptionen.100 
53Die Organisationsgewalt der Justizverwaltung findet ihre Grenze in der rechtsprechenden Tätigkeit.101 Die Kernaufgabe der Dritten Gewalt muss frei von jeglicher Einflussnahme der Exekutive sein. Der sachlich unabhängige Richter allein entscheidet nach Maßgabe des gültigen Rechts. Dieser Kernbereich richterlicher Tätigkeit soll nicht nur von unmittelbaren Eingriffen frei bleiben; auch Maßnahmen, die auf indirekte Weise künftige Verfahren zu beeinträchtigen vermögen, können im Widerspruch zur richterlichen Unabhängigkeit stehen.102 
54Unstreitig ist die richterliche Unabhängigkeit nur dann nicht berührt, soweit es um Maßnahmen der Justizverwaltung geht, die auf eine Verbesserung der Organisation bzw. effizientere Arbeitsabläufe zielen und keine (unmittelbare) Rückwirkung auf die richterliche Entscheidungsfindung haben.103 IT-Strukturen und IT-Anwendungen als typische Angelegenheit der Justizverwaltung zu qualifizieren, wird dabei dem zu beobachtenden Phänomen der zunehmenden Konvergenz von Technik und Inhalt nicht mehr gerecht. Materielle und bloße „technisch-organisatorische“ Sachverhalte sind aufgrund der technischen Möglichkeiten nicht mehr exakt trennbar: Die Zeiten, in denen sich der IT-Einsatz auf inhaltsneutrale, bloße äußere Arbeitsabläufe steuernde Techniken beschränkte (z.B. der Einsatz klassischer Bürosoftware oder einfache Datenverarbeitungsvorgänge), gehören in weiten Teilen bereits der Vergangenheit an. Vielmehr werden durch den Einsatz moderner Technik Arbeitsinhalte und Arbeitsergebnisse mehr und mehr vorgeprägt.104 Fachanwendungen und Datenverarbeitungsvorgänge werden „mächtiger“ und können die (richterliche) Arbeit durch inhaltliche Vorgaben unterstützen (und ggf. lenken).105 Die technischen Mittel könnten die methodische Herangehensweise an die Lösung von Rechtsfällen und das Recht selbst verändern.106 Faktisch würde so eine technische Unterstützungstätigkeit immer weniger von der rechtsprechenden Tätigkeit trennbar. 
55Aufzulösen ist auch das Spannungsverhältnis zwischen inhaltlicher Eigenverantwortung und organisatorischer Eingebundenheit des Richters, das durch den technischen Fortschritt eine neue Dimension gewonnen hat.107 Hinsichtlich der Einführung elektronischer Akten stellt Berlit fest, dass diese keinen inhaltlich-sachlichen, steuernden Einfluss auf die rechtsprechende Tätigkeit bewirke108 und es keine verfassungsrechtliche Garantie gebe, dass die Akten weiterhin in Papierform vorgehalten werden müssten.109 Auch die Befugnis der Richterschaft, über Zeitpunkt und Ort der richterlichen Tätigkeit frei zu befinden, sei nicht berührt, wenn die Bearbeitung der elektronischen Akte eine höhere Präsenz im Gericht erzwingen würde.110 Diese Aussagen hat der BGH mittelbar – im Zusammenhang mit der gesetzlich angeordneten, ausschließlich elektronischen Führung der Handelsregister – bestätigt.111 Das Gericht stellte fest, dass eine dienstaufsichtliche Anweisung (§ 26 Abs. 2 DRiG) eines Amtsgerichtsdirektors, elektronisch eingereichte Eingaben zum Handelsregister auch elektronisch weiterzubearbeiten und auf einen Ausdruck der Akten zu verzichten, keinen Eingriff in die richterliche Unabhängigkeit des betroffenen Richters darstellt. Allerdings sind noch die Vorinstanzen112 – in Aufsehen erregenden Entscheidungen – von einer Beeinträchtigung der richterlichen Unabhängigkeit ausgegangen, was nicht zuletzt zu dem – unzutreffenden – Bild einer „technikfeindlichen“113 Justiz beigetragen hat. 
56Dem ist dem Grunde nach zuzustimmen. Allerdings hängt die Möglichkeit einer Verletzung der richterlichen Unabhängigkeit bei Einführung einer elektronischen Akte im Einzelfall davon ab, welche Unterstützungswerkzeuge das System bereitstellt.114 So ist eine informationstechnische Unterstützung richterlicher Rechtsprechung mit mittelbarer Auswirkung auf die Entscheidung durchaus realisierbar, wenn auch die derzeit existierenden Softwarelösungen und Erprobungskonzepte eine solche (mittelbare) Beeinträchtigung der richterlichen Unabhängigkeit nicht befürchten lassen.115 Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass die Einführung elektronischer Akten in der Justiz auch grundrechtsstärkend wirken kann, etwa im Hinblick auf eine Verkürzung von Aktenlaufzeiten, effektivere Bearbeitungs- und Recherchemöglichkeiten oder der Möglichkeit der Gewährung elektronischer Akteneinsicht.116 Freilich müssen dann die eingesetzten Systeme einfach und bequem ohne besondere technische Vorkenntnisse, barrierefrei und „ergonomisch“ genutzt werden können und erforderliche Datenschutz- und IT-Sicherheitsmaßnahmen sind zu treffen.117 Insoweit ist Art. 97 GG „fremdnützige Institutsgarantie“, die primär die Funktionsfähigkeit der Rechtspflege schützt, sodass es darauf ankommt, ob der Technikeinsatz der Allgemeinheit nützt; unerheblich ist demgegenüber, ob der einzelne Richter subjektiv den Nutzen der Etablierung von IT-Infrastrukturen zu erkennen vermag.118 Zudem ist die Erhöhung der Transparenz mittels IT-Einsatzes als wesentlicher Baustein eines demokratischen Rechtsstaates zu berücksichtigen.119 
57Theoretisch ist es zwar nicht ausgeschlossen, dass die richterliche Aufgabenerledigung (und damit mittelbar die richterliche Unabhängigkeit) durch einen dauerhaft erheblich höheren Aufwand bei der Bearbeitung elektronischer Akten als bei der Bearbeitung von Papierakten beeinflusst wird; angesichts der richterlichen Dienstpflicht zur entsprechenden Fortbildung der Fähigkeiten zum elektronischen Arbeiten und den damit einhergehenden, verbesserten Möglichkeiten zur schnelleren Bearbeitung dürften jedoch unabhängigkeitsbeeinträchtigende Effektivitätseinbußen insgesamt nicht zu verzeichnen sein.120 
58Wie Berlit zutreffend ausführt, birgt E-Justice darüber hinaus jedoch ein erhebliches, technikinduziertes Kontrollpotential in Bezug auf die sachbearbeitenden Richter. Insofern ist die Einführung eines umfassenden Protokollierungs-, Zugriffsrechte- und Löschungskonzepts sowie klarer, transparenter Regeln zur Verarbeitung und Nutzung der Inhalts- und Protokolldaten von erheblicher Bedeutung.121 
59Allerdings sind die Rückkopplungen des Technikeinsatzes auf die Unabhängigkeitsgarantie noch weiter zu erforschen. Dabei ist eine extensive Interpretation der richterlichen Unabhängigkeit abzulehnen.122 Im Falle einer bloßen zentralen Datenvorhaltung, der Errichtung zentraler Netzinfrastrukturen, der Implementierung von sogenannten Querschnittsverfahren123 oder „einfacher“ Dokumentenmanagementsysteme erscheint eine Beeinträchtigung der richterlichen Unabhängigkeit von vornherein ausgeschlossen124. Bei der zentralen Vorhaltung von Fachverfahren und der elektronischen Aktenführung ist indes – in Analyse der „Mächtigkeit“ der eingesetzten Systeme – eine mögliche Verletzung der richterlichen Unabhängigkeit genauer zu untersuchen. Ist das Fachverfahren eng mit der Zurverfügungstellung von Formularen für die richterliche Tätigkeit verbunden, so ist dem Richter eine ausreichende Möglichkeit einzuräumen, von den elektronischen Formularen abzuweichen und eigene Formulare zu gestalten bzw. verfügbare Formulare abzuändern. In der Konzeption, anhand derer die elektronische Akte derzeit an Gerichten eingeführt und realisiert wird, sind Beeinträchtigungen der richterlichen Unabhängigkeit aber nach hier vertretener Ansicht125 ausgeschlossen. 
60Angesichts der vielfältigen Kommunikationserfordernisse zwischen Verwaltung und Gerichten ist es zunehmend bedeutsam, dass Gerichte und Verwaltungsbehörden möglichst die gleichen Kommunikationsstandards nutzen, soweit nicht zwingende E-Justice-Besonderheiten Unterschiede erforderlich machen.126 Deshalb war es nur konsequent, dass das Gesetz zur Förderung der elektronischen Verwaltung sowie zur Änderung weiterer Vorschriften (E-Government-Gesetz) (vgl. hierzu Kapitel 5 Rn. 216) und das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten, die praktisch zeitgleich im Bundestag und Bundesrat im Sommer 2013 beraten und beschlossen wurden, vergleichbare Regelungen für den sogenannten Schriftformersatz im Verwaltungsverfahren bzw. in den Prozessgesetzen trafen.127 So regeln beide Gesetze die Nutzung von De-Mail und die Identifizierung bei der Nutzung von Formularen mithilfe des elektronischen Personalausweises bzw. des elektronischen Aufenthaltstitels. Auch Verordnungsermächtigungen für die Festlegung weiterer sicherer Authentifizierungsverfahren sind in beiden Gesetzen enthalten. Allerdings gibt es auch Unterschiede: Z.B. fehlt im E-Government-Gesetz eine dem § 130a Abs. 4 Nr. 3 ZPO vergleichbare Regelung für den Verzicht auf die qualifizierte elektronische Signatur bei Nutzung eines Übermittlungsweges zwischen einem nach Durchführung eines Identifizierungsverfahrens eingerichteten Postfach einer Behörde und der elektronischen Poststelle des Gerichts. Vorstellbar wäre es durchaus gewesen, auch bei Nutzung eines in diesem Sinne sicheren Übermittlungswegs zwischen eingerichteten besonderen elektronischen Behördenpostfächern (beBPo) auf den Einsatz der qualifizierten elektronischen Signatur zu verzichten.128 Besondere E-Justice-Aspekte sind für diesen „Sonderweg“ mit der Justiz nicht erkennbar. 
61Neuerungen im Bereich des E-Justice müssen sich an einer ganzheitlichen Betrachtung mit E-Government messen lassen; dies folgt z.B. für das Verwaltungsprozessrecht schon daraus, dass die Verwaltung als der „Großkunde“ der Verwaltungsgerichtsbarkeit zunehmend digital arbeitet und die Verwaltungsgerichtsbarkeit in der Lage sein muss, elektronische Verwaltungsakten entgegenzunehmen und zu verarbeiten.129 Konsequent fordern Geis/Berlit unter Verweis auf die Stellungnahme des Bundesrates zum E-Government-Gesetz130 zur Herstellung von Rechtssicherheit und Verringerung des Vollzugsaufwands eine Harmonisierung der Regelungen im Bereich E-Justice und E-Government.131 In diesem Zusammenhang kritisieren Geis/Berlit auch zu Recht, dass die Verpflichtung zur digitalen Kommunikation für professionelle Einreicher für die Gerichte selbst nicht gilt, was ihrer Meinung nach jedoch schon aus Akzeptanzgründen von Nöten sei132 (vgl. hierzu Rn. 107). 
 5. Einbindung privater Akteure in E-Justice-Prozesse 
62Im Rahmen der laufenden Umstrukturierungsprozesse kann und muss auch die IT-Wirtschaft eingebunden werden. Die Nutzung, Weiterentwicklung und (teils auch) Anwendung von Technologiemodellen ist von der Dritten Gewalt ohne unternehmerischen Sachverstand nicht zu leisten.133 Der Grundsatz der „digitalen Gewaltenteilung“ zwischen Öffentlicher Hand und Privatwirtschaft erlangt Bedeutung sowohl für die Standardsetzung durch den E-Justice-Rat als auch für die Frage, ob Justizverwaltungen durch Entwicklung einer sogenannten Behördensoftware in die Berufsfreiheit privatwirtschaftlicher Softwareentwickler eingreifen. Festlegungen des Gesetzgebers und der Justizverwaltungen haben Technical Self-Restraint zu wahren.134 
62.1Auf Probleme im Zusammenhang mit der Möglichkeit, den Widerspruch elektronisch bei einer Behörde einzulegen, machen Dyllick/Neubauer, LKV 2019, 111, 113, aufmerksam. Zwar eröffne das Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs v. 05.07.2017 mit dem Einschub der Worte in § 70 VwGO „in elektronischer Form nach § 3a Abs. 2 VwVfG“ seit dem 01.01.2018 die Möglichkeit, den Widerspruch bei einer Behörde elektronisch einzulegen. Dazu müsse aber die Behörde einen elektronischen Zugang eröffnet haben. Die (Landes-)EGovG sehen jedoch teilweise unterschiedliche Fristen zur verpflichtenden Eröffnung elektronischer Verfahren vor, etwa das BbgEGovG erst ab dem 01.11.2020. Es sei zu beklagen, dass 16 verschiedene Landesgesetze zur elektronischen Kommunikation verabschiedet werden können, was Auswirkungen auf die Möglichkeiten des elektronischen vorgerichtlichen Widerspruchsverfahrens hat. Auch hier wäre es förderlich, wenn E-Government und E-Justice stärker ganzheitlich betrachtet werden.
Aktualisierung vom 05.06.2019
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63Teils bestehen aber verfassungsrechtliche Schranken, die den Umfang der Einbindung Privater bei der Erledigung justizieller Angelegenheiten mit und durch IT beschränken. Allgemeine rechtliche Implikationen bilden etwa das Privatisierungsrecht, Datenschutzrecht oder IT-Sicherheitsrecht; in besonderen Fällen kann auch die richterliche Unabhängigkeit Schranken bilden. 
64Möglichkeiten und Grenzen der Einbindung Privater sind im Wesentlichen vom Zentralisierungsgegenstand abhängig. So gebietet bspw. § 126 Abs. 3 GBO, dass die maschinelle Führung des Grundbuchs als automatisierte Datei nur auf den Anlagen einer „staatlichen Stelle“ oder „einer juristischen Person des öffentlichen Rechts“ vorgenommen werden darf, und sperrt somit von vornherein eine Aufgabenübertragung an einen privaten Dritten. Solche ausdrücklichen Beschränkungen sind allerdings der Ausnahmefall. Allgemein zu beachten bleiben die verfassungsrechtlichen Grenzen für Aufgabenverlagerungen an Private, die sich insb. aus Art. 33 Abs. 4 GG ergeben können.135 Ein Outsourcing des IT-Betriebes für die Gerichte, Staatsanwaltschaften und Justizvollzugseinrichtungen an einen privaten Dienstleister ist jedenfalls verfassungsrechtlich unzulässig, wenn die Justiz dadurch die Steuerung und inhaltliche Gestaltung der IT-Systeme verlieren würde. Soweit durch die vertragliche Ausgestaltung die „herrschende Einflussnahme“ bei der Justiz verbleibt, ist indes Art. 33 Abs. 4 GG regelmäßig nicht verletzt.136 Insbesondere ist eine Auftragsverarbeitung Privater durch die einzelnen Prozessordnungen nicht grundsätzlich ausgeschlossen und richtet sich nach den allgemeinen Regelungen der Art. 4 Nr. 8, Art. 28, Art. 29 DSGVO. Zwar wurde in den Beratungen zum Justizkommunikationsgesetz vom Bundesrat angeregt, durch explizite gesetzliche Normierung in den Prozessordnungen die Möglichkeit einer Beteiligung Privater vorzusehen, denn „auch bei der Datenverarbeitung im Auftrag im Zusammenhang mit der elektronischen Aktenführung sei es notwendig, neben staatlichen Organisationsformen auch auf privatrechtlich organisierte Stellen oder Mischformen – wie z.B. Public-Private-Partnership – zurückgreifen zu können“.137 Dem wurde nur deshalb nicht nachgekommen, weil bereits § 11 BDSG a.F. und die entsprechenden Vorschriften der Landesdatenschutzgesetze ausreichende Regelungen enthalten haben, die eine Verarbeitung personenbezogener Daten im Auftrag der verantwortlichen Stellen ermöglichten. 
65§ 497 StPO, der mit dem Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs138 reformiert wurde, lässt seit 01.01.2018 explizit die Beauftragung nichtöffentlicher Stellen mit der dauerhaften, rechtsverbindlichen Speicherung elektronischer Akten zu, sofern eine öffentliche Stelle den Zutritt und den Zugang zu den Datenverarbeitungsanlagen, in denen die elektronischen Akten rechtsverbindlich gespeichert werden, tatsächlich und ausschließlich kontrolliert. Die Bedingung der Zutritts- und Zugangskontrolle soll offenbar dem besonders sensiblen Charakter der elektronischen Akte in Strafsachen Rechnung tragen. Aus dem Fehlen paralleler Regelungen in den anderen Verfahrensordnungen ist zu schließen, dass die Auftragsverarbeitung auch ohne eine solche Zutritts- und Zugangskontrolle möglich ist und sich ihre Zulässigkeit aus den allgemeinen datenschutzrechtlichen Regelungen ergibt. 
66Schranken für ein Outsourcing kann die richterliche Unabhängigkeit setzen. Problematisch ist dabei, dass die Grenzen richterlicher Unabhängigkeit – insbesondere bei Sachverhalten mit IT-Bezug – noch nicht trennscharf ausgelotet werden konnten (vgl. Rn. 52 ff.). Nach hier vertretener Ansicht ist ein pragmatischer Weg einzuschlagen. Danach ist (ausgehend vom Einzelfall) die richterliche Unabhängigkeit dann nicht berührt, wenn es um Maßnahmen der Justizverwaltung geht, die auf eine Verbesserung der Organisation (bzw. effizientere Arbeitsabläufe) zielen und keine unmittelbare Rückwirkung auf die richterliche Entscheidungsfindung haben. Handelt es sich dementsprechend um den Fall einer „technischen Hilfsverwaltung“, steht der Justizverwaltung ein weitreichender Handlungsspielraum offen, was ein mögliches IT-Outsourcing betrifft. Zudem kann zwischen „verwaltungsnahen“ und „verwaltungsfernen“ Justizaufgaben unterschieden werden. Bei der Erfüllung von (genuinen) Verwaltungsaufgaben durch die Gerichte bestehen keine weitergehenden Einschränkungen aufgrund Art. 92, 97 GG. Danach ist etwa die Führung und Vernetzung von Registern (Handelsregister, Grundbücher usw.139) Verwaltungstätigkeit in ihrem ursprünglichen Sinne. Die Justiz erfüllt hier im Kern Verwaltungstätigkeiten. Dagegen scheidet eine selbständige Einbindung privater IT-Dienstleister bei der Optimierung gerichtlicher Verfahrensabläufe aus, da diese originärer Teil der richterlichen Verantwortung sind. 
 III. Die elektronische Justizkommunikation 
 1. Justizkommunikation 
67Die elektronische Kommunikation mit der Justiz gab seit jeher Anlass zu Diskussionen. Von der Rechtsprechung wurden schon früh die Einreichung von bestimmenden Schriftsätzen per Telegramm140, Telex141, Telebrief142, Telefax143 und Computerfax144 anerkannt.145 
68Die Diskussion über die Möglichkeiten der elektronischen Kommunikation mit der Justiz wurde in Deutschland beflügelt durch die Entwicklungen und Erfahrungen des Nachbarlands Österreich, das bereits 1990 mit der elektronischen Übermittlung von Anträgen an die Gerichte begonnen hatte.146 Auch in anderen europäischen und asiatischen Ländern sind Elemente der elektronischen Justizkommunikation zum Teil erheblich stärker implementiert als in Deutschland.147 
69In der Tat wird sich die Justiz den Entwicklungen der Informationsgesellschaft nicht entziehen können. Die Briefpost wird immer stärker durch die elektronische Nachrichtenübermittlung abgelöst, so dass es als Erschwernis erscheinen würde, wollte die Justiz darauf bestehen, dass mit ihr weiterhin nur auf Papier kommuniziert wird. Damit dürfte auch immer stärker Art. 19 Abs. 4 GG daraufhin zu prüfen sein, ob und welche Maßstäbe einen komfortabel nutzbaren, elektronischen Zugang zur Justiz verlangen.148 
70Demgegenüber wird der allgemeine Justizgewährungsanspruch auch zur Begründung dafür herangezogen, dass – anders als bei bestehendem Anwaltszwang – Naturalparteien sämtliche relevanten Geschäftshandlungen weiterhin auf Papierbasis erledigen können müssen, woraus sich naturgemäß gerade in der amtsrichterlichen Praxis in den kommenden Jahren mit Blick auf den elektronischen Rechtsverkehr große Herausforderungen ergeben werden.149 
 2. Open Justice 
71Über die elektronische Kommunikation zwischen den Gerichten und den Prozessparteien hinaus bietet die Digitalisierung die Chance, dem Öffentlichkeitsgrundsatz im Sinne eines Prinzips „Open Justice“150 eine stärkere praktische Relevanz zu verleihen. Unter Hinweis auf Art. 6 Abs. 1 EMRK hat das BVerfG die beiden Zielsetzungen des Öffentlichkeitsgrundsatzes herausgearbeitet: die Verfahrensgarantie, welche dem Schutz der Verhandlungsbeteiligten gilt, sowie die Möglichkeit des Volkes, den Verlauf einer Gerichtsverhandlung nachvollziehen und die durch die Gerichte handelnde Staatsgewalt mittels öffentlichen Einblicks kontrollieren zu können.151 Der Einsatz neuer digitaler Instrumente zur Herstellung von mehr Öffentlichkeit (wie die Möglichkeit zum Abruf von digitalen Informationen über Zeit und Ort einer Gerichtsverhandlung, Chatbots zur Aufbereitung von Justizinformationen, Nutzung von digitalen Plattformen zur erweiterten Erörterung von Gerichtsentscheidungen über die Fachkreise hinaus) trägt dem gewandelten Nutzerverhalten im digitalen Zeitalter Rechnung. Dabei ist allerdings das Recht auf informationelle Selbstbestimmung der Prozessbeteiligten zu beachten und mit dem Prinzip des Open Justice einem angemessenen Ausgleich zuzuführen.152 
72Aus rein technischer Sicht sind Live- oder Onlineübertragungen über das Fernsehen und Internet aus mündlichen Gerichtsverhandlungen inzwischen problemlos möglich, allerdings regelt § 169 GVG den Einsatz von Ton- und Fernsehaufnahmen aus Gerichtssälen sehr restriktiv. Ein Umstand, der derzeit vielfach diskutiert wird – nicht zuletzt im Zuge des vom Bundestag am 01.10.2017 beschlossenen Gesetzes zur Erweiterung der Medienöffentlichkeit in Gerichtsverfahren und zur Verbesserung der Kommunikationshilfen für Menschen mit Sprach- und Hörbehinderungen (Gesetz über die Erweiterung der Medienöffentlichkeit in Gerichtsverfahren – EMöGG).153 In den Gesetzesberatungen äußerte z.B. der Bund Deutscher Verwaltungsrichter und Verwaltungsrichterinnen154 die Sorge, dass sich Zeugen sowie Parteien durch die erweiterten Beobachtungsmöglichkeiten im Falle einer erweiterten Öffentlichkeit nicht gleichbleibend frei fühlten, mithin der Prozessverlauf behindert werde. Bei der Bewertung dieser kritischen Äußerungen zur erweiterten Öffentlichkeit durch neue Kommunikationsinstrumente ist allerdings auch zu berücksichtigen, dass Richter ihre eigene Verhandlungsführung oft auch nicht der Kontrolle einer erweiterten Medienöffentlichkeit aussetzen wollen.155 
73Die Neufassung des § 169 Abs. 1 GVG ermöglicht den Gerichten, Urteilsverkündungen via Internet und Rundfunk übertragen zu lassen, hebt mithin das seit 1964 bestehende, generelle Verbot von Fernseh- und Rundfunkaufnahmen in Gerichtssälen auf. Vielmehr macht seit dem Inkrafttreten der Neuregelungen zum 18.04.2018 eine Erlaubnisnorm Tonaufnahmen mündlicher Verhandlungen in einen Arbeitsraum direkt vor Ort für Medienvertreter zulässigerweise übertragbar, vgl. § 169 Abs. 1 Satz 3 GVG. § 169 Abs. 3 Satz 2 GVG bildet eine Sondervorschrift für den BGH und stellt es in das Ermessen des Gerichtshofs, Medien zu befähigen, über die Urteilsverkündung anhand von Ton- und Bildaufnahmen zu berichten, wobei die Norm keinen Anspruch auf gerichtliche Unterstützung einer guten Präsentation enthält.156 Hoeren weist in diesem Zusammenhang mit Recht darauf hin, dass den Gerichten mit den Änderungen zwar ein Weg zu mehr Medienöffentlichkeit zur Verfügung steht, sie von diesem Gestaltungsspielraum allerdings auch Gebrauch machen sollten, nachdem ansonsten das Gesetz ohne Auswirkungen für die Presse und Öffentlichkeit bleibt.157 
 3. Mobile Justiz 
74Der gesellschaftliche Trend zur mobilen Kommunikation erfasst auch die Justizkommunikation im Sinne einer „mobilen Justiz“158. Die Bürger erwarten insoweit, dass sie Informationen – etwa zu gerichtlichen Verfahren – bequem über das Smartphone abrufen können, mithin der unzeitgemäß anmutende Aushang an der Gerichtstafel einer modernen Informationsbereitstellung im Internet weicht. Richter hingegen fordern vor allem, den Zugriff auf elektronische Gerichtsakten auch von außerhalb zu ermöglichen, vgl. vertiefend Rn. 352. 
 4. Geschichte des elektronischen Rechtsverkehrs 
75Erstmals gesetzlich geregelt wurde die elektronische Kommunikation mit der Justiz durch das Formvorschriftenanpassungsgesetz vom 13.07.2001159, wobei als herausragende Neuerung die Möglichkeit der Ersetzung der Schriftform durch die elektronische Form (z.B. § 130a ZPO) festzustellen war.160 Entsprechende Regelungen finden sich mittlerweile in allen Verfahrensordnungen. Die an außerhalb der Justiz stehende Akteure (Bürger, Anwälte usw.) gerichteten Regelungen werden auch als „Regelungen der Eingangsseite“ bezeichnet. 
76Wenn eine gesetzlich angeordnete Schriftform durch die elektronische Form ersetzt werden sollte, hatte im Grundsatz der Aussteller das elektronische Dokument mit einer qualifizierten elektronischen Signatur zu versehen. Gleiches galt für ein elektronisches Dokument, das einen bestimmenden Schriftsatz enthält (§ 130a ZPO, § 55a VwGO, § 52a FGO). Die Verfahrensordnungen ließen die elektronische Einreichung aber nicht unmittelbar zu, sondern ermächtigten die Bundesregierung und die Landesregierungen, jeweils für ihren Bereich durch Rechtsverordnung den Zeitpunkt zu bestimmen, ab welchem elektronische Dokumente bei den Gerichten eingereicht werden können, sowie die für die Bearbeitung der Dokumente geeignete Form (§ 130a Abs. 2 Satz 1 ZPO a.F., § 41a Abs. 2 Satz 1 StPO a.F., § 55a Abs. 1 VwGO a.F., § 52a Abs. 1 FGO a.F., § 65a Abs. 1 SGG a.F., § 46c Abs. 2 Satz 1 ArbGG a.F., § 110a Abs. 2 Satz 1 OWiG a.F.).161 Der Bund hatte für die Gerichtshöfe seines Bereichs den elektronischen Rechtsverkehr durch mehrere Rechtsverordnungen teils unterschiedlichen Inhalts eröffnet. Die Bundesländer hatten in den Verfahren der streitigen Gerichtsbarkeit elektronische Einreichungen indes nur teilweise und in jeweils unterschiedlichem Umfang zugelassen, was aus Anwendersicht ein wesentliches Hemmnis darstellte. Ein einheitlicher Übertragungsweg für alle Gerichte wäre sinnvoll gewesen.162 Soweit der elektronische Rechtsverkehr eröffnet war, ließen Bund und Bundesländer die Einreichung per E-Mail in der Regel nicht zu, da E-Mails bei der Übertragung nicht gegen die Kenntnisnahme durch Dritte geschützt sind. Bund und Länder sahen meist ausschließlich die Nutzung des elektronischen Gerichts- und Verwaltungspostfachs (EGVP) vor.163 
77Die Bundesregierung und die Landesregierungen konnten den für den 01.01.2018 vorgesehenen Zeitpunkt, ab dem generell elektronische Dokumente in Ordnungswidrigkeitensachen eingereicht werden können (§ 110c Satz 1 OWiG, § 32a Abs. 1 StPO), auf den 31.12.2018 oder 31.12.2019 verschieben, sodass bis dahin die bisherige Fassung des § 110a OWiG anwendbar blieb bzw. bleibt (d.h. Bestimmung der elektronischen Einreichungsmöglichkeit aufgrund einer Bundes- oder Landesrechtsverordnung und Beschränkungsmöglichkeit auf einzelne Behörden, Gerichte und Verfahren). § 110b OWiG sieht die Möglichkeit der Einführung elektronischer Formulare vor; § 110c OWiG. verweist im Übrigen auf die (neuen) Regelungen der §§ 32a ff. StPO, vgl. im Einzelnen dazu Rn. 537 ff. 
78„Regelungen der Ausgangsseite“164 wurden im Zustellungsreformgesetz vom 25.06.2001165 getroffen, in dem die Zustellung von elektronischen Dokumenten geregelt wird (z.B. § 174 Abs. 3, 4 ZPO). 
79Die Regelung des vom Gesetzgeber in vielen Fällen vorgegebenen, notwendigen Sicherheitsmechanismus war lange im Signaturgesetz166 enthalten; ergänzende Regelungen fanden sich in der Signaturverordnung. Die Elektronische-Transaktionen-Verordnung (eIDAS-VO)167 hat als unmittelbar in allen 28 EU-Mitgliedstaaten sowie im Europäischen Wirtschaftsraum geltendes Recht zur Unanwendbarkeit widersprechenden deutschen Rechts (SigG, SigV) geführt. Am 28.07.2017 wurde das Gesetz zur Durchführung der Verordnung (EU) Nr. 910/2014 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23.07.2014 über elektronische Identifizierung und Vertrauensdienste für elektronische Transaktionen im Binnenmarkt und zur Aufhebung der Richtlinie 1999/93/EG (eIDAS-Durchführungsgesetz) vom 18.07.2017 im Bundesgesetzblatt verkündet.168 Es ist weitestgehend am 29.07.2017 in Kraft getreten. Dieses Gesetz löste auch das Signaturgesetz vom 16.05.2001 und die Signaturverordnung vom 16.11.2001 ab. 
80Das eIDAS-Durchführungsgesetz regelt u.a. die Aufsichtsstellenfunktion der Bundesnetzagentur für die Erstellung, Überprüfung und Validierung elektronischer Signaturen, elektronischer Siegel oder elektronischer Zeitstempel und Dienste für die Zustellung elektronischer Einschreiben sowie von diese Dienste betreffenden Zertifikaten und der Bewahrung von diese Dienste betreffenden elektronischen Signaturen, Siegeln oder Zertifikaten. § 9 legt die Zuständigkeit der Bundesnetzagentur für die Aufstellung, Führung und Veröffentlichung von Vertrauenslisten nach Art. 22 eIDAS-VO fest. § 12 ermöglicht Attribute eines qualifizierten Zertifikats für elektronische Signaturen (z.B. amts- und berufsbezogene Angaben für Notare oder Rechtsanwälte). 
81Ferner wurden zahlreiche Verweisungen auf das Signaturgesetz gestrichen (z.B. in den zum damaligen Zeitpunkt geltenden Fassungen der §§ 130a Abs. 1 Satz 2, 174 Abs. 4 Satz 3 ZPO, § 41a Abs. 1 Satz 1 StPO, § 137 GBO, § 46c Abs. 1 Satz 2 ArbGG, § 65a SGG, § 55a VwGO, § 52a FGO sowie in einigen Verordnungen, die den elektronischen Rechtsverkehr zu Bundesgerichten regeln). 
82Durch das am 01.04.2005 in Kraft getretene Justizkommunikationsgesetz169 wurden die Verfahrensabläufe zwischen dem Eingang und dem Ausgang elektronischer Dokumente geregelt,170 womit eine elektronische Aktenbearbeitung innerhalb der Gerichte ermöglicht wurde. Geregelt wurden auch die Beweiskraft elektronischer Dokumente, Signaturanforderungen und die Einsicht in elektronisch geführte Akten. Das Gesetz schaffte die Voraussetzungen für eine flächendeckende Einführung des elektronischen Rechtsverkehrs in den einzelnen Prozessordnungen (mit Ausnahme der Strafprozessordnung), überließ es aber den jeweils zuständigen Verordnungsgebern, den Zeitpunkt der Einführung und die einzelnen Modalitäten zu regeln. Allerdings entfielen mittlerweile wieder die durch das Justizkommunikationsgesetz 2005 in das OWiG eingeführten Spezialvorschriften über die elektronische Aktenführung in Bußgeldverfahren weitgehend. Insoweit wurden die bisherigen §§ 110d und 110e OWiG aufgrund des Gesetzes zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs171 ab 01.01.2018 aufgehoben und über die Verweisung des § 110c Satz 1 OWiG durch die entsprechenden Vorschriften in der Strafprozessordnung ersetzt. Die §§ 110a-110b OWiG wurden zudem zum 01.01.2018 neu gefasst. Sie entsprechen im Wesentlichen den §§ 32, 32b StPO. Sonderregelungen sind allerdings im OWiG für die automatisierte Herstellung elektronischer Dokumente sowie für die Speicherungs- und Aufbewahrungspflicht für Ausgangsdokumente vorgesehen. Beibehalten wurde insoweit die Regelung, wonach in Bußgeldverfahren nicht die automatisiert erstellten Dokumente, sondern lediglich die begleitende Verfügung zu signieren ist. Ob einfach oder qualifiziert digital zu signieren ist, ergibt sich daraus, wie das jeweilige Einzeldokument nach § 32b Abs. 1 StPO zu signieren wäre. Ferner greift die in § 32e Abs. 4 Satz 1 StPO geregelte Aufbewahrungspflicht von mindestens sechs Monaten in OWi-Sachen nicht, wenn das übertragene Dokument einen mit einer qualifizierten elektronischen Signatur versehenen Vermerk darüber enthält, dass das Ausgangsdokument mit dem zur Akte zu nehmenden Dokument inhaltlich und bildlich übereinstimmt, § 110c Satz 3 OWiG. Damit wurde wie im vor dem 01.01.2018 geltenden Recht eine sofortige Rückgabe oder Vernichtung von Ausgangsdokumenten erlaubt. Dies soll nach der Begründung des entsprechenden Gesetzentwurfs den in Ordnungswidrigkeitssachen insgesamt niedrigeren Beweisanforderungen Rechnung tragen.172 
83Die elektronische Aktenführung in Bußgeldsachen (vgl. § 110a Abs. 1 Satz 1 OWiG) ist fakultativ; ab dem 01.01.2026 verbindlich vorgeschrieben. 
84Das am 30.12.2006 verkündete und zwischen dem 31.12.2006 und dem 01.12.2008 in Kraft getretene Zweite Justizmodernisierungsgesetz173 enthielt nur wenige Vorschriften zum elektronischen Rechtsverkehr. Hervorzuheben ist eine Änderung des § 690 Abs. 3 ZPO a.F., in dem eine Verpflichtung für Rechtsanwälte enthalten war, sich des automatisierten Mahnverfahrens zu bedienen (nunmehr geregelt in § 702 Abs. 2 ZPO).174 Weitere Änderungen der ZPO hatten nur geringe Auswirkungen auf den elektronischen Rechtsverkehr; z.B. wurde in den §§ 814 ff. ZPO die Internetversteigerung in der Zwangsvollstreckung (wobei auch die Nutzung des elektronischen Identitätsnachweises nach § 18 Personalausweisgesetz vorgesehen ist) geregelt.175 
85Durch das De-Mail-Gesetz (vgl. dazu umfassend Kapitel 5 Rn. 253 ff.) wurde § 174 Abs. 3 ZPO (der durch Verweisung auch auf die meisten anderen Prozessordnungen Anwendung findet) erweitert. Gerichtliche Zustellungen elektronischer Dokumente waren seither auch mittels De-Mail möglich (vgl. Rn. 324). 
86Durch das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten176 vom 10.10.2013 wurden etliche Vorschriften zum elektronischen Rechtsverkehr reformiert. 
87Neben der Nutzung der qualifizierten Signatur kann seit 01.01.2018 als Schriftformersatz auch gelten, wenn das elektronische Dokument von der verantwortenden Person einfach signiert und auf einem sicheren Übermittlungsweg eingereicht wird, § 130a Abs. 3 Alt. 2, Abs. 4 ZPO.177 
88Als sichere Übermittlungswege sehen § 130a Abs. 4 ZPO und die entsprechenden Regelungen in den anderen Verfahrensordnungen vor:
 Eine über den Postfach- und Versanddienst De-Mail übermitteltes Dokument gilt nach § 130a Abs. 4 Nr. 1 ZPO als über einen sicheren Weg eingereicht, soweit der Absender sicher im Sinne des De-Mail-Gesetzes angemeldet ist und eine Absenderbestätigung (§ 5 Abs. 5 De-MailG) vorlegt.
 § 130a Abs. 4 Nr. 3 ZPO sieht ferner die Errichtung eines sogenannten besonderen elektronischen Behördenpostfachs (beBPo) vor („der Übermittlungsweg zwischen einem nach Durchführung eines Identifizierungsverfahrens eingerichteten Postfach einer Behörde oder einer juristischen Person des öffentlichen Rechts und der elektronischen Poststelle des Gerichts“).
 Ferner können (nach § 130a Abs. 4 Nr. 4 ZPO) sonstige bundeseinheitliche Übermittlungswege, die durch Rechtsverordnung der Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrates festgelegt werden, bei denen die Authentizität und Integrität der Daten sowie die Barrierefreiheit gewährleistet sind, dazu führen, dass auf eine qualifizierte Signatur verzichtet werden kann.178 Mit dieser Klausel wurde der dynamischen IT-Entwicklung im Sinne einer Technikoffenheit Rechnung getragen. Auch auf Entwicklungen in den europäischen Nachbarstaaten oder Festlegungen auf EU-Ebene kann mit einer Rechtsverordnung ohne weitere Gesetzesänderungen für Deutschland rechtlich reagiert werden.
 Des Weiteren gilt als sicher der Übermittlungsweg zwischen dem besonderen elektronischen Anwaltspostfach (beA) oder einem entsprechenden, auf gesetzlicher Grundlage errichteten elektronischen Postfach und der elektronischen Poststelle des Gerichts, § 130a Abs. 4 Nr. 2 ZPO.
 
89Die oft als Zugangshürde empfundene Verpflichtung zur Nutzung der qualifizierten Signatur wurde damit für die Kommunikation zwischen professionellen Nutzern und Gerichten auf der Basis einer Infrastruktur für das beA (sogenannte „Trusted Domain“) abgesenkt.179 Die Bundesrechtsanwaltskammer hat für alle Rechtsanwälte ein solches Postfach zu errichten, zu führen und einen Verzeichnisdienst besonderer elektronischer Anwaltspostfächer zu schaffen (§ 31a BRAO).180 Für die Kommunikation zwischen dem besonderen elektronischen Anwaltspostfach nach § 31a BRAO oder einem entsprechenden, auf gesetzlicher Grundlage errichteten elektronischen Postfach oder einem nach Durchführung eines Identifizierungsverfahrens eingerichteten Postfach einer Behörde bzw. einer juristischen Person des öffentlichen Rechts und der elektronischen Poststelle des Gerichts kann seit 01.01.2018 auf die Nutzung der qualifizierten Signatur verzichtet werden, § 130a Abs. 4 Nr. 2 und 3 ZPO.181 
90Zwar bestanden gegen die Aufgabenerweiterung der Bundesrechtsanwaltskammer um die Errichtung, Erhaltung und Fortführung der besonderen elektronischen Anwaltspostfächer nach den §§ 31a, 177 Abs. 2 Nr. 7 BRAO und gegen die Auferlegung der Kostentragung auf die Anwaltschaft keine verfassungsrechtlichen Bedenken.182 Dennoch wurde der Starttermin für das beA mehrfach verschoben. 
91Die Einrichtung der besonderen elektronischen Anwaltspostfächer für (zum damaligen Zeitpunkt) alle 163.000 Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte gestaltete sich technisch sehr anspruchsvoll, da die mit zwei großen Online-Umfragen der BRAK ermittelten Bedürfnisse berücksichtigt und leistungsfähige Rechenzentren zur Verfügung gestellt werden mussten. Dabei wurde auch das Gesamtverzeichnis der Anwälte gem. § 31 BRAO als sogenanntes S.A.F.E.-Verzeichnis (zu S.A.F.E. vgl. Rn. 135) umgestaltet.183 
92Nachdem der ursprüngliche Einrichtungstermin für das besondere elektronische Anwaltspostfach zum 01.01.2016 aufgrund noch nicht zufriedenstellender Qualität in Bezug auf die Nutzerfreundlichkeit verschoben werden musste, gab die Bundesrechtsanwaltskammer im April 2016 bekannt, dass die Postfächer ab dem 29.09.2016 zur Verfügung stünden.184 Zwar wurde die technische Fertigstellung zunächst bestätigt185, jedoch verhinderten die einstweiligen Anordnungen des AnwGH Berlin die Inbetriebnahme ab diesem Zeitpunkt186. 
93Die der einstweiligen Anordnungen zugrundeliegende Kontroverse betraf die Frage, ob die Bundesrechtsanwaltskammer die von ihr einzurichtenden besonderen elektronischen Anwaltspostfächer – wie dies von ihr technisch konzipiert wurde – auch „empfangsbereit“ einrichten durfte. So stellte sich der AnwGH Berlin auf den Standpunkt, es fehle an einer gesetzlichen Grundlage, die die Bundesrechtsanwaltskammer berechtige, es Dritten zu ermöglichen, Rechtsanwälten auch gegen ihren Willen Dokumente über das besondere elektronische Anwaltspostfach zu übersenden. Einer derartigen gesetzlichen Grundlage bedürfe es aber, da die Schaffung der Möglichkeit einer solchen Übermittlung in die von Art. 12 GG geschützte anwaltliche Berufsfreiheit eingreife. 
94Demgegenüber nahm das BVerfG eine Verfassungsbeschwerde gegen gesetzliche Regelungen zum anwaltlichen elektronischen Rechtsverkehr nicht zur Entscheidung an.187 Der beschwerdeführende Rechtsanwalt hatte sich mit seiner Verfassungsbeschwerde insbesondere gegen die ab dem 01.01.2018 vorgesehene, passive Nutzungspflicht wehren wollen. Das BVerfG hielt die Verfassungsbeschwerde für unzulässig, da sie den Begründungsanforderungen nicht genügte. Es sei nicht hinreichend dargelegt, dass die von den gesetzlichen Regelungen bezweckte Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs, die Schaffung einer rechtssicheren und schnellen Kommunikation mit den Gerichten sowie eine Reduktion von Porto- und Druckkosten keine spezifischen berufsbezogenen Gemeinwohlgründe seien, die eine berufsrechtliche Regelung rechtfertigen könnten. Auch könne die Behauptung, die angegriffenen Regelungen hätten eine Kostensteigerung und keine Kostenreduktion zur Folge und seien deshalb unverhältnismäßig, nicht nachvollzogen werden. Schließlich fehle es im Hinblick auf die Behauptung, über das beA sei eine sichere Kommunikation nicht möglich, an einer Auseinandersetzung mit den konkret getroffenen Sicherheitsvorkehrungen. 
95Weil die Sicherheitsarchitektur des von der BRAK vorgesehenen beA die Freischaltung einzelner Postfächer nicht zulasse, konnte – so die BRAK – das System Anfang 2016 entgegen der gesetzlichen Verpflichtung insgesamt nicht in Betrieb genommen werden.188 Nachdem jedoch am 25.11.2016 der AnwGH Berlin die zwei einstweiligen Anordnungen aufgehoben hatte, nahm die BRAK am 28.11.2016 das beA zunächst in Betrieb.189 
96Der auf der Grundlage von § 31c BRAO zur Konkretisierung der §§ 31-31b BRAO erlassene § 21 RAVPV190 bestimmt klarstellend, dass die BRAK die besonderen Anwaltspostfächer „empfangsbereit“ einzurichten hat. Ferner sah § 31 RAVPV für den Übergangszeitraum bis zum 31.12.2017 vor, dass der Postfachinhaber Zustellungen und den Zugang von Mitteilungen über das beA nur dann zur Kenntnis nehmen und gegen sich wirken lassen muss,191 wenn er zuvor seine Bereitschaft zu deren Empfang über das beA erklärt hat. Diese Erklärung konnte nicht beschränkt werden. Allein die Erstanmeldung am Postfach sowie der Versand nicht berufsbezogener Mitteilungen galten allerdings nicht als Erklärung der Empfangsbereitschaft.192 Mit dem Gesetz zur Umsetzung der Berufsanerkennungsrichtlinie und zur Änderung weiterer Vorschriften im Bereich der rechtsberatenden Berufe193 und einer darin enthaltenen Ergänzung des § 31a Abs. 1 Satz 1 BRAO fand der Inhalt der Verordnungsregelung auch Aufnahme in den Gesetzestext. 
97Die BRAK informierte in Newslettern und Presseerklärungen nach dem Jahreswechsel 2017/2018 darüber, dass im sog. Client Security System ein Schwachpunkt beim Sicherheitszertifikat gefunden worden und dass das Unternehmen Atos mit seinem Versuch einer kurzfristigen Wiederherstellung der Sicherheit nicht erfolgreich gewesen sei. Mit dem Einverständnis der BRAK nahm Atos deshalb das beA-System vom Netz.194 Damit war den Anwälten dessen Nutzung nicht möglich. 
98Nach dem AnwGH Berlin ist während dieses Zeitraums auch keine gesetzliche Nutzungspflicht eingetreten.195 Am 18.01.2018 informierte die BRAK, dass man sich in der BRAK-Präsidentenkonferenz darüber einig gewesen sei, dass das beA erst dann wieder in Betrieb gehen werde, „wenn alle relevanten Fragen zur Sicherheit des Systems zweifelsfrei geklärt sind“. Die BRAK werde die Gesellschaft secunet Security Networks AG mit der Erstellung eines Sicherheitsgutachtens beauftragen, das sich insbesondere auf die Frage fokussieren solle, „ob es weiterhin mögliche Sicherheitsrisiken in der Verbindung zwischen Browser und Client Security des beA-Systems gibt“.196 
99Zum 03.09.2018 wurde das beA wieder in Betrieb genommen. Wie seitens der BRAK im beA-Newsletter am 30.08.2018 mitgeteilt197, hatte das beauftragte Unternehmen secunet Security Networks AG die Beseitigung der in ihrem Gutachten beschriebenen Schwachstellen entsprechend den Beschlüssen der außerordentlichen Präsidentenkonferenz der BRAK vom 27.06.2018 bestätigt198. Seit dem genannten Zeitpunkt ist nunmehr auch wieder die passive Nutzungspflicht aller zugelassenen Rechtsanwälte zu beachten. § 31a Abs. 6 BRAO beinhaltet die Verpflichtung des Postfachinhabers, die für dessen Nutzung erforderlichen technischen Einrichtungen vorzuhalten sowie Zustellungen und den Zugang von Mitteilungen über das besondere elektronische Anwaltspostfach zur Kenntnis zu nehmen. Allerdings kann für Rechtsanwaltsgesellschaften bislang mangels gesetzlicher Grundlage kein eigenständiges besonderes elektronisches Anwaltspostfach eingerichtet werden.199 Mit Blick auf eine aktuelle rechtspolitische Diskussion könnte dieser Zustand de lege ferenda demnächst geändert werden.200 
99.1Die in Fn. 199 angeführte Entscheidung des AnwG Berlin (v. 09.08.2018 - I AGH 10/17) wurde kürzlich vom BGH bestätigt, vgl. BGH v. 06.05.2019 - AnwZ (Brfg) 69/18. Demnach sähen – bezogen auf den gegenwärtigen Zeitpunkt – die einfachgesetzlichen Vorschriften der §§ 31 Abs. 1 Satz 1, 31a Abs. 1 Satz 1 BRAO die empfangsbereite Einrichtung des beA in ihrer Zusammenschau nur zugunsten derjenigen Mitglieder einer Rechtsanwaltskammer vor, bei denen es sich um natürliche Personen handle. Damit einhergehend billigt der Gerichtshof die bisherige Praxis zahlreicher Gerichte, die Zustellung für die gesamte Gesellschaft an das beA des jeweiligen Geschäftsführers bzw. Vorstands zu bewirken (dazu Müller, NZA 2019, 825, 826 f.).
Aktualisierung vom 02.07.2019
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100Aufgrund von „Dauerkommunikationsbeziehungen“ zwischen Gerichten und Rechtsanwälten halten erstere mitunter Adressdatenbanken zur Vereinfachung der Kommunikation im elektronischen Rechtsverkehr vor. Seit erneuter Freischaltung des beA dürfte es allerdings Sache der Kanzleien sein, die Weiterverarbeitung in der Kanzlei zu organisieren.201 
101Schließlich kann seit dem 01.07.2014 eine Rechtsverordnung des Bundesjustizministeriums mit Zustimmung des Bundesrates elektronische Formulare bestimmen und dabei eine Identifikation des Formularverwenders auch durch Nutzung des neuen elektronischen Personalausweises oder des elektronischen Aufenthaltstitels anstelle der Nutzung einer qualifizierten elektronischen Signatur gestatten, § 130c Satz 4 ZPO.202 
102Mit der Absenkung der Zugangshürden war der Weg frei, erstmals eine Nutzungspflicht für professionelle Einreicher von vorbereitenden Schriftsätzen bzw. schriftlich einzureichenden Anträgen und Erklärungen an das Gericht (Rechtsanwälte, andere vertretungsberechtigte Personen sowie Behörden oder juristische Personen des öffentlichen Rechts) vorzusehen, § 130d ZPO.203 Anwälte und andere professionelle Einreicher sind grundsätzlich ab dem 01.01.2022 zur Nutzung des elektronischen Rechtsverkehrs verpflichtet.204 Die Landesregierungen können für ihren Bereich durch Rechtsverordnung das Inkrafttreten dieser Verpflichtung ganz oder teilweise auf den 01.01.2020 oder 01.01.2021 vorziehen („Opt-in“), sofern in dem betreffenden Land der elektronische Rechtsverkehr zumindest ein Jahr eröffnet ist.205 Entsprechende Regelungen wurden in § 14b FamFG, § 46g ArbGG,206 § 65d SGG, § 55d VwGO und § 52d FGG getroffen. 
103Weiter vorangeschritten ist der elektronische Rechtsverkehr zu den europäischen Gerichten: Seit 01.12.2018 ist der elektronische Rechtsverkehr bei den europäischen Gerichten (EuGH, EuG, Gericht für den öffentlichen Dienst) verbindlich, gerichtliche Dokumente zwischen Verfahrensbeteiligten (Kläger, Beklagte Streithelfer) und den Gerichten dürfen nur noch über „e-Curia“ stattfinden.207 Über diese elektronische Plattform des EuGH können Verfahrensdokumente auf elektronischem Weg eingereicht, empfangen und zugestellt werden. Der Zugang zu e-Curia ist mittels Formular zu beantragen. Der elektronische Rechtsverkehr beim EuGH ist bereits seit November 2011 freigeschaltet und wurde schon in der Vergangenheit intensiv genutzt. 
104Die BRAK hat mitgeteilt, dass eine Einbindung des beA derzeit noch nicht vorgesehen sei. Hintergrund ist, dass e-Curia keine Nachrichten zwischen mehreren Kommunikationspartnern zulässt, sondern – im Rahmen eines Formularservice – auf dessen Server lediglich Dokumente ausschließlich für das Gericht hochgeladen bzw. von dort heruntergeladen werden können.208 
105§ 174 Abs. 3 Satz 4 ZPO verpflichtet alle, denen schon nach bisherigem Recht gegen Empfangsbekenntnis zugestellt werden kann (Anwalt, Notar, Gerichtsvollzieher, Steuerberater, sonstige Person, bei der auf Grund ihres Berufes von einer erhöhten Zuverlässigkeit ausgegangen werden kann, Behörde, Körperschaft, Anstalt des öffentlichen Rechts), seit dem 01.01.2018 einen „sicheren Übermittlungsweg“ i.S.d. § 130a Abs. 4 ZPO zu eröffnen. 
106Die Länder mussten bis 01.01.2018 den rechtswirksamen Empfang elektronischer Nachrichten durch die Gerichte sicherstellen209, konnten diese Frist aber noch um ein oder zwei Jahre bis 31.12.2018 bzw. 31.12.2019 verlängern (Opt-out-Klausel)210. 
107Die Zustellung soll ebenfalls mittels elektronischer Übermittlung über das beA oder mit De-Mail möglich sein.211 Eine Verpflichtung der Gerichte, den elektronischen Rückverkehr – also vom Gericht zu den Einreichern von elektronischen Schriftsätzen – zu nutzen, wurde allerdings durch das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten nicht geschaffen, was bei der Anwaltschaft auf Kritik stieß.212 Eine Verpflichtung der Justiz hat der Deutsche Bundestag seinerzeit für entbehrlich gehalten, da die Justiz bereits aus eigenem Interesse den elektronischen Rückverkehr wählen werde.213 
108Dass der Gesetzgeber bei dieser Annahme jedoch einem Irrtum unterlegen ist, zeigt der Umstand, dass mittlerweile nicht mehr sicher davon ausgegangen werden kann, dass die elektronische Gerichtsakte bis zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der Nutzungsverpflichtung für professionelle Einreicher flächendeckend in allen Gerichten eingeführt ist.214 Insoweit wäre das Prinzip des gegenseitigen medien- und strukturgleichen Austausches besser im Gesetz verankert worden.215 Problematisch ist es allerdings, wenn der Gesetzgeber Fristen für das Handeln von Verwaltungen und Gerichten vorsieht, die von diesen nicht eingehalten werden. Denn das lässt das Vertrauen der Bürger in den Rechtsstaat schwinden. Deshalb machen gesetzgeberische Aktivitäten im E-Justice-Bereich generell eine sorgfältige Analyse und Abwägung sämtlicher Interessen der Beteiligten notwendig.216 
109Über die Regelung der elektronischen Zustellung an den Anwalt gab es lange und intensive Diskussionen.217 Der Regierungsentwurf hatte noch eine Abschaffung des Empfangsbekenntnisses vorgesehen.218 Dieses sollte durch eine vom Postfach der Anwälte automatisch erstellte Eingangsbestätigung ersetzt werden.219 Schließlich wurde auf die Kritik der Anwaltschaft reagiert und festgelegt, dass die Anwälte – nachgebildet dem bisherigen (Papier-)Empfangsbekenntnis – ein elektronisches Empfangsbekenntnis an das Gericht – in strukturierter maschinenlesbarer Form – zu übersenden haben, § 174 Abs. 4 Satz 3, Satz 4 ZPO.220 
110Außerdem wurde zur weiteren Erleichterung der rechtssicheren elektronischen Kommunikation das Beweisrecht angepasst. So kommt seit dem 01.07.2014 dem Scanprodukt einer öffentlichen Urkunde ein höherer Beweiswert zu, wenn das Scannen von einer Behörde oder einem Notar durchgeführt wird und die notwendigen Sicherheitsstandards eingehalten werden: Dann soll die Beweiskraft öffentlicher Urkunden entsprechende Anwendung finden, § 371b Abs. 3 ZPO, § 437 ZPO.221 
111Bei einer mittels absenderbestätigter De-Mail abgegebenen Erklärung gilt seit dem 01.07.2014 der Anschein der Echtheit, § 371a Abs. 2 ZPO. Dieser Anschein der Echtheit kann nur durch Tatsachen erschüttert werden, die ernstliche Zweifel daran begründen, dass die Nachricht von dieser Person versandt wurde.222 
 5. Registervernetzung (Handelsregister, Unternehmensregister, Zentrales Testamentsregister, Zentrales Vorsorgeregister, Grundbücher, Zentrales Schutzschriftenregister), Elektronisches Urkundenarchiv und Portallösungen 
112Die größten Erfolge bei der Etablierung des elektronischen Rechtsverkehrs konnten bisher im Registerwesen erzielt werden. So können z.B. die Daten der Handelsregister über www.handelsregister.de und www.unternehmensregister.de223 online abgerufen werden (vgl. die §§ 8, 8b HGB), vgl. hierzu näher Rn. 614 ff. Die Firmen-Recherche und der Abruf von Veröffentlichungen sind kostenfrei. Für alle übrigen Abrufe fallen Kosten an. Um die kostenpflichtigen Angebote wahrzunehmen, ist eine (kostenfreie) Registrierung erforderlich. Damit ein sicherer Datentransfer gewährleistet ist, werden Dokumente über das Elektronische Gerichts- und Verwaltungspostfach (EGVP) beim Handelsregister eingereicht.224 Auch weitere Register sind online zugänglich, wie das Genossenschaftsregister oder das Partnerschaftsregister. 
113Als zentraler Zugangspunkt zu den Registeranwendungen sowie zu weiteren Dienstleistungen des elektronischen Rechtsverkehrs wurde das gemeinsame Justizportal von Bund und Ländern225 ausgebaut. Dort findet man Insolvenzbekanntmachungen, Handelsregisterbekanntmachungen, Onlinedienste der Bundesnotarkammer (Zentrales Testamentsregister, Zentrales Vorsorgeregister), ein Orts- und Gerichtsverzeichnis, zahlreiche Formulare und weiterführende Informationen zum elektronischen Rechtsverkehr, Zugang zum Online-Mahnverfahren usw.; zudem kann man die Berechtigung von Personen zur Erbringung von Rechtsdienstleistungen überprüfen oder an Online-Auktionen der Justiz teilnehmen. 
114Das zentrale Testamentsregister226 wird von der Bundesnotarkammer geführt und nahm am 01.01.2012 seinen Betrieb auf. Darin sind die Verwahrangaben zu sämtlichen erbfolgerelevanten Urkunden registriert, die vom Notar errichtet werden oder in gerichtliche Verwahrung gelangen. In jedem Sterbefall ist das Register von Amts wegen auf dort vorhandene Testamente bzw. andere erbfolgerechtliche Urkunden zu überprüfen. Die Bundesnotarkammer teilt als registerführende Stelle dem zuständigen Nachlassgericht mit, ob und welche Verfügungen von Todes wegen zu beachten sind.227 
115Das Zentrale Vorsorgeregister (ZVR) fungiert als deutsche Registrierungsstelle für private sowie notarielle Vorsorgevollmachten, Betreuungsverfügungen und Patientenverfügungen. Damit sollen Vorsorgeurkunden im Betreuungsfall auffindbar sein. Die Bundesnotarkammer führt das Zentrale Vorsorgeregister im gesetzlichen Auftrag unter der Rechtsaufsicht des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz. Mehr als 3 Mio. Bürger haben ihre Vorsorgeurkunde bereits im Zentralen Vorsorgeregister registriert, monatlich gibt es etwa 20.000 Abfragen.228 
116Der im Bereich des Handelsregisters erfolgreich praktizierte elektronische Rechtsverkehr muss dagegen im Grundbuchwesen noch etabliert werden. Hierzu werden die Grundakten digitalisiert und eine Einsichtsmöglichkeit in elektronischer Form geschaffen. Teilerfolge wurden hierbei schon erreicht. Der Abschluss des Gemeinschaftsprojekts der Länder zur Schaffung eines bundeseinheitlichen Datenbankgrundbuchs geriet aber immer wieder ins Stocken. Mit dem Gesetz zur Einführung eines bundesweit einheitlichen Datenbankgrundbuches (DaBaGG) vom 01.10.2013229 wurde eine gesetzliche Grundlage dafür geschaffen, dass Grundbuchinhalte künftig strukturiert und logisch verknüpft in einer Datenbank gespeichert werden können. Mit neuen Recherche- und Auskunftsmöglichkeiten wird ferner eine effizientere Einbindung des Grundbuches in den elektronischen Rechtsverkehr möglich. Am 04.01.2016 war der Projektstart zur Phase „Realisierung und Pilotierung“.230 Wegen seiner großen Bedeutung wurde das Projekt des bundeseinheitlichen Datenbankgrundbuches als Koordinierungsprojekt in den Aktionsplan der Nationalen E-Governmentstrategie (NEGS) des IT-Planungsrates aufgenommen. 
117Eine Bereicherung für den elektronischen Rechtsverkehr – insbesondere für den Bereich des gewerblichen Rechtsschutzes – stellt das zunächst aus privater Initiative231 entwickelte Zentrale Schutzschriftenregister (ZSR) dar, das seit dem 01.01.2016 auf der Basis des neu eingeführten § 945a ZPO als zentrales, länderübergreifendes elektronisches Register für Schutzschriften vom Land Hessen betrieben wird. Dabei handelt es sich um eine internetbasierte Datenbank, die der Hinterlegung von Schutzschriften als vorbeugende Verteidigungsschriftsätze gegen erwartete Anträge auf Arrest oder einstweilige Verfügungen in elektronischer Form dient. Jeder, der bei einem Gericht in der Bundesrepublik Deutschland eine Schutzschrift einreichen will, kann diese nebst Anlagen in elektronischer Form im ZSSR-Portal hinterlegen. Das Zentrale elektronische Schutzschriftenregister (ZSSR) ist unter der Domain https://schutzschriftenregister.hessen.de/ zugänglich; die Online-Formulare sind unter www.zssr.justiz.de abrufbar.232 Wenn die Schutzschrift in das Schutzschriftenregister eingestellt ist, gilt sie als bei allen ordentlichen Gerichten der Länder eingereicht. Sechs Monate nach ihrer Einstellung sind die Schutzschriften zu löschen. Im Unterschied zum früheren Zentralen Schutzschriftenregister ist das Register auf der Grundlage des § 945a ZPO und der auf § 945b ZPO beruhenden Verordnung über das elektronische Schutzschriftenregister v. 24.11.2015233 für alle Gerichte verbindlich. Die Verordnung konkretisiert in ihrem § 2 die Anforderungen an eine ordnungsgemäße Einreichung von Schutzschriften. Die Rechtsanwälte sind seit dem 01.01.2017 verpflichtet, Schutzschriften ausschließlich zum Schutzschriftenregister einzureichen, § 49c BRAO.234 
118Am 23.03.2017 hat der Bundestag das Gesetz zur Neuordnung der Aufbewahrung von Notariatsunterlagen und zur Einrichtung des Elektronischen Urkundenarchivs bei der Bundesnotarkammer sowie zur Änderung weiterer Gesetze beschlossen; die zentralen Vorgaben in Gestalt der novellierten §§ 78 ff. BNotO traten zum 09.06.2017 in Kraft235.236 Durch die elektronische Speicherung soll den organisatorischen Schwierigkeiten infolge teilweise sehr langer bzw. unbegrenzter Aufbewahrungsfristen notarieller Urkunden begegnet werden. 
119Kirchner bezeichnet das Elektronische Urkundenarchiv gar als „die Brücke für eine veränderungsgesperrte Verwahrung elektronischer Urkunden als Grundlage für einen allumfassenden elektronischen Rechtsverkehr“.237 Einen weiteren Vorteil sieht Hushahn in der Datensparsamkeit: Durch die alleinige Speicherung von Grundbuch- und Handelsregisterdokumenten im Elektronischen Urkundenarchiv ließe sich eine doppelte Datenhaltung in zwei elektronischen Akten oder Archivsystemen vermeiden.238 Im praktischen Ablauf würde dies bedeuten, dass der Notar nicht mehr das elektronische Dokument an das Grundbuchamt übermittelt, sondern lediglich den Link auf die im E-Archiv gespeicherte Originalurkunde.239 
120Die technischen Grundlagen zum Elektronischen Urkundenarchiv lassen sich dem Beitrag von Gaul entnehmen.240 Dem Autor zufolge ergibt sich durch die Integration des Urkundenarchivs, d.h. dessen fachliche und technische Einbindung in die gesamte Fachverfahrenslandschaft der Bundesnotarkammer ein hoher Mehrwert für die notarielle Praxis.241 So wurde in diesem Zuge unter Nutzung von XNotariat – in Parallelität zu XJustiz (vgl. hierzu Rn. 125, Rn. 137) – als Standard ein strukturierter Datenaustausch zwischen den einzelnen Fachverfahren ermöglicht, was zudem zu Verbesserungen in der Wartbarkeit, Störanfälligkeit und Integrierbarkeit des Systems in kommerzielle Softwarelösungen führt. 
 6. Musterfeststellungsklage 
121Die Musterfeststellungsklage als zivilrechtliche Verbandsklagemöglichkeit wurde mit dem Gesetz zur Einführung einer zivilprozessualen Musterfeststellungsklage zum 01.11.2018 eingeführt. Die Musterfeststellungsklage soll eine zügige und kostengünstige Durchsetzung von Ansprüchen ermöglichen, die einer Vielzahl von Personen zustehen, und zugleich einer missbräuchlichen Rechtsverfolgung vorbeugen. Eine Musterfeststellungsklage wird durch das Gericht in einem neu geschaffenen und vom Bundesamt für Justiz geführten elektronischen Klageregister für Musterfeststellungsverfahren bekannt gemacht, § 608 ZPO.242 Das Klageregister soll potentiell betroffene Verbraucher über die Rechtshängigkeit der Musterfeststellungsklage informieren und ihnen die Möglichkeit verschaffen, ihre Ansprüche oder Rechtsverhältnisse anzumelden. 
122Die Musterfeststellungsklage ist inhaltlich nicht auf eine Leistung gerichtet, sondern soll sich „auf die Klärung grundsätzlicher, in einer Vielzahl von Fällen wiederkehrender, tatsächlicher oder rechtlicher Fragen (…) konzentrieren“.243 So müssen von den Feststellungszielen die Ansprüche oder Rechtsverhältnisse von mindestens zehn Verbrauchern abhängen (§ 606 Abs. 2 Nr. 2 ZPO), was glaubhaft zu machen ist. Die Musterfeststellungsklage ist erstinstanzlich beim Landgericht zu erheben und bezieht sich auf die Klärung verschiedenster Divergenzen zwischen Unternehmer und Verbraucher.244 Die Klagebefugnis ist auf sogenannte qualifizierte Einrichtungen beschränkt, sodass die Rechtssuchenden selbst nicht als Kläger am Musterverfahren beteiligt werden können. Betroffene Verbraucher haben gem. § 609 ZPO die Möglichkeit, bis zum Ablauf des Tages vor Beginn des ersten Termins Ansprüche oder Rechtsverhältnisse, die von den Feststellungszielen abhängen, zur Eintragung in das Klageregister anzumelden, und zwar in Textform gegenüber dem Bundesamt für Justiz, das die Angaben der Anmeldung ohne Prüfung des inhaltlichen Anliegens ins Klageregister einträgt. An der Ausgestaltung der Musterfeststellungsklage wurde allerdings angesichts des weiterhin damit verbundenen Folgeaufwands für den Verbraucher Kritik geübt.245 
123Die Europäische Kommission schlug überdies am 11.04.2018 ein zweigliedriges Maßnahmenpaket vor, um den Verbraucherschutz innerhalb der Union weiter auszubauen.246 Materiell-rechtliche Vorgaben sollen die Transparenz auf Online-Marktplätzen bzw. hinsichtlich der Suchergebnisse von Online-Plattformen verbessern. Prozessual sollen Verbraucher durch die Einführung europäischer Verbandsklagen ein Instrument gegen Unternehmen erhalten, um auf diese Weise ihre Rechte durchsetzen und in diesem Zusammenhang auch Entschädigungen fordern zu können. Des Weiteren sollen Verstöße gegen Verbraucherrechte in der EU zukünftig deutlich strenger sanktioniert werden. Sofern die Zuwiderhandlung etwa Verbraucher mehrerer EU-Länder betrifft, ist die Verhängung von Strafzahlungen durch die EU-Verbraucherschutzbehörden in Höhe von bis zu 4% des Jahresumsatzes der verantwortlichen Unternehmen angedacht.247 
 7. Elektronische Akten 
124An einigen ausgewählten Gerichten wird das Arbeiten mit elektronischen Akten (und Dokumentenmanagementsystemen) stark vorangetrieben; praktische Projekte in Bund und Ländern laufen seit Längerem. Beim Bundespatentgericht wurde etwa die elektronische Akte schon vor längerer Zeit erfolgreich erprobt (Projekt EGuVA).248 Das Bundesverwaltungsgericht hat die elektronische Akte bereits erfolgreich eingeführt. Auch an Verwaltungsgerichten in Nordrhein-Westfalen und Sachsen wurde die elektronische Akte erprobt. Mit Blick auf die digitale Kommunikation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) galt dies auch für Verwaltungsgerichte in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern. An den Zivilgerichten der Länder indes, die die Hauptmasse der gerichtlichen Verfahren zu bewältigen haben, stellte die Arbeit mit der elektronischen Gerichtsakte sehr lange eher den Ausnahmefall dar. 
125Allerdings wurden bereits brauchbare Strukturen erarbeitet. Mit XJustiz wurde von der Bund-Länder-Kommission für Datenverarbeitung und Rationalisierung in der Justiz ein einheitlicher Standard für den Austausch elektronischer Informationen entwickelt.249 Der Bundesfinanzhof hat mit dem Land Nordrhein-Westfalen eine Schnittstelle entwickelt, mit der Urteile und Verfahrensdaten aus Vorinstanzen elektronisch übermittelt werden können. 
126Die ergonomischen Anforderungen an elektronische (Justiz-)Akten werden zudem seit Längerem erforscht.250 Bis zum Sommer 2013 wurde der Prototyp einer ergonomischen Gerichtsakte in einer Familienabteilung beim Amtsgericht Münster und in einer Zivilabteilung beim Amtsgericht Grevenbroich im Rahmen eines Feldversuchs in der Praxis erprobt.251 Ab Mai 2015 fand eine Erprobung der Praxistauglichkeit der Lösung beim LG Bonn statt.252 Die Erfahrungen aus der Einführung der elektronischen Verwaltungsakte konnten auf die elektronische Gerichtsakte nur sehr beschränkt übertragen werden, da sich die Arbeitsweise der Richter doch beträchtlich von der eines Verwaltungsmitarbeiters unterscheidet. Allerdings konnten gewisse Erkenntnisse aus spezifischen elektronischen Werkzeugen für Führungskräfte in der Verwaltung wie das Projekt eines „elektronischen Kabinetts“253 in Sachsen für die Entwicklung der elektronischen Gerichtsakte nutzbar gemacht werden. Auch die Erfahrungen aus der Elektronischen Schutzrechtsakte (ELSA) beim Deutschen Patent- und Markenamt254, die im Juni 2011 freigeschaltet wurde, und dem hessischen Projekt „Elektronisches Ordnungswidrigkeitenverfahren (ERV OWi)“ mit dem vollständig elektronischen Verfahrensablauf in Straßenverkehrsordnungswidrigkeiten von der Zentralen Bußgeldstelle beim Regierungspräsidium Kassel über die Staatsanwaltschaften zu den Gerichten255 können herangezogen werden. Die Amtschefinnen und Amtschefs des Bundesjustizministeriums und der Landesjustizverwaltungen billigten im April 2011 in Saarbrücken eine „Gemeinsame Strategie zur Einführung des elektronischen Rechtsverkehrs und der elektronischen Aktenführung“ (ERV-Gesamtstrategie) mit dem Ziel, bundesweit die elektronische Akte bis drei Jahre nach Eröffnung des obligatorischen Rechtsverkehrs einzuführen.256 
127Die genannten Beispiele wiesen den richtigen Weg auf. Es gilt, alltagstaugliche Strukturen für den elektronischen Rechtsverkehr zu schaffen, die einem Massenbetrieb standhalten und zugleich den Verwaltungsaufwand verringern. 
128Bisher gibt es drei Gerichtsaktensysteme für die Ziviljustiz, für die sich jeweils mehrere Länder entschieden haben.257 Hierzu gibt es diverse Erfahrungsberichte.258 Die praktische Arbeit mit der elektronischen Akte im Echtbetrieb führte im Verlauf der Pilotierung auch zu einer deutlichen Verringerung an Funktionsstörungen.259 Auftretende zeitliche Verzögerungen waren offenbar dem Erfordernis geschuldet, eine Vielzahl elektronischer Dokumente mit der qualifizierten elektronischen Signatur zu versehen.260 Mittlerweile hat das Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs261 mit der zum 01.01.2018 wirksam gewordenen Ergänzung des § 169 Abs. 5 ZPO das Erfordernis von qualifizierten elektronischen Signaturen reduziert. Abzuwarten bleibt ferner, ob von den Erleichterungen bei der Erzeugung einer qualifizierten elektronischen Signatur durch die sogenannte Fernsignatur aufgrund der eIDAS-Verordnung auch Auswirkungen auf die Justiz zu erwarten sind.262 
129Für die Zukunft sind Effizienzpotentiale der elektronischen Verfahrensakte vor allem dann zu realisieren, wenn weitere organisatorische, eventuell auch rechtliche Anpassungen der derzeitigen Aktenbearbeitung an die digitalen Möglichkeiten erfolgen.263 Um die Akzeptanz der Justizbeschäftigten für den technologischen Sprung in die Digitalisierung zu sichern, ist eine frühzeitige und intensive Einbindung der Personalvertretungen anzuraten.264 
130Die ersten rechtlichen Voraussetzungen für eine elektronische Aktenführung wurden bereits durch das Justizkommunikationsgesetz geschaffen, das – bis auf das Strafverfahren – entsprechende Änderungen der Prozessordnungen vorsah. Durch das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten wurde ferner § 371b ZPO eingefügt, der seit dem 17.10.2013 die Beweiskraft öffentlicher Urkunden auf die gescannten öffentlichen Urkunden ausdehnt und auch insoweit die elektronische Aktenführung erleichtert. 
131Im Gegensatz zu den anderen Verfahrensordnungen hatte der Gesetzgeber für das Strafverfahren lange mit § 41a StPO a.F. nur die Einreichung elektronischer Dokumente ermöglicht, nicht ihre anschließende elektronische Verarbeitung. D.h. elektronisch eingegangene Dokumente mussten zwingend „zu Papier gebracht“ werden und „konventionell“ in Akten geführt werden. Erst im Kontext der Zulassung der elektronischen Akte sollte zugleich auch der elektronische Rechtsverkehr mit den Strafverfolgungsbehörden und den Gerichten unter Absenkung der bestehenden Zugangshürden neu geregelt werden, um Medienbrüche zu vermeiden. Die bei einer elektronischen Aktenführung speziell im Strafverfahren auftretenden rechtlichen und auch praktischen Fragestellungen wurden vom Schrifttum eingehender beleuchtet.265 
132Nach jahrelangen Diskussionen zwischen Bund und Ländern über das richtige Vorgehen bei der Einführung der elektronischen Akte in Strafsachen, insbesondere über den Zeitpunkt einer generell-verbindlichen elektronischen Akte, und über die erforderliche IT-Sicherheitsstruktur wurde das Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs vom 05.07.2017 verabschiedet.266 Mit Wirkung zum 01.01.2018 wurde § 41a StPO aufgehoben, dafür regeln die §§ 32-32f StPO die elektronische Aktenführung und Kommunikation in Strafsachen, vgl. im Einzelnen dazu Rn. 527 ff. 
133Die im Rahmen der Sitzung der Gemeinsamen Kommission elektronischer Rechtsverkehr des Deutschen EDV-Gerichtstages am 14.03.2017 präsentierten und von den Länderverbünden entwickelten Software-Lösungen („E-Akte als Service – eAaS“ von Baden-Württemberg), „elektronisches Integrations-Portal – eIP“ (Bayern) und „ergonomischer elektronischer Arbeitsplatz – e2A“ (NRW) legen nahe, dass zukünftig bundeseinheitlich in allen Gerichtszweigen mit Akten im PDF-Format gearbeitet werden wird.267 Hierdurch wäre sichergestellt, dass die elektronische Akte bei allen Strafverfolgungsbehörden (auch Polizei, Zoll und Steuerfahndung) gelesen und bearbeitet werden kann.268 Dies berücksichtigt auch die im Zuge des Gesetzgebungsverfahrens teils erhobene Kritik, dass die Strafverfolgungsbehörden trotz ihrer Rolle als „Hauptlieferanten der Aktendokumente“ noch nicht in den Aktenführungsprozess eingebunden waren.269 
 8. Registrierung/Identitätsmanagement 
134Jeder, der am elektronischen Rechtsverkehr rechtsverbindlich teilnehmen will – sei es bei der Nutzung des elektronischen Grundbuchs, des automatisierten Mahnverfahrens oder bei der elektronischen Klageeinreichung – muss sich zunächst registrieren, damit seine Identität eindeutig festgestellt ist. Hierfür nutzte die Justiz von 2004 an das seinerzeit von der Firma bremen online services GmbH & Co. KG (bos) unter Beteiligung des Bundesministeriums der Justiz gemeinsam mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, dem Bundesfinanzhof, dem Bundesverwaltungsgericht und dem Land Nordrhein-Westfalen entwickelte Elektronische Gerichts- und Verwaltungspostfach (EGVP); siehe hierzu Rn. 203 ff. 
135Um die Akzeptanz von E-Justiz sicherzustellen, ist es den Nutzern der unterschiedlichen Anwendungen – Bürger, Anwälte, Notare oder Behörden – nicht zumutbar, sich für jedes justizielle Verfahren einzeln registrieren zu müssen. Im Rahmen des Deutschland-Online-Vorhabens S.A.F.E. (Secure Access to Federated eJustice/eGovernment) wurde der Registrierungsdienst des EGVP aus diesem Gesichtspunkt heraus neu konzipiert. Mit S.A.F.E. wird eine föderale wirtschaftliche Kommunikationsinfrastruktur für eine zentrale und einmalige Nutzerauthentifizierung realisiert.270 
 9. Digitalisierung der Gerichte 
136Mittlerweile hat der Gesetzgeber etliche Regelungen verabschiedet, um eine Digitalisierung der Justizkommunikation voranzubringen. So ist seit 01.01.2018 aufgrund der Vorgaben des Prozessrechts der elektronische Rechtsverkehr beinahe flächendeckend eingeführt. Noch sind aber nicht die praktischen Probleme aus dem Weg geräumt. Die organisatorische Zersplitterung in den Justizzuständigkeiten, die unterschiedliche Technik bei den Kommunikationspartnern (Anwälte, Notare, Steuerberater, Behörden, Firmen und Bürger) sowie IT-Einzelentwicklungen in den Bundesländern wirkten teilweise lähmend. Die zögerliche Verbreitung der qualifizierten elektronischen Signatur trug lange hierzu bei. Auch wenn bei Nutzung besonderer elektronischer Postfächer oder De-Mail auf die Anbringung einer qualifizierten elektronischen Signatur verzichtet werden kann, so ist doch das Funktionieren des elektronischen Rechtsverkehrs noch weitgehend von ihrer Verwendung abhängig, welche sich in der Praxis – abgesehen von der Nutzung durch die Notare und die Rechtsanwälte, etwa beim Mahnverfahren, – bislang nicht durchsetzen konnte. 
137Weiterhin erfolgte die Einbeziehung privater IT-Dienstleister (deren technischer Sachverstand Grundlage der Modernisierungsprozesse ist) in die Justizmodernisierung eher schleppend. Denn einerseits gab es zunächst (etwa im Vergleich zu Dienstleistern im E-Government-Bereich) nur wenige Anbieter, was auch daran liegen mag, dass die strengen Organisations- und Verfahrensabläufe im Justizbereich (die sich teils noch an bürotechnischen Abläufen des 19. Jahrhunderts orientieren271) nur mit einschlägigem Sachverstand elektronifizierbar sind. Andererseits kann aus denselben Gründen nicht umfassend auf bereits in Wirtschaft und Verwaltung etablierte technische Systeme zurückgegriffen werden; mittlerweile gibt es aber Anbieter, die sowohl elektronische Verwaltungsakten- wie Gerichtsaktensysteme anbieten. Die hohen technischen Sicherheitsanforderungen (Signatur) und damit einhergehend der (teils unwirtschaftliche) Aufwand, um Authentizität, Integrität und Vertraulichkeit justizieller Dokumente zu gewährleisten, bremsen die Entwicklung. Allerdings wurden mit der Etablierung des einheitlichen XJustiz-Standards272 wesentliche Barrieren für den elektronischen Rechtsverkehr abgebaut. Mit Schaffung geeigneter Schnittstellen nach dem XJustiz-Standard sind die Voraussetzungen geschaffen, dass ein reibungsloser Datenaustausch beim Zusammenspiel der unterschiedlichen Büroanwendungen möglich ist und sich private Anbieter mit (kleineren) Einzellösungen auf dem Markt etablieren können.273 
138Bis auf Weiteres wird die elektronische Kommunikation mit der Justiz die herkömmliche, papiergebundene Kommunikation nur ergänzen, aber nicht vollständig ablösen. Das fordert schon das Gebot effektiven Rechtsschutzes, nach dem der Zugang zum Gericht nicht unverhältnismäßig beschränkt werden darf. Derjenige, der aufgrund mangelnder Kenntnisse, mangelnder Ausstattung oder aus anderen Gründen nicht auf elektronischem Weg Zugang zu den Gerichten erlangen kann oder will, muss in gleichem Maße Rechtsschutz erhalten wie der IT-Nutzer.274 
139Ebenso statuieren dies Geis/Berlit speziell mit Blick auf den elektronischen Verwaltungs(gerichts)prozess.275 Ihnen zufolge müsse insbesondere etwa mit nicht anwaltlich vertretenen Naturalparteien oder Zeugen auch weiterhin papiergebunden kommuniziert werden dürfen. Zudem müsse auch das „Herzstück kontradiktorischer Gerichtsbarkeit“, die mündliche Verhandlung, vom Prozess der Elektronifizierung ausgenommen werden.276 Bemühungen um eine verbesserte IT-Unterstützung in den Gerichtssälen (wie z.B. der elektronische Gerichtssaal im Bundespatentgericht277) sollten aber nicht ausgeschlossen werden, sofern die Naturalparteien und die Zeugen durch die IT-Nutzung nicht benachteiligt werden. Umgekehrt wird man allerdings angesichts der zunehmenden Digitalisierung in der Gesellschaft und im privaten Rechtsverkehr fordern müssen, dass die Möglichkeiten der papiergebundenen Kommunikation durch die elektronischen Möglichkeiten ergänzt werden (vgl. Rn. 62 ff.). 
140Die Möglichkeiten des elektronischen Rechtsverkehrs gilt es aber weiter auszubauen. Moderne Informations- und Kommunikationstechnik effektuiert die Verfahrensabläufe in der Justiz und hilft Bürgern und Unternehmen, schneller und einfacher zu ihrem Recht zu kommen.278 Abgesehen von einem 24-Stunden-Zugang zu den Gerichten, der Ersparnis von Arbeitszeit und Kosten, der Verfahrensoptimierung durch elektronische Akteneinsicht und Verfahrensbeschleunigung durch die Möglichkeit der elektronischen Datenweiterverarbeitung schafft der elektronische Rechtsverkehr auch eine größere Beweissicherheit durch sofortige signierte Eingangsbestätigung des Gerichts.279 Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern (z.B. Österreich) bestehen hierzulande aber noch deutliche Defizite in der Verbreitung und Akzeptanz von E-Justice, wenn auch derzeit intensiv an praxistauglichen Strukturen gearbeitet wird.280
Exkurs: Digitalisierung der Anwaltskanzlei
 
141Auch nach Inkrafttreten des Justizkommunikationsgesetzes wurde eine „digitale Kluft“ zwischen Kanzleien, die Signaturkarten vorhalten und das elektronische Mahn- und Klageverfahren elektronisch praktizieren, und solchen, die sich den technischen Entwicklungen noch verschließen, konstatiert; vielfach wurde im Kanzleibetrieb noch an althergebrachten Arbeitsabläufen – von der Aktenanlage, Klageerhebung bis zur Aktenarchivierung – weniger aus Datenschutz-, Verschwiegenheits- und Sicherheitsgründen als aus Angst vor einschneidenden Umstellungen im täglichen Kanzleimanagement festgehalten.281 Nach Freischaltung des besonderen elektronischen Anwaltspostfachs und der „passiven Nutzungspflicht“ sowie angesichts der ab 01.01.2022 für Rechtsanwälte geltenden aktiven ERV-Nutzungspflicht werden jedoch auch die Kanzleien nicht umhinkommen, ihre praktischen Arbeitsabläufe mitunter gravierend zu verändern.282 
142So sind mittlerweile teilweise die Anwaltskanzleien bereits dazu übergegangen, ihre Handakten rein elektronisch zu führen.283 Hierzu hat der BGH 2014 erstmals Grundsätze aufgestellt.284 Demnach müsse die elektronische Handakte ihrem Inhalt nach der herkömmlich geführten Handakte entsprechen. Insbesondere zu Rechtsmittelfristen und deren Notierung müsse sie daher ebenso wie eine schriftliche Akte zuverlässig Auskunft geben können und dürfe insoweit keine geringere Überprüfungssicherheit als ihr analoges Pendant bieten.285 
143In Fortführung seiner Rechtsprechung hat sich der BGH 2015 zum häufig in der anwaltlichen Praxis vorzufindenden elektronisch geführten Fristenkalender geäußert.286 Soweit ein solcher ausschließlich elektronisch geführt wird, könne es die Sorgfaltspflicht des Rechtsanwalts in Fristensachen verlangen, dass er die ihm vorliegenden Handakten auf etwaige Fristabläufe hin manuell kontrolliert, sofern der Zugriff auf den elektronischen Fristenkalender wegen eines technischen Defekts einen ganzen Arbeitstag lang nicht möglich sei.287 Denn auch die Führung eines elektronischen Kalenders dürfe nicht zu einer geringeren Überprüfungssicherheit führen als die manuelle Variante. Begründet hat der BGH seine Entscheidung auch noch speziell damit, dass die in diesem Verfahren gegenständliche Berufungsbegründungsfrist nach gefestigter obergerichtlicher Rechtsprechung durch eine Vorfrist sicherzustellen sei, wodurch sich nach Ansicht des Gerichts die händische Durchsicht der dem Rechtsanwalt vorliegenden Akten ganz besonders aufgedrängt habe.288 
144Auch der anwaltliche grenzüberschreitende Rechtsverkehr wird immer bedeutsamer. Nach dem EuGH ist einem Anwalt aus einem EU-Mitgliedstaat der Zugang zu einem elektronischen Netzwerk für Anwälte eines anderen EU-Mitgliedstaates zu gewähren. Würde der Zugang verweigert, läge darin eine unverhältnismäßige Einschränkung der anwaltlichen Dienstleistungsfreiheit i.S.v. Art. 4 der Richtlinie 77/249/EWG des Rates v. 22.03.1977 zur Erleichterung der tatsächlichen Ausübung des freien Dienstleistungsverkehrs der Rechtsanwälte i.V.m. Art. 56 und Art. 57 Abs. 3 AEUV.289 Es sei jedoch Sache des vorlegenden Gerichts, zu prüfen, ob eine solche Weigerung angesichts des Kontexts, in dem sie ausgesprochen wird, zu deren möglicher Rechtfertigung tatsächlich den Zielen des Verbraucherschutzes sowie einer geordneten Rechtspflege entspreche und ob die einhergehenden Beschränkungen in einem angemessenen Verhältnis zu diesen Zielen stünden.290 Zwar hätten Mandanten grundsätzlich ein legitimes Interesse an der Verifizierung in Bezug auf die ordnungsgemäße Zulassung eines Rechtsanwaltes – eine solche Verifizierung könne jedoch auch anderweitig erfolgen, etwa über regelmäßig vorzulegende Nachweise. In diesem Zusammenhang verwies der Generalanwalt beim EuGH auf das Projekt „Find-A-Lawyer 2“ des CCBE und der Europäischen Kommission, wodurch die Erstellung eines Zertifikats zur Authentifizierung von Rechtsanwälten ermöglicht werde.291 
145Das im Wesentlichen zum 09.11.2017 in Kraft getretene Gesetz zur Neuregelung des Schutzes von Geheimnissen bei der Mitwirkung Dritter an der Berufsausübung schweigepflichtiger Personen292 hatte zum Ziel, insbesondere durch die Änderungen des § 203 StGB dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die Digitalisierung (auch) im Anwaltsbereich in weiterem Umfang als bisher anfallende Unterstützungstätigkeiten erfordert (etwa bei der Einrichtung, dem Betrieb, der Wartung und der Anpassung informationstechnischer Anlagen), die oft nicht durch eigenes Personal allein erledigt werden können, sondern wobei hierauf spezialisierte Unternehmen oder selbstständig tätige Personen beauftragt werden müssen. Bisher bedeutete die Heranziehung dritter, außerhalb der eigenen Sphäre stehender Personen zu diesen unterstützenden Tätigkeiten für den Berufsgeheimnisträger ein gewisses rechtliches Risiko, sofern diese Personen in diesem Zuge von geschützten Geheimnissen Kenntnis erlangen können. 
146Mit dem Gesetz wurde die Strafbarkeit des Anwalts nach § 203 StGB in der Weise eingeschränkt, dass nunmehr das Offenbaren von geschützten Geheimnissen gegenüber Personen, die an der beruflichen oder dienstlichen Tätigkeit des Berufsgeheimnisträgers mitwirken, nicht mehr strafbar ist, soweit dies für die ordnungsgemäße Durchführung der Tätigkeit der mitwirkenden Personen erforderlich ist und soweit der Berufsgeheimnisträger neu formulierte Sorgfaltspflichten bei der Einbeziehung dritter Personen in die Berufsausübung beachtet. Bedauerlicherweise wurden durch die Gesetzesnovelle die bestehenden Rechtsunsicherheiten nicht vollumfänglich beseitigt, sondern teilweise – etwa in Form der Einführung des unbestimmten Rechtsbegriffs der „Erforderlichkeit“ der Offenbarung des fremden Geheimnisses für die Inanspruchnahme der externen Dienstleister (vgl. § 203 Abs. 3 Satz 2 StGB bzw. die berufsrechtliche Entsprechung für Rechtsanwälte in § 43e Abs. 1 Satz 1 BRAO) – nur verlagert.293 
147Neben den Bereichen Kommunikation und Außendarstellung (Werbung) erfährt im Rahmen der aktuellen Diskussion um Legal Tech(nology) derzeit auch die Frage viel Beachtung, inwieweit die Beratungsleistung des Rechtsanwalts als solche von den gravierenden Veränderungen durch die Digitalisierung betroffen ist. Anwalts-Chatbots, Blockchain, Smart Contracts und Robot Lawyers werden zwar auf absehbare Zeit nicht zu einer vollständigen Substitution der Rechtsberatungsbranche führen, jedoch ergibt sich daraus auch schon jetzt ein modifiziertes Anforderungsprofil an den Rechtsanwalt, etwa mit Blick die anwaltliche Fortbildung.294 
 IV. Weitere Entwicklung 
 1. Elektronische Signaturen und alternative Sicherungsmechanismen 
148Die qualifizierte elektronische Signatur als „Eintrittskarte“ zum elektronischen Rechtsverkehr hatte sich nur in begrenztem Ausmaß durchsetzen können.295 Sie wurde in nennenswertem Umfang nur durch bestimmte Fachanwender genutzt, wie vor allem durch die Notare (z.B. im Handelsregisterverfahren), die bei der Signaturnutzung eine Vorreiterrolle einnehmen, und teils auch von Rechtsanwälten, z.B. im Bereich des elektronischen Mahnverfahrens (wobei allerdings viele Anwälte das Barcodeverfahren dem Gebrauch der digitalen Signatur vorziehen). Ein Grund für die geringen Nutzungszahlen mag darin liegen, dass der organisatorische und technische Aufwand zur Erzeugung einer qualifizierten elektronischen Signatur mithilfe einer Signaturkarte zu hoch erscheint. Auch die Planungen für eine Verbindung der qualifizierten digitalen Signatur mit dem neuen elektronischen Personalausweis (vgl. dazu Kapitel 5 Rn. 287 ff.) gaben der qeS keinen nennenswerten „Schub“ in der praktischen Anwendung. So sollte zur Erstellung qualifizierter elektronischer Signaturen ein entsprechendes Zertifikat auf den Chip des elektronischen Personalausweises geladen werden, allerdings mit zusätzlichen Gebühren für das optionale Zertifikat und verbunden mit weiteren erforderlichen Investitionen wie etwa in ein Kartenlesegerät. 
149Zu hoffen ist allerdings, dass aufgrund der neuen Möglichkeiten einer sogenannten Fernsignatur auf der Grundlage der seit 01.07.2016 in Kraft getretenen Verordnung (EU) Nr. 910/2014 über elektronische Identifizierung und Vertrauensdienste für elektronische Transaktionen im Binnenmarkt (eIDAS-VO) die Attraktivität der qeS steigt, da sie nun über Smartphones und Tablets erzeugt werden kann.296 Die Fernsignatur als qualifizierte elektronische Signatur wird nicht mehr mit einer Signaturkarte erstellt, sondern von einem qualifizierten Vertrauensdiensteanbieter im Auftrag der signierenden Person. Ferner gibt es Planungen für eine Signatur „on the fly“: Ein geeignetes Mobiltelefon mit NFC-Schnittstelle wird für den elektronischen Identitätsnachweis verwendet. So kann eine Identifizierung (zur Ausstellung eines qualifizierten elektronischen Signatur-Zertifikates) und eine Authentisierung (zur Autorisierung der Signaturerstellung durch den Vertrauensdiensteanbieter) in einem Schritt zusammengefasst und somit auch „ad hoc“ qualifiziert elektronisch signiert werden.297 
150Hinzu kommt, dass mit dem Gesetz zur Förderung des elektronischen Identitätsnachweises vom 07.07.2017298 die Verfügbarkeit der eID ausgeweitet wurde: Nun ist die eID-Funktion bei der Ausgabe des Personalausweises automatisch und dauerhaft eingeschaltet. Zudem sind Verfahrenserleichterungen mit Blick auf das Auslesen der eID-Daten durch Unternehmen und Behörden enthalten. 
151Um den elektronischen Rechtsverkehr zu stärken, wurde schon seit längerer Zeit der Einsatz alternativer Sicherungsmechanismen gefordert und auf den diesbezüglichen Bedarf für Gesetzesänderungen hingewiesen. 
152Bei dieser Bewertung ist die Funktion des eingesetzten Sicherungsmittels entscheidend. Hierbei kann zwischen den drei Grundfunktionen Authentifizierung299, Integrität300 und Vertraulichkeit der Kommunikation unterschieden werden. Die qualifizierte elektronische Signatur verbindet die ersten beiden Funktionen. Eine zuverlässige Identifizierung der natürlichen Person vor der Ausgabe eines qualifizierten Signaturzertifikats (Authentifizierung) ist erforderlich. Dokumente, die mit einer qualifizierten elektronischen Signatur versehen sind, lassen sich dem Inhaber des Signaturzertifikats zuordnen und können nicht mehr verändert werden, ohne dass diese Veränderungen nachvollzogen werden können (Integrität). Hingegen schützt die qualifizierte elektronische Signatur die signierten Daten nicht gegen unbefugte Kenntnisnahme.301 Sind die signierten Daten vertraulich, so ist dieser Schutz auf andere Weise, etwa durch Versand über das elektronische Gerichts- und Verwaltungspostfach (EGVP), zu gewährleisten. 
153Der Einsatz des elektronischen Personalausweises ist auf die Erfüllung der Authentifizierungsfunktion beschränkt. Er dient dem Bürger als Möglichkeit des Identitätsnachweises gegenüber Behörden und privaten Dienstleistern für die Inanspruchnahme elektronischer Dienste. Er gewährleistet weder die Integrität von Dokumenten noch die Vertraulichkeit des Datenverkehrs. Allerdings sah das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten den Einsatz des elektronischen Personalausweises nach Erlass einer Rechtsverordnung des Bundesministeriums der Justiz mit Zustimmung des Bundesrates auf der Basis des § 130c Satz 4 ZPO als Instrument zur Identifizierung bei der Nutzung amtlicher elektronischer Formulare vor und lässt aufgrund des § 130a Abs. 4 Nr. 3 ZPO in einem solchen Fall seit dem 01.01.2018 ausdrücklich den Verzicht auf die Nutzung der qualifizierten Signatur zu.302 Eine solche Verordnung konnte bereits ab dem 01.07.2014 erlassen werden. 
154Weitere Sicherheit kann auch durch den Einsatz der De-Mail-Technik, auch in Kombination mit dem elektronischen Personalausweis (bei der „Erstregistrierung“), gewährleistet werden. Mit De-Mail (vgl. dazu Kapitel 5 Rn. 253 ff.) ist sichergestellt, dass über die De-Mail-Adresse nachweisbar der angegebene Teilnehmer erreichbar ist. Für die geschäftliche Kommunikation kann De-Mail künftig weite Bereiche einer authentifizierten und integren Kommunikation im Rahmen von staatlich zertifizierten Umgebungen und Dienstleistungen abdecken. Allerdings hat De-Mail in der Vergangenheit wenig Verbreitung gefunden, obwohl durch das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten in der seit 01.01.2018 geltenden Fassung des § 130a Abs. 3 Nr. 1 ZPO auf den Einsatz einer qualifizierten Signatur verzichtet werden kann, wenn das elektronische Dokument von der verantwortenden Person (einfach) „signiert und auf einem sicheren Übermittlungsweg eingereicht wird“. Ein sicherer Übermittlungsweg ist gem. § 130a Abs. 4 Nr. 1 ZPO auch der Postfach- und Versanddienst eines De-Mail-Kontos, wenn der Absender sicher angemeldet ist und sich die Anmeldung bestätigen lässt. Vor allem in der Arbeits- und Sozialgerichtsbarkeit können prozessvertretende Verbände und Gewerkschaften das beA oftmals nicht nutzen, da die Vertreter nicht über eine Rechtsanwaltszulassung verfügen.303 Zu beachten ist allerdings, dass bei Nutzung des beA auch ein elektronisches Empfangsbekenntnis (eEB) zurückgeschickt werden muss, über das die Webclients der De-Mail-Anbieter nicht verfügen. Daher muss hierfür eine andere Software eingesetzt werden – oder entgegen dem gesetzlichen (aber sanktionslos) vorgesehenen Formzwang der Empfang formlos bestätigt werden. 
 2. Schutz der digitalen Persönlichkeit 
155Im Kontext von E-Justice wird auch der gebotene staatliche Schutz der „digitalen Persönlichkeit“ diskutiert,304 der in Reaktion auf geänderten Informations- und Kommunikationsformen insbesondere über das Internet erfolgen soll und muss.305 Die vom Bundesverfassungsgericht aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht abgeleiteten Grundrechte auf informationelle Selbstbestimmung und auf Integrität und Vertraulichkeit informationstechnischer Systeme306 dienen nicht allein zur Abwehr staatlicher Eingriffe. Sie verpflichten den Staat gleichzeitig, die nötigen Maßnahmen zum Schutz der Bürger im Privatrechtsverkehr zu treffen.307 
156Das Modell des World Wide Web basiert auf dem ständigen (meist unbemerkten) Austausch von Informationen aller Art; die Preisgabe persönlicher Daten ist quasi die Eintrittskarte zur virtuellen Welt, persönliche Daten avancieren zur grenzüberschreitend gültigen Währung.308 Dabei ist die Sensibilität in der Bevölkerung, was den Schutz ihrer persönlichen Daten vor privaten Datensammlern angeht, inhomogen und von den unterschiedlichsten Motiven beeinflusst. Teils scheint eine gewisse „Sorglosigkeit“ und „Vertrauensseligkeit“ feststellbar. Erst sehr langsam und durch eine Reihe von medial sichtbaren Skandalen rund um Datenmissbrauch ist in manchen Bevölkerungsgruppen ein Umdenken in Gang gekommen. Auch Medienkompetenzinitiativen und freiwillige Verhaltenskodizes von bestimmten Plattformbetreibern zeigen positive Wirkungen. Weiter zu forcieren gilt es die IT- und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen in der schulischen Ausbildung durch nachhaltige Unterrichtsangebote. 
157Langfristiges Ziel muss es sein, eine neue Vertrauenskultur zu etablieren. Angesichts zunehmender Vertrauensverluste und Verunsicherung auf allen Ebenen (Staat, Wirtschaft, Gesellschaft), aber auch eines „systemimmanenten“ Misstrauens in technologische Innovationen können IT-Lösungen (in E-Commerce, E-Government und E-Justice) nicht (mehr) ohne begleitende vertrauensbildende Maßnahmen entwickelt und implementiert werden. Dies sind Fragen, denen sich in erster Linie der Staat im Rahmen seiner Regulierungsbemühungen stellen muss. Aber auch die (IT-)Wirtschaft, Softwarehersteller und IT-Dienstleister, Diensteanbieter im Internet sowie Branchenverbände sind gefragt, wenn es um solche Vertrauenskonzepte geht. Dabei geht es um mehr als bloße IT-Sicherheitslösungen. Relevanz haben auch Konzepte zur (rechts-)sicheren Authentifizierung (elektronischer Personalausweis, De-Mail), zur Schaffung von „sicheren Orten“, ggf. über eine Zertifizierung, oder zum Schutz der Privatsphäre zwischen notwendiger Anonymität und notwendiger Zurechenbarkeit des eigenen Handelns. Eine derartige Vertrauenskultur wird aus vertrauensbildenden Maßnahmen gebildet. Wesentliche Elemente sind u.a.: angemessene IT-Sicherheit, Regeln und Normen, Transparenz und kommunikative Elemente, die zwischen den beteiligten Akteuren – Staat, Wirtschaft und Bürgern – aufzubauen sind. Als vertrauensbildende Maßnahmen kommen etwa in Betracht: „technische“ Transparenz (Einsatz von open source), gesetzliche Verbote (Jugendschutz; Access-Sperrungen), gesetzliche Gebote (Verbraucherschutz im E-Commerce usw.), Sanktionen, Audits/Zertifizierung (z.B. Datenschutzaudits, Zertifizierung nach Grundschutzkatalog des BSI), Vergabe von Online-Gütesiegeln (E-Commerce und Datenschutz wie EuroPriSe), Reputationssysteme, Einbindung von Treuhändern/Treuhandstellen in elektronische Geschäftsprozesse (etwa durch Unterstützung von Mechanismen wie OpenID) oder Vertrauensbildung durch Technik (anonyme/pseudonyme Zugänge, Kryptographie309, Einsatz von Filtersoftware, gesetzliche Standardisierung von Sicherheit wie die qualifizierte elektronische Signatur oder die Formulierung von „ersatzweisen“ Techniken“. 
158Auch im Kontext von E-Justice entfaltet für den Schutz des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung die am 25.05.2016 in Kraft getretene und seit dem 25.05.2018 anwendbare EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO)310 Wirkung. 
159Hinzu kommt die Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten durch die zuständigen Behörden zum Zwecke der Verhütung, Ermittlung, Aufdeckung oder Verfolgung von Straftaten oder der Strafvollstreckung sowie zum freien Datenverkehr und zur Aufhebung des Rahmenbeschlusses 2008/977/JI des Rates (JI-Richtlinie)311, die mit dem neuen Bundesdatenschutzgesetz mit Wirkung vom 25.05.2018 umgesetzt wurde. 
160Die DSGVO nimmt nicht nur die Verwaltungen und die Wirtschaft in die Pflicht, auch die Gerichte und andere Justizbehörden sind vom Anwendungsbereich erfasst.312 Explizit durch Art. 2 Abs. 2 lit. b DSGVO ausgenommen vom sachlichen Anwendungsbereich ist die Tätigkeit durch die zuständigen Behörden zum Zwecke der Verhütung, Untersuchung, Aufdeckung oder Verfolgung von Straftaten oder der Strafvollstreckung, was den Schutz vor und die Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit ausschließt. Diese Tätigkeiten werden vielmehr von der genannten Richtlinie erfasst. 
161Art. 9 Abs. 2 lit. f DSGVO nimmt die Justiz vom Verbot der Verarbeitung bestimmter personenbezogener Daten aus, „wenn die Verarbeitung (…) zur Geltendmachung, Ausübung oder Verteidigung von Rechtsansprüchen oder bei Handlungen der Gerichte im Rahmen ihrer justiziellen Tätigkeit erforderlich ist“. Art. 37 Abs. 1 lit. b DSGVO sieht eine Ausnahme von der Pflicht zur Bestellung eines Datenschutzbeauftragen für Gerichte vor, „die im Rahmen ihrer justiziellen Tätigkeit handeln“. Ferner sind aufgrund von Art. 55 DSGVO die (Datenschutz-)Aufsichtsbehörden für die Aufsicht über die „von Gerichten im Rahmen ihrer justiziellen Tätigkeit vorgenommenen Verarbeitungen“ nicht zuständig. Das betrifft auch die Aufsicht über die Verarbeitung personenbezogener Daten durch Gerichte im Rahmen ihrer justiziellen Tätigkeit; diese Einschränkung bezieht sich also nicht auf andere Tätigkeiten, mit denen je nach dem nationalen Recht Richter betraut sein können. Im Übrigen ist die Justiz nicht gänzlich explizit ausgeklammert.313 Art. 6 Abs. 1 Satz 1 lit. e DSGVO lässt allerdings Datenverarbeitungen zu, wenn sie „für die Wahrnehmung einer Aufgabe erforderlich“ sind, „die im öffentlichen Interesse liegt oder in Ausübung öffentlicher Gewalt erfolgt, die dem Verantwortlichen übertragen wurde“, wobei dann allerdings vom Mitgliedstaat spezifisch eine Rechtsgrundlage hierfür zu schaffen ist. Ferner sind gem. Art. 23 Abs. 1 lit. f DSGVO – durch Unionsrecht oder das Recht der Mitgliedsstaaten zu regelnde – Ausnahmen von den Betroffenenrechten zum „Schutz der Unabhängigkeit der Justiz“ und dem „Schutz von Gerichtsverfahren“ vorgesehen. Art. 23 Abs. 2 DSGVO regelt in diesem Zusammenhang, welche spezifischen Vorschriften sodann vom Mitgliedstaat zu schaffen sind. 
162So konnten in der nationalen Umsetzung Bedenken berücksichtigt werden, die der Bundesrat im Vorfeld der Einigung über die Datenschutzgrundverordnung geäußert hatte: Als problematisch sah es z.B. der Bundesrat an, dass die Datenschutzgrundverordnung auf den Datenaustausch im Bereich der Rechtshilfe anwendbar sein könnte und die Behinderung des Datentransfers zu einer Versagung einer ansonsten möglichen Rechtshilfe gegenüber einem solchen Drittland sowie dazu führen könnte, dass das Drittland – dem Grundsatz der Gegenseitigkeit folgend – künftig seinerseits den Mitgliedstaaten der Europäischen Union keine Rechtshilfe mehr leistet. Ferner wies der Bundesrat darauf hin, dass das Gebot der Gewährung rechtlichen Gehörs das Gericht verpflichte, den Sachvortrag der Parteien umfassend zur Kenntnis zu nehmen. Damit sei es dem Gericht nicht möglich, Art und Umfang der von ihm zu verarbeitenden personenbezogenen Daten selbst zu steuern. Auch habe das Gericht sicherzustellen, dass der gesamte Akteninhalt zumindest für die Dauer des Verfahrens als Entscheidungsgrundlage zur Verfügung steht, und ist in weitem Umfang zur Offenlegung ihm bekannt gewordener Tatsachen verpflichtet. Deshalb seien die Benachrichtigungs-, Informations- und Dokumentationspflichten für ein Zivilgericht nicht erfüllbar. Auch ansonsten sei zu berücksichtigen, dass vielfach ein unabdingbares praktisches Bedürfnis danach bestünde, Gerichte und Behörden zu berechtigen und zu verpflichten, auch besonders geschützte personenbezogene Daten zu Erfüllung öffentlicher Aufgaben an andere Stellen weiterzuleiten. 
163Zwar wirkt die DSGVO als EU-Verordnung nach Art. 288 AEUV direkt und unmittelbar in allen Mitgliedsstaaten. Um allerdings die durch die Verordnung u.a. bei den Justizaspekten gewährten Spielräume für ergänzende Vorschriften oder nationale Sonderregelungen auszufüllen und „um ein reibungsloses Zusammenspiel der VO (EU) 2016/679 und der Richtlinie (EU) 2016/680 mit dem stark ausdifferenzierten deutschen Datenschutzrecht sicherzustellen“,314 wurde in Deutschland das Bundesdatenschutzgesetz an die neue Rechtslage angepasst. So wurde am 05.07.2017 das Gesetz zur Anpassung des Datenschutzrechts an die VO (EU) 2016/679 und zur Umsetzung der Richtlinie (EU) 2016/680 (Datenschutz-Anpassungs- und -Umsetzungsgesetz – EU-DSAnpUG-EU) vom 30.06.2017 im Bundesgesetzblatt verkündet.315 Dieses Gesetz beinhaltet vor allem das Bundesdatenschutzgesetz (neu), das zugleich mit der Datenschutzgrundverordnung am 25.05.2018 in Kraft trat. 
164§ 7 Abs. 1 Satz 2 BDSG stellt klar, dass sich im Fall eines bei einem Gericht bestellten Datenschutzbeauftragten dessen Aufgaben nicht auf das Handeln des Gerichts im Rahmen seiner justiziellen Tätigkeit beziehen. Auch ist der Bundesdatenschutzbeauftragte nicht für die Aufsicht über die von den Bundesgerichten im Rahmen ihrer justiziellen Tätigkeit vorgenommenen Verarbeitungen zuständig, § 9 Abs. 2 BDSG. In solchen Fällen ist auch keine Anrufung des Bundesdatenschutzbeauftragten durch Betroffene möglich, § 60 Abs. 1 BDSG. 
 B. Technische Grundlagen 
 I. Die elektronische Signatur 
 1. Überblick 
165Elektronische Signaturen316 waren durch den früher geltenden § 2 Nr. 1 SigG, der auf der Signaturrichtlinie (RL 1999/93/EG vom 13.12.1999) basierte, wie folgt definiert: „Daten in elektronischer Form, die anderen elektronischen Daten beigefügt oder logisch mit ihnen verknüpft sind und die zur Authentifizierung dienen“.317 Je nach Signaturart können sie der Sicherung der Integrität (das Dokument kann nach der Signierung nicht mehr von dritter Seite unbemerkt verändert werden) und der Authentizität (das elektronische Dokument ist dem angegebenen Absender zuzurechnen) eines Dokumentes dienen.318 Der Schutz der Vertraulichkeit gehörte demgegenüber nicht zum Schutzzweck der elektronischen Signatur nach dem Signaturgesetz (wohl aber zum Datenschutzrecht). Dieser Schutz kann durch (eine andere Form der) Verschlüsselung erreicht werden. Oftmals sind aber Signatur- und Verschlüsselungsprogramme in einer Anwendung vereint, so dass die Verschlüsselung von der Signierung für den Anwender oft nicht zu trennen ist. Elektronische Signaturen werden in einem asymmetrischen Kryptographieverfahren generiert.319 
166Am 18.09.2014 trat die EU-Verordnung über elektronische Identifizierung und Vertrauensdienste für elektronische Transaktionen im Binnenmarkt und zur Aufhebung der Richtlinie 1999/93/EG (eIDAS-VO) in Kraft (vgl. Rn. 79). Durch sie sollte ein einheitlicher europäischer Rechtsrahmen für alle elektronischen Sicherheitsdienste geschaffen werden. Mit Inkrafttreten des Art. 12 des Gesetzes zur Durchführung der VO (EU) Nr. 910/2014 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23.07.2014 über elektronische Identifizierung und Vertrauensdienste für elektronische Transaktionen im Binnenmarkt und zur Aufhebung der Richtlinie 1999/93/EG (eIDAS-Durchführungsgesetz) am 29.07.2017 traten das Signaturgesetz und die Signaturverordnung außer Kraft. Damit wurde der Tatsache Rechnung getragen, dass die eIDAS-VO unmittelbar anzuwenden ist und daher bereits mit ihrem Inkrafttreten das deutsche Signaturrecht insoweit unanwendbar geworden war, als es der europäischen Verordnung widersprach (siehe Rn. 79). Die eIDAS-VO erlaubt in ihrem Geltungsbereich eine qualifizierte elektronische Signatur ohne Einsatz einer im unmittelbaren Besitz des Signaturschlüsselinhabers befindlichen Signaturkarte: Der private Signaturschlüssel kann durch einen Vertrauensdiensteanbieter gespeichert und verwaltet werden. Es muss allerdings sichergestellt sein, dass jeder Signaturschlüsselinhaber nur auf seinen dort gespeicherten, eigenen privaten Signaturschlüssel zugreifen kann.320 Soweit die eIDAS-VO den EU-Mitgliedstaaten einen Konkretisierungsspielraum überließ, wird dieser in Deutschland durch das Vertrauensdienstegesetz ausgefüllt. 
167Terminologisch wird in der Verordnung zwischen nichtqualifizierten und qualifizierten Vertrauensdiensten und deren Anbietern unterschieden, woraus sich abgestufte Rechtsfolgen und Beweiswirkungen ergeben. Ein Vertrauensdienst ist nach Art. 3 Nr. 16 eIDAS-VO ein elektronischer Dienst, der in der Regel gegen Entgelt erbracht wird und aus der Erstellung, Überprüfung und Validierung elektronischer Siegel besteht oder die Zustellung elektronischer Einschreiben betrifft. Vertrauensdienste nach der eIDAS-VO sind elektronische Signaturen, elektronische Siegel, elektronische Zeitstempel, elektronische Einschreiben sowie Zertifikate für die Website-Authentifizierung. Seit dem 01.07.2016 gelten nunmehr die hierfür relevanten materiellen Regelungen der eIDAS-VO (Art. 52 Abs. 2 eIDAS-VO). 
168Zu unterscheiden sind nach der eIDAS-Verordnung folgende Signaturen:
 Einfache elektronische Signatur
 Fortgeschrittene elektronische Signatur
 Qualifizierte elektronische Signatur
 
 2. Die einfache elektronische Signatur 
169Art. 3 Nr. 10 eIDAS-VO statuiert die (einfache) elektronische Signatur. Diese kennzeichnet die bloße Beifügung oder Verknüpfung von Daten, die der Unterzeichner zum Unterzeichnen verwendet, mit den zu signierenden Daten.321 Insoweit wurden durch die eIDAS-VO die inhaltlichen Anforderungen im Vergleich zur Signaturrichtlinie bzw. dem Signaturgesetz nicht geändert, sodass insbesondere die bloße Namensnennung in einer E-Mail weiterhin ausreichend ist.322 Insoweit unterfällt der einfachen elektronischen Signatur schon ein eingetippter Name, etwa am Ende einer E-Mail, oder eine eingescannte Unterschrift.323 Mit einer einfachen Signatur wird eine mit der handschriftlichen Signatur vergleichbare Sicherheit nicht erreicht. Mit dieser Signatur sind keine Sicherheitsanforderungen verbunden.324 Eine feste Verknüpfung mit dem Inhalt des signierten Dokuments ist hier nicht erforderlich. Ihre Beweisqualität wird von der herrschenden Ansicht in der Literatur als gering eingestuft.325 
 3. Die fortgeschrittene elektronische Signatur 
 a. Zweck 
170Bei der fortgeschrittenen elektronischen Signatur nach Art. 3 Nr. 11 eIDAS-VO sind darüber hinaus die zusätzlichen Voraussetzungen des Art. 26 lit. a-d eIDAS-VO zu erfüllen. 
171Elektronischen Nachrichten, wie etwa E-Mails, sieht man nicht an, ob sie auf dem Weg vom Absender zum Empfänger verfälscht wurden. Auch kann Unsicherheit mit Blick auf die Authentizität bestehen, weil die Nachricht nicht unbedingt von demjenigen stammen muss, der sich in ihr als ihr Absender ausgibt. Fortgeschrittene elektronische Signaturen bieten die Möglichkeit, diesbezügliche Unsicherheiten weitgehend auszuschließen. Sie werden wie eine schützende „Hülle“ um das Dokument gelegt, um Veränderungen während seiner Übermittlung zu verhindern. Gleiches geschieht mit der Absenderangabe, um die Identität des Absenders zu verifizieren. Erreicht wird dieser Schutz mittels einer verschlüsselten elektronischen Signatur. 
 b. Eigenschaften 
172Fortgeschrittene elektronische Signaturen erfüllen die folgenden Merkmale:
 Sie sind ausschließlich dem Signaturschlüsselinhaber zugeordnet und ermöglichen seine Identifizierung. Der Schlüssel, mit dem die Nachricht gegen unerwünschten Zugriff gesichert wird, ist nur dem Absender vollständig bekannt („private key“326). Der andere Teil des Schlüssels („public key“327) wird für jedermann einsehbar hinterlegt. Mit ihm kann die Signatur des Schlüsselinhabers geprüft werden. Es werden öffentliche Schlüsselverzeichnisse – ähnlich Telefonbüchern – geführt, in denen die öffentlichen Schlüssel gefunden werden können.
 Fortgeschrittene elektronische Signaturen werden mit Mitteln erzeugt, die der Signaturschlüsselinhaber unter seiner alleinigen Kontrolle halten kann.
 Sie sind mit den Daten, auf die sie sich beziehen, so verknüpft, dass eine nachträgliche Veränderung der Daten erkannt werden kann.
 
173Die fortgeschrittene elektronische Signatur stellt bei der Gewährleistung von Authentizität und Integrität eine Art „Zwischenstufe“ zwischen der einfachen elektronischen Signatur und der qualifizierten elektronischen Signatur dar. 
174Das geltende Recht knüpft indes keine Rechtsfolgen an die Verwendung der fortgeschrittenen elektronischen Signatur. Insbesondere kann durch diese Art der Signatur nicht die gesetzlich vorgeschriebene Schriftform (z.B. § 126 BGB) ersetzt werden, wie das durch die qualifizierte elektronische Signatur möglich ist (vgl. § 126a BGB). Über die Definition hinaus werden in der eIDAS-VO keine weiteren Regelungen dieser Signaturart getroffen. 
175Auch wird diesem Signaturverfahren nur eine geringe Beweiseignung zugesprochen, da der Beweisführer bei entsprechendem Einwand darauf angewiesen ist, die Integrität und Authentizität der vorliegenden signierten Erklärung detailliert nachzuweisen.328 
 4. Die qualifizierte elektronische Signatur 
176Art. 3 Nr. 12 eIDAS-VO definiert die qualifizierte elektronische Signatur. Diese muss sowohl auf einem qualifizierten Zertifikat nach Art. 3 Nr. 14 eIDAS-VO beruhen329 als auch mittels einer qualifizierten Signaturerstellungseinheit nach Art. 3 Nr. 23, Nr. 22 eIDAS-VO erzeugt werden. Deren konkrete technische Voraussetzungen sind in Anhang II der Verordnung normiert (Art. 29 Abs. 1 eIDAS-VO).330 
177Zum Beweiswert dieser Signatur äußert sich die eIDAS-Verordnung nicht. Er ist indes sehr hoch (Einzelheiten bei § 371a ZPO, der sich auf qualifizierte elektronische Signaturen gem. Art. 32 eIDAS-VO bezieht, vgl. Rn. 410 ff.). 
 5. Sonderfall: „Containersignatur“ 
178Eine Containersignatur ist eine Signatur, die mehrere Dokumente umfasst, die in einem sog. „Container“ zusammengefasst sind, z.B. eine Klageschrift mit mehreren Anlagen. Vor dem Inkrafttreten der Verordnung über die technischen Rahmenbedingungen des elektronischen Rechtsverkehrs und über das besondere elektronische Behördenpostfach (Elektronischer-Rechtsverkehr-Verordnung – ERVV, siehe dazu Rn. 258 ff.) vom 24.11.2017 war eine Signatur dieses Containers wirksam,331 es musste also nicht jedes Dokument einzeln signiert werden. 
179Ohne die einschränkende Regelung des § 4 Abs. 2 ERVV würde auch nach dem 31.12.2017 weiterhin die Verwendung einer Containersignatur ausreichen, um den Anforderungen des § 130a ZPO zu genügen. Dies stellt Bacher überzeugend dar und weist darauf hin, dass eine Containersignatur auch bei organisatorischer Trennung von Signatur und Versand – bspw. über das EGVP – zum Einsatz kommen kann.332 Der zum 01.01.2018 in Kraft getretene § 4 Abs. 2 ERVV lässt jedoch eine Containersignatur nicht mehr zu: „Mehrere elektronische Dokumente dürfen nicht mit einer gemeinsamen qualifizierten elektronischen Signatur übermittelt werden.“ Somit muss seither jedes einzelne Dokument mit einer qualifizierten elektronischen Signatur versehen werden. Dabei gilt auch eine Anlage als „elektronisches Dokument“ im Sinne des § 130a Abs. 1 ZPO, welches gem. § 130a Abs. 3 ZPO „mit einer qualifizierten elektronischen Signatur der verantwortenden Person versehen sein oder von der verantwortenden Person signiert und auf einem sicheren Übermittlungsweg eingereicht werden“ muss, es kann also nicht mehr mithilfe einer Containersignatur mit dem Hauptdokument verbunden werden. Verzichtbar ist eine qualifizierte elektronische Signatur nur dann, wenn die Anlage zum Dokument auf einem „sicheren Übermittlungsweg“ im Sinne des § 130a Abs. 4 ZPO an das Gericht übersandt wird. 
180Die neue Rechtslage hat das BAG dazu veranlasst, eine Nichtzulassungsbeschwerde nicht als formwirksam eingereicht anzusehen, wenn nach dem 01.01.2018 die qualifizierte elektronische Signatur nur an dem an das EGVP übermittelten Nachrichtencontainer angebracht ist.333 
181Allerdings hat die Rechtsprechung die Wirkung dieses Verbots auch teilweise wieder eingeschränkt: So bedürfe das Verbot, mehrere elektronische Dokumente mit einer gemeinsamen elektronischen Signatur zu übermitteln (§ 4 Abs. 2 ERVV) einer auf sein Regelungsziel bezogenen, einschränkenden Auslegung, denn anderenfalls würde gegen das Rechtsstaatsprinzip des Art. 20 Abs. 3 GG verstoßen.334 So bestünde das Verbot einer Container- oder Umschlagssignatur nicht, wenn der Absender mit ihr lediglich solche elektronischen Dokumente verbindet, die sämtlich ein Verfahren betreffen sowie nach dem Eingang bei Gericht zusammen mit den bei der Übermittlung angefallenen Informationen und mit dem Ergebnis der Signaturprüfung auf Papier ausgedruckt sowie zu den Gerichtsakten genommen werden. Denn in diesem Fall müssten Integrität und Authentizität einer qualifizierten elektronischen Signatur nicht über ein derartiges Verbot sichergestellt werden. 
182Demgegenüber erachtet das BSG die Verwendung einer Containersignatur über das EGVP seit dem 01.01.2018 als unzulässig und schließt sich damit nicht der soeben dargestellten Ansicht des OLG Brandenburg an.335 Das BSG fordert vom Gericht allerdings „angesichts der derzeitigen äußeren Rahmenbedingungen“ einen unverzüglichen Hinweis auf die fehlerhafte Signatur, damit der Kläger den Mangel fristwahrend beheben kann. Unter Umständen sei ihm zur Gewährleistung effektiven Rechtsschutzes Wiedereinsetzung in den vorigen Stand zu gewähren. Zwar liege bei einer aufgrund des Verstoßes gegen § 4 Abs. 2 ERVV fehlerhaften Signatur ein „nicht ordnungsgemäß übermitteltes, nicht aber ein nicht zur Bearbeitung geeignetes elektronisches Dokument“ vor. Ein Prozessbeteiligter könne jedoch erwarten, dass ein unzulässig eingereichtes Rechtsmittel in angemessener Zeit bemerkt werde und innerhalb eines ordnungsgemäßen Geschäftsgangs die notwendigen Maßnahmen getroffen würden, um ein drohendes Fristversäumnis zu vermeiden.336 
182.1In der Folge hat das BSG seine Auffassung bestätigt (BSG v. 20.03.2019 - B 1 KR 7/18 B).
Aktualisierung vom 02.07.2019
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182.2Dass die Containersignatur seit 01.01.2018 nicht mehr den Anforderungen des § 130a ZPO genügt, hat als weiteres oberstes Bundesgericht jüngst auch der BGH entschieden (BGH v. 15.05.2019 - XII ZB 573/18). Damit hat sich im Laufe der Zeit die in Rn. 181 dargestellte Ansicht des OLG Brandenburg einer einschränkenden Auslegung des Verbots der Containersignatur letztlich als Einzelmeinung in der Rechtsprechung herauskristallisiert, zumal auch das BVerwG (v. 07.09.2018 - 2 WDB 3/18 - juris Rn. 8) „nicht zu [dieser] Auffassung neigt“.
Aktualisierung vom 02.07.2019
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 6. Sonderfall: „monetär beschränkte“ Signaturen 
183Umstritten ist, ob eine Klage (wirksam) erhoben werden kann, wenn die elektronische Signatur, mit der die Klageschrift versehen wird, eine monetäre Beschränkung aufweist. Qualifizierte elektronische Signaturen können eine solche Beschränkung aufweisen, darüber hinaus können sie auch eine Beschränkung nach der Art ihrer Anwendung enthalten, etwa auf bestimmte Rechtsgeschäfte, und weitere Beschränkungen. 
184Nach der Rechtsprechung des BFH steht die Eintragung einer monetären Beschränkung der Wirksamkeit einer Signatur – entgegen der stark kritisierten Entscheidung der Vorinstanz337 – nicht entgegen.338 Denn diese bezieht sich auf unmittelbare finanzielle Transaktionen (Überweisungsvorgänge, andere Geldgeschäfte), nicht aber auf die Übermittlung eines bestimmenden Schriftsatzes wie eine Klageerhebung. Der BFH weist darauf hin, dass die Signatur in diesem Zusammenhang allein Authentizität und Integrität des übermittelten elektronischen Dokumentes sichern soll. Unter Bezugnahme auf Roggenkamp339 hat das Gericht weiterhin festgestellt, dass der Ausschluss mittelbarer Haftungsrisiken nicht über eine Eintragung monetärer Beschränkungen zu erfolgen hat, sondern unter der Rubrik „frei wählbare Beschränkung“. Dieses Ergebnis begründet keine Haftungsrisiken für den Anwalt als Verwender der Signatur. Der bevollmächtigte Prozessvertreter haftet nicht für die Kosten des Prozesses, wenn der vermeintlich Vertretene die Klageerhebung veranlasst hat.340 
 7. Erstellung und Verwendung der qualifizierten elektronischen Signatur 
 a. Erstellung der elektronischen Signatur mittels einer Signaturkarte 
185Die Erstellung einer elektronischen Signatur (Signierung eines Dokumentes) kann prototypisch (die Einzelheiten hängen von der jeweils eingesetzten Software ab) wie folgt beschrieben werden: Um das elektronische Dokument mit der elektronischen Signatur zu versehen, muss zunächst die Signaturkarte in den mit dem Rechner verbundenen Chipkartenleser eingeführt werden. Dann muss die entsprechende Programmfunktion der Signatursoftware bedient werden (z.B. Schaltfläche „signieren“ im E-Mail-Programm341), die den Signierungs- bzw. Verschlüsselungsvorgang startet. Die Verschlüsselung findet ausschließlich auf dem Chip der Signaturkarte statt. Zu diesem Zweck hat die Karte neben der Speicher- auch eine Rechenfunktion. Der private Teil des Signaturschlüssels verlässt durch diese Technik die Karte nicht, was für zusätzliche Sicherheit sorgt. Bei der Signierung wird ein „Hash-Wert“342 erzeugt, der das elektronische Dokument und seinen Absender eindeutig identifiziert. Dieser Wert wird mit dem privaten Schlüssel des Absenders verschlüsselt.343 
186Schließlich ist die Eingabe der Signatur-PIN erforderlich. Sie erfolgt bei einigen Lösungen über die Tastatur des Rechners. Sicherer und damit vorzuziehen ist aber eine Eingabe über ein Tastenfeld am Lesegerät, denn die Eingabe der PIN per Tastatur könnte von heimlich auf dem Rechner installierten Programmen aufgezeichnet werden, die Tastaturanschläge protokollieren. Dann wird die signierte Nachricht abgesendet. Versendet werden das Original-Dokument, das Zertifikat sowie der verschlüsselte Hash-Wert. 
 b. Prüfung der elektronischen Signatur 
187Die Prüfung der elektronischen Signatur durch den Empfänger erfolgt mit Hilfe des öffentlichen Schlüssels. Dieser Teil des Schlüssels ist im Zertifikat enthalten. Die Software des Empfängers bildet einen zweiten Hash-Wert und überprüft dessen Übereinstimmung mit dem ursprünglichen Hash-Wert. Wenn beide Hash-Werte übereinstimmen, stammt das elektronische Dokument von dem, der sich des privaten Schlüssels bedient hat (Authentizität), und ist auf seinem Weg zum Empfänger nicht verfälscht worden (Integrität). 
188Demgegenüber besteht für den Prozessgegner und weitere Verfahrensbeteiligte lediglich die Möglichkeit, die Gültigkeit der Signatur über die Einsichtnahme des Protokolls der seitens des Gerichts durchgeführten Signaturprüfung zu kontrollieren.344 Der teilweise gezogene Schluss, der Prozessgegner müsse zumindest auf Verlangen vom Gericht die Signaturinformationen im Original erhalten, ergibt sich laut Bacher weder aus Art. 103 Abs. 1 GG, Art. 6 Abs. 1 EMRK noch aus sonstigen (prozess-)rechtlichen Vorschriften; vielmehr zeige ein Vergleich mit § 298 Abs. 3 ZPO, dass der Gesetzgeber die Dokumentation des Ergebnisses der Signaturprüfung in der Akte als ausreichend erachtet habe.345 Mindestanforderungen an dieses Protokoll seien daher: Ergebnis der Integritätsprüfung, festgestellter Inhaber der Signatur und Zeitpunkt ihrer Anbringung.346 
 c. Die Sicherheit der qualifizierten elektronischen Signatur 
189Eine Extraktion des privaten Schlüssels aus der Signaturkarte ist praktisch unmöglich. Genauso ist die Erzeugung einer gültigen digitalen Signatur ohne Eingabe der PIN (Entsperrung) nicht möglich.347 
 d. Kosten der Verwendung der qualifizierten elektronischen Signatur 
190Die Kosten für die Einrichtung (Software, Signaturkarte, Kartenleser) betragen pro Arbeitsplatz etwa 120 €. Hinzu kommen jährliche Kosten für das qualifizierte Zertifikat, ca. 40 bis 60 €.348 
 e. Gewährleistung von Vertraulichkeit 
191Zur Sicherstellung der Vertraulichkeit der elektronischen Kommunikation sind Gerichte (z.B. § 174 Abs. 3 Satz 3 ZPO) und Anwälte (z.B. § 43a Abs. 2 BRAO) verpflichtet. Vertraulichkeit der Kommunikation, also die Sicherung gegen die unbefugte Kenntniserlangung während des Übertragungsvorgangs, wird grundsätzlich nicht durch (qualifizierte) elektronische Signaturen erreicht. Es ist aber möglich, unter Verwendung der Signatur die Vertraulichkeit der Nachricht sicherzustellen. Dazu wird die Nachricht mit Hilfe der elektronischen Signatur (öffentlicher Schlüssel) des Empfängers verschlüsselt.349 
192Für diese Art der Kommunikation muss der Absender allerdings die Person des Empfängers exakt benennen können. Ist ihm diese nicht bekannt, wie oft bei der Kommunikation mit Behörden, kann diese Art der Gewährleistung von Vertraulichkeit nicht eingesetzt werden.350 Dies ist bei der Kommunikation zwischen Organisationen (Gerichten, Anwaltskanzleien) der Fall. Denn weder die Sekretärin noch der Vertreter könnten das Dokument entschlüsseln und damit lesbar machen.351 Soweit eine Verschlüsselung eines Dokuments in diesen Fällen notwendig ist, kann eine verschlüsselte Leitung (z.B. die beim Onlinebanking gebräuchliche SSL-Verschlüsselung352) verwendet werden. 
 f. Inkurs: Fremderzeugung von elektronischen Signaturen 
193Wollen Unternehmen oder Behörden die mit der Verwendung von elektronischen Signaturen verbundenen Herausforderungen nicht selbst auf sich nehmen, können sie die Erzeugung der Signaturen an einen Dienstleister delegieren. Dafür gibt es zwei grundsätzlich funktionaläquivalente Alternativen: zum einen das Vertretungsmodell, bei dem der Dienstleister selbst als Signierender auftritt. Aufgrund einer vertraglichen Vollmacht signiert er die Dokumente des Auftraggebers mit seiner Signatur unter Verwendung des Zertifikats im Namen des Auftraggebers. Für den Empfänger wird somit deutlich, dass eine Willenserklärung des Vertreters vorliegt, die er im Auftrag und im Namen des vertretenen Auftraggebers abgibt.353 Zum anderen gibt es das Fremdsignierungsmodell, bei dem der Dienstleister Signaturen des Auftraggebers erzeugt: Auf der Grundlage einer vertraglichen Absprache signiert der Dienstleister die Dokumente des Auftraggebers mit dessen Signatur. Der Dienstleister verwendet dabei die sichere Signaturerstellungseinheit, die PIN und das Zertifikat des Auftraggebers, die dieser dem Dienstleister zur Verfügung gestellt hat. Für den Empfänger des Dokuments wird bei dieser Vorgehensweise nicht erkennbar, dass ein anderer die Signatur für den im Zertifikat Genannten erzeugt hat.354 Aufgrund des Wechsels von faktischen zu bloß normativen Sicherheitsmerkmalen bietet das Fremdsignierungsmodell ein deutlich geringeres Maß an Sicherheit, die Signatur dem Signaturschlüsselinhaber nachweisen zu können, als das normativ vorgesehene Modell der Eigensignierung. Deshalb sind die im Fremdsignierungsmodell erzeugten elektronischen Signaturen keine qualifizierten Signaturen im Rechtssinne.355 
 g. Qualifizierte elektronische Signatur als Fernsignatur 
194Gemäß der eIDAS-Verordnung lassen sich qualifizierte elektronische Signaturen auch ohne Signaturkarten und sogar mobil auslösen, zum Beispiel über Desktops, Smartphones oder Tablets. Authentifizierung und Bereitstellung des Zertifikates können innerhalb weniger Minuten erfolgen. Der private Signaturschlüssel wird hierbei auf sicheren Servern eines qualifizierten Vertrauensdiensteanbieters generiert.356 So bietet die Bundesdruckerei einen Fernsignaturdienst „sign-me“ an, der in Signatursoftware und Clouddienste weiterer Anbieter eingebunden werden kann. Softwarelösungen wie sign-me kommen ohne zusätzliche Hardware- oder Softwarekomponenten aus und können über eine Webservice-Schnittstelle in bestehende Online-Plattformen integriert werden. Damit käme auch ein Einsatz für die Erleichterung der Justizkommunikation in Betracht und könnte eine Sonderinfrastruktur durch elektronische Postfächer langfristig nicht mehr zwingend erforderlich erscheinen lassen.357 
 8. Das qualifizierte elektronische Siegel 
195Das elektronische Siegel war im deutschen Recht bislang noch nicht verankert. Seine Einführung durch die eIDAS-VO füllte eine „Lücke in der elektronischen Kommunikation“358, stellt es doch die technische Entsprechung der qualifizierten elektronischen Signatur für juristische Personen dar359 und ermöglicht damit eine flächendeckende Nutzung im gesamten Unternehmen als Herkunftsnachweis.360 Allerdings fehlt dem Siegel die Willenserklärung. Bislang mussten Erklärungen einer juristischen Person – oder auch von Behörden, worin das elektronische Siegel ebenfalls zum Einsatz kommen kann – mit der qualifizierten elektronischen Signatur eines Mitarbeiters versehen werden, auch wenn diese nur in Vertretung der juristischen Person gehandelt haben. Der VGH München entschied 2015 über die Rechtmäßigkeit der Verpflichtung eines Mitarbeiters des Deutschen Patent- und Markenamtes zur Beantragung und Nutzung der qualifizierten elektronischen Signatur zu behördlichen Zwecken.361 Das Gericht wog das öffentliche Interesse an einem sicheren elektronischen Rechtsverkehr höher als den mit der Anordnung verbundenen Eingriff in die informationelle Selbstbestimmung der betroffenen Mitarbeiter und sah daher die Verpflichtung als rechtmäßig an. Dennoch können durch das elektronische Siegel die Abläufe im Unternehmen in Zukunft erheblich vereinfacht werden.362 Allerdings fehlt dem elektronischen Siegel die der Signatur immanente Erklärungsfunktion. Zwar wäre es theoretisch möglich, eine echte Organisationssignatur zu schaffen.363 Auf die Einführung einer Organisationssignatur hat der deutsche Gesetzgeber verzichtet. Das eIDAS-Durchführungsgesetz364 sieht keine Regelung zum konkreten Einsatz eines qualifizierten elektronischen Siegels vor. Stattdessen beschränkt sich der Gesetzentwurf auf formell erforderliche Anpassungen des nationalen Rechts, um den Anforderungen der eIDAS-Verordnung zu entsprechen. Die Einsatzszenarien des qualifizierten elektronischen Siegels sind daher durch konkrete fachliche Regelungen zu bestimmen. 
196Der Status eines qualifizierten Vertrauensdiensteanbieters wird von der Bundesnetzagentur als Aufsichtsstelle365 verliehen und erfordert die Erfüllung diverser Anforderungen wie etwa Vertrauenswürdigkeit der verwendeten Systeme und ausreichende Fachkunde der Beschäftigten, vgl. Art. 24 Abs. 2 eIDAS-VO. Dies muss zuvor durch den positiven Prüfbericht einer Konformitätsbewertungsstelle nachgewiesen werden; diese Prüfung muss auf Kosten des Vertrauensdiensteanbieters auch alle zwei Jahre wiederholt werden, um den Qualifikationsstatus aufrechterhalten zu können. 
197Die qualifizierten Vertrauensdiensteanbieter und deren Vertrauensdienste werden in öffentlich zugängliche Vertrauenslisten durch die Aufsichtsstellen eingetragen, Art. 22 Abs. 5 eIDAS-VO.366 
198Qualifizierte Vertrauensdienste können ihren Status durch Verwendung des EU-Vertrauenssiegels nach außen kenntlich machen, Art. 23 eIDAS-VO.367 
199Zwar berührt die eIDAS-VO grundsätzlich nicht das nationale Recht in Bezug auf Formvorschriften, was sich aus Erwägungsgrund 21 und Art. 2 Abs. 3 eIDAS-VO ergibt. Dennoch musste das nationale Recht insoweit angepasst werden, weil die Prozessvorschriften noch auf das Signaturgesetz verwiesen, das wiederum auf der aufgehobenen Signaturrichtlinie 1999/93/EG beruhte. Eine denkbare Neuregelung des deutschen Beweisrechts erfolgte jedoch nicht. So regelt der angepasste § 371a Abs. 1 Satz 2 ZPO lediglich, dass der Anschein der Echtheit einer in elektronischer Form vorliegenden Erklärung, der sich auf Grund der Prüfung der qualifizierten elektronischen Signatur nach Art.32 eIDAS-VO ergibt, „nur durch Tatsachen erschüttert werden“ kann, die „ernstliche Zweifel daran begründen, dass die Erklärung von der verantwortenden Person abgegeben worden ist.“ Weiterhin kennt das deutsche Recht bislang keine Beweiswirkungen, die sich etwa für das qualifizierte elektronische Einschreiben ergeben (Art. 43 Abs. 2 eIDAS-VO; vgl. hierzu auch Rn. 410 ff.).368 Im Rahmen des eIDAS-Durchführungsgesetzes369, welches das nationale Recht ergänzte bzw. modifizierte, finden sich hierzu auch keine ergänzenden Regelungen der Prozessgesetze.370 
 II. Kommunikation mit der Justiz 
200Elektronische Kommunikation, d.h. das Versenden von Nachrichten und Übermitteln von Dokumenten auf elektronischem Wege, ist auf unterschiedliche Weise möglich. Nachdem der Versand einfacher E-Mails mit spezifischen Unsicherheiten behaftet ist, hat in der Justizkommunikation der Up- und Download von Nachrichten und Dateien in speziell für die Kommunikation mit den Gerichten entwickelten und gesicherten Umgebungen zentrale Bedeutung erlangt. 
201Zwischen den Parteien bzw. Anwälten wird indes weiterhin oft mittels einfacher E-Mail kommuniziert. Zusätzliche Kosten für den Mandanten löst die E-Mail-Kommunikation zwischen Anwälten dabei nicht aus. Die anwaltliche Kommunikation über E-Mail ist nach einer Entscheidung des BGH nicht als „Besprechung“ i.S.d. Gebührenregelungen zu werten.371 Eine Terminsgebühr nach Nr. 3104 VV RVG wird insoweit nicht fällig. Anders verhält es sich, wenn dem E-Mail-Austausch eine telefonische Besprechung folgt.372 Die Entscheidung des BGH lässt angesichts des eindeutigen Wortlautes der zu Grunde liegenden Norm („Besprechung“) zwar kaum Raum für Kritik. Dennoch scheint die „erweiternde teleologische“ Auslegung der Vorinstanz373 vorzugswürdig, nach welcher der zur Vermeidung bzw. Erledigung des gerichtlichen Verfahrens dienende E-Mail-Austausch einer Besprechung mit derselben Zielrichtung gleichzustellen ist. Denn in vielen Fällen steht der E-Mail-Verkehr einer mündlichen oder fernmündlichen Besprechung substantiell in nichts nach. 
 1. Datei-Upload 
 a. Allgemeines 
202Datei-Upload-Lösungen sind mit einem „elektronischen Nachtbriefkasten“ zu vergleichen. Sie ermöglichen – im Gegensatz zur Übermittlung per E-Mail – die Übermittlung von Dateien über eine „Punkt-zu-Punkt-Verbindung“, so dass eine schnelle und sicherere Übertragung grundsätzlich gewährleistet ist.374 Eingesetzt werden das FTP-375 oder HTTP376-Verfahren. Eine Rückmeldung, ob die Übertragung erfolgreich war, erfolgt im Regelfall sofort. 
 b. EGVP 
203Das EGVP (Elektronisches Gerichts- und Verwaltungspostfach) ist eine Software, mit der Gerichte und Behörden mit ihren „Kunden“ (z.B. Verfahrensbeteiligten oder Antragstellern) und untereinander besonders sicher Nachrichten im sog. OSCI-Format377 austauschen. Es wurde unter Beteiligung des Bundesministeriums der Justiz vom Bundesverwaltungsgericht und dem Bundesfinanzhof zusammen mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und dem Oberverwaltungsgericht Münster konzipiert. Das Kommunikationssystem ist seit 2004 in Betrieb und verzeichnete seitdem wachsende Teilnehmerzahlen. Die Nachrichten können mit Anhängen versehen und – soweit erforderlich – elektronisch signiert werden. Die Versendung einer Nachricht über das EGVP erfolgt stets verschlüsselt, ein unverschlüsselter Versand ist nicht möglich.378 Das EGVP dient lediglich der Übermittlung der Nachrichten. Das – für bestimmende Schriftsätze bestehende – Erfordernis einer qualifizierten elektronischen Signatur besteht weiterhin fort. Allerdings kann das EGVP als Signatursoftware verwendet werden. 
204Das EGVP wird für einige Massenanwendungen bundesweit eingesetzt, etwa im elektronischen Handelsregister oder beim Online-Mahnantrag379, und wurde in der Vergangenheit als Kommunikationsweg zur gesamten Justiz weiter ausgebaut. Das Identitätsmanagement beruht auf S.A.F.E. – Secure Access to Federated E-Justice. Als erprobte und bewährte Basisinfrastruktur wurde das EGVP zunehmend auch im E-Government-Bereich genutzt, etwa für die Kommunikation zwischen Bürger und einheitlichem Ansprechpartner (vgl. dazu Kapitel 5 Rn. 41 und Kapitel 5 Rn. 626 ff.).380 
205Die Bund-Länder-Kommission für Informationstechnik (BLK) in der Justiz beschloss nach dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten verschiedene Änderungen zum Einsatz des EGVP; die Bereitstellung einer Sende- und Empfangskomponente (EGVP-Classic-Client-Software) ist seither den Softwareherstellern überlassen. Deshalb wurde der Support für den durch die Justiz zum Download bereitgestellten EGVP-Classic-Client (EGVP-Installer) zum 31.12.2016 eingestellt. Der Client sollte ursprünglich bis zum 01.01.2018 abgekündigt werden, angesichts der zwischenzeitlichen Offline-Schaltung des beA wurde dieser Zeitpunkt jedoch auf den 04.10.2018 verschoben.381 Seit diesem Tag ist er endgültig abgeschaltet und wurde durch einen Nachfolgeclient, der nur der Verwaltung bereits empfangener Nachrichten dient und für den kein Support geleistet wird, ersetzt.382 Rechtsanwälte nutzen seither das besondere elektronische Anwaltspostfach (beA), Notare das besondere elektronische Notarpostfach (beN), Behörden und juristische Personen das besondere elektronische Behördenpostfach (beBPo). Weitere professionelle Nutzer sowie Unternehmen und Bürger können ein für die Nutzung des OSCI-gestützten elektronischen Rechtsverkehrs registriertes Drittprodukt nutzen oder die EGVP Enterprise in die Fachsoftware integrieren lassen.383 Das zunächst für einen einmaligen oder selten benötigten elektronischen Zugang zur Justiz zur Verfügung gestellte Onlineformular WEB-EGVP ist mittlerweile nicht mehr verfügbar. 
206Sofern kein besonderes elektronisches Postfach genutzt wird und ein Schriftformerfordernis für die Einreichung besteht, müssen die Dokumente mit einer qualifizierten elektronischen Signatur versehen werden. Eine elektronische Rückantwort an den Einreicher ist allerdings nicht mehr möglich, weil gem. § 174 Abs. 3 Satz 3 ZPO ein elektronisches Dokument des Gerichts auf einem sicheren Übermittlungsweg im Sinne des § 130a Abs. 4 ZPO zu übermitteln ist und nicht alle Nutzer des elektronischen Rechtsverkehrs über einen solchen sicheren Übermittlungsweg verfügen können. 
 c. Besonderes elektronisches Anwaltspostfach (beA)/besonderes Postfach einer Behörde (beBPo) 
207Für die Justizkommunikation ist seit 01.01.2018 vorgesehen, den Übermittlungsweg zwischen dem besonderen elektronischen Anwaltspostfach nach § 31a BRAO (vgl. dazu Rn. 89 ff.) und der elektronischen Poststelle des Gerichts sowie den Übermittlungsweg zwischen einem nach Durchführung eines Identifizierungsverfahrens eingerichteten Postfach einer Behörde (oder einer juristischen Person des öffentlichen Rechts) und der elektronischen Poststelle des Gerichts zu privilegieren: Bei diesen Postfachlösungen ist die Nutzung der qualifizierten elektronischen Signatur nicht mehr erforderlich.384 In der Praxis beruht die Kommunikation zwischen den besonderen Postfächern und dem Gerichtspostfach im Wesentlichen auf der Technologie des Elektronischen Gerichts- und Verwaltungspostfaches. Detailfestlegungen zur Einrichtung des besonderen Postfachs einer Behörde zur Identifizierung und zum Zugang treffen die §§ 6 ff. der Verordnung über die technischen Rahmenbedingungen des elektronischen Rechtsverkehrs und über das besondere elektronische Behördenpostfach (Elektronischer-Rechtsverkehr-Verordnung – ERVV).385 
208Hinsichtlich sicherer Übermittlungswege von elektronischen Dokumenten für Verbände ist zu beachten, dass das beA im Rahmen der Prozessvertretung seitens dieser nicht als sicherer Übermittlungsweg genutzt werden kann, nachdem den Verbandsvertretern der Zugang hierzu versperrt ist. Eine Ausnahme bilden lediglich die als Syndikusrechtsanwälte tätigen Verbandsjuristen, vgl. § 31a Abs. 1 Satz 1 BRAO. Speziell in der arbeitsgerichtlichen Praxis ist die Prozessvertretung durch die Verbände jedoch von großer Relevanz.386 Wollen diese dennoch elektronische Dokumente an das Arbeitsgericht übermitteln, verbleiben ihnen praktisch nur zwei Alternativwege: Entweder müssen diese Dokumente nach § 46c Abs. 3 ArbGG qualifiziert elektronisch signiert über ein OSCI-gestütztes, für den elektronischen Rechtsverkehr registriertes Drittprodukt als Nachfolgeinstrument des EGVP versandt oder mittels eines De-Mail-Kontos nach § 46c Abs. 4 Nr. 1 ArbGG eingereicht werden. Anzudenken wäre für die Zukunft daher eine Übermittlung durch ein dem beA entsprechendes Postfach nach § 46c Abs. 4 Nr. 2 Alt. 2 ArbGG oder auf einem sonstigen, festgelegten Weg nach § 46c Abs. 4 Nr. 4 ArbGG.387 Gegebenenfalls eignen sich dafür die im Rahmen des Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes einzurichtenden Nutzerkonten, „sofern diese als sonstige bundeseinheitliche Übermittlungswege durch Rechtsverordnung der Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrates festgelegt werden, bei denen die Authentizität und Integrität der Daten sowie die Barrierefreiheit gewährleistet sind“. 
 d. Besonderes elektronisches Notarpostfach (beN) 
209Das besondere elektronische Notarpostfach (beN) bildet einen Teilaspekt der fortschreitenden Digitalisierung im Notariat.388 Mittels des beN können Notare den Gerichten Dokumente über einen sog. sicheren Übermittlungsweg übersenden, mithin bestimmte verfahrensrechtliche Schriftformerfordernisse nach dem E-Justice-Gesetz nebst der qualifizierten elektronischen Signatur wahren. Seit 01.01.2018 sind Notare darüber hinaus gem. § 174 Abs. 3 Satz 4 i.V.m. § 130a Abs. 4 Nr. 2 ZPO verpflichtet, einen solchen sicheren Übermittlungsweg für die Zustellung elektronischer Dokumente zu eröffnen. Die Verpflichtung zur Einrichtung eines solchen Postfachs für jeden in das Notarverzeichnis eingetragenen Notar der Bundesnotarkammer bis zum zuvor genannten Datum folgt insoweit aus § 78n Abs. 1 BNotO. Ferner wird das beN für jeden Notariatsverwalter eingerichtet, vgl. § 78n Abs. 4 BNotO; nicht umfasst von der Einrichtungsverpflichtung sind hingegen Notarvertreter. Trotz der dargestellten Verpflichtung der Bundesnotarkammer zur Postfacheinrichtung findet keine automatische Freischaltung der Postfächer statt, vielmehr ist eine aktive Inbesitznahme des Postfachs sowie eine Erstanmeldung durch den jeweiligen Notar erforderlich.389 
210Während es in der Vergangenheit noch üblich war, dass Notare über mehrere EGVP-Postfächer verfügten, ist nunmehr jedem Notar nur ein beN zugeordnet, welches mittels einer im Bundesnotarverzeichnis eingetragenen, postfachspezifischen Nummer eindeutig zugeordnet sowie adressiert werden kann390. Gemäß § 78n Abs. 2 BNotO hat die Bundesnotarkammer ergänzend sicherzustellen, dass der Zugang zum beN nur durch ein sicheres Verfahren mit zwei voneinander unabhängigen Sicherungsmitteln möglich ist – eine gesetzliche Vorgabe, die folglich auch die Anpassung der technischen Komponenten notwendig macht. Eine Ermächtigungskompetenz des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz zum Erlass von Rechtsverordnungen zur Regelung von Einzelheiten des beN statuiert § 78n Abs. 5 BNotO. Demnach hat die Rechtsverordnung die Einzelheiten der Einrichtung und der hierzu erforderlichen Datenübermittlung, der technischen Ausgestaltung einschließlich ihrer Barrierefreiheit, der Führung, der Zugangsberechtigung und der Nutzung, des Löschens von Nachrichten und der Löschung der Notarpostfächer zu regeln. 
211Seit dem Start des beN391 nutzen die Notare dieses besondere Notarpostfach, dessen Bereitstellung – wie dargelegt – im Verantwortungsbereich der Bundesnotarkammer liegt. So werden alle Notare mit der Fachsoftware XNotar mit einem EGVP-Programm ausgestattet.392 Die Bundesnotarkammer arbeitet laufend an Aktualisierungen der Versionen von XNotar.393 
212Von den besonderen elektronischen Notarpostfächern abzugrenzen ist die „Sichere Beteiligtenkommunikation“ (SBK), ebenfalls ein Produkt der NotarNet GmbH.394 
 e. Andere Upload-Systeme 
213Genutzt wurden in der Vergangenheit auch andere web-basierte Upload-Systeme, die nicht auf dem OSCI-Standard basierten. So wurde beim elektronischen Gerichtsbriefkasten des Landes Brandenburg nicht – wie beim EGVP – eine eigens auf dem Rechner des Anwenders installierte Software eingesetzt, sondern dessen gewöhnlicher Web-Browser, über den die Webseite des teilnehmenden Gerichts aufgerufen wurde, auf der eine Upload-Funktion zur Verfügung stand. Allerdings erwies sich diese Technik gegenüber dem EGVP als nicht konkurrenzfähig, so dass Brandenburg ebenfalls ab dem 01.01.2012 an das EGVP angeschlossen war. 
 2. Übersendung via E-Mail und De-Mail 
214Die Übersendung via E-Mail erfolgt im Internet regelmäßig über den Kommunikationsstandard SMTP395, der weniger Sicherheit garantiert als der OSCI-Standard. Auch hierbei können die verschiedenen Signierungsverfahren genutzt werden. Die Übersendung elektronischer Dokumente via E-Mail war z.B. bei der Verwaltungs-, Finanz- und Sozialgerichtsbarkeit des Landes Rheinland-Pfalz396 und in Verfahren nach der Zivilprozessordnung beim Landgericht Mannheim397 möglich. Die Nutzung einer „einfachen“ E-Mail soll künftig noch weiter zugunsten anderer, sicherer Übermittlungswege zurückgedrängt werden. 
215So ist die De-Mail (zur Funktionsweise und zum De-Mail-Gesetz vgl. Kapitel 5 Rn. 253 ff.) in dem seit 01.01.2018 geltenden § 130a Abs. 4 Nr. 1 ZPO als ein „sicherer Übermittlungsweg“ anerkannt, wenn der Absender bei Versand der Nachricht sicher im Sinne des „§ 4 Abs. 1 Satz 2 des De-Mail-Gesetzes angemeldet ist und er sich die sichere Anmeldung gemäß § 5 Abs. 5 des De-Mail-Gesetzes bestätigen lässt“.398 Im Vorfeld des Gesetzesbeschlusses399 und in den Gesetzesberatungen400 wurden allerdings Zweifel an der Integritätssicherung bei der Nutzung der De-Mail geäußert. In der Tat ist durch die zwischenzeitliche Entschlüsselung der Datenkommunikation beim staatlich akkreditierten Provider zum Zwecke der Prüfung, ob Spam oder Schadsoftware per De-Mail versendet wird, die theoretische Einsichtnahme durch Mitarbeiter des Providers oder durch einen Geheimdienst in den Inhalt der Daten nicht völlig ausgeschlossen.401 Andererseits können die Nutzer von De-Mail auch eine Ende-zu Ende-Verschlüsselung vornehmen, müssen dazu aber die entsprechenden Schlüssel mit jedem Empfänger austauschen.402 
216Unter Berücksichtigung der Zielsetzung des Gesetzes zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten, die elektronische Kommunikation mit den Gerichten zu erleichtern, wurden die dargestellten Risiken einer Kommunikation ohne Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in Kauf genommen. Nach Auffassung der Mehrheit im Bundestag stellt die De-Mail im Vergleich zu den derzeit in der Kommunikation noch oft benutzten analogen Verfahren der Justizkommunikation bzw. zu der E-Mail oder dem Fax ein sichereres und praktikableres Verfahren dar. Allerdings haben sich die Vertreter der Anwaltschaft (Bundesrechtsanwaltskammer, Deutscher Anwaltverein) und der Notare (Bundesnotarkammer, Notarverein) eindeutig gegen die Nutzung von De-Mail ausgesprochen, da diese in der Standardversion wegen Fehlens der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bei De-Mail-Übertragungen mitunter als unvereinbar mit den berufsrechtlichen Verschwiegenheitsverpflichtungen angesehen wird.403 
217Die De-Mail gilt darüber hinaus nicht als zulässiger Schriftformersatz im Rahmen eines verfassungsgerichtlichen Verfahrens. So nahm die 4. Kammer des Ersten Senats des BVerfG eine Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung an, die per De-Mail eingereicht wurde.404 Die Verfassungsbeschwerde genüge nicht dem Schriftformerfordernis des § 23 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG, der verlange, dass ein körperliches Schriftstück eingehen muss. Im Gegensatz zur expliziten Zulassung von De-Mail in anderen Prozessordnungen ist die De-Mail-Übermittlung im BVerfGG bisher nicht explizit zugelassen. 
218Die Bundesregierung kann ferner seit 01.01.2016 weitere Schriftformersatzmöglichkeiten, bei denen die Authentizität und Integrität der Daten sowie die Barrierefreiheit gewährleistet sind, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates festlegen.405 
 3. Verwendung eines elektronischen Formulars nach § 130c ZPO 
219Auf die Ersetzung der Schriftform durch die qualifizierte elektronische Signatur kann auch dann verzichtet werden, wenn ein durch Rechtsverordnung des Bundesjustizministeriums mit Zustimmung des Bundesrates eingeführtes elektronisches Formular (einfach) signiert und mit einer Identifizierung mittels des elektronischen Personalausweises406 bzw. des elektronischen Aufenthaltstitels407 versehen wird (§ 130c ZPO in der seit 01.07.2014 geltenden Fassung).408 Damit wurde die Möglichkeit des § 3a VwVfG auch in die Justizkommunikation übernommen. 
 4. Nutzungspflicht für professionelle Einreicher nach § 130d ZPO 
220§ 130d ZPO in der ab 01.01.2022 geltenden Fassung sieht schließlich eine Nutzungspflicht für professionelle Einreicher von vorbereitenden Schriftsätzen bzw. schriftlich einzureichenden Anträgen und Erklärungen an das Gericht vor: Rechtsanwälte, andere vertretungsberechtigte Personen sowie Behörden oder juristische Personen des öffentlichen Rechts sind grundsätzlich ab 01.01.2022 verpflichtet, die genannten Dokumente als elektronische Dokumente einzureichen.409 Die Landesregierungen können für ihren Bereich durch Rechtsverordnung das Inkrafttreten dieser Verpflichtung ganz oder teilweise auf den 01.01.2020 oder 01.01.2021 vorziehen (Opt-in-Klausel), sofern in dem betreffenden Land der elektronische Rechtsverkehr zumindest ein Jahr eröffnet ist. Bei vorübergehender technischer Unmöglichkeit der elektronischen Übermittlung ist die Einreichung nach den allgemeinen Vorschriften zulässig, die Unmöglichkeit muss aber bei der Ersatzeinreichung oder unverzüglich danach glaubhaft gemacht werden; auf Anforderung ist ein elektronisches Dokument nachzureichen, § 130d Satz 3 ZPO.410 Die Ursache der technischen Unmöglichkeit kann sowohl in der Sphäre des Gerichts als auch der des Einreichenden liegen.411 
221In diesem Zusammenhang ist auch bereits zum jetzigen Zeitpunkt die Entscheidung des VGH München vom 16.01.2014 zu beachten: Demnach ändert die Verwendung spezieller Softwareprogramme zur Erstellung anwaltlicher Schriftsätze nichts an den einem Prozessbevollmächtigten obliegenden besonderen Sorgfaltspflichten bei Geschäften, die mit der Wahrnehmung prozessualer Fristen zusammenhängen.412 Vielmehr dürfe der Anwalt – so der VGH München – weder darauf vertrauen, dass der konkrete, fristgebundene Schriftsatz aufgrund der verwendeten Software richtig adressiert wurde, noch dürfe er die Überprüfung der Adressierung einer seit Jahren für die Kanzlei tätigen, sorgfältigen und zuverlässigen Mitarbeiterin übertragen. Auch die Verwendung einer automatisierten Anwaltssoftware, welche eigens für die Anforderungen und Bedürfnisse der anwaltlichen Tätigkeit modifiziert wurde, sowie der Umstand, dass frühere Schriftsätze unter Nutzung ebendieser Software stets ordnungsgemäß adressiert waren, ändere nichts an dieser Bewertung. 
222Die Nichtbeachtung des § 130d ZPO, welcher zudem auf sämtliche zivilprozessualen schriftlichen Anträge und Erklärungen Anwendung findet, zieht die Unwirksamkeit der entsprechenden Prozesserklärung nach sich.413 
 5. Herstellung der Barrierefreiheit 
223Seit dem 01.07.2014 wird durch eine Änderung des § 191a GVG festgelegt, dass die auf der Grundlage von Rechtsverordnungen der Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrates festzulegenden elektronischen Formulare (§ 130c ZPO, § 14a FamFG, § 46f ArbGG, § 65c SGG, § 55c VwGO und § 52c FGO) barrierefrei zu gestalten sind.414 Dabei sind die Kriterien einzuhalten, die in der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) vom 12.09.2011415 in der jeweils geltenden Fassung festgelegt sind. Die Details der einzuhaltenden, aktuellen technischen Standards sind jeweils der Anlage zu § 3 BITV zu entnehmen. 
224Eine blinde oder sehbehinderte Person kann Schriftsätze und andere Dokumente in einer für sie wahrnehmbaren Form bei Gericht einreichen, § 191a Abs. 1 Satz 1 GVG. In § 191a Abs. 1 Sätze 2 und 3 GVG ist der Anspruch blinder und sehbehinderter Personen auf Einsichtnahme in die relevanten Verfahrensunterlagen und der Anspruch auf barrierefreie Akteneinsicht geregelt. Auch die von einer anderen Person mit der Wahrnehmung ihrer Rechte beauftragte blinde oder sehbehinderte Person (blinde oder sehbehinderte Rechtsanwälte und Strafverteidiger bzw. Rechtsbeistände) erhält einen Anspruch auf einen barrierefreien Zugang zu Dokumenten.416 
225Auch bereits bei der Auswahl- und Vergabeentscheidung in Bezug auf die Einführung der elektronischen Akte sind unterschiedliche Standards zu beachten. Hervorzuheben ist hierbei insbesondere die EU-Vergaberichtlinie v. 26.02.2014.417 Diese regelt in Art. 42 Abs. 1 Satz 5, dass die technischen Spezifikationen bei der Beschaffung so zu wählen sind, dass die Kriterien der Zugänglichkeit „für Personen mit Behinderungen oder der Konzeption für alle Nutzer berücksichtigt werden“ (sog. „design for all“).418 
226Seit 01.01.2018 sind aufgrund des neuen § 191a Abs. 3 Satz 1 GVG elektronische Dokumente für blinde oder sehbehinderte Personen barrierefrei zu gestalten, soweit sie in Schriftzeichen wiedergegeben werden. Die Barrierefreiheit bezieht sich insoweit nicht auf die Beifügung und Einbettung von Fotos oder Skizzen in Urteilen und Protokollen.419 Werden elektronische Dokumente auf einem sicheren Übermittlungsweg übermittelt, sind auch diese barrierefrei auszugestalten, § 191a Abs. 3 Satz 2 GVG. 
227Keine Beeinträchtigung im Sinne der Barrierefreiheit des elektronischen Rechtsverkehrs sieht das Gesetz in einer Hör- oder Gehbehinderung.420 
 C. Synopse zur elektronischen Justizkommunikation in den einzelnen Gerichtsbarkeiten 
228Die elektronische Justizkommunikation ist (zumindest von der normativen Seite) mittlerweile in allen Gerichtszweigen der allgemeinen und besonderen Zivil- und Verwaltungsgerichtsbarkeit sowie auch zum Teil im Strafverfahren etabliert. Einen vergleichenden Überblick über die Verfahrensordnungen gibt die folgende Synopse.
ZPOArbGGVwGOFGOSGGStPO
Elek­tro­ni­sches Doku­ment
§ 130a
Elek­tro­ni­sches Doku­ment
§ 46c
Elek­tro­ni­sches Doku­ment
§ 55a
Elek­tro­ni­sches Doku­ment
§ 52a
Elek­tro­ni­sches Doku­ment
§ 65a
Elek­tro­ni­sches Doku­ment
§ 32a
§ 130b§ 46d§ 55a Abs. 7§ 52a Abs. 7§ 65a Abs. 7§ 32b
For­mu­lare, Ver­ord­nungs­er­mäch­ti­gung
§ 130c
For­mu­lare, Ver­ord­nungs­er­mäch­ti­gung
§ 46f
For­mu­lare, Ver­ord­nungs­er­mäch­ti­gung
§ 55c
For­mu­lare, Ver­ord­nungs­er­mäch­ti­gung
§ 52c
For­mu­lare, Ver­ord­nungs­er­mäch­ti­gung
§ 65c
For­mu­lare, Ver­ord­nungs­er­mäch­ti­gung
§ 32c
ab 01.01.2022 bzw. (durch Lan­des-RVO 01.01.2020 oder 01.01.2021) Nut­zungs-pflicht für Rechts­an­wälte und Behör­den
§ 130d
ab 01.01.2022 bzw. (durch Lan­des-RVO 01.01.2020 oder 01.01.2021) Nut­zungs-pflicht für Rechts­an­wälte und Behör­den
§ 46g
ab 01.01.2022 bzw. (durch Lan­des-RVO 01.01.2020 oder 01.01.2021) Nut­zungs-pflicht für Rechts­an­wälte und Behör­den
§ 55d
ab 01.01.2022 bzw. (durch Lan­des-RVO 01.01.2020 oder 01.01.2021) Nut­zungs-pflicht für Rechts­an­wälte und Behör­den
§ 52d
ab 01.01.2022 bzw. (durch Lan­des-RVO 01.01.2020 oder 01.01.2021) Nut­zungs-pflicht für Rechts­an­wälte und Behör­den
§ 65d
ab 01.01.2022 Nut­zungs-pflicht für Ver­tei­di­ger und Rechts­an­wälte
§ 32d
Zustel­lung gegen Emp­fangs-bekennt­nis oder auto­ma­ti­sierte Ein­gangs­be­stä­ti­gung
§ 174
Ver­weis auf Zustel­lungs-vor­schrif­ten der ZPO
(§ 46 Abs. 2)
Ver­weis auf Zustel­lungs-vor­schrif­ten der ZPO
(§ 56 Abs. 2)
Ver­weis auf Zustel­lungs-vor­schrif­ten der ZPO
(§ 53)
Ver­weis auf Zustel­lungs-vor­schrif­ten der ZPO
(§ 63 Abs. 2)
Ver­weis auf Zustel­lungs-vor­schrif­ten der ZPO
(§ 37 Abs. 1)
§ 298Ver­weis auf ZPO in § 46 Abs. 2§ 55b Abs. 2 bis 5§ 52b Abs. 2 bis 5§ 65b Abs. 2 bis 5§ 32e
§ 298a Abs. 1, Abs. 2§ 46e Abs. 1, Abs. 2§ 55b Abs. 1, Abs. 6§ 52b Abs. 1, Abs. 6§ 65b Abs. 1, Abs. 6§ 32
ab 01.01.2026: Ver­pflich­tende elek­tro­ni­sche Füh­rung der Pro­zess­ak­ten
§ 298a
Abs. 1a
ab 01.01.2026: Ver­pflich­tende elek­tro­ni­sche Füh­rung der Pro­zess­ak­ten
§ 46e Abs. 1a
ab 01.01.2026: Ver­pflich­tende elek­tro­ni­sche Füh­rung der Pro­zess­ak­ten
§ 55b Abs. 1a
ab 01.01.2026: Ver­pflich­tende elek­tro­ni­sche Füh­rung der Pro­zess­ak­ten
§ 52b Abs. 1a
ab 01.01.2026: Ver­pflich­tende elek­tro­ni­sche Füh­rung der Pro­zess­ak­ten
§ 65b Abs. 1a
ab 01.01.2026: Ver­pflich­tende elek­tro­ni­sche Füh­rung der Pro­zess­ak­ten
§ 32 Abs. 1
§ 299Ver­weis auf ZPO in § 46 Abs. 2§ 100 § 78§ 120§ 32f
§ 315 Abs. 3 Satz 2, 3Ver­weis auf ZPO in § 46 Abs. 2§ 117 Abs. 6 Sätze 2, 3§ 105 Abs. 6 Sätze 2, 3§ 134 Abs. 3 Sätze 2, 3
§ 317Ver­weis auf ZPO in § 46 Abs. 2Ver­weis auf ZPO in § 173421Ver­weis auf ZPO in § 155§ 137
§ 319 Abs. 2Ver­weis auf ZPO in § 46 Abs. 2§ 118 Abs. 2§ 107 Abs. 2 § 138
§ 320 Abs. 4Ver­weis auf ZPO in § 46 Abs. 2§ 119 Abs. 2§ 108 Abs. 2 § 139 Abs. 3
§ 371aVer­weis auf Beweis­vor-schrif­ten der ZPO in § 46 Abs. 2Ver­weis auf Beweis­vor-schrif­ten der ZPO in § 98§ 82 FGO:
§ 371a ZPO nicht anwend­bar, es gilt § 87a Abs. 5 AO
Ver­weis auf Beweis­vor-schrif­ten der ZPO in § 118
Beweis­kraft gescann­ter öffent­li­cher Urkun­den § 371bVer­weis auf Beweis­vor-schrif­ten der ZPO in § 46 Abs. 2Ver­weis auf Beweis­vor-schrif­ten der ZPO in § 98§ 82 FGO: § 371b ZPO nicht anwend­bar, es gilt § 87a Abs. 5 AOVer­weis auf Beweis­vor-schrif­ten der ZPO in § 118
§ 416aVer­weis auf Beweis­vor-schrif­ten der ZPO in § 46 Abs. 2Ver­weis auf Beweis­vor-schrif­ten der ZPO in § 98§ 82 FGO: § 416a ZPO nicht anwend­barVer­weis auf Beweis­vor-schrif­ten der ZPO in § 118
Ein­rei­chung von Schutz­schrif­ten § 945aEin­rei­chung von Schutz-schrif­ten § 62 Abs. 2, § 85 Abs. 2
 
229Ferner enthält § 14 Abs. 2 FamFG Verweisungen auf § 130a ZPO und auf dieser Grundlage erlassene Rechtsverordnungen sowie auf § 298 ZPO. Für das gerichtliche elektronische Dokument gelten gem. § 14 Abs. 3 FamFG die §§ 130b und 298 der ZPO entsprechend. Aus § 14 Abs. 4 FamFG ergibt sich die Verordnungsermächtigung für die Bundesregierung und die Landesregierungen zur Bestimmung des Zeitpunktes, von dem an elektronische Akten geführt werden können, sowie zur Festsetzung der organisatorisch-technischen Rahmenbedingungen für die Bildung, Führung und Aufbewahrung der elektronischen Akten. Mit dem Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten ist seit 01.01.2018 in dem neuformulierten § 14 Abs. 2 FamFG eine Erweiterung der elektronisch einreichbaren Dokumente um schriftlich einzureichende Auskünfte, Aussagen, Gutachten, Übersetzungen und Erklärungen Dritter vorgesehen. Die Eröffnung des elektronischen Rechtsverkehrs ergibt sich seither aus der Verweisung des § 14 Abs. 2 FamFG auf § 130a ZPO, während zuvor noch eine Ermächtigung zum Erlass von Verordnungen des Bundes und der Länder von entsprechenden Rechtsverordnungen vorgesehen war. Schließlich wird in dem ab 01.01.2022 geltenden § 14b FamFG die Pflicht zur Nutzung des elektronischen Rechtsverkehrs für Rechtsanwälte, Notare und Behörden geregelt, die parallel zu § 130d ZPO durch (Landes-)Rechtsverordnung auf den 01.01.2020 oder 01.01.2021 vorgezogen werden kann. 
230Der wie durch die Parallelvorschriften in den anderen Gerichtsbarkeiten durch das Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs422 neu eingefügte § 14 Abs. 4a FamFG sieht ab 01.01.2026 die verpflichtende elektronische Führung der Prozessakten vor. 
 D. Die elektronische Justizkommunikation in der Zivilgerichtsbarkeit 
 I. Elektronisches Dokument (§ 130a ZPO) 
 1. Allgemeines und Geltungsbereich 
231§ 130a ZPO wurde durch das Formvorschriftenanpassungsgesetz423 in die ZPO eingefügt, in der Folge durch das Justizkommunikationsgesetz424 angepasst und mit Wirkung zum 01.01.2018 durch das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten umfassend erweitert und modifiziert. Parallelvorschriften finden sich in § 46c ArbGG, § 55a VwGO, § 52a FGO sowie § 65a SGG. 
232Nach Art. 24 Abs. 1 des Gesetzes zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten hatten die Länder die Möglichkeit, mittels Rechtsverordnung die Geltung des § 130a ZPO in der derzeitigen Fassung bis Ende 2018 oder Ende 2019 hinauszögern. Trotz vereinzelter Ermächtigungen ihrer Landesjustizverwaltungen (Berlin, Sachsen-Anhalt) hat letztlich kein Land hiervon Gebrauch gemacht.425 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
233§ 130a Abs. 1 ZPO legt als Grundsatz für gewisse, für das Gericht bestimmte Dokumente fest, dass bei jenen, die nach der ZPO schriftlich einzureichen sind, nach Maßgabe der folgenden Absätze auch die Einreichung als elektronisches Dokument erfolgen kann. Voraussetzung ist nach § 130a Abs. 2 Satz 1 ZPO, dass dieses für die Bearbeitung durch das Gericht geeignet ist (Äquivalenzklausel). Anders als noch bis 31.12.2017 steht die Eröffnung des elektronischen Rechtsverkehrs damit nicht mehr unter dem Vorbehalt der – mit Blick auf den jeweiligen Anwendungsbereich höchst unterschiedlich gehandhabten,426 – individuellen „Freigabe“ der elektronischen Kommunikation durch Rechtsverordnung, die von der Bundesregierung oder einer Landesregierung für den jeweiligen Geltungsbereich der Gerichtsbarkeit erlassen wurde (Öffnungsklausel nach § 130a Abs. 2 ZPO a.F.). Hieraus ergibt sich die Bedeutung der Vorschrift als Meilenstein für den elektronischen Rechtsverkehr mit der Justiz: Die unter den Anwendungsbereich der Vorschrift fallenden Erklärungen können nunmehr generell als elektronisches Dokument eingereicht werden, sofern die Voraussetzungen des § 130a Abs. 2-6 ZPO vorliegen – dies bis 31.12.2021 auch für sämtliche Einreicher noch rein fakultativ.427 Ab 01.01.2022 ist die elektronische Einreichung nach § 130d ZPO für einen bestimmten Personenkreis obligatorisch. 
234§ 130a Abs. 3 und Abs. 4 ZPO haben die zwei grundsätzlichen Möglichkeiten des Schriftformersatzes zum Gegenstand: einerseits – wie schon vor dem 01.01.2018 geregelt – mittels Verwendung einer qualifizierten elektronischen Signatur, andererseits können einfach signierte elektronische Dokumente nunmehr auch formwirksam über einen sog. sicheren Übermittlungsweg eingereicht werden. 
235Die (allgemeine) Zugangsklausel des § 130a Abs. 5 Satz 1 ZPO dient der Abgrenzung der Gefahrtragung bei der Übermittlung der elektronischen Dokumente an das Gericht. Ergänzt wurde die auch inhaltlich modifizierte Vorschrift zum 01.01.2018 dahingehend, dass nunmehr dem Absender durch das Gericht eine automatisierte Eingangsbestätigung zuzuleiten ist. 
236§ 130a Abs. 6 ZPO, wonach unverzüglich ein Hinweis an den Absender zu erfolgen hat, wenn das übermittelte Dokument für das Gericht zur Bearbeitung nicht geeignet ist, trägt dem Umstand Rechnung, dass das Risiko einer fehlgeschlagenen Übermittlung i.d.R. der Absender trägt. Seit 01.01.2018 enthält die Vorschrift in diesem Zusammenhang auch eine gesonderte Regelung zum Zugangszeitpunkt bei nachträglicher Einreichung in einer zur gerichtlichen Bearbeitung geeigneten Form. 
237Ist nach der ZPO keine Schriftform erforderlich, genügt eine Übermittlung durch einfache E-Mail. § 130a ZPO ist dann nicht anzuwenden, das Übermittlungsrisiko trägt der Absender.428 
 3. Anwendungsbereich (§ 130a Abs. 1 ZPO) 
238Fälle, in denen nach der ZPO die Schriftform erforderlich ist und die ausweislich des Gesetzeswortlauts von § 130a ZPO erfasst werden, sind die bestimmenden und vorbereitenden Schriftsätze der Parteien (Anträge und Erklärungen), darüber hinaus Auskünfte, Aussagen, Gutachten, Übersetzungen429 und alle sonstigen Erklärungen am Verfahren beteiligter Dritter (z.B. Zeugen, Sachverständige), soweit jeweils die Schriftform vorgesehen ist. In diesen Fällen lässt die Vorschrift die Einreichung als elektronisches Dokument – grundsätzlich – zu.430 
 4. Begriff des elektronischen Dokuments 
 a. Grundlegendes 
239Eine einheitliche Definition des Begriffs des elektronischen Dokuments existiert nicht. Nach der Gesetzesbegründung ersetzt der Begriff des elektronischen Dokuments den durch § 690 Abs. 3 ZPO in seiner Fassung von 1977 eingeführten Begriff der „nur maschinell lesbaren Aufzeichnung“.431 In der Literatur wird das elektronische Dokument überwiegend als eine mit den Mitteln der Datenverarbeitung erstellte Datei, die auf Datenträger gespeichert werden kann, definiert.432 Der BGH versteht unter einem elektronischen Dokument i.S.d. § 130a ZPO (a.F.) die in einer elektronischen Datei enthaltene Datenfolge selbst, wobei an die Stelle der Unterschrift die (qualifizierte) elektronische Signatur tritt (vgl. auch Art. 25 Abs. 2 eIDAS-VO).433 Die Praxis hat sich an den Vorgaben der Rechtsverordnung zu orientieren (vgl. § 130a Abs. 2 Satz 1 ZPO). Die dort vorgegebenen Dateiformate (ausschließlich PDF und TIFF, vgl. § 2 Abs. 1 ERVV, s. hierzu Rn. 258) zeugen von einem engen Verständnis.434 Sie lassen z.B. keine Video- oder Audioaufzeichnungen zu. 
240Als Beispiele für elektronische Dokumente werden die „klassische“ E-Mail sowie solche Dateien genannt, die beim Datei-Upload und bei der Übertragung via EGVP übermittelt werden.435 Umstritten ist, ob von § 130a ZPO auch „verkörperlichte elektronische Dokumente“ – also solche, die bereits auf Datenträger (DVD, CD-ROM, USB-Stick) aufgezeichnet worden sind – erfasst werden. Dies wird teilweise bejaht. Es genüge, dass die Datei bei Gericht in elektronischer Form eintreffe und dort entsprechend weiterverarbeitet werden könne.436 Dieser Interpretation kann zwar seit der Neufassung mit Wirkung zum 01.01.2018 nicht mehr der Wortlaut von § 55a VwGO entgegengehalten werden, nachdem insoweit eine vollständige Angleichung an § 130a ZPO stattgefunden hat. Jedoch bestehen nach wie vor unterschiedliche Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen bei netzbasierten und verkörperlichten elektronischen Dokumenten hinsichtlich Verlust, Zugriffsberechtigung und Archivierung.437 
 b. Sonderfall: Computerfax 
241Bestimmende Schriftsätze müssen nach § 130 Nr. 6 ZPO die Unterschrift desjenigen tragen, der den Schriftsatz verantwortet. Teilweise legt der BGH einen großzügigen Maßstab an die Erfüllung des Schriftformerfordernisses an. Neben Telebrief438 und Telefax439 können nach einer Entscheidung des gemeinsamen Senats der obersten Gerichtshöfe440 auch mittels Computerfax bestimmende Schriftsätze wirksam übermittelt werden; vorausgesetzt, das Computerfax wurde mit eingescannter Unterschrift des Prozessbevollmächtigten versandt (die Wiedergabe des Namens in Druckbuchstaben oder der Hinweis auf völlig fehlende Unterschrift reicht nicht aus).441 Diese Grundsätze gelten auch nach Einführung des § 130a ZPO fort. Ein Computerfax soll aber nach h.M. nicht unter § 130a ZPO fallen, weil es beim Empfänger ausgedruckt werde und somit nicht mehr als elektronisches Dokument vorliege, sondern als Schriftstück.442 Es sei auch von § 130 Nr. 6 ZPO erfasst,443 so dass die zusätzlichen Anforderungen, die § 130a ZPO stellt, nicht anzuwenden seien.444 
242Allerdings ist die Übersendung eines Computerfax auch direkt an einen Rechner möglich, auf dessen Speichermedium dann das Fax als Bilddatei gespeichert wird. Zu einer körperlichen Urkunde wird es erst, wenn es vom Empfänger ausgedruckt wird, was aber nicht zwingend ist. 
243Rein technisch gesehen entspricht ein Computerfax einer mittels E-Mail versendeten Datei, mit dem Unterschied, dass letztere nur am Computer empfangen werden kann, erstere zusätzlich auch an einem herkömmlichen Faxgerät.445 Eine Gleichbehandlung scheint daher geboten.446 Dagegen stellt die Rechtsprechung Computerfaxe mit herkömmlichen Telefaxen gleich und lehnt die Anwendbarkeit des § 130a ZPO ab.447 Unterschieden wird somit zwischen dem elektronischen Dokument und dem Computerfax als lediglich elektronisch übertragenem Dokument, das vom Gericht ausgedruckt wird. 
244Auch beim Ausdruck einer als E-Mail-Anhang versandten Bilddatei handelt es sich nach der Rechtsprechung des BGH um ein schriftliches Dokument, das lediglich elektronisch übertragen wird und auf das § 130 Nr. 6 ZPO Anwendung findet. Im zu entscheidenden Fall war eine unterschriebene Berufungsbegründung eingescannt und anschließend im Portable-Document-Format (PDF) als Mailanhang an die persönliche Mailadresse einer Gerichtsangestellten geschickt worden, die den Schriftsatz ausdruckte und zu den Akten nahm. Das Unterschriftserfordernis des § 130 Nr. 6 ZPO war nach Ansicht des Gerichts gewahrt, weil das ausgedruckte Dokument mit der in Kopie wiedergegebenen Unterschrift des Prozessbevollmächtigten abschloss.448 Zu Recht weist Stadler darauf hin, dass diese Entscheidung der Abgrenzung zu § 130a ZPO nicht gerecht wird; insbesondere kann es nicht darauf ankommen, an welche Adresse die E-Mail gerichtet ist (Gerichtsadresse oder persönliche Adresse einer Angestellten) und ob der Text ausgedruckt wird oder nicht. Entscheidend muss vielmehr die durch elektronische Signatur gesicherte Übertragungsart bzw. der gesicherte Übertragungsweg sein.449 
245Der BGH hat 2015 auf seine Rechtsprechung von 2008 Bezug genommen und sieht das Unterschriftserfordernis des § 64 Abs. 2 Satz 4 FamFG gewahrt, wenn eine Beschwerdeschrift durch Einscannen eines von dem Beschwerdeführer oder seinem Bevollmächtigten eigenhändig unterzeichneten Schriftsatzes hergestellt, dem Gericht, dessen Beschluss angefochten wurde, als PDF-Datei elektronisch (über das EGVP) übermittelt und im Gericht ausgedruckt wird.450 Dem Schriftformerfordernis wäre allerdings – so der BGH – nicht Rechnung getragen, wenn die Beschwerdeführerin das Original des Beschwerdeschriftsatzes lediglich mit eingescannter oder hineinkopierter Unterschrift versehen hätte. Denn der Verzicht auf eine eigenhändige Unterschrift sei nur dann zulässig, wenn eine Unterschrift auf Grund der technischen Besonderheiten des Übermittlungsweges nicht möglich war – wie bei der Übermittlung von verfahrensbestimmenden Schriftsätzen per Computerfax. Selbiges gilt nach Auffassung des OLG Hamm451 auch für den E-Postbrief der Deutschen Post.452 
245.12019 bestätigt der BGH zum erneuten Mal seine Auffassung, dass eine im Original unterzeichnete Beschwerdebegründungsschrift, die eingescannt und im Anhang einer elektronischen Nachricht als PDF-Datei übermittelt wird, erst dann in schriftlicher Form bei Gericht eingereicht ist, sobald dem Gericht ein Ausdruck der den vollständigen Schriftsatz enthaltenden PDF-Datei vorliegt (BGH v. 08.05.2019 - XII ZB 8/19 - juris Rn. 12).
Aktualisierung vom 02.07.2019
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246Die Ungleichbehandlung der Übermittlung einer Computerdatei mit eingescannter Unterschrift direkt per Mail einerseits und der Übermittlung von Computertelefax zu Telefax andererseits kritisiert Habermann.453 Technisch gesehen gebe es zwischen den beiden Übermittlungsarten kaum Unterschiede. In der Tat können die vom BGH erneut vorgetragenen Argumente zur Privilegierung der Computerfaxübermittlung mit eingescannter Unterschrift gegenüber der Übermittlung per Mail – wie in Rn. 243 dargestellt – weiterhin nicht überzeugen. 
247Auch Müller kritisiert die dargestellte Rechtsprechung des BGH.454 Anstatt vom Absender die Weiterverarbeitung des Schriftsatzes beim Empfänger zu hinterfragen – was auch faktisch unmöglich sei –, könne es bei der Frage der Wahrung des Schriftformerfordernisses alleine auf Kriterien ankommen, die auch in der Sphäre des Absenders lägen.455 Praktische Auswirkung der BGH-Entscheidung sei jedoch, dass derzeit eingehende E-Mails bei Gericht nicht ausgedruckt und vorgelegt, sondern vielmehr gelöscht und mit einem Formblatt beantwortet würden, welches auf die Unzulässigkeit der Einreichung hinweise. 
248Köbler begrüßt demgegenüber die Öffnung des Zugangs zu den Gerichten durch Anerkennung einer rechtswirksamen Übermittlung per E-Mail mit beigefügtem Scan im Falle des Ausdrucks bei Gericht als bürgerfreundlichen Zugang zu den Gerichten, warnt aber zugleich vor dem erheblich niedrigeren Beweiswert eines Mailanhangs gegenüber einer verschlüsselten Nachricht mit qualifizierter elektronischer Signatur.456 
249Ebenso wie in der Literatur herrscht auch in der Rechtsprechung in dieser Frage im Einzelnen jedoch noch immer Uneinigkeit.457 Der dargestellten Entscheidung des BGH von 2015458 nicht angeschlossen hat sich das VG Gera mit Blick auf das Verwaltungsprozessrecht.459 Demnach erfüllt ein vom Gericht hergestellter und mit der faksimilierten Unterschrift eines Beteiligten versehener Ausdruck einer PDF-Datei nicht die Formvorschrift des § 81 Abs. 1 VwGO. 
250Nur wenige Monate später folgte jedoch das VG Dresden wiederum dem BGH.460 Das VG Dresden urteilte, dass den Form- und Fristerfordernissen des § 70 Abs. 1 VwGO dann Genüge getan sei, wenn ein eingescanntes Widerspruchsschreiben elektronisch übermittelt und vom Empfänger innerhalb der Widerspruchsfrist ausgedruckt wird sowie das Original die eigenhändige Unterschrift seines Verfassers enthält. 
251In dieselbe Richtung und damit in Übereinstimmung mit der Rechtsprechung des BGH urteilten in der Vergangenheit bereits das BAG461 sowie das FG Düsseldorf.462 
252Das OVG Münster stellt entscheidend darauf ab, ob der Empfänger diese Übersendungsform zur Einreichung auch schriftlicher Erklärungen bereitgestellt hat.463 
253Ferner urteilte das VG Neustadt a.d. Weinstraße in Bezug auf eine Klageerhebung, dass insbesondere der Ausdruck, den das Verwaltungsgericht von einer einfachen E-Mail eines Klägers noch innerhalb der Frist fertigt und zu den Papierakten nimmt, nicht der Schriftform nach § 81 Abs. 1 Satz 1 VwGO genügt, sofern keine eigenhändige Unterschrift des Klägers vorliegt.464 
254Das LSG Nordrhein-Westfahlen hat eine mittels nicht unterschriebenem Computerfax eingereichte Berufung als unzulässig verworfen. Im konkreten Fall hatte der Kläger bereits in der Vergangenheit mehrfach ohne Erfolg versucht, per einfacher E-Mail bzw. mit einem nicht unterzeichneten Tele- oder Computerfax Klage zu erheben.465 Daher sei ihm – so das Gericht – diese Rechtsfolge auch im Übrigen schon von den dort erteilten Hinweisen bekannt.466 Der vom Kläger daraufhin eingereichte Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe zur Durchführung eines Nichtzulassungsbeschwerdeverfahrens wurde vom damit befassten BSG ebenfalls negativ verbeschieden.467 
255Das LSG Berlin-Brandenburg468 entschied in diesem Zusammenhang, dass zur Erfüllung des Schriftformerfordernisses des § 151 Abs. 1 SGG das Gericht auch bei einem mit eingescannter Unterschrift versehenen Schriftstück – wie etwa der Berufungseinlegungsschrift – mit Sicherheit davon ausgehen müsse, dass das Schriftstück auch mit Wissen und Wollen des Bevollmächtigten dessen Kanzlei verlassen habe. Sei hingegen nicht zweifelsfrei erkennbar, dass der Rechtsanwalt selbst, sondern vielmehr einer seiner Mitarbeiter Aussteller des Computerfaxes sei, führe dies zur Unwirksamkeit der hierdurch eingelegten Berufung. 
256Nach dem LSG Darmstadt genügt bei einem Computerfax bereits der auf dem Dokument angebrachte Hinweis, dass der benannte Urheber wegen der gewählten Übertragungsform nicht unterzeichnen kann.469 Ebenso sei bei Nutzung eines E-Mail-to-Fax-Dienstes die Authentizität und Integrität des übermittelten Dokuments unter Beachtung der Umstände nach einem besonders strengen Maßstab zu prüfen, um nicht systemwidrig die speziellen Formanforderungen des elektronischen Rechtsverkehrs zu umgehen.470 
 5. Eignung für die gerichtliche Bearbeitung (§ 130a Abs. 2 ZPO) 
257Die näheren Vorgaben betreffend die Eignung für die gerichtliche Bearbeitung von elektronischen Dokumenten wurden auf Grundlage der Ermächtigungen in § 130a Abs. 2 Satz 2 ZPO, § 46c Abs. 2 Satz 2 ArbGG, § 65a Abs. 2 Satz 2 SGG, § 55a Abs. 2 Satz 2 VwGO sowie § 52a FGO in einer Rechtsverordnung der Bundesregierung festgelegt, die der Zustimmung des Bundesrates bedurfte. Bundeseinheitlich und verbindlich festgelegt sind darin die technischen Rahmenbedingungen für die Übermittlung und Bearbeitung (Dateiformate, Strukturdaten, Signaturerfordernisse, Dateinamen, etc.).471 Dadurch wird dem früheren „Flickenteppich“ in Deutschland unter Geltung des § 130a BGB a.F. beigekommen, der dazu geführt hat, dass auf Bundesebene und in den Bundesländern ganz unterschiedliche technische Anforderungen an den elektronischen Rechtsverkehr gestellt wurden und so die Nutzer des elektronischen Rechtsverkehrs u.U. unterschiedliche Infrastrukturen für die Kommunikation mit den Gerichten in den verschiedenen Bundesländern und auf Bundesebene anschaffen und nutzen mussten. 
 a. Elektronischer-Rechtsverkehr-Verordnung 
258Am 01.01.2018 ist die Verordnung über die technischen Rahmenbedingungen des elektronischen Rechtsverkehrs und über das besondere elektronische Behördenpostfach (Elektronischer-Rechtsverkehr-Verordnung – ERVV) in Kraft getreten.472 Sie schreibt die Verwendung von PDF in „druckbarer, kopierbarer und – soweit technisch möglich – durchsuchbarer Form“ (mit der Möglichkeit, davon bis 30.06.2019 abzuweichen) und eventuell zusätzlich für die Bildübermittlung von TIFF vor,473 wobei die vorgeschriebenen Versionen, die Höchstgrenzen für die Anzahl und das Volumen der elektronischen Dokumente, die zulässigen physischen Datenträger und die Einzelheiten der Anbringung der qualifizierten elektronischen Signatur am elektronischen Dokument von der Bundesregierung im elektronischen Bundesanzeiger und auf der Internetseite www.justiz.de bekanntgemacht wurden bzw. werden. Dabei müssen die Vorgaben dem Stand der Technik und der Barrierefreiheit entsprechen. Der Dateiname soll mit Schlagworten den Inhalt des zu übermittelnden Dokuments umschreiben. Werden mehrere Dokumente gleichzeitig übermittelt, sollen sie eine logische Nummerierung erhalten. Schließlich soll ein strukturierter XML-Datensatz mit den wichtigsten Metadaten beigefügt werden (Bezeichnung des Gerichts, – sofern bekannt – Aktenzeichen des Verfahrens, Bezeichnung der Parteien oder Verfahrensbeteiligten, Angabe des Verfahrensgegenstands und das Aktenzeichen eines denselben Verfahrensgegenstand betreffenden Verfahrens sowie – ebenfalls sofern bekannt – die Bezeichnung der die Akten führenden Stellen); auch insoweit sind die Einzelheiten von der Bundesregierung im Bundesanzeiger und auf www.justiz.de veröffentlicht. 
259Für die Übermittlung elektronischer Dokumente sieht § 4 Abs. 1 ERVV eine Übertragung auf einem sicheren Übermittlungsweg oder an das EGVP über OSCI oder einen gleichwertigen Protokollstandard vor. Explizit wird eine Übermittlung mehrerer Dokumente mit einer gemeinsamen qualifizierten elektronischen Signatur ausgeschlossen, § 4 Abs. 2 ERVV. 
260Mit Verordnung zur Änderung der ERVV vom 09.02.2018 wurde deren Anwendungsbereich in § 1 Abs. 1 ERVV um die Übermittlung elektronischer Dokumente an Strafverfolgungsbehörden und Strafgerichte der Länder und des Bundes nach § 32a StPO sowie die Bearbeitung elektronischer Dokumente erweitert, wozu sich nunmehr in Kapitel 4 auch weitergehende Regelungen finden. Die Änderungen traten zum 16.02.2018 in Kraft.474 
 b. Elektronischer-Rechtsverkehr-Bekanntmachung 
261In der Bekanntmachung zu § 5 der ERVV vom 19.12.2017 (Elektronischer-Rechtsverkehr-Bekanntmachung 2018 – ERVB 2018) hat das BMJV weitere technische Anforderungen geregelt, konkret mit Blick auf zulässige Dateiversionen (PDF und TIFF), die zulässige Höchstanzahl an elektronischen Dokumenten in einer Nachricht (100 Dateien), das zulässige Maximalvolumen von elektronischen Dokumenten in einer Nachricht (60 MB), die zulässigen physischen Datenträger (DVD und CD) sowie auf die Anforderungen an qualifizierte elektronische Signaturen (z.B. „detached signature“ oder „inline signature“). Die Bekanntmachung ist zum 01.01.2018 in Kraft getreten und unter https://justiz.de/elektronischer_rechtsverkehr/doku/bmjv_bekanntmachung_5_ervv_ervb_2018.pdf475 abrufbar.476 
262Im Anschluss hieran wurden in der Bekanntmachung zu § 5 der ERVV vom 20.12.2018 (Elektronischer-Rechtsverkehr-Bekanntmachung 2019 – ERVB 2019) zusätzliche technische Details normiert, namentlich in Bezug auf die zulässigen Dateiversionen von PDF sowie die Übermittlung eines strukturierten maschinenlesbaren Datensatzes. Die Bekanntmachung ist zum 01.01.2019 in Kraft getreten und unter https://justiz.de/elektronischer_rechtsverkehr/doku/erv_ervb_2019.pdf477 abrufbar.478 Darin wird insbesondere klargestellt, dass sämtliche PDF-Versionen zugelassen sind, darunter PDF/A-1, PDF/A-2 sowie PDF/UA. 
263Praxistipp: Eingebundene Objekte sind in den Dateien nicht zulässig, sofern deren Darstellung ein externes Anwendungsprogramm oder eine weitere Instanz des PDF-Darstellungsprogramms erfordern würde; Hyperlinks (auch auf externe Ziele) sind aber möglich.479 Nachdem beim Format PDF/A ein Nachladen von Objekten (wie z.B. Schriften und Bilder) nicht erforderlich ist, empfiehlt sich in der Praxis deren Verwendung trotz der nunmehr expliziten, grundsätzlichen Öffnung für weitere Versionen durch die ERVB 2019.480 
 c. Exkurs: Online-Formulare und Online-Verfahren 
264Köbler schlägt vor, „für typische und standardmäßige Klagesituationen des Alltags des Rechtslebens“ Formulare auszuarbeiten und anzubieten, „die auf die entscheidenden Sachfragen und Tatbestandsmerkmale ausgerichtet sind und entsprechende Eingabefelder für Kläger und Beklagte vorsehen“.481 Nützlich sei es, hierfür die Formulare in einer Rechtsverordnung vorzugeben. Durch die Schaffung des § 130c ZPO mit Wirkung zum 01.07.2014 wurde hierfür bereits die erforderliche gesetzliche Grundlage geschaffen. 
265In der vorgenannten Vorschrift sowie ihren Parallelregelungen in den anderen Gerichtszweigen wird auch bereits ein erster Anknüpfungspunkt für weitergehende Strukturierungsanforderungen gesehen, die ihrerseits die Voraussetzungen für den gewinnbringenden Einsatz von mit Künstlicher Intelligenz verknüpfter Software bilden können.482 
266In eine ähnliche Richtung tendiert der rechtspolitische Vorstoß des Hamburger Justizsenators Steffen, nach dem in Hamburg zukünftig im Rahmen eines Pilotprojekts Klagen mit einem Streitwert von unter 1.000 € in einem vereinfachten Zivilverfahren über eine Online-Maske ermöglicht werden sollen.483 In der rechtspolitischen Diskussion eines solchen „Beschleunigten Online-Verfahrens“ befindet sich dabei auch die Streitwertgrenze von 2.000 €.484 
 6. Möglichkeiten des Schriftformersatzes (§ 130a Abs. 3, 4 ZPO) 
 a. Qualifizierte elektronische Signatur (§ 130a Abs. 3 Alt. 1 ZPO) 
267Nach § 130a Abs. 3 ZPO muss das Dokument mit einer qualifizierten elektronischen Signatur der verantwortenden Person versehen sein oder von der verantwortenden Person (einfach) signiert und auf einem sicheren Übermittlungsweg eingereicht werden. Dadurch wurde der noch in Bezug auf die Vorgängervorschrift in Gestalt des § 130a Abs. 1 Satz 2 ZPO a.F. bzw. seiner Parallelregelungen in den anderen Verfahrensordnungen in der Rechtsprechung teils kontrovers beurteilte Streitpunkt, ob die damalige Formulierung als „Soll“-Vorschrift in eine „Muss“-Vorschrift zu interpretieren war, zuvörderst zugunsten des BGH485 entschieden. Ihm schlossen sich zahlreiche Gerichte an, die im Wesentlichen die Einreichung bestimmender Schriftsätze mittels einfacher E-Mail als nicht formgemäß erachteten.486 
268Für sämtliche in § 130a Abs. 1 ZPO genannten Erklärungen ist demnach eine qualifizierte elektronische Signatur487 oder alternativ eine einfache elektronische Signatur in Kombination mit der Einreichung auf einem sicheren Übermittlungsweg zwingend erforderlich. Zum einen gewährt etwa die qualifizierte digitale Signatur ein höheres Maß an Sicherheit (geringe Gefahr spurloser Manipulationen). Zum anderen kann dem elektronischen Dokument mit einer qualifizierten Signatur eine ähnlich dauerhafte Fassung wie einem Papierdokument verliehen werden.488 Bei der Einreichung auf einem sicheren Übermittlungsweg i.S.d. § 130a Abs. 4 ZPO wird die Authentizität und Integrität des Dokuments schon alleine durch diesen gesicherten Übertragungsweg sichergestellt. 
269Das VG Hamburg urteilte entgegen der Ansicht des Klägers im zu entscheidenden Fall, dass es sich regelmäßig um einen vermeidbaren Rechtsirrtum handele, wenn davon ausgegangen wird, dass die Versendung einer unterschriebenen und eingescannten Klageschrift im Anhang einer OSCI-Nachricht ohne qualifizierte elektronische Signatur zur Fristwahrung genüge.489 
270Im Besteuerungsverfahren geht seit 31.07.2013 aus der Formulierung in § 357 Abs. 1 Satz 1 AO hervor, dass der Einspruch auch mittels einfacher E-Mail eingelegt werden kann („schriftlich oder elektronisch“).490 Dies wurde auf Grundlage eines entsprechenden Anwendungserlasses des Bundesfinanzministeriums bereits über einen Zeitraum von zehn Jahren zuvor von der Finanzverwaltung so akzeptiert. Die Rechtmäßigkeit dieser Praxis wurde 2015 vom BFH bestätigt.491 
271Wirksam ist eine qualifizierte digitale Signatur nur, wenn sie von einer qualifizierten elektronischen Signaturerstellungseinheit erstellt wurde (vgl. Art. 29 und Anhang II eIDAS-Verordnung) und auf einem im Zeitpunkt ihrer Erstellung gültigen qualifizierten Zertifikat beruht, wozu erforderlich ist, dass dieses von einem qualifizierten Vertrauensdiensteanbieter ausgestellt ist und die Anforderungen von Anhang I der eIDAS-VO erfüllt (Art. 3 Nr. 10-12, Nr. 15, Art. 28 eIDAS-VO). Praktisch geschieht der beschriebene Vorgang regelmäßig in Gestalt einer Signierung durch den Absender mit der ausgegebenen Chipkarte in Kombination mit der Eingabe einer individuellen PIN. Nachdem jedoch § 31 Abs. 3 Satz 1 BRAO technikoffen auf die Notwendigkeit einer Zwei-Faktor-Authentifizierung abstellt, sind – im Einklang mit den Vorgaben der eIDAS-VO (s. Rn. 176) – auch Alternativen zur Chipkarte, insbesondere in Gestalt von Softwarezertifikaten, denkbar. Bei deren Verwendung ergeben sich erhöhte Anforderungen an die kanzleiinterne IT-Sicherheit.492 
272In Übertragung der früheren Rechtsprechung des BGH zur Empfangsbestätigung des Signaturschlüsselinhabers nach § 5 Abs. 2 SigV a.F.493 werden Mängel der qualifizierten elektronischen Signatur, etwa die Nichterfüllung der Voraussetzungen von Anlage I eIDAS-VO auf Seiten des Zertifikats, die dem Verwender nicht bekannt waren, zur Wiedereinsetzung in den vorigen Stand führen müssen.494 Denn auch diese Vorgaben sind – in Parallelität zu den früheren Vorgaben der SigV – vornehmlich an die Vertrauensdiensteanbieter gerichtet, wodurch ihre Kenntnis von einem Rechtsanwalt nicht ohne weiteres erwartet werden kann. Anders ist dies mit Blick auf die in Rn. 271 angeführten Softwarezertifikate zu beurteilen. 
273Besteht Anwaltszwang, muss bei der elektronischen Übermittlung bestimmender Schriftsätze die qualifizierte elektronische Signatur grundsätzlich durch einen vertretungsberechtigten Rechtsanwalt erfolgen. Denn § 130a Abs. 3 ZPO bestimmt ausdrücklich, dass die „verantwortende Person“ die Signatur erstellt. Dieses Formerfordernis ist dann nicht gewahrt, wenn die Signatur von einem Dritten (z.B. einer Rechtsanwaltsgehilfin) unter Verwendung der Signaturkarte des – durch die Weitergabe von Signaturkarte und PIN pflichtwidrig handelnden495 – Rechtsanwalts vorgenommen wird, ohne dass dieser den Inhalt des betreffenden Schriftsatzes geprüft und sich zu eigen gemacht hat.496 
274Nach Ansicht des Sächsischen LSG ist eine Berufung auch dann als formwirksam eingereicht anzusehen, wenn diese durch elektronische Übermittlung eines eingescannten, im Original unterschriebenen und qualifiziert signierten Schriftsatzes erfolgt, der Inhaber der qualifizierten elektronischen Signatur jedoch nicht mit dem Urheber des eingescannten Schriftsatzes übereinstimmt.497 
275Überdies kann seit 01.07.2014 eine Rechtsverordnung des Bundesjustizministeriums mit Zustimmung des Bundesrates elektronische Formulare bestimmen und dabei eine Identifikation des Formularverwenders auch durch Nutzung des neuen Personalausweises oder des elektronischen Aufenthaltstitels anstelle der Nutzung einer qualifizierten elektronischen Signatur gestatten, § 130c Satz 4 ZPO.498 
 b. Einfache elektronische Signatur und sicherer Übermittlungsweg (§ 130a Abs. 3 Alt. 2, Abs. 4 ZPO) 
276Alternativ zur qualifizierten elektronischen Signatur, welche oft als Zugangshürde empfunden wurde, bedarf es bei der Schriftformersatzmöglichkeit des § 130a Abs. 3 Alt. 2 ZPO lediglich der einfachen elektronischen Signatur i.S.d. Art. 3 Nr. 10 eIDAS-VO, sofern das elektronische Dokument bereits über die Art des Transportwegs besonders gesichert ist. Die „sicheren Übermittlungswege“ werden dabei in § 130 Abs. 4 ZPO benannt. In der Praxis kann eine einfache Signierung entweder in Form der Wiedergabe der Unterschrift der verantwortenden Person oder auch lediglich durch einfache Namenswiedergabe am Ende des Dokuments erfolgen.499 
277Als erster Fall eines sicheren Übertragungswegs ist eine Übermittlung über absenderauthentifizierte De-Mail zulässig, wobei der Absender sicher im Sinne des De-Mail-Gesetzes angemeldet ist und eine Absenderbestätigung vorliegt, § 130a Abs. 4 Nr. 1 ZPO.500 
278Als (weitere) Kommunikationsmöglichkeit zwischen professionellen Nutzern und Gerichten ist gem. § 130a Abs. 4 Nr. 2 ZPO das besondere elektronische Anwaltspostfach als sicherer Übermittlungsweg festgelegt (vgl. dazu Rn. 89 ff.). Die Bundesrechtsanwaltskammer hat für alle Rechtsanwälte ein solches Postfach zu errichten, zu führen und einen Verzeichnisdienst besonderer elektronischer Anwaltspostfächer zu schaffen (§ 31a BRAO).501 Die erforderliche Authentifizierung wird dadurch bewirkt, dass die Postfachadresse und die Zugangsberechtigung von der Rechtsanwaltskammer erst nach Überprüfung der Zulassung vergeben werden kann. Dabei hat sie sicherzustellen, dass der Zugang zum beA nur durch ein sicheres Verfahren mit zwei voneinander unabhängigen Sicherungsmitteln möglich ist, § 31a Abs. 3 Satz 1 BRAO. Die Rechtsanwaltskammer hat auch Vertretern, Abwicklern und Zustellungsbevollmächtigten die Nutzung des beA zu ermöglichen, § 31a Abs. 3 Satz 2 BRAO. Aufgrund der technischen Probleme des beA steht den Rechtsanwälten diese Möglichkeit des Schriftformersatzes faktisch erst seit 03.09.2018 zur Verfügung. 
279Bacher stellt in diesem Zusammenhang die Anforderungen an die interne Organisation der Rechtsanwaltskanzleien anschaulich dar. So müsse etwa ein zentraler Datenspeicher zur Verfügung stehen, ebenso sei – soweit noch nicht geschehen – die Einführung eines Dokumentenablagesystems empfehlenswert.502 
280Auch bei der Übermittlung über das beA stellt sich die Frage nach den Auswirkungen einer verbotswidrigen Signatur durch Kanzleiangestellte in Form der Überlassung von Signaturkarte und PIN an Dritte wie z.B. Sekretariatspersonal des Rechtsanwalts (vgl. § 26 Abs. 1 RAVPV). Mit dem ArbG Lübeck ist in diesem Zusammenhang Personenidentität zwischen signierender Person und beA-Postfachinhaber zu fordern, andernfalls ist eine qualifizierte elektronische Signatur erforderlich.503 
281§ 130a Abs. 4 Nr. 2 ZPO gibt daneben die Möglichkeit, einen „sicheren Übermittlungsweg“ zwischen einem „entsprechenden, auf gesetzlicher Grundlage errichteten elektronischen Postfach“ und der elektronischen Poststelle des Gerichts vorzusehen. Hierunter fällt etwa das besondere elektronische Notarpostfach (beN), welches bis 01.01.2018 von der Bundesnotarkammer einzurichten war. Hierdurch ist auf Grundlage der §§ 78 Abs. 1 Satz 2 Nr. 9, 78n BNotO ein sicherer Übermittlungsweg zwischen den Notaren und den Gerichten vorgesehen.504 
282§ 130a Abs. 4 Nr. 3 ZPO eröffnet einen weiteren sicheren Übermittlungsweg zwischen einem nach Durchführung eines Identifizierungsverfahrens eingerichteten Postfach einer Behörde oder einer juristischen Person des öffentlichen Rechts und der elektronischen Poststelle des Gerichts (besonderes elektronisches Behördenpostfach). Das Nähere regelt eine Verordnung der Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrates, konkret in Gestalt der §§ 6-9 ERVV. Mit der Schaffung dieses sicheren Übermittlungsweges auf Empfehlung des Rechtsausschusses des Bundestages hat der Gesetzgeber einem Anliegen des Bundesrates Rechnung getragen.505 Damit wurde auch für die Behörden die Möglichkeit eröffnet, ohne Gebrauch der qualifizierten elektronischen Signatur die Kommunikation über das EGVP zu eröffnen.506 
283Ferner können nach § 130a Abs. 4 Nr. 4 ZPO sonstige bundeseinheitliche Übermittlungswege, die durch Rechtsverordnung der Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrates festgelegt werden, bei denen die Authentizität und Integrität der Daten sowie die Barrierefreiheit gewährleistet sind, dazu führen, dass auf eine qualifizierte Signatur verzichtet werden kann.507 Mit dieser Klausel wird der dynamischen IT-Entwicklung im Sinne einer Technikoffenheit Rechnung getragen. Auch auf Entwicklungen in den europäischen Nachbarstaaten oder Festlegungen auf EU-Ebene kann mit einer Rechtsverordnung ohne weitere Gesetzesänderungen für Deutschland rechtlich reagiert werden.508 
 c. Besonderheiten im Zusammenhang mit der Rechtsmittel- bzw. Rechtsbehelfsbelehrung 
284Von Relevanz ist im Zusammenhang mit den Möglichkeiten einer elektronischen Einreichung auch die Frage einer vollständigen und inhaltlich zutreffenden Rechtsmittel- bzw. Rechtsbehelfsbelehrung. Hier herrschen – jedenfalls zu § 130a ZPO a.F. und seinen Parallelvorschriften – in der Rechtsprechung noch große Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Gerichtsbarkeiten und den Gerichten selbst, teils sogar innerhalb der jeweiligen Senate.509 Das LSG Berlin-Brandenburg510 hat – in Übereinstimmung mit der fortgeführten Rechtsprechung des BSG511 – entschieden, dass der fehlende Hinweis auf die Möglichkeit der Berufungseinlegung in elektronischer Form noch nicht zur Unvollständigkeit der Rechtsmittelbelehrung führt. Auch der BFH512 sieht mit Blick auf §§ 55 Abs. 2, 64 Abs. 1 FGO eine Rechtsbehelfsbelehrung nicht als unrichtig erteilt an, wenn sie keinen Hinweis auf die Möglichkeit der Klageübermittlung mittels eines elektronischen Dokuments (§ 52a FGO) enthält. Eine ähnliche Linie verfolgen überdies der VGH München513 und das OVG Bremen514. Auch das VG Hamburg hat in diese Richtung geurteilt.515 
285Das SG Darmstadt stellt sich der bisherigen, eindeutigen Rechtsprechungslinie des BSG entgegen. Diese könne „heute nicht mehr angewendet werden“, zumal das BSG in seiner Entscheidung von 2013516 explizit auf den damaligen Rechtsstand verwiesen habe.517 Letztlich könne – so das SG – offen bleiben, ob ein Leistungsträger, der den elektronischen Rechtsverkehr eröffnet habe, einer Hinweispflicht zur Möglichkeit der elektronischen Einreichung von Schriftsätzen unterliege. Auffallend ist dabei jedoch, dass sich das SG Darmstadt nicht mit der zwischenzeitlich ergangenen Entscheidung des BSG von 2017518 auseinandergesetzt hat, welches – wie dargestellt – die obergerichtliche Rechtsprechung aus 2013 fortgeführt hat. 
286Ebenso sieht das VG Schleswig519 eine Rechtsbehelfsbelehrung, welche die Möglichkeit der Dokumenteneinreichung im Wege der elektronischen Kommunikation verschweigt, dann als fehlerhaft an, wenn der dergestalt Belehrte einen entsprechenden Zugang für die elektronische Kommunikation eröffnet hat. Ähnlich urteilten bereits das OVG Sachsen-Anhalt, OVG Rheinland-Pfalz, OVG Berlin-Brandenburg sowie das LSG Hessen.520 
287Im Rahmen eines Asylverfahrens hat das VG Berlin entschieden, dass in der streitgegenständlichen Rechtsbehelfsbelehrung auf die Modalitäten der Klagerhebung (im Grundsatz schriftlich, alternativ zu Protokoll der Geschäftsstelle sowie auf elektronischem Weg) grundsätzlich nicht hingewiesen werden müsse.521 Jedoch sei es nach Ansicht des Gerichts als irreführend zu bewerten, wenn auf den Grundsatz der schriftlichen Klageerhebung des § 81 Abs. 1 Satz 1 VwGO ausdrücklich hingewiesen werde, nicht aber auf die Möglichkeit einer Protokollierung und den elektronischen Rechtsverkehr.522 Dies gelte insbesondere dann, wenn ein Hinweis nur auf eine der beiden Ausnahmen erfolge. 
288Insoweit stellte auch das FG Schleswig-Holstein ergänzend fest, dass eine Rechtsbehelfsbelehrung unrichtig i.S.d. § 356 Abs. 2 AO sei, sofern diese entgegen dem Wortlaut des § 357 Abs. 1 Satz 1 AO nicht auf die Möglichkeit der elektronischen Einreichung des Einspruchs hinweise.523 Zudem mache auch die Erwähnung der Internetseite in der Fußzeile eines Bescheids den Hinweis auf die Möglichkeit der elektronischen Einlegung nicht entbehrlich.524 
289Sollte der zuletzt dargestellten Rechtsprechungslinie zu folgen sein, müsste angesichts der bundesweiten, grundlegenden Öffnung des elektronischen Rechtsverkehrs in zahlreichen Gerichtszweigen (s. beispielhaft für die Zivilgerichte Rn. 233) bei fehlendem Hinweis auf die Möglichkeiten einer elektronischen Einreichung in der Rechtsmittel- bzw. Rechtsbehelfsbelehrung deren Fehlerhaftigkeit in aller Regel bejaht werden. In diese Richtung tendieren auch bereits erste Vertreter aus der Literatur.525 
290Dabei hat das OVG Münster noch in 2016 angedeutet, dass die völlige Uneinigkeit in der Rechtsprechung alleine genüge, im zugrundeliegenden Fall eine Widereinsetzung in den vorherigen Stand zu bejahen.526 
291Das OVG Lüneburg wies zudem darauf hin, dass eine Rechtsmittelbelehrung, in der wegen der elektronischen Form der Einlegung und Begründung des Rechtsmittels auf die Niedersächsische Verordnung über den elektronischen Rechtsverkehr in der Justiz verwiesen wird, nicht mehr der seit 01.01.2018 geltenden Rechtslage entspricht und damit die für die Begründung der Beschwerde in § 58 Abs. 2 VwGO bezeichnete Einjahresfrist gilt.527 
292In Bezug auf die Widerspruchserhebung mittels E-Mail hat das VG Freiburg geurteilt, dass mittels eines Bescheides, dessen Rechtsbehelfsbelehrung ausschließlich auf die Möglichkeit hinweist, schriftlich oder mündlich zur Niederschrift Widerspruch einlegen zu können, kein über die allgemeine Kommunikation hinausgehender, konkludenter Zugang für den Empfang elektronischer Dokumente eröffnet werde (vgl. § 3a Abs. 2 VwVfG).528 Dies sei selbst dann der Fall, wenn im Briefkopf des entsprechenden Bescheides zugleich die E-Mail-Adresse des zuständigen Sachbearbeiters bzw. der Behörde aufgeführt sei. Denn die E-Mail-Adressen seien einzig zum Zweck der allgemeinen Kontaktaufnahme für den Adressaten mitgeteilt worden.529 Aufgrund der Beschaffenheit der Rechtsbehelfsbelehrung durfte der Adressat – so das Gericht – zudem auch nicht von einer Zugangseröffnung i.S.d. § 3a Abs. 1 VwVfG ausgehen.530 
 7. Allgemeine Zugangsklausel (§ 130a Abs. 5 ZPO) 
293Die Norm bestimmt in ihrem Satz 1, ob und zu welchem Zeitpunkt ein elektronisches Dokument bei Gericht eingegangen ist bzw. als eingegangen gilt.531 Das ist dann der Fall, wenn das Dokument auf der dafür vorgesehenen Empfangseinrichtung gespeichert ist. Der Zugangszeitpunkt hängt dabei auch von dem eingesetzten Kommunikationsmittel (E-Mail bzw. Datei-Upload) ab. 
294Die für den „Empfang bestimmte Einrichtung“ wird in der Rechtsverordnung definiert, es handelt sich beispielsweise um das Elektronische Gerichts- und Verwaltungspostfach (EGVP, vgl. § 4 Abs. 1 Nr. 2 ERVV). Sofern – etwa bezogen auf den Fall der Übersendung via qualifiziert signierter Mail – die Justizverwaltung einen zentralen Server für mehrere Gerichte verwendet, ist die Speicherung auf diesem gemeinsamen Eingangsserver maßgeblich.532 Die Situation ist insoweit mit dem Fall vergleichbar, in dem ein Papierdokument in ein von einem Gericht bei einer anderen Stelle eingerichtetes Postfach gelegt wird, etwa in ein vom Landgericht beim Amtsgericht eingerichtetes Postfach.533 Auf den Zeitpunkt eines eventuellen Ausdrucks bei Gericht kommt es nicht an.534 
295Weitere Voraussetzung für den Eingang soll sein, dass das Dokument für die gerichtliche Bearbeitung geeignet ist, also die in der Rechtsverordnung aufgestellten Anforderungen erfüllt.535 Dafür spricht die Grundannahme, dass das Risiko einer fehlgeschlagenen Übermittlung in der Regel der Absender trägt.536 Dem tragen die eindeutigen Regelungen der ERVV Rechnung. Mit dem Eingang des ordnungsgemäß übermittelten elektronischen Dokumentes treten auch die fristwahrenden Wirkungen ein.537 
296Darüber hinaus bestimmt der neu eingefügte § 130a Abs. 5 Satz 2 ZPO, dass dem Absender zum Nachweis des Zugangs eine automatisierte Eingangsbestätigung zu erteilen ist.538 Eine solche automatisierte Eingangsbestätigung war bereits vor dem 01.01.2018 speziell für eine De-Mail-Übermittlung im De-Mail-Gesetz vorgesehen (§ 5 Abs. 8 Satz 1 De-Mail-Gesetz). Ebenso wurden in der Praxis auch schon vorher häutig im Allgemeinen automatisierte Eingangsbestätigungen für E-Mails versandt.539 Sie sind generell dazu bestimmt, dem Absender eines elektronischen Dokuments sogleich Gewissheit darüber zu geben, ob die Übermittlung erfolgreich oder gescheitert war, um daraus gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen. 
297Sollte der Absender nach der Übermittlung eines Schriftsatzes an das Gericht keine Eingangsbestätigung erhalten, so darf er sich nicht auf den ordnungsgemäßen Eingang seines elektronischen Dokuments verlassen. Parallel zur Rechtslage bei der Übersendung von Schriftsätzen per Telefax, gemäß der das Sendeprotokoll ausgedruckt und protokolliert werden muss540, hat der Absender bei fehlender oder fehlerhafter Empfangsbestätigung alle ihm zumutbaren und möglichen Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass der Schriftsatz das Gericht vor Ablauf der Frist erreicht.541 Dies gilt insbesondere dann, wenn die Übermittlung kurz vor Ablauf der Frist stattfindet. Es kann dann geboten sein, telefonisch bei der Geschäftsstelle den Eingang zu verifizieren.542 
298§ 130d Sätze 2 und 3 ZPO regelt ferner die sogenannte Ersatzeinreichung für den Fall, dass der Zugangsweg über den – zwingend vorgeschriebenen – elektronischen Weg zu den Gerichten aus technischen Gründen nicht möglich ist. Dann ist eine Einreichung auf herkömmlichem Weg zulässig. Um Missbrauch auszuschließen, ist in diesem Fall jedoch die Störung glaubhaft zu machen und auf Anforderung ein elektronisches Dokument nachzureichen. 
299Eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gem. § 233 ZPO kommt dann in Betracht, wenn das elektronische Dokument wegen technisch bedingter Verzögerungen nicht mehr rechtzeitig vor Fristablauf auf der Empfangseinrichtung gespeichert wurde.543 Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass die Partei kein Verschulden trifft.544 Dies wird sich in diesem Fall vor allem danach beurteilen, ob der Fehler, der zur Verzögerung geführt hat, im Machtbereich des Absenders passiert oder auf dem Übertragungsweg. Wird die Frist allerdings bis zum letzten Augenblick ausgenutzt, unterliegt der Absender einem erhöhten Sorgfaltsmaßstab. Auch müssen denkbare Verzögerungen berücksichtigt werden. Dabei lässt sich jedoch die für den Postweg ergangene Entscheidung des BVerfG heranziehen, wonach sich ein Anwalt auf „übliche Laufzeiten“ verlassen darf.545 Eine „übliche Laufzeit“ für elektronische Dokumente kann mangels Vorliegens entsprechender technisch-wissenschaftlicher Untersuchungen zurzeit jedoch noch nicht bestimmt werden.546 Rudisile547 und Bacher548 schlagen vor, bei Absendung von mehr als einer Stunde vor Fristablauf auf Antrag Wiedereinsetzung zu gewähren, wenn die E-Mail erst nach Fristablauf eintrifft.549 Bei der Kalkulation der üblichen Laufzeit ist aber auch die maßgeblich durch den Anhang bestimmte Größe der E-Mail einzubeziehen, sodass gilt: Je größer der Umfang der übermittelten Daten ist, desto länger kann die Übertragung dauern.550 
300Nach dem LSG Bayern obliegen dem Rechtsanwalt auch bei der Übermittlung fristgebundener Schriftsätze wie z.B. einer Berufung über das besondere elektronische Anwaltspostfach bestimmte Sorgfaltsanforderungen, konkret in Gestalt einer Überprüfung des Erhalts der Eingangsbestätigung seitens des Gerichts.551 Werden die kanzleiinternen Abläufe diesen Anforderungen nicht gerecht, kann im Fall des Fristversäumnisses aufgrund fehlerhafter Übermittlung des betreffenden Schriftsatzes keine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gewährt werden, wobei nach der Rechtsprechung auch „Anfangsschwierigkeiten mit dem beA“ zu keinem anderen Ergebnis führen.552 
301Bacher553 konkretisiert die erforderlichen Anstrengungen des Anwalts bei elektronischer Übermittlung fristgebundener Schriftsätze über das beA noch weiter: Stünden in der Kanzlei mehrere zum Versand aus dem beA geeignete Computer zur Verfügung, müsse diese Möglichkeit auch genutzt werden. Ferner habe eine Überprüfung der Internetverbindung, speziell des Routers, zu erfolgen. Eine Entlastung sei im Falle technischer Störungen der Kanzleiausstattung allenfalls dann möglich, wenn es sich um eine plötzliche und unerwartete Störung gehandelt habe, welche trotz ordnungsgemäßen Betriebs und regelmäßiger Wartung nicht verhindert werden konnte. 
302Nur zur Veranschaulichung sei an dieser Stelle noch auf die Rechtsprechung des BGH zu den anwaltlichen Sorgfaltspflichten bei einer Betriebsstörung des gerichtlichen Telefaxgeräts hingewiesen.554 Nach Auffassung des Gerichts ist es einem Prozessbevollmächtigten zumutbar, aus einer allgemein zugänglichen, ihm zur Verfügung stehenden Quelle eine weitere Telefaxnummer des Gerichts in Erfahrung zu bringen, sofern es ihm infolge der technischen Störung des Empfangsgeräts nicht möglich war, einen Schriftsatz fristwahrend per Telefax zu übermitteln. Bei Nutzung des Internets sei insoweit zunächst die Internetstartseite des Gerichts aufzurufen. Sollten dort keine (weiteren) Telefaxnummern angegeben sein, so habe der Prozessbevollmächtigte anschließend über eine von dort leicht zugängliche Internetseite die Kontaktdaten des Gerichts zu ersuchen. Darüber hinaus müsse er jedoch keinen weiteren Versuch zur Ermittlung weiterer Telefaxnummern unternehmen.555 Demzufolge könne von einem Rechtsanwalt nicht verlangt werden, dass er bei Scheitern seiner gewählten Übermittlung per Telefax innerhalb kürzester Zeit eine andere als die für ihn übliche Zugangsart sicherstelle, nachdem ihm – wie aufgezeigt – nur ein geringfügiger Aufwand zur Ermittlung weiterer Telefaxnummern zumutbar sei. 
 8. Zur Bearbeitung ungeeignetes Dokument (§ 130a Abs. 6 ZPO) 
303Zur Bearbeitung durch das Gericht nicht geeignet ist ein Dokument, wenn es nicht in einer in der einschlägigen Rechtsverordnung, der ERVV (vgl. § 130a Abs. 2 ZPO), genannten Formate abgefasst ist.556 In diesem Fall muss eine Mitteilung an den Betroffenen unter Hinweis auf die Unwirksamkeit des Eingangs557 sowie der Angabe der geltenden technischen Rahmenbedingungen erfolgen, § 130a Abs. 6 Satz 1 ZPO. Dies hat unverzüglich, also ohne schuldhaftes Zögern (§ 121 Abs. 1 Satz 1 BGB),558 zu geschehen, was allerdings voraussetzt, dass es dem Gericht möglich ist, zumindest den Absender des Dokumentes zu identifizieren.559 Ebenso ist die Mitteilung nach dem BSG nur innerhalb der (üblichen) Dienstzeiten des Gerichts erforderlich.560 Sie soll den Betroffenen in die Lage versetzen, das Dokument in einem lesbaren Format erneut an das Gericht zu übermitteln. 
304Entbehrlich ist die Mitteilung nach der Rechtsprechung des BFH (zu der entsprechend gefassten Vorschrift des § 52a Abs. 2 Satz 3 FGO a.F., nunmehr geregelt in § 52a Abs. 6 FGO), wenn das elektronisch eingereichte Rechtsmittel unabhängig von der Übermittlungsform offensichtlich unzulässig ist, etwa weil es unstatthaft ist oder gegen den Vertretungszwang verstoßen wurde.561 Auch ist das Gericht dann nicht zu einer Mitteilung nach § 130a Abs. 6 Satz 1 ZPO verpflichtet, wenn es den Absender des elektronischen Dokuments nicht ermitteln kann oder das Dokument von der zuständigen Stelle schon nicht geöffnet werden konnte, bspw. weil es virenbehaftet war und an der Firewall des Gerichts „hängengeblieben“ ist.562 
305Ferner ordnet der zum 01.01.2018 neu eingefügte § 130a Abs. 6 Satz 2 ZPO an, dass ein elektronisches Dokument, das nicht den technischen Rahmenbedingungen entspricht, gleichwohl „als zum Zeitpunkt der früheren Einreichung eingegangen“ (also fristwahrend) „gilt, sofern der Absender es unverzüglich in einer für das Gericht zur Bearbeitung geeigneten Form nachreicht und glaubhaft macht, dass es mit dem zuerst eingereichten Dokument inhaltlich übereinstimmt“.563 Auf ein Verschulden der nicht zur gerichtlichen Bearbeitung geeigneten Dokumenteneinreichung kommt es dabei nicht an. In der Begründung zum Gesetzentwurf wird ausgeführt, dass damit der Rechtsprechung des BVerfG Rechnung getragen werden soll, den Zugang zu den Gerichten durch Anforderungen des formellen Rechts, wie etwa Formvorgaben, nicht in unverhältnismäßiger Weise zu erschweren.564 
306Nach Bacher565 handelt es sich bei § 130a Abs. 6 Satz 2 ZPO um eine von § 233 ZPO nicht erfasste Konstellation, sodass mit Blick auf die Anwendbarkeit der Vorschrift weder ein Erst-recht-Schluss bei Vorliegen eines Wiedereinsetzungsgrundes noch eine entsprechende Anwendung auf Fälle der unzureichenden Einhaltung anderer technischer Voraussetzungen ohne weiteres erfolgen dürfe. Jedoch weisen Baumbach/Lauterbach/Albers/Hartmann zu Recht darauf hin, dass sich bei der Möglichkeit einer erfolgreichen Berufung auf § 130a Abs. 6 Satz 2 ZPO ein Wiedereinsetzungsgesuch erübrigen wird.566 
307Zu beachten ist außerdem, wie Viefhues567 zu Recht bemerkt, dass § 130a Abs. 6 Satz 2 ZPO nicht für Dokumente gilt, welche mittels einfacher E-Mail oder De-Mail ohne sichere Anmeldung an das Gericht versandt wurden. Ein derartiger Mangel im Einreichungsweg kann in der Regel auf einen entsprechenden gerichtlichen Hinweis hin im eigenen Interesse zur Fristwahrung von der betreffenden Partei noch behoben werden; eine entsprechende Verpflichtung des Gerichts besteht jedoch von Gesetzes wegen nicht.568 
308Wird das Dokument aufgrund anderer Mängel als der in § 130a Abs. 6 Satz 2 ZPO genannten eingereicht, die gleichwohl zur Unwirksamkeit des Eingangs führen, und wird das Dokument ohne Defizit nachgereicht, kommt eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand in Betracht.569 Das hierfür erforderliche, fehlende Verschulden kann etwa dann anzunehmen sein, wenn das Dokument während der Übertragung zufällig oder bewusst verändert wurde.570 Etwas anderes gilt, wenn im Berufungsverfahren der Hinweis des Gerichts auf den Formmangel deshalb unterbleibt, weil die nicht qualifiziert signierte E-Mail erst am letzten Tag der Berufungsfrist nach Dienstschluss beim Gericht eingeht.571 
 9. Elektronische Einreichung nicht formgebundener Erklärungen bei Gericht 
309§ 130a Abs. 1 ZPO gilt nicht für Erklärungen, für die prozessual keine Schriftform vorgeschrieben ist. Fraglich ist aber, ob in diesen Fällen § 130a Abs. 2 ZPO Anwendung findet, also ob nur solche elektronischen Dokumente eingereicht werden können, die der in der Verordnung festgelegten Form entsprechen. Dafür spricht, dass die Vorschrift in ihrem Wortlaut anders als § 130a Abs. 1 ZPO keine Erklärung voraussetzt, die der Schriftform bedürfte, sondern lediglich ein elektronisches Dokument. Dagegen spricht, dass mit der Anwendung des § 130a Abs. 2 ZPO aus der ursprünglich formfreien Erklärung eine Erklärung wird, die den in der Rechtsverordnung niedergelegten Anforderungen an das Dateiformat genügen muss. Das wird jedoch teils als unschädlich angesehen:572 Es bleibe die Möglichkeit, die Erklärung auf anderem als elektronischem Weg an das Gericht zu übermitteln und sich dabei eines frei gewählten Formates zu bedienen. Die Möglichkeit der Bearbeitung der eingehenden Datei durch das Gericht müsse gegeben sein. Der – inzwischen nur noch in § 130a Abs. 6 Satz 2 ZPO gebrauchte – Formbegriff sei deshalb keiner der prozessualen oder materiellen Form, § 130a Abs. 2 ZPO sichere lediglich die Verarbeitbarkeit bei Gericht. 
310Praxistipp: In solchen Fällen wird das Anfordern einer ausdrücklichen Empfangsbestätigung empfohlen, um den Eingang der Erklärung bei Gericht beweisen zu können. 
 II. Gerichtliches elektronisches Dokument (§ 130b ZPO) 
 1. Allgemeines 
311§ 130b ZPO wurde durch das Justizkommunikationsgesetz573 in die ZPO eingefügt. Parallelregelungen finden sich in § 46d ArbGG, § 55a Abs. 7 VwGO, § 52a Abs. 7 FGO und § 65a Abs. 7 SGG. Zu ihrer Auslegung können auch die Gesetzesmaterialien zu § 55a Abs. 7 VwGO (§ 55a Abs. 3 VwGO a.F.) herangezogen werden.574 Zum 01.01.2018 erfuhr § 130b ZPO eine Ergänzung durch das Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs575. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
312Das in § 130b ZPO geregelte „gerichtliche elektronische Dokument“ ist ein Element zur Ermöglichung der elektronischen Aktenführung. Es hilft, Medienbrüche zu vermeiden und darüber hinaus, den innerjustiziellen „Workflow“ zu vereinfachen. Wenn die gerichtliche Kommunikation mit den übrigen Verfahrensbeteiligten elektronisch abläuft, schafft das gerichtliche elektronische Dokument als Teil der Akte die Verbindung zwischen dem elektronischen „Eingang“ und „Ausgang“. 
 3. Norminhalt 
313§ 130b Satz 1 ZPO ermöglicht den in der Vorschrift genannten Personen (Richter, Rechtspfleger, Urkundsbeamter der Geschäftsstelle, Gerichtsvollzieher) in Fällen, in denen durch die ZPO eine handschriftliche Unterzeichnung vorgeschrieben ist (insbesondere Urteile, Beschlüsse, Protokolle, richterliche Verfügungen576 und Fristsetzungen577), eine Abfassung als elektronisches Dokument, das mit einer qualifizierten elektronischen Signatur versehen werden muss; anzugeben ist zusätzlich der Name der verantwortlichen Person. 
314Zum 01.01.2018 wurde § 130b ZPO um einen Satz 2 ergänzt: „Der in Satz 1 genannten Form genügt auch ein elektronisches Dokument, in welches das handschriftlich unterzeichnete Schriftstück gem. § 298a Absatz 2 übertragen worden ist.“578 Diese Ergänzung korreliert mit der ebenfalls neu gestalteten Vorschrift über die elektronische Aktenführung in § 298a ZPO, siehe dazu Rn. 347 ff. Demnach bedürfen von den verantwortenden Personen unterzeichnete, gerichtliche Schriftstücke eines Übertragungsnachweises, der von dem Urkundsbeamten der Geschäftsstelle mit einer qualifizierten elektronischen Signatur zu versehen ist, vgl. § 298a Abs. 2 Satz 4 ZPO. 
315Muss ein Schriftstück von mehreren Personen unterzeichnet werden, ist sein elektronisches Äquivalent von allen elektronisch zu signieren. Soll danach eine Änderung am Inhalt vorgenommen werden, müssen alle Beteiligten erneut signieren.579 
316Praxistipp: Soll ein elektronisches Dokument von mehreren signiert werden, ist darauf zu achten, dass die „Endredaktion“ bei demjenigen liegt, der zuerst signiert, um einer Zerstörung der Erstsignatur durch die weiteren Signierenden vorzubeugen.580 
317Genügt die Erstellung des gerichtlichen elektronischen Dokuments nicht den Anforderungen des § 130b ZPO, liegt ein Formmangel581 vor. Welche Rechtsfolgen dieser nach sich zieht, wurde in der Vorschrift nicht geregelt, sondern bewusst der Rechtsprechung überlassen.582 Im Interesse gleichförmiger Handhabung wurde im Gesetzgebungsverfahren auf Rechtsprechung und Lehre zur fehlenden oder fehlerhaften Unterschrift verwiesen.583 Danach ist das Urteil bzw. der Beschluss nach der Rechtsprechung des BGH und des BVerfG grundsätzlich unwirksam, wenn die Unterschrift eines beteiligten Richters ohne Verhinderungsvermerk fehlt.584 Wird die Entscheidung jedoch verkündet (§§ 310, 329 Abs. 1 Satz 1 ZPO), so erlangt sie Wirksamkeit und ist nicht mehr als bloßer Entwurf zu behandeln.585 Der BGH sieht ein Nachholen der richterlichen Unterschrift unter einem Urteil selbst in der Revisionsinstanz noch als zulässig an.586 Innerhalb dieses Zeitraums sollte auch das Nachholen einer qualifizierten elektronischen Signatur möglich sein. 
318Eine Konkretisierung der Rechtsfolgen hat in der Folge etwa bereits das OLG München vorgenommen. Wurde hiernach ein Verkündungsprotokoll zu keinem Zeitpunkt mit der qualifizierten elektronischen Signatur gem. § 130b ZPO versehen, fehlt es mangels Protokollierung an einer wirksamen Verkündung des Urteils.587 Eine gegen das Scheinurteil erhobene Berufung führt – so das Gericht – zur Zurückweisungspflicht des angerufenen Berufungsgerichts an das erstinstanzlich befasste Gericht, damit dieses die Möglichkeit erhält, die ordnungsgemäße Verkündung seiner Entscheidung nachzuholen.588 
 III. Zustellung elektronischer Dokumente gegen Empfangsbekenntnis oder automatisierte Eingangsbestätigung (§ 174 ZPO) 
 1. Allgemeines 
319Nachdem § 174 ZPO durch das Zustellungsreformgesetz589 neu gefasst wurde, ist auch eine Zustellung elektronischer Dokumente sowie die Rücksendung von Empfangsbekenntnissen in elektronischer Form möglich. Für den elektronischen Rechtsverkehr relevant ist § 174 Abs. 3 und 4 ZPO. § 174 ZPO ist über Verweisungsnormen in § 46 Abs. 2 ArbGG, § 56 Abs. 2 VwGO, § 53 Abs. 2 FGO, § 37 Abs. 1 StPO und § 63 Abs. 2 SGG auch in den anderen Prozessordnungen anwendbar. Die Vorschrift wurde wiederum ebenfalls durch das Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs590 ergänzt und erweitert, insbesondere mit Blick auf die Möglichkeit automatisierter Eingangsbestätigungen. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
320§ 174 Abs. 3 und Abs. 4 ZPO dient der Vereinfachung der Zustellung und der Vermeidung von Medienbrüchen. Die Vorgaben ermöglichen die vereinfachte Zustellung elektronischer Dokumente gegenüber Organen der Rechtspflege und öffentlichen Stellen, die kraft ihrer beruflichen oder amtlichen Stellung eine besondere Vertrauenswürdigkeit genießen. Ähnliche Regelungen finden sich im Verwaltungsverfahrens- und Zustellungsrecht591 auf Bundes- und Landesebene. 
 3. Norminhalt 
 a. Adressaten, sicherer Übermittlungsweg und Vertraulichkeit (§ 174 Abs. 3 ZPO) 
321§ 174 ZPO regelt die Zustellung gegen Empfangsbekenntnis oder automatisierte Eingangsbestätigung. Der in § 174 Abs. 1 ZPO genannte Adressatenkreis (Anwälte, Notare, Gerichtsvollzieher, Steuerberater, sonstige Personen, bei denen auf Grund ihres Berufes von einer erhöhten Zuverlässigkeit ausgegangen werden kann, Behörden und Körperschaften oder Anstalten des öffentlichen Rechts) wird auch für die Zustellung elektronischer Dokumente592 kraft Gesetzes zur Teilnahme an der elektronischen Justizkommunikation auserkoren, ohne dass eine vorherige Zustimmung erforderlich ist. Bei Behörden erfolgt eine wirksame Zustellung dabei erst ab dem Zeitpunkt, zu dem das Schriftstück dem Behördenleiter oder dem im Prozess Vertretungsberechtigten der Behörde zugegangen ist. Auf den Zeitpunkt des Eingangs bei der Poststelle der Behörde kommt es dagegen nicht an.593 
322Soll eine Zustellung an einen anderen als den in § 174 Abs. 1 ZPO genannten Verfahrensbeteiligten erfolgen, so ist dessen vorherige Zustimmung erforderlich (§ 174 Abs. 3 Satz 2 ZPO). Die nachträgliche Zustimmung, d.h. die Genehmigung ist nicht ausreichend.594 Die Zustimmung muss ausdrücklich erfolgen, eine konkludente Zustimmung, etwa durch Eröffnung des Zugangs (vgl. § 3a VwVfG), reicht also nicht aus. 
323§ 174 Abs. 3 Satz 3 ZPO schreibt vor, dass das Dokument auf einem sicheren Übermittlungsweg i.S.d. § 130a Abs. 4 ZPO zu übermitteln ist (s. hierzu Rn. 276 ff.), während vor dem 01.01.2018 noch auf die elektronische Signatur abgestellt wurde595, sowie gegen unbefugte Kenntnisnahme Dritter zu schützen ist. Letzteres bildet dabei keine zusätzliche Voraussetzung, nachdem der besondere Schutz ohnehin durch die gewählte, jedenfalls vom Gesetzgeber als sicher anerkannte Übermittlungsform gegeben ist.596 Da es sich bei § 174 Abs. 3 Satz 3 ZPO um eine bloße Ordnungsvorschrift handelt, führt ihre Verletzung jedoch ohnehin nicht zur Unwirksamkeit der Zustellung.597 
324Einen Vorläufer der jetzigen Regelung bildete der bereits durch das De-Mail-Gesetz angefügte § 174 Abs. 3 Satz 4 ZPO a.F., wonach die Übermittlung eines elektronischen Dokuments auch über De-Mail-Dienste i.S.v. § 1 De-Mail-Gesetz erfolgen konnte. Dies ist nunmehr durch § 174 Abs. 3 Satz 3 ZPO i.V.m. § 130a Abs. 4 Nr. 1 ZPO erfasst, wobei jedoch alleine die absenderauthentifizierte De-Mail als sicherer Übertragungsweg gilt. Zu beachten ist mit Blick auf § 174 Abs. 3 Satz 3 ZPO, dass bei der Zustellung über De-Mail-Dienste die nach den §§ 17-21 De-Mail-Gesetz akkreditierten und beaufsichtigten Diensteanbieter keine Dritten im Sinne dieser Vorschrift sind. 
325Damit zusammenhängend sieht § 174 Abs. 3 Satz 4 ZPO vor, dass die in Absatz 1 Genannten einen sicheren Übermittlungsweg für die Zustellung elektronischer Dokumente zu eröffnen haben.598 Damit gilt die Verpflichtung seit 01.01.2018 für einen Anwalt, einen Notar, einen Gerichtsvollzieher, einen Steuerberater oder eine sonstige Person, bei der auf Grund ihres Berufes von einer erhöhten Zuverlässigkeit ausgegangen werden kann, sowie für eine Behörde, eine Körperschaft oder eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Ferner werden andere Verfahrensbeteiligte von dieser Vorschrift erfasst, die der Übermittlung auf diesem Wege zugestimmt haben. 
326Zu beachten ist, dass allein der Zugang eines elektronischen Dokuments noch nicht für eine Zustellung i.S.d. § 174 Abs. 3 ZPO ausreicht. Vielmehr setzt die Zustellung eine unzweifelhafte Willensäußerung des Empfängers voraus, das Schriftstück zur Zustellung anzunehmen (z.B. in Form der Unterzeichnung des Empfangsbekenntnisses).599 
 b. „Elektronisches Empfangsbekenntnis“ (§ 174 Abs. 4 ZPO) 
327§ 174 Abs. 4 Satz 2 ZPO erlaubt die Zurücksendung des Empfangsbekenntnisses auch als elektronisches Dokument. Dabei muss die Art und Weise, wie das Empfangsbekenntnis abgegeben wird, nicht mit der Art und Weise der Zustellung übereinstimmen, d.h. das Empfangsbekenntnis kann auch dann elektronisch abgegeben werden, wenn es sich bei dem zugestellten Dokument um ein Schriftstück oder eine Telekopie handelt.600 Seit 01.01.2018 wird dies nunmehr auch durch einen Hinweis auf eine Zustellung „nach den Absätzen 1 und 2“ im Wortlaut des § 174 Abs. 4 Satz 1 ZPO explizit zum Ausdruck gebracht. 
328Während in § 174 Abs. 4 Satz 3 ZPO a.F. noch in der Ausgestaltung einer „Soll“-Vorschrift auf eine qualifizierte elektronische Signatur abgestellt wurde, sieht die Vorschrift aufgrund der Änderungen durch das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten mit Wirkung zum 01.01.2018 ein elektronisches Empfangsbekenntnis vor, das in strukturierter Form zu übermitteln ist. Hierfür ist ein vom Gericht mit der Zustellung zur Verfügung gestellter strukturierter Datensatz zu nutzen, § 174 Abs. 4 Satz 5 ZPO. Der Gesetzentwurf der Bundesregierung hatte noch eine automatisierte Eingangsbestätigung vorgesehen, dies mit einer Zustellungsfiktion am dritten Tag nach dem auf der Eingangsbestätigung ausgewiesenen Tag.601 Die Anwaltsverbände hatten sich allerdings gegen eine solche automatisierte Bestätigung gewandt und die Beibehaltung einer Lösung mit „voluntativem“ Element – wie bei der Papierzustellung – gefordert.602 Explizit fordert § 174 Abs. 3 Satz 3 ZPO darüber hinaus, dass das zu übermittelnde Dokument „gegen unbefugte Kenntnisnahme Dritter zu schützen“ ist. Daraus ist abzuleiten, dass eine Übermittlung über De-Mail ohne eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nicht zulässig sein dürfte.603 
329Angesichts des geänderten Wortlauts („ist“ zu übermitteln, „ist“ zu nutzen), könnte auf den ersten Blick angenommen werden, dass der Gesetzgeber von der – nach der überzeugenderen Auffassung604 – früheren Ausgestaltung als Ordnungsvorschrift abgerückt ist. Jedoch hat auch nach der Neufassung die fehlende Übermittlung in strukturierter maschinenlesbarer Form und/oder fehlende Nutzung des strukturierten Datensatzes des Gerichts keinen Einfluss auf die Wirksamkeit der Zustellung. Denn die zu § 130a Abs. 1 ZPO vertretene Ansicht, wonach die qualifizierte elektronische Signatur oder Übermittlung auf einem sicheren Übermittlungsweg zwingende Wirksamkeitsvoraussetzung sei, lässt sich auf das „elektronische Empfangsbekenntnis“ nicht übertragen, da § 130a Abs. 1 ZPO nur für Dokumente mit Schriftformerfordernis gilt. In dieselbe Richtung argumentiert Müller überzeugend unter Verweis auf die sanktionslose Ausgestaltung der Einhaltung der Form des elektronischen Empfangsbekenntnisses durch den Gesetzgeber.605 Es spreche viel dafür, dass auch mit der Rücksendung eines Papier-Empfangsbekenntnisses oder eines qualifiziert elektronischen Empfangsbekenntnisses eine Zustellung weiterhin wirksam bewirkt werden könne. Ohnehin würde – so Müller – in einem solchen Fall die Heilungsmöglichkeit des § 189 ZPO greifen.606 
330Darüber hinaus berührt auch das Fehlen des nach § 174 Abs. 4 Satz 1 ZPO anzugebenden Datums die Wirksamkeit der Zustellung nicht.607 
 c. Exkurs: Formlose Mitteilungen 
331Beschlüsse, Verfügungen und sonstige Mitteilungen, die nicht nach den Vorschriften der ZPO zugestellt werden müssen, können auch anderweitig als über einen sicheren Übermittlungsweg übermittelt werden, z.B. als einfaches elektronisches Dokument.608 Voraussetzung ist aber die Eröffnung eines Zugangs durch den Verfahrensbeteiligten, nachdem auch der Kreis der in § 174 Abs. 3 Satz 4, Abs. 1 ZPO Genannten nur mit Blick auf die Zustellung elektronischer Dokumente dazu gesetzlich verpflichtet ist (zur Eröffnung des Zugangs vgl. Kapitel 5 Rn. 367 ff.). 
 d. Exkurs: Zustellung von Anwalt zu Anwalt 
332Für die Zustellung von Anwalt zu Anwalt (§ 195 ZPO) gilt § 174 Abs. 3 Sätze 1 und 3, Abs. 4 Sätze 2-4 ZPO entsprechend. Auch hier ist also die Zustellung durch elektronisches Dokument möglich. 
 IV. Ausdruck elektronischer Dokumente (§ 298 ZPO) 
 1. Allgemeines 
333§ 298 ZPO wurde durch das Justizkommunikationsgesetz609 eingefügt. Parallelregelungen finden sich in § 55b Abs. 2-5 VwGO, § 52b Abs. 2-5 FGO sowie § 65b Abs. 2-5 SGG. Im arbeitsgerichtlichen Verfahren ist die Vorschrift der ZPO über § 46 Abs. 2 ArbGG anwendbar. Durch das Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs610 wurde sie in weiten Teilen neu gefasst. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
334§ 298 Abs. 1 ZPO hat den – nunmehr zwingenden – Transfer von der elektronischen Form in die Papierform und damit den „kalkulierten Medienbruch“ zum Gegenstand. Um Friktionen durch doppelte Aktenführung abzumildern, fordert § 298 Abs. 2, Abs. 3 ZPO im Sinne der Aktenwahrheit und Aktenklarheit die Dokumentation der Einreichung auf einem sicheren Übermittlungsweg sowie der Signaturprüfung (Authentizität und Integrität). Dies sichert auch den Beweiswert des Papierausdrucks. 
335Auf § 298 ZPO verweisen weitere Vorschriften, wie etwa § 299 Abs. 3 Satz 3 ZPO (s. dazu Rn. 369 ff.). 
 3. Norminhalt 
 a. Aktenausdruck (§ 298 Abs. 1 ZPO) 
336Seit 01.01.2018 wird durch § 298 Abs. 1 Satz 1 ZPO zunächst klargestellt, dass elektronische Dokumente (wovon nach wie vor eingereichte und gerichtliche umfasst sind, §§ 130a, 130b ZPO611) für die Papierakten auszudrucken sind, sofern und solange solche geführt werden.612 Eine Ausnahme gilt für umfangreiche Anlagen zu vorbereitenden Schriftsätzen, die abweichend von § 298 Abs. 4 ZPO dauerhaft elektronisch gespeichert werden müssen; in diesem Falle ist der Speicherort aktenkundig zu machen, § 298 Abs. 1 Sätze 2 und 3 ZPO. Die Ermessensausübung für die dargestellte Ausnahme vom Aktenausdruck obliegt grundsätzlich der Geschäftsstelle.613 
337Ein weiterer Anwendungsfall besteht darin, dass die Akten elektronisch geführt werden (§ 298a ZPO) und einem Verfahrensbeteiligten, mit dem nicht auf elektronischem Wege kommuniziert werden kann, ein Dokument zugestellt werden soll.614 Die Regelung umfasst also entgegen dem Wortlaut nicht nur den Ausdruck für, sondern auch den Ausdruck aus den Akten. In dieselbe Richtung argumentieren Ulrich/Schmieder mit Blick auf den Ausdruck zum Zwecke der Zustellung der Klageschrift an den Prozessgegner, zumal nach § 416a ZPO der mit einem Beglaubigungsvermerk versehene Ausdruck einer öffentlichen Urkunde in beglaubigter Abschrift gleichsteht.615 Hierbei sei jedoch zwingend, dass der Ausdruck einen Transfervermerk nach § 298 Abs. 3 ZPO enthalte, nachdem er ansonsten lediglich einer einfachen Abschrift gleichstehe.616 Für Urteile ordnet dies seit 01.01.2018 § 317 Abs. 3 ZPO ausdrücklich an. 
 b. Anbringung von Vermerken (§ 298 Abs. 2, 3 ZPO) 
338Wenn elektronische Dokumente auf einem sicheren Übermittlungsweg eingereicht werden, ist dies in der Papierakte formlos617 zu dokumentieren, § 298 Abs. 2 ZPO. Der Vermerk muss beispielsweise im Falle der Einreichung über das beA u.a. die Information enthalten, wer den Nachrichtenversand vorgenommen hat.618 Wurde mittels De-Mail eingereicht, bedarf es des Vermerks über die nach § 130a Abs. 4 Nr. 1 ZPO erforderliche Bestätigung über die sichere Anmeldung i.S.d. § 5 Abs. 5 De-Mail-Gesetz.619 Hinzu kommt die Bestätigung über die Unversehrtheit der qualifizierten elektronischen Signatur des De-Mail-Providers.620 
339Ist dem Gericht das Dokument mit einer qualifizierten elektronischen Signatur als Nachrichtenanhang und damit nicht auf sicherem Übermittlungsweg zugeleitet worden, dann muss der Ausdruck – wie schon vorher – einen Transfervermerk enthalten, der die Voraussetzungen des § 298 Abs. 3 ZPO zu erfüllen hat:621
 Der Vermerk muss das Ergebnis der Integritätsprüfung des Dokumentes enthalten (§ 298 Abs. 3 Nr. 1 ZPO). Die Prüfung erfolgt durch einen Abgleich der so genannten Hash-Werte622 zum Zeitpunkt des Signierens und zum Zeitpunkt des Ausdrucks für die Akten.623 Die Prüfung kann automatisiert durchgeführt werden, so dass kein besonderer Aufwand entsteht. Zusammen mit dem Auslesen der Zertifikationsdaten kann sie online erfolgen.624
 Der Vermerk muss denjenigen angeben, den die Signaturprüfung (i.S.d. Art. 32 eIDAS-VO) als Inhaber der Signatur ausweist (§ 298 Abs. 3 Nr. 2 ZPO).
 Schließlich muss vermerkt werden, welchen Zeitpunkt die Signaturprüfung für die Anbringung der Signatur aufweist (§ 298 Abs. 3 Nr. 3 ZPO). Der Zeitpunkt lässt sich anhand einer mit einem Zeitstempel versehenen, fortgeschrittenen elektronischen Signatur oder einem fortgeschrittenen elektronischen Siegel eines nach Art. 33 eIDAS-VO qualifizierten Vertrauensdienstes bestimmen.625
 
340Nicht enthalten im Transfervermerk ist die Angabe, wann und durch wen der Transfervorgang stattgefunden hat. Das erleichtert den automatisierten Ausdruck der elektronischen Dokumente. Schmid bemerkt, dass das Fehlen dieser Voraussetzung nicht planwidrig sei, da ein entsprechender Beweis im Zweifel mit Hilfe der Aufbewahrung des Originaldokuments geführt werden könne.626 
341Zur Wirkung des § 298 Abs. 3 ZPO merken Ulrich/Schmieder an, dass der mit einem Transfervermerk versehene Ausdruck zwar prozessual das Originaldokument ersetzen könne, diesem jedoch nicht auch materielle Wirkung, z.B. in Bezug auf § 568 BGB, zukommen könne.627 
342Ebenso führt ein positiver Transfervermerk einer elektronisch eingereichten Antragsschrift nicht zum Entfallen der Pflicht zur Vorlage der Prozessvollmacht im Original nach § 80 ZPO, auch nicht im einstweiligen Verfügungsverfahren.628 
343Nicht geregelt sind die Rechtsfolgen eines mangelhaften Transfervermerks.629 Die Gesetzesbegründung zur Vorgängervorschrift des § 298 Abs. 2 ZPO a.F.630 verweist zum Fall des fehlenden/mangelhaften Transfervermerks auf die differenzierte Rechtsprechung, die sich zum mangelhaften Ausfertigungsvermerk bzw. zur fehlenden Ausfertigung entwickelt hat (vgl. bei § 317 ZPO Rn. 397). Schenke weist zur Parallelregelung in der VwGO aber zu Recht darauf hin, dass diese Rechtsprechung nicht eins zu eins auf den fehlenden Transfervermerk angewendet werden könne, weil das Dokument schon mit Eingang bei Gericht wirksam in das Verfahren eingeführt sei, woran spätere gerichtsinterne Fehler beim Medientransfer nichts mehr zu ändern vermögen – es sei daher davon auszugehen, dass sowohl Unrichtigkeiten als auch Unvollständigkeiten beim Medientransfer gem. § 319 ZPO analog berichtigt werden könnten.631 
344Dasselbe muss für den Fall eines fehlerhaften bzw. mangelhaften Aktenvermerks nach § 298 Abs. 2 ZPO gelten, was ebenfalls bereits bei Schenke anklingt, indem er übergreifend auf „Formfehler“ verweist.632 
 c. Aufbewahrungsfrist (§ 298 Abs. 4 ZPO) 
345Gemäß § 298 Abs. 4 ZPO kann seit 01.01.2018 ein eingereichtes, tatsächlich ausgedrucktes (vgl. § 298 Abs. 1 ZPO) elektronisches Dokument nach Ablauf von sechs Monaten gelöscht werden633, vormals war es mindestens bis zum rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens zu speichern634. Nach dem Wortlaut sind hiervon keine gerichtlichen elektronischen Dokumente (§ 130b ZPO) erfasst. 
346Eine längere Aufbewahrung empfiehlt sich daneben etwa bei elektronischer Zweitakten-Führung.635 Werden vollelektronische Prozessakten geführt, ergibt sich die Speicherungspflicht als Pflicht zur Speicherung des Akteninhalts von selbst636; die Modalitäten regelt die einschlägige Verordnung nach § 299 Abs. 1 ZPO637. 
 V. Elektronische Aktenführung (§ 298a ZPO) 
 1. Allgemeines 
347Die Vorschrift wurde durch das Justizkommunikationsgesetz638 in die ZPO eingefügt. Parallelregelungen sind in § 46e ArbGG, § 55b VwGO, § 52b FGO und § 65b SGG enthalten. Mit Wirkung zum 13.07.2017 bzw. 01.01.2018 wurden die §§ 298 und 298a ZPO neu gefasst und die Formvorschriften im Interesse der Erleichterung gerichtlicher Arbeitsabläufe so angepasst, dass seither der Aufwand zur Führung der elektronischen Akten und zum sogenannten Medientransfer geringer ist. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
348§ 298a ZPO bildet das „Rückgrat“ der Vorschriften zur elektronischen Prozessführung in der Zivilgerichtsbarkeit. Die Norm regelt das „Zwischenstück“639 des (elektronischen) gerichtlichen Verfahrens zwischen dem elektronischen Eingang der Dokumente mit Schriftformerfordernis (§ 130a ZPO) und dem elektronischen Ausgang (§ 174 Abs. 3, Abs. 4 ZPO). Seit der Neufassung ordnet die Vorschrift die verpflichtende vollelektronische Aktenführung ab dem 01.01.2026 an, § 298a Abs. 1 ZPO. Trotz bestehender erheblicher Schwierigkeiten in der Praxis640 ist die elektronische Akte bereits seit Längerem bei einzelnen Gerichten und einzelnen Verfahren im Einsatz. Ab diesem Zeitpunkt und sofern die elektronische Prozessaktenführung bereits vorher optional gewählt wird, sind die Papierdokumente nach Maßgabe des § 298a Abs. 2 ZPO in elektronische Dokumente zu übertragen. Dabei hat das Übertragungsverfahren dem Stand der Technik zu entsprechen, ebenso muss die bildliche und inhaltliche Übereinstimmung sichergestellt und dokumentiert werden. 
349Der umgekehrte Fall zu § 298a ZPO ist in § 298 ZPO (Ausdruck elektronischer Dokumente) geregelt (s. Rn. 333). § 298 Abs. 1 Satz 2 ZPO lässt eine Ausnahme von der Pflicht zum Ausdruck umfangreicher Anlagen zu. In solchen Fällen kann die Datei ohne Ausdruck dauerhaft elektronisch gespeichert werden. Allerdings muss dann der Speicherort in einem ausgedruckten Vermerk festgehalten werden, um die Vollständigkeit der Papierakte sicherzustellen, § 298 Abs. 1 Satz 3 ZPO.641 Sofern das elektronische Dokument mit einer qualifizierten elektronischen Signatur versehen und nicht auf einem sicheren Übermittlungsweg eingereicht wurde, muss der Ausdruck nach wie vor mit einem Transfervermerk nach § 298 Abs. 3 ZPO versehen werden. Wurde das Dokument auf einem sicheren Übermittlungsweg im Sinne des § 130a Abs. 4 ZPO eingereicht, muss dies lediglich aktenkundig gemacht werden, § 298 Abs. 2 ZPO. 
350Die elektronische Gerichtsakte, die in den nächsten Jahren flächendeckend in Deutschland eingeführt wird, auch um die von den Anwälten eingehenden elektronischen Dokumente ohne Medienbrüche weiterverarbeiten zu können, bedeutet eine große Herausforderung für alle Akteure der Justizkommunikation. Unabhängig davon, ob ihre Umsetzung gegenüber der Richterschaft erzwungen werden kann,642 haben hier akzeptanzstiftende Maßnahmen eine wichtige Bedeutung für die Implementierung eines medienbruchfreien „E-Justice-Workflows“. 
351Dass eine erfolgreiche Umstellung auf die E-Akte auch und vor allem auf die Unterstützung ihrer künftigen Nutzer angewiesen ist, wurde schon im Rahmen des 7. Hessischen Sozialrichtertags im Dezember 2013 erkannt und zum Gegenstand der Tagung gemacht.643 Schlüssel zum Erfolg sei demnach ein zweckmäßiges Veränderungs- und Akzeptanzmanagement innerhalb der Justiz: Insoweit müssten den Beschäftigten einerseits im Rahmen von umfassenden Informationsveranstaltungen die Vorteile der Elektronifizierung der gerichtlichen Abläufe sowie deren faktische, technische und rechtliche Folgen erläutert werden.644 Andererseits müssten – so De Felice/Müller645 – fundierte Schulungen dazu führen, dass für jeden Justizmitarbeiter die E-Akte an seinem konkreten Arbeitsplatz handhabbar ist. Dies könne u.a. durch den Einsatz geschulter Multiplikatoren vor Ort erreicht werden. Nur so könnten vorhandene Ängste und Vorbehalte abgebaut werden, um das Ziel „akzeptierte, ergonomische elektronische Gerichtsakte“ zu erreichen.646 Damit dies langfristig erreicht werden kann, muss für das Justizpersonal bereits jetzt umfassend Transparenz geschaffen werden. Als kontraproduktiv stellt sich dagegen die Nicht-Wiederbesetzung der Stellen von z.B. aus Altersgründen ausscheidendem Personal lediglich unter Verweis auf die „kommende elektronische Akte“ dar. 
352Einen bedeutsamen Vorteil bietet aus der Sicht der Richterschaft ein rascher und komfortabler Zugriff auf die elektronische Akte über mobile Geräte wie etwa ein Notebook, Tablet oder E-Book-Reader, sei es im Rahmen der mündlichen Verhandlung oder am häuslichen Arbeitsplatz.647 Von besonderer Wichtigkeit ist in diesem Zusammenhang bei der technischen Umsetzung entsprechender Lösungen und deren Verwendung jedoch vor allem die Beachtung datenschutzrechtlicher Anforderungen. 
353Köbler sieht sowohl in der permanenten Verfügbarkeit elektronischer Akten unabhängig von Ort und Zeit als auch in der Möglichkeit des Durchsuchens selbst enorm umfangreicher Dokumente innerhalb kürzester Zeit große Vorteile der elektronischen Aktenführung.648 Nicht unerwähnt lässt er jedoch auch die aus seiner Sicht bestehenden Gefahren in Gestalt technischer Risiken, Umsetzungs-, Sicherheits- und Gesundheitsrisiken sowie solche infolge fehlender finanzieller und organisatorischer Ausstattung durch politische Fehlentscheidungen.649 
354Bei dem 2014 in Österreich eingeführten und nach Leibenger/Petrlic/Sorge/Vogelsang mit der elektronischen Aktenführung vergleichbaren elektronischen Akt (ELAK) hätten sich aus technischer Sicht als weitere Vorteile die lückenlose Nachvollziehbarkeit der Bearbeitung, die automatische Versionserstellung, die elektronische Übermittlung und der Schutz vor unbefugtem Zugriff herauskristallisiert.650 
355Neben einem funktionierenden Akzeptanzmanagement innerhalb der Justiz sind mit Blick auf die Konzeption der elektronischen Justizakte noch weitere große Herausforderungen zu bewältigen: So ist ein sinnvolles Zusammenwirken mit den bereits vorhandenen Fachverfahren zu erreichen. Konkret muss eine Entscheidung darüber getroffen werden, welche Funktionalitäten im Fachverfahren und welche in einem eigenständigen Dokumentenmanagementsystem verwirklicht werden sollen. Radke erwähnt hierbei zu Recht den erschwerenden Umstand, dass in den Bundesländern bei den Gerichten und Staatsanwaltschaften unterschiedliche Fachverfahren eingesetzt werden, sodass interoperable Lösungen ein Muss darstellten.651 Zum anderen sei zu berücksichtigen, dass die Entwicklung, Wartung und Pflege der Fachverfahren mehrheitlich in Länderverbünden erfolge. Wünschenswert sei nach Radke652 daher „nicht nur eine möglichst landeseinheitliche Lösung, sondern zugleich ein justiz-, wenigstens aber verbundweit einsetzbares System“. Eine Einigung auf ein für alle Länder gleiches Gerichtsaktensystem war zunächst nicht erzielbar (vgl. zu den drei existierenden elektronischen Gerichtsaktensystemen Rn. 90). 
356In seiner 11. Sitzung hat der E-Justice-Rat die Entwicklung eines bundesweit einheitlichen Fachverfahrens beschlossen.653 Das neue IT-Programm soll sowohl bei den Gerichten der ordentlichen Gerichtsbarkeit und den Staatsanwaltschaften als auch bei den Fachgerichten einsetzbar sein und auf die im Vorangegangenem dargestellten Probleme reagieren. Dieses Projekt wird sich großen Herausforderungen mit Blick auf Koordinierung und technische Umsetzung stellen müssen. Auch gibt die Absicht, in einem 16-Länder-Projekt bundeseinheitlich ein Fachverfahren zu programmieren, Anlass zur Sorge, dass das Gebot der digitalen Gewaltenteilung zwischen Öffentlicher Hand und Privatwirtschaft (siehe Rn. 62 ff.) nicht genügend beachtet und unzureichend technical self-restraint geübt wird. Sinnvoller wäre es gewesen, sich im E-Justice-Rat auf Standards der Fachverfahren zu einigen und die Programmgestaltung der privatwirtschaftlichen Softwareentwicklung zu überlassen. 
357Im Rahmen der Sitzung des E-Justice-Rats v. 20.09.2017 initiierten die Amtschefs der Justizverwaltungen von Bund und Ländern nunmehr die Entwicklung eines bundesweiten IT-Programms, das der Bearbeitung gerichtlicher sowie staatsanwaltlicher Verfahren dienen soll.654 Der Einsatz des Fachprogramms soll bundesweit zunächst auf die ordentliche Gerichtsbarkeit beschränkt sein, zukünftig jedoch auch für die Staatsanwaltschaften und Fachgerichte zur Verfügung stehen. Nach den Angaben des niedersächsischen Justizministeriums entspricht das Fachverfahren den aktuellen Anforderungen an Funktionalität und Sicherheit. 
358Auf dem EDV-Gerichtstag im September 2018 berichteten die Programmleiter Jahrbeck und Melcher über den Fortschritt des Projekts der Entwicklung eines Bund-/Länder-übergreifenden, gemeinsamen Fachverfahrens „gefa“.655 Zuständigkeiten, Programmaufbau und Hierarchien seien innerhalb des Projekts geklärt. Sobald die Einführung des neuen „gefa“ in allen vorgesehenen Stellen abgeschlossen ist, werde nach heutigem Stand eine Anwenderzahl von insgesamt 100.000 Benutzern erwartet. Die Vergabe für die „gefa“-Entwicklung wurde initiiert, Deadline soll März 2021 sein. Ende 2024/Anfang 2025 soll die „gefa“-Pilotierung für Strafgerichte/Staatsanwaltschaften, Finanz-, Verwaltungs-, Arbeits- und Sozialgerichtsbarkeit laufen, für die (übrige) ordentliche Gerichtsbarkeit abgeschlossen sein. 
 3. Norminhalt 
 a. Öffnungsklausel (§ 298a Abs. 1 ZPO) 
359Durch § 298a Abs. 1 ZPO wird die elektronische Aktenführung bei Gericht nach geltender Fassung noch optional ermöglicht. Die Ausgestaltung der elektronischen Aktenführung wird der Regelung durch Bundes- und Landesverordnungen überlassen, § 298a Abs. 1 Satz 2 ZPO. Die Ermächtigung zur Ausgestaltung kann von den Landesregierungen an die Landesjustizverwaltungen delegiert werden. Einen Gestaltungsspielraum hat der Verordnungsgeber bis 31.12.2025 insbesondere hinsichtlich der Frage, bei welchen Gerichten bzw. in welchen Verfahren elektronische Akten geführt werden können, § 298a Abs. 1 Satz 4 ZPO. Wird die dargestellte Möglichkeit einer Zulassungsbeschränkung auf einzelne Gerichte oder Verfahren wahrgenommen, kann zudem seit 13.07.2017 in der Rechtsverordnung bestimmt werden, dass durch öffentlich bekanntgemachte Verwaltungsvorschrift geregelt wird, in welchen Verfahren die Akten elektronisch zu führen sind. Weiterhin können Zeitpunkt und organisatorisch-technische Rahmenbedingungen, wie das Verfahren der Übertragung von Papierdokumenten in die elektronische Form, vom Verordnungsgeber bestimmt werden, § 298a Abs. 1 Satz 2 ZPO. 
360Bislang wurden auf der Grundlage des § 298a Abs. 1 ZPO folgende Landesrechtsverordnungen erlassen:
Baden-Würt­tem­bergVer­ord­nung des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums zur elek­tro­ni­schen Akten­füh­rung bei den Gerich­ten (eAktVO) vom 29.03.2016 (GBl 2016, 265)
Bay­ernVer­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr bei den ordent­li­chen Gerich­ten (ERVV Ju) vom 15.12.2006 (GVBl 2006, 1084)
Bran­den­burgVer­ord­nung zur elek­tro­ni­schen Akten­füh­rung bei den Gerich­ten (elek­tro­ni­sche-Akten-Ver­ord­nung – eAktV) vom 03.01.2019 (GVBl 2019 II/19, Nr. 2)
Hes­senJus­tiz-Infor­ma­ti­ons­tech­nik-Ver­ord­nung (Jus­tITV) vom 29.11.2017 (GVBl 2017, 415)
Meckl.-Vor­pomm.Ver­ord­nung zur elek­tro­ni­schen Akten­füh­rung bei den Gerich­ten (EAktVO M-V) vom 04.08.2018 (GVOBl 2018, 307) und Ver­wal­tungs­vor­schrift vom 16.08.2018 (AmtsBl. 2018, 478)
NRWVer­ord­nung zur elek­tro­ni­schen Akten­füh­rung bei den Gerich­ten der ordent­li­chen Gerichts­bar­keit im Land Nord­rhein-West­fa­len (NRWe­Ak­tOGVO) vom 16.10.2018 (GV 2018, 578)
Rhein­land-PfalzLan­des­ver­ord­nung über die elek­tro­ni­sche Akten­füh­rung bei den Gerich­ten in Rhein­land-Pfalz (RhP­fE­AktFG) vom 09.05.2018 (GVBl 2018, 125)
 
 b. Transfer von Papierdokumenten (§ 298a Abs. 2 ZPO) 
361§ 298a Abs. 2 ZPO regelt, umgekehrt zu § 298 ZPO, den Transfer von Papierdokumenten in die elektronische Form. Unzulässig ist eine „Hybridakte“, also eine Akte, die teilweise in Papierform und teilweise in elektronischer Form geführt wird.656 Übertragen werden müssen grundsätzlich alle Eingänge, neben Schriftstücken also auch Pläne, Zeichnungen, etc.657 
362Bei § 298a ZPO handelt es sich seit 01.01.2018 um eine „Muss“-Vorschrift, d.h. der nach dem Stand der Technik durchzuführende Medientransfer ist zwingend („sind zu übertragen“). Nach wie vor heranzuziehen ist die ausweislich der Begründung zum Regierungsentwurf des Justizkommunikationsgesetzes zu bejahende Möglichkeit, dass von einer Übertragung abgesehen werden kann, wenn die eingereichten Unterlagen von „besonderem Umfang“ (z.B. bei Bauhaftungsprozessen u.Ä.) sind.658 Steht der zu erwartende Aufwand daher im Vergleich zu dem angestrebten Zweck der Vollständigkeit der elektronischen Akte außerhalb jedes angemessenen Verhältnisses, so muss auch von der nunmehrigen „Muss“-Vorschrift eine Ausnahme anzunehmen sein.659 
363Um automatische Scanprozesse zu erleichtern, bei denen eine personelle Zuordnung des Übertragungsprozesses häufig nicht möglich ist, ist die vormals in Absatz 3 vorgesehene Bestätigung der Übereinstimmung bei jeder einzelnen Übertragung überflüssig, ebenso der in § 298a Abs. 3 ZPO a.F. vorgesehene Vermerk, wann und durch wen ein Schriftstück in ein elektronisches Dokument übertragen worden ist660. § 298a Abs. 2 Sätze 3 und 4 ZPO setzen jedoch immerhin einen Übertragungsnachweis voraus, der im Falle der Übertragung eines von den verantwortenden Personen handschriftlich unterzeichneten, gerichtlichen Schriftstücks mit einer qualifizierten elektronischen Signatur des Urkundsbeamten der Geschäftsstelle zu versehen ist. Praktische Anwendungsfälle bilden etwa von Bereitschafts- oder ehrenamtlichen Richtern unterzeichnete Entscheidungen.661 
364In § 298a Abs. 2 Sätze 1 und 2 ZPO wird zudem klargestellt, dass die Übertragung des Papierdokuments in das elektronische Dokument nach dem Stand der Technik vorgenommen werden muss und dass sicherzustellen ist, dass das Papierdokument und das elektronische Dokument bildlich und inhaltlich übereinstimmen. Ausweislich der Begründung zum Gesetzentwurf sind „technisch bedingte Abweichungen in Größe und Farbe hinzunehmen, soweit sie den Inhalt des Papierdokuments nicht beeinträchtigen“.662 
365Um bereits während des Zeitraums bis zur verpflichtenden elektronischen Aktenführung zusätzliche Anreize für die Umstellung zu setzen und zu verhindern, dass Gerichte über lange Zeit nach Einführung elektronischer Akten parallel Papierakten aufbewahren müssen, wurde die Aufbewahrungsfrist gemäß § 298a Abs. 2 Satz 5 ZPO für Papierunterlagen, die eingescannt wurden, auf sechs Monate nach der Übertragung verkürzt. Diese Neuregelung ersetzt die bisherige Regelung, wonach eine Aufbewahrung mindestens bis zur Rechtskraft des Verfahrens vorgeschrieben wird.663 Damit wird ausdrücklich eine Vernichtung der Papierakten unabhängig vom Aktenzusammenhang zugelassen, sofern nicht – etwa für Behörden- oder Notarakten oder bei vorgelegten Urkunden (§§ 142, 420 ZPO) – eine Rückgabepflicht besteht.664 
366Köbler weist darauf hin, dass damit die Aufbewahrung der gescannten Papierunterlagen im Stapel der Eingangstage ermöglicht wird.665 
367Ferner wird das eingescannte Originaldokument im Gegensatz zu seiner elektronischen Kopie nicht Aktenbestandteil, ist aber weiterhin Beweisgegenstand.666 
 c. Rechtsfolge 
368§ 298a ZPO ist wie § 298 ZPO als Ordnungsvorschrift anzusehen, deren Nichtbefolgung keinen Einfluss auf die Wirksamkeit von Prozesshandlungen, gerichtlichen Verfügungen oder Entscheidungen hat (zum fehlenden Transfervermerk bei § 298 ZPO vgl. Rn. 343).667 
 VI. Akteneinsicht bei elektronischer Aktenführung (§ 299 Abs. 3 ZPO) 
 1. Allgemeines 
369§ 299 Abs. 3 ZPO wurde durch das Justizkommunikationsgesetz668 angefügt und ergänzt die Regelungen in § 299 Abs. 1 und 2 ZPO, die die Einsicht in „konventionell“ geführte Akten regeln. Eine ähnliche Vorschrift enthält § 760 ZPO zur Einsicht in elektronisch geführte Akten des Gerichtsvollziehers.669 Parallelregelungen in anderen Prozessordnungen finden sich in § 100 VwGO, § 78 FGO und § 120 SGG. Im arbeitsgerichtlichen Verfahren ist die Vorschrift über § 46 Abs. 2 ArbGG anwendbar. Zum 01.01.2018 wurde § 299 Abs. 3 ZPO vollständig neu gefasst und ergänzt. 
 2. Normzweck und Anwendungsbereich 
370§ 299 Abs. 3 ZPO legt fest, wie Akteneinsicht in elektronisch geführte Akten zu gewähren ist. Sie dient der Gewährleistung des rechtlichen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG), soll den Parteien ein faires Verfahren sichern und ermöglicht ihnen, ihrer Mitwirkungspflicht nachzukommen.670 
371Handelt es sich ausnahmsweise um eine Hybridakte, richtet sich die Einsichtnahme in die „konventionell“ geführten Teile nach den allgemeinen Vorschriften (§ 299 Abs. 1, 2 ZPO).671 Hierbei wird deutlich, dass das Führen von Hybridakten zumindest auf Dauer keine zufriedenstellende Lösung darstellen kann, nachdem sich in diesem Fall zentrale zeitliche und logische Vorteile einer elektronischen Aktenführung nicht vollends ausnutzen lassen.672 Die hybride Aktenführung führt überdies zu Umsetzungsschwierigkeiten mit Blick auf den zentralen Gedanken der Aktenvollständigkeit – konkret etwa, wenn nur der elektronisch geführte Aktenteil in der Justiz-Cloud gespeichert werden kann.673 
 3. Norminhalt 
 a. Ausgestaltungsvarianten 
372§ 299 Abs. 3 Satz 1 ZPO sieht die im Zuständigkeitsbereich der Geschäftsstelle liegende, elektronische Akteneinsicht über ein Akteneinsichtsportal als gesetzlichen Regelfall bei elektronischer Prozessaktenführung vor.674 Das zukünftig über www.justiz.de abrufbare, bundesweite Portal vermittelt dabei Einsicht für alle Arten von Nutzern. Hierdurch wird u.a. auch ehrenamtlichen Richtern – insbesondere in der Rechtsmittelinstanz in arbeitsgerichtlichen Verfahren – anstatt wie bisher in papierner Form ein elektronischer Zugriff auf den Akteninhalt ermöglicht. Dabei wird die Authentifizierung gegenüber dem Portal mittels einer Safe-ID erfolgen, bevor ein Zugriff unter Verwendung der mit der Ladung mitgeteilten Zugangsdaten möglich ist.675 
373Auf besonderen Antrag ist nach § 299 Abs. 3 Satz 2 ZPO die Akteneinsicht in den Diensträumen möglich. Dies geschieht regelmäßig in Form einer Wiedergabe des Akteninhalts auf einem im Gerichtsgebäude aufgestellten Bildschirm. Dabei muss es sich nicht zwingend um das befasste Gericht handeln; vielmehr kann diese Form der Akteneinsicht auch in den Räumen von Verwaltungsbehörden oder Gerichten erfolgen, die räumlich näher am Wohnort desjenigen liegen, der Einsicht nehmen will.676 
374Für den Fall, dass der Antragsteller ein besonderes Interesse in einem besonders begründeten Antrag darlegt, wird diesem nach § 299 Abs. 3 Satz 3 ZPO ein Aktenausdruck oder ein Datenträger mit dem Akteninhalt übermittelt. Die Entscheidung des Urkundsbeamten der Geschäftsstelle über diesen Antrag ist gem. § 299 Abs. 3 Satz 5 ZPO unanfechtbar. Nach der Gesetzesbegründung kann ein besonderes Interesse etwa darin bestehen, dass der Antragsteller nicht über die technischen Möglichkeiten zum Abruf verfügt und eine Einsicht in den Diensträumen nicht zumutbar ist.677 Ob es sich bei dem Aktenausdruck um einen solchen nach § 298 ZPO handelt, war bereits im Rahmen von § 299 Abs. 3 ZPO a.F. umstritten.678 Praktische Folge einer Bejahung wäre die Notwendigkeit einer Dokumentation über die Einreichung auf einem sicheren Übermittlungsweg bzw. eines Transfervermerks nach § 298 Abs. 2, Abs. 3 ZPO. Nachdem das Vorhandensein und der Inhalt dieser Vermerke für den Einsichtnehmenden relevante Informationen darstellen können, ist nicht nur angesichts der identischen Bezeichnung von einem Aktenvermerk i.S.d. § 298 ZPO auszugehen.679 
375Zum 01.01.2018 vollständig entfallen ist schließlich die Möglichkeit der Übermittlung von elektronischen Dokumenten, z.B. per E-Mail mittels qualifizierter elektronischer Signatur und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Dasselbe gilt für die frühere Privilegierung von Rechtsanwälten in Form einer elektronischen Zugriffsmöglichkeit, nachdem diese nunmehr in Absatz 1 für jedermann gelten soll. 
376Auch nach der Neuregelung der elektronischen Akteneinsicht ist in Bezug auf die Metadaten elektronischer Dokumente noch immer ungeklärt, ob diese als Bestandteil des Akteninhalts anzusehen sind. Nach Seiler schließt „Abruf“ die Möglichkeit des Herunterladens des „Datenpakets“ mit ein.680 
377Bacher681 spricht sich demgegenüber dafür aus, eine Differenzierung anhand der bereits bei Papierakten bislang durchgeführten Kriterien vorzunehmen, wobei sich dort die weiteren Informationen zumeist in Form handschriftlicher Vermerke ergeben. Zu den auch im Wege der Akteneinsicht zu übermittelnden Metadaten gehörten demnach etwa Eintragungen, aus denen hervorgehe, „wann und durch wen die Übersendung eines Dokuments an einen anderen Beteiligten angeordnet und ausgeführt wurde“. Zugleich liefert er Vorschläge zur technischen Umsetzung (Einblendung in das Dokument selbst, Zusatzblatt). 
378Krüger/Möllers stimmen der von Bacher vorgeschlagenen Differenzierung innerhalb der Metadaten zu.682 Normentechnisch ließe sich diese etwa an § 299 Abs. 4 ZPO festmachen, wonach die dort genannten Dokumente, wie etwa Urteils- und Beschlussentwürfe, nicht im Rahmen der Akteneinsicht mitgeliefert werden dürfen. Übertragen auf die elektronische Akteneinsicht müsse dies sinnvollerweise bedeuten, dass die entsprechenden Metadaten nicht übertragen werden dürften; bei Letzteren bestünde zudem das Erfordernis einer grundsätzlichen Typisierung.683 
379Nach Berlit bedürfe es in diesem Zusammenhang einer rechtssicheren Grundlage in Gestalt einer Regelung in den Bund-/Länder-Rechtsverordnungen, nachdem diese Frage nicht rein technischer Natur sei und damit nicht alleine den Programmierern überantwortet werden dürfe.684 
 b. Möglichkeit der Abweichung vom Antragserfordernis aus wichtigem Grund (§ 299 Abs. 3 Satz 4 ZPO) 
380Im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens wurde § 299 Abs. 3 ZPO noch um einen Satz 4 ergänzt: „Stehen der Akteneinsicht in der nach Satz 1 vorgesehenen Form wichtige Gründe entgegen, kann die Akteneinsicht in der nach den Sätzen 2 und 3 vorgesehenen Form auch ohne Antrag gewährt werden“. Die Beschlussempfehlung des Rechtsausschusses nennt dabei als wichtige Gründe beispielhaft vorübergehende technische Probleme oder besonders hohe Sicherheitsanforderungen.685 
381Die Vorschrift räumt der Geschäftsstelle Ermessen ein. Nachdem das bundesweite Online-Akteneinsichtsportal bislang noch nicht zur Verfügung steht, wird derzeit in den Ländern und Verfahren, in denen ein solches noch nicht vorhanden ist, kein Antragserfordernis angenommen werden dürfen. Das Ermessen ist insoweit auf null reduziert. 
 c. Unberechtigte Verweigerung 
382Die unberechtigte Verweigerung der (elektronischen) Akteneinsicht kann zu einer Verletzung des Grundsatzes des rechtlichen Gehörs und damit zu einem wesentlichen Verfahrensmangel führen. Es kommen dann Rechtsmittel gegen die Hauptsacheentscheidung in Betracht.686 
383Im Übrigen ist gegen die Entscheidung des Urkundsbeamten der Geschäftsstelle die Erinnerung (§ 573 Abs. 1 ZPO) statthaft.687 Mitunter wird dies aus Rechtsschutzgesichtspunkten auch für die nach § 299 Abs. 3 Satz 5 ZPO unanfechtbare Entscheidung über die Übermittlung eines Aktenausdrucks oder Datenträgers (§ 299 Abs. 3 Satz 2 ZPO) angenommen.688 
 VII. Keine abgekürzte Form bei elektronischer Aktenführung (§ 313b Abs. 4 ZPO) 
 1. Allgemeines 
384Die Vorschrift des § 130b ZPO wurde durch das Justizkommunikationsgesetz689 um § 313b Abs. 4 ZPO ergänzt. 
 2. Normzweck und Norminhalt 
385Die Möglichkeit, ein Versäumnis-, Anerkenntnis- und Verzichtsurteil in abgekürzter Form nach § 313b Abs. 1 ZPO auf die bei den Akten befindliche Urschrift oder Abschrift der Klage oder auf ein damit zu verbindendes Blatt zu setzen (§ 313b Abs. 2 ZPO), besteht bei elektronischer Aktenführung nicht, § 313b Abs. 4 ZPO. Begründet wird das mit fehlender Arbeitsersparnis bei elektronisch geführten Akten und der Gefahr der Zerstörung einer elektronischen Signatur.690 
386Im Falle elektronischer Aktenführung, § 298a ZPO, muss das Urteil als neues elektronisches Dokument angelegt werden. 
 VIII. Elektronischer Zustellungs- oder Verkündungsvermerk (§ 315 Abs. 3 ZPO) 
 1. Allgemeines 
387§ 315 Abs. 3 Sätze 2 und 3 ZPO wurden durch das Justizkommunikationsgesetz691 angefügt. Parallelregelungen finden sich in § 117 Abs. 6 VwGO, § 105 Abs. 6 FGO und § 134 Abs. 3 SGG. Im arbeitsgerichtlichen Verfahren ist die Vorschrift über § 46 Abs. 2 ArbGG anwendbar. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
388Die Vorschrift ermöglicht die Erstellung eines elektronischen Zustellungs- oder Verkündungsvermerkes in den Fällen, in denen die Prozessakten medienbruchfrei elektronisch geführt werden (§ 298a ZPO). 
 3. Norminhalt 
389Der Vermerk hat durch den Urkundsbeamten der Geschäftsstelle auf einem gesonderten Dokument zu erfolgen. Für die Form des Zustellungsvermerks gilt § 130b Satz 1 ZPO bzw. § 130b Satz 2 i.V.m. § 298a Abs. 2 Satz 4 ZPO: Das Dokument muss vom Urkundsbeamten der Geschäftsstelle mit dessen Namen und einer qualifizierten elektronischen Signatur versehen werden.692 Dieses Dokument und das Urteil sind untrennbar miteinander zu verbinden, § 315 Abs. 3 Satz 3 ZPO. Es kommt die Zusammenfassung in einem dritten Dokument (Container) in Betracht, das dann – auch weiterhin – als Ganzes qualifiziert elektronisch signiert werden kann.693 
390Nach Schmieder/Ulrich ist demgegenüber die Herstellung einer untrennbaren Verbindung elektronischer Dokumente über die Zugriffs- und Rechtesteuerung der Softwaresysteme für die elektronische Akte vorzuziehen.694 Denn ein Container schaffe keine Verknüpfung zweier Dokumente, sondern bilde lediglich einen elektronischen Behälter, in den die Ausgangsdokumente unverändert und unverbunden nebeneinander abgelegt würden.695 In der Folge könnten daher berichtigte Ausgangsdokumente isoliert in den Rechtsverkehr gelangen. Stattdessen sollten – so Schmieder/Ulrich – über die eAkten-Systeme bestimmte Verknüpfungen zwischen Dokumenten den Zugriffs- und Schreibrechten der Anwender entzogen werden. Nachteilig hieran sei jedoch, dass die technische Umsetzung über die Zugriffsrechte als systemimmanente Lösung keinen Export in andere Systeme erlaube. 
391Fragen hinsichtlich der Rechtsnatur der untrennbaren Verbindung stellen sich bspw. bei der rechtlichen Handhabung eines signierten Containers, der wiederum zwei signierte Dokumente (Urteil und Zustellungsvermerk) zum Inhalt hat. Möchte der Anwalt für seine Handakte isoliert über das Urteilsdokument verfügen, d.h. selbiges ohne Signaturdateien und Verkündungsvermerk aus dem Container kopieren bzw. ausdrucken, bedeute dies insbesondere keinen unter § 136 Abs. 2 Alt. 3 StGB zu fassenden Siegelbruch.696 Ein Siegel i.S.d. § 136 StGB setze regelmäßig eine amtliche Kennzeichnung mit Beglaubigungscharakter voraus, die im Gegensatz zur untrennbaren Verbindung stets körperlich sei.697 Da diesbezüglich auf den faktischen Siegelabdruck abzustellen sei, würde laut Ulrich/Schmieder eine Subsumtion der untrennbaren Verbindung unter § 136 StGB die Grenzen des strafrechtlichen Analogieverbotes überspannen. 
392Werden die Formvoraussetzungen des § 130b ZPO nicht erfüllt, ist der Zustellungs- und Verkündungsvermerk formunwirksam.698 Die Wirksamkeit des Urteils bleibt davon aber unberührt;699 die Verkündung wird dann nur durch das Sitzungsprotokoll, nicht durch den Verkündungsvermerk bewiesen. 
 IX. Urteilsausfertigung als elektronisches und Papierdokument (§ 317 ZPO) 
 1. Allgemeines 
393Die Vorschrift wurde zunächst durch das Justizkommunikationsgesetz700 ergänzt. § 317 Abs. 3 ZPO wurde geändert und § 317 Abs. 5 ZPO a.F. eingefügt. Durch das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten wurde die Vorschrift zum 01.07.2014 weiter modifiziert. Dasselbe gilt mit Blick auf § 317 Abs. 3 ZPO durch das Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs.701 Eine Parallelregelung findet sich in § 137 SGG. Im arbeitsgerichtlichen Verfahren ist § 317 ZPO über § 46 Abs. 2 ArbGG anwendbar, im Verwaltungsprozess über § 173 VwGO und im finanzgerichtlichen Verfahren über § 155 FGO. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
394Die Vorschrift verfolgt praktische Erwägungen bei der Urteilszustellung und -ausfertigung und erlaubt einen Medientransfer. Sie kalkuliert die Möglichkeit ein, dass bei elektronischer Aktenführung auf herkömmlichem – papiergebundenem – Weg zugestellt werden muss, und lässt umgekehrt die Zustellung auf elektronischem Weg zu, obwohl die Akten in Papierform geführt werden. Für den elektronischen Rechtsverkehr relevant ist v.a. § 317 Abs. 3 ZPO, jedoch sind hierbei auch § 317 Abs. 1 und 2 ZPO in den Blick zu nehmen. 
 3. Norminhalt 
395Den besonderen Gegebenheiten bei einer elektronischen Aktenführung wird dadurch Rechnung getragen, dass von Urteilen grundsätzlich keine Ausfertigungen mehr erteilt, sondern Abschriften zugestellt werden, § 317 Abs. 1 Satz 1 ZPO,702 was auch in elektronischer Form mit einer qualifizierten elektronischen Signatur des Urkundsbeamten der Geschäftsstelle möglich ist, § 169 Abs. 5 Nr. 1 Alt. 2 ZPO bzw. §§ 169 Abs. 5 Nr. 3, 298a Abs. 2 Satz 4 ZPO. Die Ausfertigung als eine besondere Art der Beurkundung der Übereinstimmung mit der Urschrift (Original) des Urteils ist mit den Erfordernissen des elektronischen Rechtsverkehrs nicht kompatibel, da ein elektronisches Dokument beliebig vermehrbar ist, es also kein Original im eigentlichen Sinne geben kann. Ausfertigungen erlangen besondere Bedeutung durch rechtliche Regelungen, die sicherstellen sollen, dass Änderungen in der Urschrift auch für die Ausfertigungen nachvollzogen werden, z.B. durch Einziehung oder Kraftloserklärung der Ausfertigungen. Elektronische Ausfertigungen könnten aber wegen ihrer Vervielfältigungsmöglichkeit diese besondere Funktion nicht erfüllen. Daher gibt es keine elektronischen Ausfertigungen (mehr). 
396Ausfertigungen in Papierform können aber auf Antrag erteilt werden, § 317 Abs. 2 Satz 1 ZPO, wenn diese z.B. zum Zwecke der Zwangsvollstreckung (§ 724 ZPO) benötigt oder mit ihr die Einstellung einer Zwangsvollstreckungsmaßnahme oder eine Fortsetzung nur gegen Sicherheitsleistung erreicht werden soll, die aus einem anderen Titel vorgenommen wird (§ 775 Nr. 1 und 2 ZPO). Liegt das Ausgangsdokument in elektronischer Form vor, kann dieses gem. § 130b ZPO ohne (zusätzliche) qualifizierte elektronische Signatur des Urkundsbeamten zugestellt werden, da dann die Authentizität anhand der nach § 130b ZPO (im Falle des Satzes 2 i.V.m. § 298a Abs. 2 Satz 4 ZPO) erforderlichen qualifizierten elektronischen Signatur überprüft werden kann.703 § 169 Abs. 5 Nr. 1, Nr. 3 ZPO stellt dies klar.704 
397§ 317 Abs. 3 ZPO regelt die Erteilung von Ausfertigungen, Auszügen und Abschriften von einem als elektronisches Dokument (§ 130b ZPO) vorliegenden Urteil. Sie richtet sich nach § 298 Abs. 3 ZPO, erforderlich ist also ein Transfervermerk. Dies wurde zum 01.01.2018 auch in der Vorschrift klargestellt. Die Zustellung eines elektronischen gerichtlichen Dokuments in Papierform (etwa an eine anwaltlich nicht vertretene Partei) ist gem. § 317 Abs. 3 ZPO möglich. Daneben sind bei Ausfertigungen und Auszügen auch die Unterschrift des Urkundsbeamten der Geschäftsstelle und das Gerichtssiegel notwendig, § 317 Abs. 4 ZPO (Ausfertigungsvermerk). § 169 Abs. 4 ZPO ermöglicht auch die Zustellung einer mit qualifizierter elektronischer Signatur des Urkundsbeamten der Geschäftsstelle versehenen beglaubigten elektronischen Abschrift von einem in Papierform vorliegenden Original. Um auch einen auf elektronischem Weg eingehenden anwaltlichen Schriftsatz ebenfalls elektronisch an den Verfahrensgegner formgerecht weitergeben zu können, hat dies § 169 Abs. 5 (Nr. 1 Alt. 1, Nr. 2) ZPO ebenfalls zum Gegenstand. Eine entsprechende Ergänzung des § 169 Abs. 4 ZPO a.F. ist bereits zum 18.05.2017 durch das Gesetz zur Umsetzung der Berufsanerkennungsrichtlinie und zur Änderung weiterer Vorschriften im Bereich der rechtsberatenden Berufe705 erfolgt. 
398Erforderlich kann ein solcher Transfer sein, wenn die Ausfertigung eines in der Form des § 130b ZPO vorliegenden Urteils nach § 174 Abs. 1, Abs. 2 ZPO, also in Papierform, zugestellt werden soll oder wenn die Papierform für die Zwangsvollstreckung706 benötigt wird.707 
399Besondere Rechtsfolgen hinsichtlich elektronischer Dokumente ergeben sich nicht. Wird in der von Amts wegen zuzustellenden Ausfertigung das Urteil nicht wortgetreu und vollständig einschließlich der erforderlichen Unterschriften wiedergegeben, ist die Zustellung nicht wirksam und die Rechtsmittelfristen laufen nicht. D.h. nur bei schwerwiegenderen Abweichungen ist die Zustellung unwirksam.708 Eine solche Abweichung liegt vor, wenn die Mängel der Ausfertigung geeignet sind, die Entschließung des Zustellungsempfängers über die Einlegung eines Rechtsmittels zu beeinflussen.709 Das ist nicht der Fall, wenn in den Tenor einer Urteilsausfertigung (versehentlich) zwischen die Worte Zeichen eingefügt wurden, die im normalen Sprachgebrauch keinen Sinn ergeben und ersichtlich einen Computerbefehl wiedergeben.710 
400§ 169 Abs. 3 ZPO sieht die Möglichkeit der maschinellen Beglaubigung von zuzustellenden Schriftstücken vor. Als Authentizitätsnachweis reicht das Gerichtssiegel, eine Unterschrift des Urkundsbeamten ist also nicht mehr erforderlich. 
 X. Elektronische Urteilsberichtigung (§ 319 Abs. 2 ZPO) 
 1. Allgemeines 
401Durch das Justizkommunikationsgesetz711 wurde § 319 Abs. 2 Sätze 2 und 3 ZPO angefügt. Parallelregelungen finden sich in § 118 Abs. 2 VwGO, § 107 Abs. 2 FGO und § 138 SGG. Im arbeitsgerichtlichen Verfahren ist die Vorschrift der ZPO über § 46 Abs. 2 ArbGG anwendbar. 
 2. Normzweck 
402§ 319 Abs. 2 Sätze 2 und 3 ZPO regelt die Möglichkeit einer elektronischen Berichtigung des Urteils. Die Regelungen sorgen für eine Vereinfachung des Berichtigungsverfahrens insbesondere bei in elektronischer Form vorliegenden Urteilen. 
 3. Norminhalt 
403Der Berichtigungsbeschluss erfolgt in der Form des § 130b ZPO. Möglich ist er sowohl bei einem Urteil, das als elektronisches Dokument vorliegt, als auch bei einem Urteil, das in herkömmlicher Papierform abgefasst ist. In erster Linie wird die elektronische Berichtigung in Betracht kommen, wenn ein Urteil in elektronischer Form vorliegt. Denkbar ist sie aber auch, wenn das Urteil in Papierform abgefasst ist, um den Berichtigungsbeschluss den Parteien formlos per E-Mail mitzuteilen.712 
404Der elektronische Berichtigungsbeschluss hat in einem gesonderten Dokument zu erfolgen, das mit dem Urteilsdokument untrennbar zu verbinden ist, § 319 Abs. 2 Satz 3 ZPO. Das kann, wenn das berichtigte Urteil in elektronischer Form abgefasst wurde, durch Zusammenfassung in einem Container, der qualifiziert elektronisch zu signieren ist, geschehen.713 Wird ein in „konventioneller“ Form abgefasstes Urteil in elektronischer Form berichtigt, ist der Berichtigungsbeschluss auszudrucken (vgl. § 298 ZPO), mit einem Transfervermerk zu versehen, zu den Akten zu nehmen und auf dem Urteil zu vermerken (§ 319 Abs. 2 ZPO).714 
405Die Wirkung des Berichtigungsbeschlusses ist von dem Berichtigungsvermerk unabhängig.715 Mit dem Erlass des Berichtigungsbeschlusses tritt die berichtigte Fassung an Stelle der bisherigen Fassung.716 Auch sonst bestehen keine Besonderheiten bei elektronischen Dokumenten. 
 XI. Elektronische Tatbestandsberichtigung (§ 320 Abs. 4 ZPO) 
 1. Allgemeines 
406Durch das Justizkommunikationsgesetz717 wurden § 320 Abs. 4 Sätze 6 und 7 ZPO angefügt. Parallelregelungen finden sich in § 119 Abs. 2 VwGO, § 108 Abs. 2 FGO und § 139 Abs. 3 SGG. Im arbeitsgerichtlichen Verfahren ist die Vorschrift der ZPO über § 46 Abs. 2 ArbGG anwendbar. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
407§ 320 Abs. 4 Sätze 6 und 7 ZPO ermöglicht die elektronische Berichtigung des Tatbestandes (elektronischer Berichtigungsbeschluss). Dadurch wird das Berichtigungsverfahren insbesondere bei in elektronischer Form (§ 130b ZPO) vorliegenden Urteilen vereinfacht. 
 3. Norminhalt 
408Der Berichtigungsbeschluss erfolgt in der Form des § 130b ZPO. Möglich ist er sowohl bei einem Urteil, das als elektronisches Dokument vorliegt, als auch bei einem Urteil, das in herkömmlicher Papierform abgefasst ist. In erster Linie kommt die elektronische Berichtigung in Betracht, wenn ein Urteil in elektronischer Form vorliegt. Denkbar ist sie aber auch, wenn das Urteil in Papierform abgefasst ist, um den Berichtigungsbeschluss den Parteien formlos per E-Mail mitzuteilen718 bzw. im Falle einer Übertragung nach § 130b Satz 2 i.V.m. § 298a Abs. 2 Satz 4 ZPO. Der Berichtigungsbeschluss hat stets in einem gesonderten Dokument zu erfolgen, das aber mit dem Urteilsdokument untrennbar zu verbinden ist, vgl. § 320 Abs. 4 Satz 7 ZPO. Das kann, wenn das berichtigte Urteil in elektronischer Form abgefasst wurde, noch immer durch Zusammenfassung in einem Container, der qualifiziert elektronisch zu signieren ist, geschehen.719 Wird ein in „konventioneller“ Form abgefasstes Urteil in elektronischer Form berichtigt, ist der Berichtigungsbeschluss auszudrucken (§ 298 ZPO), mit einem Transfervermerk zu versehen, zu den Akten zu nehmen und auf dem Urteil zu vermerken (§ 320 Abs. 4 Satz 5 ZPO).720 Dieses Verfahren ist auch dann zu wählen, wenn ein noch nicht i.S.d. §§ 130b Satz 2, 298a Abs. 2 Satz 4 ZPO übertragenes Urteil bereits berichtigt werden soll. 
409Die Tatbestandsberichtigung ändert die übrigen Teile des Urteils nicht, § 320 Abs. 5 ZPO. Die Wirkung des Berichtigungsbeschlusses ist von dem Berichtigungsvermerk unabhängig.721 Auch sonst bestehen keine Besonderheiten bei elektronischen Dokumenten. 
 XII.  Beweiskraft elektronischer Dokumente (§§ 371a, 371b ZPO) 
 1. Allgemeines 
410§ 371a ZPO wurde durch das Justizkommunikationsgesetz722 eingefügt. Die Vorschrift gilt über Verweisungen auch im arbeitsgerichtlichen (§ 46 Abs. 2 ArbGG), verwaltungsgerichtlichen (§ 98 VwGO) und sozialgerichtlichen (§ 118 Abs. 1 SGG) Verfahren. In Verfahren der Finanzgerichtsbarkeit gilt § 87a Abs. 5 AO. Durch das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten hat § 371a ZPO einige Modifizierungen erfahren; § 371b ZPO wurde in diesem Zuge neu eingefügt. 
411Seit dem 01.07.2016 gelten zudem die materiellen Vorgaben der eIDAS-VO723, durch welche die §§ 371a ff. ZPO teilweise eine Überlagerung erfahren haben. Während einige Vorgaben der Verordnung bereits weitgehend im deutschen Zivilprozessrecht enthalten sind, findet jedoch bislang etwa das elektronische Siegel (Art. 35 ff. eIDAS-VO) mitsamt seinen Beweiswirkungen noch keine unmittelbare Entsprechung im deutschen Recht.724 
412Art. 46 eIDAS-VO normiert ferner für sämtliche elektronischen Dokumente die Regel, dass einem derartigen Dokument die Rechtswirkung sowie die Zulässigkeit als Beweismittel im Gerichtsverfahren nicht alleine deshalb abgesprochen werden darf, weil es in elektronischer Form vorliegt. Entsprechende Vorgaben finden sich für elektronische Signaturen in Art. 25 Abs. 1 eIDAS-VO, für elektronische Siegel in Art. 35 Abs. 1 eIDAS-VO, für elektronische Zeitstempel in Art. 41 Abs. 1 eIDAS-VO sowie für elektronische Einschreiben in Art. 43 Abs. 1 eIDAS-VO. Darüber hinaus enthält die eIDAS-VO für fast alle Vertrauensdienste (ausgenommen der qualifizierten elektronischen Signatur) weitere, konkretisierende Beweisregeln (vgl. Art. 35 Abs. 2 eIDAS-VO, Art. 41 Abs. 2 eIDAS-VO bzw. Art. 43 Abs. 2 eIDAS-VO). 
413Mit den Folgen der eIDAS-VO für das deutsche Beweisrecht befassen sich ausführlich Heinze/Prado Ojea: Insoweit werfe die Verordnung in erster Linie Fragen im Bereich ihrer „Vermutungswirkung“ auf.725 So sei die Konsequenz des in der eIDAS-VO verwendeten Begriffs der Vermutung im deutschen Beweisrecht bislang schon nicht eindeutig definiert. Möglich wäre es, ihn als Vermutung i.S.d. § 292 ZPO zu verstehen, was Heinze/Prado Ojea zu Recht im Ergebnis ablehnen.726 Der Begriff ist mit den Autoren unionsautonom auszulegen, also nicht mit dem gleichlautenden Begriff der nationalen ZPO gleichzusetzen, sondern vielmehr darüber hinaus auch im Sinne eines bloßen Anscheinsbeweises zu verstehen.727 
414Fraglich ist nach Heinze/Prado Ojea ferner, ob sich die Vermutung hinsichtlich der Authentizität der qualifiziert elektronisch gesiegelten Daten auch auf die (Vertretungs-)Berechtigung der tatsächlich handelnden, natürlichen Personen im Verhältnis zu der juristischen Person erstreckt.728 Während ohne eine entsprechende Erstreckung dem qualifizierten elektronischen Siegel ein erheblicher Teil seiner Wirksamkeit genommen würde, könne andererseits – angesichts möglicher Friktionen mit dem in der Verordnung nicht geregelten Vertragsrecht – auch vertreten werden, dass die Verordnung die Frage des Bestehens einer Vertretungsbefugnis dem nationalen Recht überlasse, vgl. Art. 2 Abs. 3 eIDAS-VO.729 
415Aufgrund der umfassenden Vermutungswirkung des qualifizierten elektronischen Einschreibens könnte – so Heinze/Prado Ojea – auch der Beweis des Zugangs einer elektronischen Erklärung beim Empfänger nach § 130 Abs. 1 Satz 1 BGB seit Geltungsbeginn der eIDAS-VO erheblich erleichtert werden.730 
416Bislang hat § 371a ZPO lediglich eine Anpassung an die Vorgaben der eIDAS-VO dahingehend erfahren, dass mit Wirkung zum 29.07.2017 die Verweisungen in Absatz 1 auf die Prüfung nach dem Signaturgesetz und der Erklärung des Signaturschlüssel-Inhabers zugunsten der Prüfung der qualifizierten elektronischen Signatur nach Art. 32 eIDAS-VO respektive der Erklärung der verantwortenden Person gestrichen wurden. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
417Die zentrale beweisrechtliche Norm für elektronische Dokumente bildet § 371 Abs. 1 Satz 2 ZPO, wonach letztgenannte grundsätzlich Augenscheinsobjekte bilden. Der Beweisantritt erfolgt demnach durch Vorlegung oder Übermittlung der Datei, § 371 Abs. 1 Satz 2 ZPO, wobei sich die Übermittlung selbst nach § 130a ZPO richtet.731 
418Der Beweiswert von Augenscheinsobjekten unterliegt im Ausgangspunkt der freien Beweiswürdigung nach § 286 ZPO. § 371a ZPO regelt dabei als Sondervorschrift die gesteigerte Beweiskraft elektronischer Dokumente und dient damit der Rechtssicherheit im elektronischen Rechtsverkehr. Unterschieden wird zwischen privaten elektronischen Dokumenten (§ 371a Abs. 1 ZPO) und elektronischen Dokumenten, die von einer öffentlichen Behörde erstellt worden sind (öffentliche elektronische Dokumente, § 371a Abs. 3 ZPO). Die Vorschrift löst § 292a ZPO a.F. ab, dessen Regelung in § 371a Abs. 1 Satz 2 ZPO erhalten bleibt, geht aber über dessen Regelungsgehalt hinaus, indem sie nicht auf Willenserklärungen beschränkt bleibt.732 
419Zutreffend hat das OLG Jena ausgedruckte Screenshots im gerichtlichen Verfahren als Augenscheinsobjekte eingestuft, deren Beweiswert der freien richterlichen Beweiswürdigung unterlägen, wohingegen als Bildschirmdateien übergebene Screenshots elektronische Dokumente darstellten.733 
 3. Norminhalt 
 a. Beweiskraft privater elektronischer Dokumente (§ 371a Abs. 1 ZPO) 
 aa. Grundsätze 
420§ 371a Abs. 1 Satz 1 ZPO stellt die Beweiskraft privater elektronischer Dokumente, die nach Art. 32 eIDAS-VO in validierter Form qualifiziert elektronisch signiert sind (Augenscheinsobjekte, § 371 Abs. 1 Satz 2 ZPO), der Beweiskraft privater Urkunden gleich, die in § 416 ZPO geregelt ist. Nach § 416 ZPO erbringt die Privaturkunde den vollen Beweis dafür, dass die in ihr enthaltene Erklärung vom Aussteller abgegeben ist. Ist das elektronische Dokument nicht qualifiziert elektronisch signiert, erbringt die Vorlage lediglich Beweis darüber, dass es das Dokument gibt – jedoch nicht darüber, von wem es stammt.734 
421„Private“ elektronische Dokumente sind von „öffentlichen“ elektronischen Dokumenten abzugrenzen. Was öffentliche elektronische Dokumente sind, ergibt sich aus der Legaldefinition des § 371a Abs. 3 ZPO. Alle anderen Dokumente sind privat i.S.d. § 371a Abs. 1 ZPO, tertium non datur. 
422Die Regelung des § 371a ZPO („Erklärung“) gilt sowohl für Willens- als auch für Wissenserklärungen (z.B. Quittungen).735 
 bb. Problemstellung 
423Empfänger privater elektronischer Dokumente werden im gerichtlichen Verfahren grundsätzlich vor dem Problem stehen, die Echtheit der darin enthaltenen Erklärungen zu beweisen. Bestreitet der vermeintliche Vertragspartner substantiiert, dass die zum Vertragsschluss führende Erklärung von ihm stamme, liegt die Beweislast für das Zustandekommen des Vertrages beim Empfänger. Er wird den Beweis der Echtheit mangels eines unterschriftsäquivalenten Hilfsmittels ohne gesetzliche Unterstützung regelmäßig nicht führen können. Bei dieser für den Erklärungsempfänger unbefriedigenden Situation verbleibt es, wenn die Erklärung in einem einfach oder fortgeschritten elektronisch signierten Dokument enthalten ist. Ist das elektronische Dokument dagegen qualifiziert elektronisch signiert (Art. 3 Nr. 12 eIDAS-VO) und wurde dies gem. Art. 32 eIDAS-VO validiert, stellt ihm das Gesetz eine Beweiserleichterung zur Seite. 
424Die diesbezügliche Regelung des § 371a Abs. 1 Satz 2 ZPO ist für den Empfänger eines qualifiziert signierten elektronischen Dokuments gedacht, der sich auf die Echtheit dieses Dokuments beruft. Dem Signaturaussteller soll gegenüber dem Erklärungsempfänger, der regelmäßig beweispflichtige Partei ist, der Einwand abgeschnitten werden, dass die Erklärung nicht von ihm sei, ohne sein Wissen abgesandt wurde, auf dem Transport verfälscht wurde, usw.736 Realisiert wird diese Hilfe für den Erklärungsempfänger mit einem gesetzlich geregelten Anschein der Echtheit der qualifiziert elektronisch signierten Erklärung. 
425Voraussetzung der Beweiserleichterung ist, dass es dem Erklärungsempfänger gelingt, zu beweisen, dass die Erklärung qualifiziert elektronisch signiert wurde und dass die Signatur den Anforderungen des Art. 3 Nr. 12 eIDAS-VO und damit insbesondere auch denselben an qualifizierte Zertifikate nach Art. 3 Nr. 15 i.V.m. Anlage I eIDAS-VO genügt, also durch Überprüfung der Zuordnung des Signaturprüfschlüssels. Anders als nach der früheren Rechtslage unter Geltung des Signaturgesetzes, wobei dem Erklärungsempfänger ein solcher Beweis nur bei einem akkreditierten Anbieter gelingen konnte,737 dürfen qualifizierte Vertrauensdiensteanbieter als Aussteller von qualifizierten Zertifikaten ohnehin nur dann tätig werden, wenn die Aufsichtsstelle nach Vorlage eines Konformitätsbewertungsberichts und einer Überprüfung, ob der Vertrauensdiensteanbieter und die von ihm erbrachten Vertrauensdienste den in der eIDAS-VO festgelegten Anforderungen genügen, vgl. Art. 21 Abs. 1, Abs. 2 eIDAS-VO.738 
 cc. Das Merkmal der ernstlichen Zweifel 
426Nach § 371a Abs. 1 Satz 2 ZPO kann der auf der qualifizierten elektronischen Signatur beruhende Anschein der Echtheit nur beseitigt werden, wenn vom Beweisgegner Tatsachen in den Prozess eingebracht werden, die „ernstliche Zweifel“ daran begründen, dass die im elektronischen Dokument enthaltene Erklärung von der verantwortenden Person stammt. 
427Das Merkmal der „ernstlichen Zweifel“ wird teilweise scharf kritisiert. Von einem Teil der Literatur wird gefordert, dass an die „ernstlichen Zweifel“ keine zu hohen Anforderungen gestellt werden dürften, wenn sich die geltend gemachten Zweifel auf das sog. „Darstellungs- oder Präsentationsproblem“739 bezögen.740 So könne nur geltend gemacht werden, dass der Signaturschlüssel unberechtigt verwendet wurde741 oder andere Daten als die ursprünglich gewollten signiert wurden742. Darüber hinaus denkbar seien Fehler bei der Zuordnung von Zertifikaten.743 Die Zweifel dürften aber nicht nur rein theoretischer Natur sein.744 Noch weiter gehen Armgardt/Spalka unter Verweis auf bestehende Sicherheitslücken bei digitalen Signaturen.745 
 dd. Rechtsfolgen 
428Liegen die Voraussetzungen des § 371a ZPO vor, erbringt ein mit einer entsprechenden Signatur ausgestattetes, privates elektronisches Dokument den vollen Beweis, dass die Erklärung, die es beinhaltet, von der verantwortenden Person stammt und unverfälscht ist.746 
429Nach herrschender Meinung handelt es sich bei dieser Regelung um einen gesetzlich geregelten Anscheinsbeweis.747 Diese gesetzliche Beweisregel bindet das Gericht (vgl. § 286 Abs. 2 ZPO). Der Grundsatz der freien Beweiswürdigung wird insoweit eingeschränkt. 
430Liegen ernstliche Zweifel an der Echtheit des elektronischen Dokuments vor, ist der Beweis des ersten Anscheins widerlegt. Es gelten dann die Grundsätze der freien Beweiswürdigung und ggf. der objektiven Beweislast. 
431Der Schutz, den die Vorschrift des § 371a Abs. 1 Satz 1 ZPO dem Beweispflichtigen zuerkennt, geht über den Schutz hinaus, den die ZPO dem Beweispflichtigen gewährt, der sich einer Schrifturkunde bedient, da letzterer den vollen Beweis der Echtheit einer Namensunterschrift erbringen muss, die vom Beweisgegner nicht anerkannt wird (vgl. §§ 439, 440 ZPO).748 
432Praxistipp: Soweit ersichtlich, haben die Gerichte seit Geltungsbeginn der eIDAS-VO den unbestimmten Rechtsbegriff der „ernstlichen Zweifel“ nicht weiter konkretisiert. In Anbetracht der weitreichenden Folgen, die sich aus den elektronisch abgegebenen Erklärungen ergeben können, sollte in der Praxis besonderer Wert darauf gelegt werden, dass die persönliche Signaturkarte allein vom Inhaber genutzt wird. Eine Signatur mehrerer Sozien mit einer Karte ist nicht ratsam.749 Zwar wird immerhin unter Verweis auf ErwG 51 eIDAS-VO im Falle einer weisungsgemäßen Fremd- bzw. Fernsignierung bereits in der Literatur von einer beweisrechtlichen Relevanz des betreffenden elektronischen Dokuments ausgegangen,750 von den Gerichten ist dies jedoch – soweit ersichtlich – bislang noch nicht bestätigt. 
433Aufgrund der gesetzlichen Sonderregelungen in § 371a ZPO stellt sich die Frage, ob für andere Kommunikations- und Authentifizierungsmittel noch die Möglichkeit eines Anscheinsbeweises offensteht. Teils wurde in Rechtsprechung751 und Literatur aus der gesetzlichen Sonderregelung zur digitalen Signatur der Umkehrschluss gezogen, dass ausschließlich der elektronischen Signatur anscheinsbegründende Wirkung zukomme und nach dem gesetzgeberischen Willen anderen Verfahren eben nicht. Dieser Ansicht kann mit Mankowski nicht gefolgt werden.752 Die Gesetzesmaterialien besagen nichts Derartiges. Der Gesetzgeber wollte keine allgemeine Aussage über Beweiswerte und Beweiswürdigung anderer elektronischer Erklärungen treffen. Ein (richterrechtlich entwickelter) Anscheinsbeweis für andere Arten der elektronischen Erklärung als derjenigen der qualifizierten elektronischen Signatur ist demnach grundsätzlich möglich. 
434Bei einfacher E-Mail scheidet ein Anscheinsbeweis aber aus. Bei unsigniert eingegangenen E-Mails lässt sich meist allenfalls mit erheblichem Aufwand, wenn überhaupt, nachweisen, dass sie vom angeblichen Absender stammen;753 ebenso lässt sich der Text auch vom Empfänger leicht verändern. Einfache E-Mails und ihre Ausdrucke beweisen daher nichts.754 
435Als – soweit ersichtlich – bislang einziges Gericht hat dagegen das AG Hamburg im Frühjahr 2018 geurteilt, dass im Fall der Vorlage von Ausdrucken aus dem Postausgangssystem, die den Abruf einer E-Mail von dem Mailserver auf das E-Mail-Konto darlegen, ein Anscheinsbeweis für den Zugang gelinge.755 Zwar bestünde die Möglichkeit, dass hierbei entweder der technische Vorgang oder die Aufzeichnung selbst manipuliert worden seien, allerdings reiche dies alleine nicht aus, um den Anschein zu zerstören.756 Nach Ansicht der Hamburger Richter könne ferner die bloße Behauptung, eine E-Mail sei nicht angekommen, ebenfalls keine Erschütterung des Anscheinsbeweises bewirken. Vielmehr müsse ein atypischer Geschehensverlauf glaubhaft dargelegt werden, was in Anbetracht der anerkanntermaßen bestehenden Zuverlässigkeit der E-Mail-Kommunikation jedoch insbesondere nicht automatisch aus der Unkenntnis des Programms folge, sondern beispielsweise durch die Vorlage von Posteingangsprotokollen dargelegt werden müsse.757 
436Die Rechtsprechung hat sich demgegenüber bereits mehrfach zu Sachverhalten geäußert, in denen Erklärungen über passwortgeschützte Nutzerprofile auf elektronischen Marktplätzen (insb. eBay) abgegeben wurden. Auf einen auf die Verwendung des Passwortes gegründeten Anscheinsbeweis kann sich danach der Verkäufer (Plattforminhaber) regelmäßig nicht stützen.758 In einer Entscheidung des OLG Hamm berief sich der Inhaber des Profils darauf, ein unbefugter Dritter habe sich unter seinem Namen und mit seinem Passwort eingeloggt und eine Erklärung für ihn abgegeben. Das Gericht (und auch sonst die völlig überwiegende Rechtsprechung) ließ hier keinen Anscheinsbeweis zu, dass eine Nachricht, die über einen passwortgeschützten Zugang angegeben worden ist, auch vom Inhaber dieses Zugangs stammt.759 Es fehlt dafür an einem typischen Geschehensablauf. Wegen des derzeitigen Sicherheitsstandards der im Internet verwendeten Passwörter kann nicht der Schluss gezogen werden, dass der Verwender eines Passwortes nach der Lebenserfahrung auch derjenige sei, auf den dieses Passwort ursprünglich ausgestellt wurde, oder zumindest jemand, dem er die Kenntnis dieses Passwortes ermöglicht habe. 
437Für den Einsatz des PIN/TAN-Verfahrens beim Online-Banking hat die überwiegende Literatur die Möglichkeit eines Anscheinsbeweises bejaht.760 Dagegen wurde in der Rechtsprechung darauf hingewiesen, dass es – angesichts der vielfältigen Angriffsmöglichkeiten im Netz (Phishing, Pharming, Keylogging usw.) – zweifelhaft sei, ob man der Literaturansicht folgen müsse.761 Vielmehr läge es nahe, zwischen den verschiedenen PIN/TAN-Verfahren zu differenzieren.762 Zumindest m-TAN-Systeme und das HBCI-Chipkartenverfahren wurden zwischenzeitlich als relativ sicher angesehen, so dass zumindest in diesen Fällen ein Anscheinsbeweis in Betracht kommt. Zuletzt äußerte sich der BGH jedoch „aufgrund öffentlich zugänglicher Quellen“ skeptisch, ob das m-TAN-Verfahren allgemein einen Sicherheitsstandard aufweist, der die Anwendung der Regeln des Anscheinsbeweises rechtfertigt.763 
438Ferner ist in § 371a Abs. 2 ZPO eine Beweiserleichterung für die Echtheit einer absenderbestätigten De-Mail-Nachricht vorgesehen. Damit wird zur Regelung in § 371a Abs. 1 Satz 2 ZPO, wonach für ein qualifiziert signiertes elektronisches Dokument der Anschein der Echtheit besteht, eine ergebnisgleiche Beweisregelung für den Fall der schriftformersetzenden De-Mail getroffen.764 Auch wenn es sich bei De-Mail um ein Transportmedium, bei der qualifizierten elektronischen Signatur um ein dokumentenbezogenes Sicherungsmittel handelt, sieht das Gesetz hier den Bedarf für eine beweisrechtliche Gleichbehandlung, da die Anforderungen an die Zuverlässigkeit und Fachkunde sowie die Gewährleistung technisch-organisatorischer Rahmenbedingungen bei De-Mail-Diensteanbietern und Zertifizierungsdiensteanbietern – bzw. seit Geltungsbeginn der eIDAS-VO Vertrauensdiensteanbietern – der qualifizierten Signatur gleich seien.765 Allerdings setzt der Anscheinsbeweis voraus, dass sich der De-Mail-Nutzer mit einem hohen Authentisierungsniveau anmeldet, also zwei Sicherungsmittel anwendet („Besitz und Wissen“, also neben Benutzername und Kennwort entweder Nutzung des elektronischen Personalausweises oder eines mobilen TAN-Verfahrens). Weitere Voraussetzung ist die Absenderbestätigung gem. § 5 Abs. 5 De-Mail-Gesetz, die sowohl dem Absender als auch dem Empfänger einer De-Mail-Nachricht vom Provider zugeleitet wird. 
 b. Beweiskraft öffentlicher elektronischer Dokumente (§ 371a Abs. 3 ZPO) 
439§ 371a Abs. 3 Satz 1 ZPO stellt die Beweiskraft öffentlicher elektronischer Dokumente der Beweiskraft inländischer öffentlicher Urkunden, die in den §§ 415 und 417 ff. ZPO geregelt ist, gleich. Ebenfalls erfasst sind die Beweiskraft des gerichtlichen Protokolls (§ 165 ZPO) und des Urteilstatbestandes (§ 314 ZPO) als elektronische Dokumente.766 Diese Regelung der Beweiskraft ist nicht vom Vorliegen einer qualifizierten elektronischen Signatur abhängig. 
440Die Vorschrift enthält eine Legaldefinition des Begriffs „öffentliches elektronisches Dokument“.767 
441§ 371a Abs. 3 Satz 2 ZPO regelt die Vermutung für die Echtheit öffentlicher elektronischer Dokumente, die mit einer qualifizierten elektronischen Signatur von einer öffentlichen Behörde oder von einer mit öffentlichem Glauben versehenen Person versehen sind, indem eine Gleichstellung mit der Echtheitsvermutung bei inländischen öffentlichen Urkunden, die in § 437 ZPO normiert ist, erfolgt. Eine Erstreckung dieser Vermutung wird in § 371a Abs. 3 Satz 3 ZPO auf solche Dokumente erstreckt, die vom De-Mail-Konto-Provider mit einer Absenderbestätigung nach § 5 Abs. 5 De-Mail-Gesetz versehen wurden. Sie kann nur durch den Beweis des Gegenteils entkräftet werden, die Erschütterung eines Anscheins reicht nicht aus.768 
442Vermutet wird neben dem, was die qualifizierte elektronische Signatur unmittelbar beweist – nämlich die Unversehrtheit des Dokuments sowie die Erstellung der Signatur mit einem bestimmten Signaturschlüssel –, die Zuordnung der Signatur zur verantwortenden Person und dass genau und nur diejenigen Daten signiert wurden, die der Inhaber auch signieren wollte.769 
443§ 371a Abs. 3 ZPO stellt somit – im Gegensatz zu § 371a Abs. 1 ZPO – eine Vermutung der Echtheit auf (gesetzliche Vermutung, § 292 ZPO). 
 c. Ersetzendes Scannen (§ 371b ZPO) 
444§ 371b ZPO klärt die Beweiskraft gescannter öffentlicher Urkunden (sogenanntes ersetzendes Scannen). Die Vorschrift gilt nur für öffentliche Urkunden (also nicht für Privaturkunden) und nur dann, wenn die Urkunde von einer öffentlichen Behörde oder von einer mit öffentlichem Glauben versehenen Person gescannt wird. Nur wer eine öffentliche Urkunde oder ein öffentliches elektronisches Dokument gem. § 371a Abs. 3 ZPO errichten kann, soll auch eine öffentliche Urkunde ohne Verlust an Beweisqualität scannen können. 
445Damit sind die Beweisregelungen für öffentliche Urkunden (§§ 415, 417, 418 ZPO) auch für gescannte öffentliche Dokumente anwendbar, ebenso die Vorschriften über die Beweiskraft des gerichtlichen Protokolls (§ 165 ZPO) und des Urteilstatbestandes (§ 314 ZPO). So entfalten auch Erklärungen, die in einer notariellen Urkunde enthalten sind, eingescannt beweisrechtliche Wirkungen. 
446Die ferner von der Regelung geforderte Einhaltung des Standes der Technik beim Scanvorgang wird durch die Technische Richtlinie Rechtssicheres Scannen (TR-RESISCAN) des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gewahrt, aber auch durch andere Verfahren, sofern der Verwender der Urkunde im Bestreitensfall beweist, dass das Verfahren dem Stand der Technik entspricht. Gefordert ist ferner, dass eine Bestätigung vorliegt, dass das elektronische Dokument, also die Darstellung auf dem Bildschirm oder einem sonstigen Sichtgerät, mit der Urschrift bildlich (einschließlich der farblichen Gestaltung) und inhaltlich übereinstimmt. In der Begründung zum Gesetzentwurf ist dazu ausgeführt, dass geringfügige technisch bedingte Abweichungen in Größe und Farbe hinzunehmen sind, soweit sie den beweisrelevanten Inhalt der Urschrift nicht beeinträchtigen. 
447Das Hauptdokument der TR-RESISCAN ist in seiner aktuellsten Fassung (Version 1.2) vom 15.06.2018 abrufbar unter www.bsi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/BSI/Publikationen/TechnischeRichtlinien/TR03138/TR-03138.pdf?__blob=publicationFile&v=6.770 
448Sind das Dokument und die Bestätigung mit einer qualifizierten Signatur versehen, gilt die Beweiswirkung des § 437 ZPO entsprechend: Ist also ein elektronisches Dokument durch die qualifizierte elektronische Signierung äquivalent wie eine Urkunde gegen Veränderungen geschützt, so gilt die Vermutung der Echtheit. 
449Die Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet) hat die Beweisführung mittels gescannter Dokumente im Rahmen einer Simulationsstudie an der Universität Kassel zusammen mit der DATEV eG im Herbst 2013 einer umfassenden Untersuchung unterzogen.771 Eines der wesentlichen Erkenntnisse war, dass der Zeitstempel als das vorrangige Mittel zur Bestätigung des Scan-Zeitpunkts sehr wichtig ist und einem Dokument mit einem von unabhängiger Stelle erteilten Zeitstempel hohe Bedeutung in der Beweisführung zukommt.772 Dem in diesem Zusammenhang aufgezeigten gesetzgeberischen Nachbesserungsbedarf773 ist der europäische Gesetzgeber mit Art. 3 Nr. 33, Nr. 34, Art. 41, Art. 42 eIDAS-VO zwischenzeitlich nachgekommen. Die Simulationsstudie hat darüber hinaus gezeigt, dass der Beweiswert erhöht wird, wenn die Empfehlungen der TR-RESISCAN eingehalten werden.774 
450Außer im Strafverfahren und im Grundbuchverfahren ist § 371b ZPO in allen gerichtlichen Verfahren anwendbar. Im Grundbuchverfahren sind gescannte Dokumente als Nachweis nur als einfache elektronische Zeugnisse nach § 39a BeurkG zugelassen, § 137 Abs. 1 Satz 1 GBO.775 
 XIII. Beweiskraft des Ausdrucks eines öffentlichen elektronischen Dokuments (§ 416a ZPO) 
 1. Allgemeines 
451§ 416a ZPO wurde durch das Justizkommunikationsgesetz776 in die ZPO eingefügt. Die Vorschrift gilt über Verweisungen auch im arbeitsgerichtlichen (§ 46 Abs. 2 ArbGG), verwaltungsgerichtlichen (§ 98 VwGO) und sozialgerichtlichen (§ 118 Abs. 1 SGG) Verfahren. In Verfahren der Finanzgerichtsbarkeit gilt die Vorschrift nicht, § 82 FGO. 
 2. Normzweck 
452Der Gesetzgeber sah die Notwendigkeit, den Beweis auch dann mit Papierurkunden zu führen, wenn das Originaldokument als elektronisches Dokument vorliegt.777 § 416a ZPO regelt für diesen Fall die Beweiskraft des Papierausdrucks. 
 3. Norminhalt 
453§ 416a ZPO verleiht einem mit einem Beglaubigungsvermerk versehenen Ausdruck eines öffentlichen elektronischen Dokuments (vgl. § 371a Abs. 3 ZPO) die Beweiskraft einer beglaubigten Abschrift einer öffentlichen Urkunde. Voraussetzung ist ein Beglaubigungsvermerk auf dem Ausdruck (vgl. § 298 Abs. 1 ZPO), der von einer öffentlichen Urkundsperson, z.B. einer Behörde oder einem Notar, erstellt worden ist.778 Alternativ genügt bei einem Ausdruck eines gerichtlichen Dokuments ein gerichtlicher Vermerk (Transfervermerk) entsprechend § 298 Abs. 3 ZPO. 
454Voraussetzung für die Anwendbarkeit des § 416a ZPO ist die Echtheit des öffentlichen elektronischen Dokumentes (§ 371a Abs. 3 Satz 2 i.V.m. § 437 ZPO).779 
455Entsprechend anwendbar ist § 435 ZPO, da der Ausdruck lediglich die Beweiskraft einer beglaubigten Abschrift der Urkunde hat.780 Das Gericht kann also anordnen, dass der Beweisführer die Urschrift vorlegt oder die Tatsachen angibt und glaubhaft macht, die ihn an der Vorlegung der Urschrift hindern. 
456Die Vorschrift lässt sich nicht auf sekundär elektronische Dokumente (solche, die durch das Einscannen eines ursprünglich als Papierdokument vorhandenen Dokuments entstanden sind) anwenden.781 Für solche Dokumente gelten die Regeln über die Beweiskraft einer Abschrift einer öffentlichen Urkunde.782 
457Unter den Voraussetzungen des § 416a ZPO erfolgt eine Gleichsetzung im Hinblick auf allgemeine Beweisregeln (§§ 415, 417, 418 ZPO) und spezielle Beweisregeln für gerichtliche Dokumente (§§ 165, 314 ZPO).783 Zwar bleibt die Beweiskraft hinter der durch § 415 ZPO der öffentlichen Urkunde verliehenen Beweiskraft zurück, doch ist neben § 416a ZPO auch der Freibeweis nach § 286 ZPO möglich, was in der Praxis die Lücke schließen kann.784 
 XIV. Elektronisches Schutzschriftenregister 
458Das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten sieht vor, dass die Länder seit dem 01.01.2016 ein zentrales, länderübergreifendes Register für Schutzschriften, also vorbeugende Verteidigungsschriftsätze gegen erwartete Anträge auf Arrest oder einstweilige Verfügungen, führen, § 945a Abs. 1 ZPO.785 Dieses Schutzschriftenregister wurde neben der Arbeitsgerichtsbarkeit über die §§ 62 Abs. 2 und 85 Abs. 2 ArbGG786 nur für den Bereich der ordentlichen Gerichtsbarkeit eingeführt, findet also keine Anwendung auf den Erlass einer einstweiligen Anordnung nach den §§ 49 ff. FamFG. 
459Der Einreichende von Schutzschriften will mit der Schutzschrift verhindern, dass dem Antrag ohne mündliche Verhandlung entsprochen wird. Vorteil eines länderübergreifenden Registers ist, dass der Antragsgegner nicht bei mehreren denkbaren zuständigen Gerichten (in Fällen des sogenannten fliegenden Gerichtsstands) seine Schutzschrift einreichen muss. Es genügt die Einreichung zum Register, um sie bei allen zuständigen Zivilgerichten anzubringen. 
460§ 945a Abs. 2 Satz 2 ZPO sieht eine Löschung der in das Register eingestellten Schutzschriften sechs Monate nach der Einstellung vor. Damit soll dem Schutz personenbezogener Daten bzw. Daten mit hohem wirtschaftlichem Wert Rechnung getragen werden. Auch ist vorgeschrieben, dass eine Verwendung der Akten auf das für die Erfüllung der gesetzlichen Aufgaben Erforderliche zu beschränken ist, § 945a Abs. 3 Satz 2 ZPO. Eine allgemeine und unbeschränkte Recherche im Register oder eine Recherche ohne konkreten Anlass (konkreter Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz) ist also ausgeschlossen. Ferner sind Abrufvorgänge zu protokollieren, § 945a Abs. 3 Satz 3 ZPO. Die auf § 945a ZPO beruhende Schutzschriftenregisterverordnung (SRV) vom 24.11.2015787 enthält nähere Bestimmungen über die Einrichtung und Führung des Registers, die Einreichung von Schutzschriften zum Register, den Abruf von Schutzschriften aus dem Register, über die Erhebung von Gebühren und über die Einzelheiten der Datenübermittlung und -speicherung sowie der Datensicherheit und der Barrierefreiheit. 
461Rechtsanwälte sind seit 01.01.2017 zur Nutzung des Schutzschriftenregisters verpflichtet, § 49c BRAO.788 Die Kosten für die Einreichung einer Schutzschrift in elektronischer Form sind dabei als Kosten des Rechtsstreits erstattungsfähig.789 
 E. Die Elektronische Justizkommunikation in der Verwaltungsgerichtsbarkeit 
 I. Übermittlung elektronischer Dokumente (§ 55a VwGO) 
 1. Allgemeines 
462§ 55a VwGO wurde durch das Justizkommunikationsgesetz790 in den Abschnitt „Allgemeine Verfahrensvorschriften“ eingefügt und löst die Vorschrift des § 86a VwGO a.F. ab, der noch im Abschnitt „Verfahren im ersten Rechtszug“ verortet war. § 55a VwGO gilt grundsätzlich für das gesamte verwaltungsgerichtliche Verfahren aller Instanzen.791 Die systematische Unstimmigkeit, die bei § 86a VwGO a.F. wegen seines fraglichen Standorts bestand, wurde damit beseitigt. Parallelregelungen finden sich in den §§ 130a, 130b ZPO, §§ 46c, 46d ArbGG, § 52a FGO und § 65a SGG. 
463Seit 01.01.2018 übernimmt § 55a VwGO weitgehend die Änderungen in § 130a ZPO, wodurch für die Einzelheiten auf Rn. 231 ff. verwiesen wird. Anders als § 130a Abs. 1 ZPO spricht jedoch § 55a VwGO konsequenterweise nicht von „Parteien“, sondern von „Beteiligten“. Weiterhin findet sich die Regelung des § 55a Abs. 5 Satz 3 VwGO nicht in der zivilprozessualen Parallelvorschrift, nachdem dies dort bereits in § 133 Abs. 1 Satz 2 ZPO normiert ist. In systematischer Hinsicht ist außerdem – anders als durch § 130b ZPO – den gerichtlichen elektronischen Dokumenten keine eigene Vorschrift gewidmet; diese werden vielmehr in § 55a Abs. 7 VwGO geregelt. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
464Als Teil der „Informatisierung der Verwaltungsgerichtsbarkeit“792 regeln die Absätze 1 bis 6 der Vorschrift den elektronischen „Input“793 an die Gerichte. Zweck der Vorschrift ist die – nunmehr bundesweite – Öffnung der Verwaltungsgerichtsbarkeit für den elektronischen Rechtsverkehr. § 55a Abs. 1-6 VwGO nennen die Bedingungen und Modalitäten für die elektronische Justizkommunikation aus Sicht der Verfahrensbeteiligten, regeln also die elektronische Kommunikation der Beteiligten mit dem Gericht. § 55a Abs. 3 VwGO betrifft – wie bereits beschrieben – gerichtliche elektronische Dokumente, also die elektronische Kommunikation des Gerichts. 
465Die Vorschrift ist im systematischen Zusammenhang mit § 55b VwGO, der die elektronische Aktenführung bei Gericht ermöglicht, und § 56 Abs. 2 VwGO i.V.m. § 174 Abs. 3, 4 ZPO zu lesen, in denen der „Ausgang“ der elektronischen Dokumente (Zustellung) geregelt ist. 
 3. Norminhalt 
466§ 55a Abs. 1 VwGO ermöglicht die Übermittlung elektronischer Dokumente an das Gericht. Dabei umfasst der weit zu verstehende Begriff des „elektronischen Dokuments“ jegliche Erscheinungsformen der elektronischen Bearbeitung bei der Verwendung von Texten, dies sowohl mit Blick auf deren Herstellung als auch deren Übermittlung an das Gericht als Erklärungsempfänger.794 Die Eignung für die gerichtliche Bearbeitung hat § 55a Abs. 2 VwGO zum Gegenstand, während die unterschiedlichen Möglichkeiten des Schriftformersatzes in § 55a Abs. 3, Abs. 4 VwGO enthalten sind. In § 55a Abs. 5 VwGO ist allgemein der Zugang des elektronischen Dokuments geregelt, § 55a Abs. 6 VwGO betrifft den Fall eines nicht zur gerichtlichen Bearbeitung geeigneten Dokuments. § 55a Abs. 7 VwGO enthält die Möglichkeit der Ersetzung der handschriftlichen Unterzeichnung durch den Richter oder Urkundsbeamten durch ein qualifiziert elektronisch signiertes Dokument. 
467Mit der Neufassung zum 01.01.2018 wurde auch der bei der Einführung des § 55a VwGO vom Gesetzgeber nicht gewollte Umstand, dass nach dessen Wortlaut nur die „Beteiligten“, nicht aber Dritte wie z.B. Zeugen und Sachverständige erfasst waren, korrigiert.795 § 55a Abs. 1 VwGO spricht nunmehr ausdrücklich von „Beteiligten“ und „Dritten“. 
 a. Elektronische Kommunikation der Beteiligten mit dem Gericht (§ 55a Abs. 1-6 VwGO) 
468Seit 01.01.2018 ist auf Basis des Gesetzes zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten für vorbereitende Schriftsätze und deren Anlagen, schriftlich einzureichende Anträge und Erklärungen der Beteiligten sowie schriftlich einzureichende Auskünfte, Aussagen, Gutachten, Übersetzungen und Erklärungen Dritter mittels § 55a Abs. 1 VwGO der elektronische Rechtsverkehr zu sämtlichen Verwaltungsgerichten in Deutschland eröffnet. Damit ist die bisherige, von den Ländern äußerst unterschiedlich gehandhabte Zugangseröffnung mittels diverser Rechtsverordnungen796 zu einzelnen Gerichten und bestimmten Verfahren mitsamt der jeweiligen Ausgestaltungsmöglichkeiten entfallen. 
469Wie im zuvor geltenden Recht ist darüber hinaus in § 55a Abs. 2 VwGO normiert, dass das elektronische Dokument für das Gericht lesbar und bearbeitungsfähig ist. Allerdings sind seither die technischen Rahmenbedingungen für die Übermittlung und Bearbeitung der elektronischen Dokumente in der auf Grundlage der Verordnungsermächtigung in § 55a Abs. 2 Satz 2 VwGO ergangenen Elektronischer-Rechtsverkehr-Verordnung (ERVV) bundeseinheitlich und verbindlich festgelegt. 
470Als Ersatz für die eigenhändige Unterschrift bestimmt § 55a Abs. 3, Abs. 4 VwGO wiederum die qualifizierte elektronische Signatur oder die einfach elektronisch signierte Einreichung auf einem sicheren Übermittlungsweg (absenderbestätigte De-Mail, beA, beBPo, sonstige durch Rechtsverordnung der Bundesregierung festgelegte, bundeseinheitliche Übermittlungswege). Letztgenannte setzen voraus, dass die Authentizität und Integrität der Daten sowie die Barrierefreiheit gewährleistet sind, sodass auf eine qualifizierte elektronische Signatur verzichtet werden kann. Dadurch wird der dynamischen IT-Entwicklung im Sinne einer Technikoffenheit Rechnung getragen. Auch auf Entwicklungen in den europäischen Nachbarstaaten oder Festlegungen auf EU-Ebene kann mit einer Rechtsverordnung ohne weitere Gesetzesänderungen für Deutschland rechtlich reagiert werden, § 55a Abs. 4 Nr. 4 VwGO. 
471Für Dokumente, bei denen das Gesetz keine Schriftform vorschreibt, besteht Formfreiheit, eine einfache elektronische Signatur reicht aus.797 
472Schließlich kann seit dem 01.07.2014 eine Rechtsverordnung des Bundesjustizministeriums mit Zustimmung des Bundesrates elektronische Formulare bestimmen und dabei eine Identifikation des Formularverwenders auch durch Nutzung des neuen Personalausweises oder des elektronischen Aufenthaltstitels anstelle der Nutzung einer qualifizierten elektronischen Signatur gestatten, § 55c VwGO. 
473In dem ab 01.01.2022 geltenden § 55d VwGO ist die Pflicht für Rechtsanwälte, Behörden und vertretungsberechtigte Personen vorgesehen, vorbereitende Schriftsätze und deren Anlagen sowie schriftlich einzureichende Anträge und Erklärungen als elektronisches Dokument zu übermitteln. Bei vorübergehender technischer Unmöglichkeit der elektronischen Übermittlung ist die Einreichung nach den allgemeinen Vorschriften zulässig, die Unmöglichkeit muss aber bei der Ersatzeinreichung oder unverzüglich danach glaubhaft gemacht werden; auf Anforderung ist ein elektronisches Dokument nachzureichen, § 55d Sätze 3 und 4 VwGO. 
474§ 55a Abs. 5 Satz 1 VwGO regelt – bezogen auf § 55a VwGO allgemein – den Zugang bestimmter elektronischer Dokumente und geht der Regelung des § 81 Abs. 1 VwGO vor. Die Vorschrift ist insgesamt verwaltungsprozessual betrachtet als spezielle Eingangsregelung anzusehen, die sich den technischen Gegebenheiten anpasst,798 indem sie auf den Speicherzeitpunkt auf der gerichtlichen Empfangseinrichtung abstellt. Von der Regelung erfasst werden nur elektronische Schriftsätze, nicht andere Dokumente, insbesondere nicht solche, die als Beweismittel eingereicht werden. Diese fallen unter § 98 VwGO i.V.m. § 371 Abs. 1 Satz 2 ZPO, wonach jedes beliebige Format gewählt werden kann.799 
475Darüber hinaus bestimmt seit 01.01.2018 der § 55a Abs. 5 Satz 2 VwGO, dass dem Absender zum Nachweis des Zugangs eine automatisierte Eingangsbestätigung zu erteilen ist. Eine solche automatisierte Eingangsbestätigung war bereits vorher singulär für eine De-Mail-Übermittlung im De-Mail-Gesetz vorgesehen (§ 5 Abs. 8 Satz 1 De-Mail-Gesetz). Sie dient dazu, dem Absender eines elektronischen Dokuments sogleich Gewissheit darüber zu geben, ob die Übermittlung erfolgreich oder gescheitert war, um daraus gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen. 
476§ 55a Abs. 5 Satz 3 VwGO regelt die Selbstverständlichkeit, dass dem elektronischen Dokument keine Abschriften beizufügen sind, auch wenn das Gesetz dies für die herkömmliche Kommunikation, die durch die elektronische Form ersetzt wird, fordert.800 Es müssen also nicht mehrere identische elektronische Dokumente übermittelt werden. Eine Vervielfältigung geschieht – falls nötig – durch das Gericht, und zwar sowohl durch elektronische Kopie wie auch – falls nicht alle Verfahrensbeteiligten elektronisch kommunizieren – durch Ausdruck (Medienbruch). Die Kosten trägt das Gericht.801 
477Ferner ordnet § 55a Abs. 6 Satz 1 VwGO als besondere Hinweispflicht des Gerichts ausdrücklich an, dass die mangelnde Eignung zur gerichtlichen Bearbeitung eines elektronischen Dokuments unter Hinweis auf die Unwirksamkeit des Eingangs und die geltenden technischen Rahmenbedingungen dem Absender unverzüglich mitzuteilen ist, damit der Absender das Dokument ohne Zeitverzögerung auf ein zugelassenes Dateiformat umstellen kann. Des Weiteren regelt § 55a Abs. 6 Satz 2 VwGO, dass ein elektronisches Dokument, das nicht den technischen Rahmenbedingungen entspricht, gleichwohl „als zum Zeitpunkt der früheren Einreichung eingegangen“ (also fristwahrend) „gilt, sofern der Absender es unverzüglich in einer für das Gericht zur Bearbeitung geeigneten Form nachreicht und glaubhaft macht, dass es mit dem zuerst eingereichten Dokument inhaltlich übereinstimmt“. In der Begründung zum Gesetzentwurf wird ausgeführt, dass damit der Rechtsprechung des BVerfG Rechnung getragen werden soll, den Zugang zu den Gerichten durch Anforderungen des formellen Rechts, wie etwa Formvorgaben, nicht in unverhältnismäßiger Weise zu erschweren.802 Ist die Einreichung aufgrund anderer als in § 55 Abs. 6 Satz 1 VwGO genannter Defizite unwirksam, kommt eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand nach § 60 VwGO in Betracht, zur Wiedereinsetzung vgl. auch Rn. 306 ff. 
 b. Gerichtliche elektronische Dokumente (§ 55a Abs. 7 VwGO) 
478Nach § 55a Abs. 7 Satz 1 VwGO müssen Dokumente, die vom Richter oder Urkundsbeamten der Geschäftsstelle handschriftlich unterschrieben werden müssen, wenn sie elektronisch erstellt werden, mit dem Namen und der qualifizierten elektronischen Signatur der betreffenden Person versehen werden. § 55a Abs. 7 VwGO setzt als selbstverständlich voraus, dass auch das Gericht in elektronischer Form kommunizieren kann. Erforderlich ist jedoch, dass der jeweilige Adressat ausdrücklich oder konkludent damit einverstanden ist, dass das Gericht mit ihm elektronisch kommuniziert.803 Im Umkehrschluss aus § 55a Abs. 7 Satz 1 VwGO ergibt sich, dass für die elektronische Kommunikation des Gerichts – wenn eine handschriftliche Unterzeichnung durch den Richter oder den Urkundsbeamten der Geschäftsstelle nicht vorgeschrieben ist – eine einfache Signatur, d.h. der bloße Namenszusatz unter das elektronische Dokument, ausreicht.804 
479Eine handschriftliche Unterzeichnung i.S.d. § 55a Abs. 7 Satz 1 VwGO ist notwendig,805 wenn
 dies durch das Gesetz ausdrücklich angeordnet wird (z.B. bei Urteilen in § 117 Abs. 1 VwGO);
 es sich aus der Natur der Sache ergibt (z.B. bei Rechtshilfeersuchen);
 eine Auslegung ergibt, dass eine eigenhändige Unterschrift zwingend ist: z.B. nicht, wenn ein Vorgang lediglich intern dokumentiert werden soll. Dann ist grundsätzlich die Textform ausreichend.
 
480Neben der qualifizierten elektronischen Signatur ist erforderlich, dass die verantwortende Person am Ende des Dokumentes ihren Namen hinzufügt, § 55a Abs. 7 Satz 1 VwGO. Die Regelung dient der Identifizierbarkeit des Verantwortlichen. Ob eine Paraphe zulässig ist, wird vom Gesetz nicht geregelt. Wenn der Verantwortliche über das Zertifikat als Bestandteil seiner digitalen Signatur identifizierbar ist, ist die Unterzeichnung mit einer Paraphe aber zuzulassen.806 Nicht ausreichend ist dagegen lediglich die handschriftliche Ergänzung des maschinenschriftlich aufgezeichneten Namens mittels der Paraphe „gez.“ für „gezeichnet“.807 
481§ 55a Abs. 7 Satz 2 VwGO steht wiederum im Zusammenhang mit der nachträglichen Überführung gerichtlicher Dokumente in elektronische nach § 55b Abs. 6 Satz 4 VwGO (s. dazu Rn. 493 ff.). 
482Die Rechtsfolge eines Formfehlers ergibt sich nicht aus § 55a Abs. 7 VwGO, sondern wurde vom Gesetzgeber der Rechtsprechung überlassen. Die Rechtsfolge hängt dabei entscheidend von der Art des elektronischen Dokuments ab.808 Für gerichtliche Entscheidungen kann auf die Rechtsprechung zur fehlerhaften bzw. fehlenden Unterschrift bei Urteilen bzw. Beschlüssen zurückgegriffen werden. Es gelten sinngemäß die Ausführungen zu § 130b ZPO (vgl. Rn. 317). Ein Urteil ist grundsätzlich unwirksam, wenn es nicht unterschrieben ist.809 
483Hinweis: Die Zustellung des elektronischen Dokuments richtet sich nach § 56 Abs. 2 VwGO, § 174 Abs. 3, 4 ZPO. Der Zugang des elektronischen Dokuments des Gerichts bei den Beteiligten bestimmt sich nach den allgemeinen Vorschriften, also § 130 BGB bzw. bei der Zustellung nach § 56 VwGO i.V.m. den §§ 166 ff. ZPO, insbesondere § 174 Abs. 3, 4 ZPO. 
 II. Elektronische Prozessakten (§ 55b VwGO) 
 1. Allgemeines 
484§ 55b VwGO wurde durch das Justizkommunikationsgesetz810 in die VwGO eingefügt. Parallelregelungen finden sich in den §§ 298, 298a ZPO, § 46e ArbGG, § 52b FGO und § 65b SGG. Zum 01.01.2018 erfuhr der Normwortlaut zum Teil grundlegende Änderungen und Ergänzungen, die die Neufassung von § 298 ZPO und § 298a Abs. 2 ZPO mit den Regelungen zum Medientransfer innerhalb der Justiz nachzeichnen. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
485§ 55b VwGO ermöglicht die – derzeit noch optionale – elektronische Aktenführung bei Gericht und soll sogenannte „Hybridakten“ (also Akten, die teilweise aus Dokumenten in Papierform und teilweise aus elektronischen Dokumenten bestehen) vermeiden.811 Eine Verpflichtung zur Einführung einer generellen elektronischen Aktenführung enthält die Vorschrift erst mit Geltung zum 01.01.2026 in § 55b Abs. 1a VwGO, der durch das Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs812 eingefügt wurde. Beteiligte und Dritte sind nicht an die Form gebunden, in der das Gericht seine Akten führt. Auch im Falle einer elektronischen Aktenführung dürfen Dokumente in Papierform bei Gericht eingereicht werden; anderenfalls würde der Grundsatz des rechtlichen Gehörs, Art. 103 Abs. 1 GG, verletzt.813 Eine Ausnahme hiervon stellt § 55d VwGO mit Wirkung zum 01.01.2022 für sogenannte „professionelle Einreicher“ dar. 
486§ 55b VwGO bildet das „Zwischenstück“814 des (elektronischen) gerichtlichen Verfahrens zwischen dem elektronischen Eingang der Dokumente mit Schriftformerfordernis (§ 55a VwGO) und dem elektronischen Ausgang (§ 56 Abs. 2 VwGO i.V.m. § 174 Abs. 3, 4 ZPO). 
 3. Norminhalt 
 a. Grundsätze der elektronischen Aktenführung (§ 55b Abs. 1 VwGO) 
487§ 55b Abs. 1 VwGO erlaubt es den Gerichten noch bis 31.12.2025 die Prozessakten freiwillig elektronisch zu führen. Hinsichtlich der Ausgestaltung der elektronischen Aktenführung werden in § 55b Abs. 1 Satz 2 VwGO die Bundesregierung und die Landesregierungen zum Erlass entsprechender Verordnungen ermächtigt. Diese Ermächtigung zur Ausgestaltung kann von den Landesregierungen an die zuständigen obersten Landesbehörden delegiert werden, § 55b Abs. 1 Satz 4 VwGO. Geregelt werden können durch den Verordnungsgeber insbesondere der Zeitpunkt, ab dem elektronische Prozessakten geführt werden (§ 55b Abs. 1 Satz 2 VwGO), sowie die organisatorisch-technischen Rahmenbedingungen für die Bildung, Führung und Verwahrung der elektronischen Akten (§ 55b Abs. 1 Satz 3 VwGO). 
488Wird von der Verordnungsermächtigung Gebrauch gemacht, unterliegt die Entscheidung über die Art und Weise der Aktenführung nicht der richterlichen Unabhängigkeit nach Art. 97 GG.815 Der Richter kann also gegen die Einführung der elektronischen Akte kein „Recht auf IT-Abwehr“816 geltend machen. Dasselbe gilt für die Rechtslage ab dem 01.01.2026 durch § 55b Abs. 1a VwGO (obligatorische vollelektronische Prozessaktenführung). 
489Bislang wurden auf der Grundlage des § 55b Abs. 1 VwGO folgende Landesrechtsverordnungen erlassen:
Baden-Würt­tem­bergVer­ord­nung des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums zur elek­tro­ni­schen Akten­füh­rung bei den Gerich­ten (eAktVO) vom 29.03.2016 (GBl 2016, 265)
Hes­senJus­tiz-Infor­ma­ti­ons­tech­nik-Ver­ord­nung (Jus­tITV) vom 29.11.2017 (GVBl 2017, 415)817
Meckl.-Vor­pomm.Ver­ord­nung zur elek­tro­ni­schen Akten­füh­rung bei den Gerich­ten (EAktVO M-V) vom 04.08.2018 (GVOBl 2018, 307) und Ver­wal­tungs­vor­schrift vom 16.08.2018 (AmtsBl 2018, 478)818
NRWVer­ord­nung zur elek­tro­ni­schen Akten­füh­rung bei den Gerich­ten der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit im Land Nord­rhein-West­fa­len
(eAk­ten-Ver­ord­nung Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit – eAktVO VG) vom 09.03.2017 (GV 2017, 343)
 
490§ 55b VwGO gilt für die gesamte Verwaltungsgerichtsbarkeit. Die elektronische Aktenführung kann jedoch nach derzeitiger Fassung auf einzelne Gerichte beschränkt werden; seit 01.01.2018 auch durch Verwaltungsvorschrift, § 55b Abs. 1 Satz 5 VwGO a.E. Dieser „Experimentiercharakter“ der Vorschrift bewirkt, dass kein Verstoß gegen Art. 3 Abs. 1 GG vorliegt, wenn derzeit noch nicht an allen Gerichten die elektronische Aktenführung eingeführt wird;819 Gleiches dürfte für Art. 103 Abs. 1 GG gelten. 
491Der Begriff „elektronisch geführte Prozessakten“ des § 55b VwGO ist weiter als der des „elektronischen Dokuments“ in § 55a VwGO und erfasst auch verkörperlichte Dateien, also solche, die auf einem Datenträger gespeichert sind.820 
492Ob ab Inkrafttreten der Rechtsverordnung eine Pflicht zur elektronischen Aktenführung besteht, wird nicht einheitlich beurteilt. Während die Gesetzesbegründung von einer solchen Pflicht ausgeht,821 wird unter Verweis auf den – auch nach der Neufassung zum 01.01.2018 unveränderten – Wortlaut des § 55b Abs. 1 Satz 1 VwGO („können“) und den Sinn und Zweck der elektronischen Aktenführung, das Verfahren zu vereinfachen, teils von einem Ermessen des Gerichts ausgegangen. Argumentiert wird, es würde der Vereinfachung des Verfahrens widersprechen, wenn die Gerichte auch in Verfahren, in denen es völlig unzweckmäßig wäre, zur elektronischen Aktenführung gezwungen wären.822 Nachvollziehbar ist dagegen jedoch der Einwand von Rudisile, dass eine elektronische Aktenführung nur dann rechtlich klar, inhaltlich effizient und wirtschaftlich betrieben werden kann, wenn sie ab dem Zeitpunkt, in dem die Rahmendaten das ermöglichen, auch tatsächlich regelmäßig und rechtsverbindlich zum Einsatz kommt.823 
 b. Transfer von elektronischen Akten in Papierakten und von Papierakten in elektronische Akten 
493§ 55b Abs. 2, Abs. 6 VwGO stellt sicher, dass die Akte grundsätzlich einheitlich entweder in Papierform oder in elektronischer Form geführt wird. Sog. „Hybridakten“ sollen vermieden werden. Das bedeutet: Wird die Akte in Papierform geführt, sind bei Gericht eingehende elektronische Dokumente auszudrucken (vgl. § 55b Abs. 2 Satz 1 VwGO). Aus einer Zusammenschau mit § 55a Abs. 3, Abs. 4 VwGO ergibt sich, dass hiervon nunmehr auch nicht signierte bzw. auf einem sicheren Übermittlungsweg eingereichte, elektronische Dokumente erfasst sein sollen.824 Wird die Akte in elektronischer Form geführt, sind bei Gericht eingehende Dokumente in Papierform in die elektronische Form zu überführen (vgl. § 55b Abs. 6 Satz 1 VwGO). 
494Dabei bestimmt § 55b Abs. 2 Satz 2 VwGO, dass ein Ausdruck eines elektronischen Dokuments bei Papieraktenführung unterbleiben kann, wenn dies bei Anlagen zu vorbereitenden Schriftsätzen nicht oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand erfolgen kann; man denke etwa an umfangreiche bauplanungsrechtliche Genehmigungsverfahren. Die Daten sind in diesem Fall dauerhaft zu speichern. Insoweit wird der Gleichlauf mit dem ebenfalls zum 01.01.2018 geänderten § 298 ZPO wiederhergestellt. Das eingereichte elektronische Dokument kann nach Ablauf von sechs Monaten gelöscht werden, § 55a Abs. 5 VwGO. 
495Wenn elektronische Dokumente auf einem sicheren Übermittlungsweg eingereicht werden, ist dies gem. § 55b Abs. 3 VwGO in der Papierakte zu dokumentieren. Wenn das Dokument mit einer qualifizierten elektronischen Signatur dem Gericht als Nachrichtenanhang – nicht auf sicherem Übermittlungsweg – zugeleitet worden ist, dann muss der Ausdruck – wie schon vor dem 01.01.2018 – einen (Transfer-)Vermerk darüber enthalten, welches Ergebnis die Integrationsprüfung der Signatur ausweist, wen die Signaturprüfung als Inhaber der Signatur ausweist und welchen Zeitpunkt die Signaturprüfung für die Anbringung der Signatur ausweist, § 55a Abs. 4 VwGO. 
496§ 55b Abs. 6 VwGO stellt klar, dass die Übertragung des Papierdokuments in das elektronische Dokument nach dem Stand der Technik vorgenommen werden muss. Das Papierdokument und das elektronische Dokument müssen bildlich und inhaltlich übereinstimmen. Eine Bestätigung der Übereinstimmung bei jeder einzelnen Übertragung ist im Interesse einer Vereinfachung gerichtlicher Arbeitsabläufe nicht mehr erforderlich. Die Aufbewahrungsfrist für eingescannte Papierdokumente beträgt sechs Monate. Papierdokumente können danach vernichtet werden, sofern sie nicht rückgabepflichtig sind, § 55b Abs. 6 Satz 5 VwGO. 
497§ 55b Abs. 2, Abs. 6 VwGO stellt gleichzeitig klar, dass keine Pflicht besteht, Dokumente in der Form einzureichen, in der die Akte bei Gericht geführt wird. Es ist Sache des Gerichts, für den Medientransfer zu sorgen. Schon der in Art. 103 Abs. 1 GG verankerte Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt, dass zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorgeschrieben werden kann, dass Verfahrensbeteiligte und Dritte Dokumente zwingend elektronisch einzureichen haben. 
498Ebenso wie die Parallelregelungen in der Zivilprozessordnung825 ist § 55b VwGO als eine reine Ordnungsvorschrift anzusehen. 
 c. Inkurs: Rechtsprechung zur elektronischen Aktenführung in Behörden 
499Welche weiteren Anforderungen der Scanprozess i.S.d. § 55b Abs. 6 Satz 1 VwGO erfüllen muss, ergibt sich aus dem Gesetz nicht. Die Anforderungen sollten aber im Hinblick auf die Massenscanprozesse bei einer zukünftig generellen elektronischen Aktenführung nicht überhöht werden. 
500Das VG Wiesbaden hat sich im Vorfeld in zahlreichen Entscheidungen mit der elektronischen Aktenführung und insbesondere den Anforderungen an das Scannen von Verwaltungsakten auseinandergesetzt. Dabei hat es teilweise sehr hohe Anforderungen aufgestellt, die jedoch nicht ohne weiteres auf gerichtliche Scanprozesse zu übertragen sind – teilweise schon aufgrund anderslautender gesetzlicher Anordnungen wie z.B. zum nicht mehr per se erforderlichen namentlichen Übertragungsnachweis, vgl. § 55b Abs. 6 Sätze 3 und 4 VwGO826, sowie der Vernichtungsmöglichkeit gescannter, nicht rückgabepflichtiger Originaldokumente nach sechs Monaten, vgl. § 55b Abs. 6 Satz 5 VwGO827. 
501Nach dem VG Wiesbaden setze § 7 E-Government-Gesetz voraus, dass nicht nur ein optisch identischer Inhalt gewährleistet werde, sondern der Inhalt des Ursprungsdokuments, welches eingescannt wurde, sowohl in der Bildwiedergabe als auch in der textlichen Darstellung so wiedergegeben werde, dass das Dokument – soweit die elektronische Akte herangezogen werde – die gleiche optische Klarheit und Lesbarkeit biete wie das Original.828 Die Stärke der Verpixelung des Dokuments müsse daher so hoch sein, dass ein Qualitätsverlust des Dokuments gegenüber dem Ausgangselement in Papierform „in keinster Weise“ eintrete. Zudem seien farbige Dokumente ebenfalls farbig einzuscannen und auch farbig auszudrucken. Dass die Behördenakten in Originalgröße und Originalfarben einzuscannen seien, hat das Gericht in der Folge mehrfach gleichlautend entschieden.829 
502Berlit sieht in den vom VG Wiesbaden statuierten Anforderungen an die bildliche Übereinstimmung und damit einen u.U. vollständig in Farbe durchzuführenden Scanprozess eine zu geringe Begründungstiefe des Gerichts, nachdem in vielen Fällen die Farbinformationen schlicht als nicht sinntragend einzustufen seien.830 
503Köbler merkt zur dargestellten Entscheidung des VG Wiesbaden an, dass sich § 7 EGovG und die Gesetzesbegründung selbst überhaupt nicht zur Frage verhielten, ob der Scan in Farbe sein müsse oder nicht.831 Auch die TR-RESISCAN, die im Übrigen nur eine Empfehlung darstelle und lediglich als Auslegungshilfe für den Stand der Technik herangezogen werden kann, sehe keinen grundsätzlich farbigen Scan farbiger Dokumente vor (dies gilt im Übrigen auch für die aktuelle Fassung, vgl. Rn. 446 f.), weswegen sich die vom VG Wiesbaden statuierten Anforderungen an die E-Akte – so Köbler – auf keine taugliche Rechtsgrundlage stützen ließen.832 
504Das VG Wiesbaden urteilte weiterhin hinsichtlich der (mangelhaften) Aktenvorlage des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), dass letzteres sicherzustellen habe, dass beim Einscannen von Schriftsätzen und Dokumenten zwischen Papierdokument und Originaldokument Übereinstimmung bestehe; diesbezüglich seien, so das Gericht, die vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) entwickelten Anforderungen an Scanprozesse zu beachten.833 Darüber hinaus sei stets sicherzustellen, dass die elektronischen Akten vollständig und wahrheitsgetreu geführt sowie gem. § 99 VwGO dem Gericht vollständig vorgelegt werden.834 Insbesondere handele es sich bei der sogenannten elektronischen Bundesamtsakte nicht um die „Akte“ i.S.v. § 99 Abs. 1 VwGO.835 Tatsächlich sei es dem Gericht regelmäßig allerdings nicht möglich, die Akten auf Vollständigkeit zu überprüfen, da das BAMF die Herausgabe der Metadaten technisch verhindere, indem relevante Erkennungszeichen aus dem elektronischen System Maris (bspw. Verknüpfungen zu Familienangehörigen unter anderen Bundesamtsaktenzeichen oder Hinweise auf frühere Verfahren mit den dortigen Aktenzeichen) erst mit Auflösung aus der Maris-Postmappe in die eigentliche elektronische Bundesamtakte gelangten, weshalb jene Unterlagen dem Einzelentscheider zum Zeitpunkt der Entscheidung zumeist nicht (vollständig) zur Verfügung stünden.836 Laut dem VG Wiesbaden dürfe das Gericht jedoch insoweit vor allem nicht „dümmer“ gestellt werden als der jeweilige Sachbearbeiter des Beklagten.837 
505In einer weiteren Entscheidung hat das VG Wiesbaden die Voraussetzungen für den Transfervermerk gem. § 55b Abs. 4 Satz 2 VwGO a.F. beschrieben und sah diese Voraussetzungen im zu entscheidenden Fall als nicht erfüllt an, da der Transfervermerk nicht erkennen ließ, „ob die Signaturprüfung gemäß § 7 SigG [a.F.] oder gemäß Anhang 1 VO (EU) Nr. 910/2014 erfolgte, da insoweit Unterschiede in den Vorgaben zur qualifizierten Signatur bestehen“.838 Im Übrigen rügte das Verwaltungsgericht, dass das Prüfprotokoll gem. § 67 Abs. 1 Geschäftsordnung für die Gerichte und Staatsanwaltschaften (GO) innerhalb von vier Wochen nach Eintragung oder Mitteilung des Aktenzeichens zu dem entsprechenden Eingang in der EGVP-Nachrichtenverwaltung gelöscht wurde und ein Transfer des Prüfprotokolls in EUREKA-Fach – das Geschäftsstellenprogramm – nicht erfolgte. Damit sei eine nachträgliche Überprüfung, ob eine qualifizierte Signatur vorlag, nicht mehr möglich. Die Regelung der GO verstoße gegen höherrangiges Recht, das Verfahrensrecht der VwGO, und dürfe insoweit nicht angewendet werden. Dennoch sei – so das Gericht – die Klage zulässig, weil die Klageschrift vom Anwalt nicht nur per EGVP übersandt, sondern zusätzlich eigenhändig unterschrieben und eingescannt worden war, der Scan noch einmal bei dem Versand über das EGVP qualifiziert signiert und die im Original unterschriebenen Klageschriftsätze dem VG nach der Beanstandung der Signatur vorgelegt worden waren, was die Voraussetzungen der Schriftlichkeit erfüllte. 
506Nach Skrobotz dürfe sich die dargestellte Entscheidung in der Praxis jedenfalls nicht dergestalt auswirken, als dass Rechtssuchende durch eine „vorgegaukelte Rechtsunsicherheit“ von einer Nutzung des elektronischen Rechtsverkehrs abgehalten würden.839 
507Die vom VG Wiesbaden insoweit als obiter dictum geäußerte Rechtsansicht, vor der Aufhebung des § 7 SigG durch das eIDAS-Ausführungsgesetz habe die Überprüfung der Signatur eines Anwalts auf einem über das EGVP übermittelten elektronischen Dokument auch danach differenzieren müssen, ob es sich um eine auf der eIDAS-VO basierende qualifizierte Signatur gehandelt habe, lässt außer Acht, dass die eIDAS-Verordnung nicht für geschlossene Nutzergruppen anzuwenden ist (Art. 2 Abs. 2 eIDAS-VO), also insoweit in der Kommunikation zwischen Anwälten und Gerichten das deutsche Signaturgesetz bis zu dessen Aufhebung nicht verdrängte. Schließlich fallen eine mangelhafte Signaturprüfung durch das Gericht und die (vorzeitige) Vernichtung diesbezüglicher Nachweise durch das Gericht nicht in die Risikosphäre des Klägers und können daher entgegen der Ansicht des VG Wiesbaden nicht zur (nachträglichen) Unzulässigkeit der Klage führen. 
 III. Akteneinsicht bei elektronischer Aktenführung (§ 100 Abs. 2 VwGO) 
 1. Allgemeines 
508§ 100 Abs. 2 VwGO wurde durch das Justizkommunikationsgesetz840 ergänzt und erweitert und regelt seither (auch) die Einsichtnahme in nicht „konventionell“ geführte Akten. Parallelregelungen finden sich in § 299 ZPO, § 78 FGO und § 120 SGG. Zum 01.01.2018 wurde § 100 Abs. 2 VwGO um einen weiteren Absatz ergänzt, wodurch nunmehr in Absatz 2 nur noch die Akteneinsicht bei elektronischer Aktenführung und in Absatz 3 im Falle der Aktenführung weiterhin in Papierform normiert ist, was auch aus Gründen der Übersichtlichkeit zu begrüßen ist. 
 2. Normzweck 
509§ 100 Abs. 2 VwGO dient der Gewährung des Anspruchs auf rechtliches Gehör vor Gericht (Art. 103 Abs. 1 GG)841 und der prozessualen „Waffengleichheit“ im Verwaltungsprozess zwischen den Prozessbeteiligten und der beteiligten staatlichen Stelle im Verwaltungsprozess.842 
 3. Norminhalt und Rechtsfolgen 
510Nach der Grundnorm des § 100 Abs. 1 Satz 1 VwGO haben die Verfahrensbeteiligten (§ 63 VwGO) das Recht, die Gerichtsakten und die dem Gericht vorgelegten Akten einzusehen. 
511Die Beteiligten können sich gem. § 100 Abs. 1 Satz 2 VwGO auf eigene Kosten Ausdrucke der Akten erteilen lassen. Dieses Recht besteht unabhängig davon, ob für die Erteilung der Unterlagen ein besonderes rechtliches Interesse dargetan ist, und findet seine Grenze nur dort, wo es rechtsmissbräuchlich ausgeübt wird.843 
512Wie ausgeführt, regelt § 100 Abs. 2 VwGO nunmehr ausschließlich die Modalitäten der Akteneinsicht im Falle elektronischer Aktenführung, welche im Regelfall in Form der Bereitstellung des Inhalts der Akten zum Abruf zu erfolgen hat. Auf besonderen Antrag ist Akteneinsicht in den Diensträumen zu gewähren, § 100 Abs. 2 Satz 2 VwGO. Die – kostenpflichtige – Übermittlung eines Aktenausdrucks oder Datenträgers bedarf gem. § 100 Abs. 2 Satz 3 VwGO neben einem besonders begründeten Antrag eines berechtigten Interesses des Antragstellers. Beide vorgenannte Antragserfordernisse können zudem nach § 100 Abs. 2 Satz 4 VwGO bei Vorliegen wichtiger Gründe entfallen. Zu den Einzelheiten vgl. bei § 299 Abs. 3 ZPO, Rn. 369 ff. 
513Die Entscheidung über die Übermittlung eines Aktenausdrucks bzw. Datenträgers unterfällt nach § 100 Abs. 2 Satz 5 VwGO der funktionellen Zuständigkeit des Vorsitzenden bzw. Berichterstatters (§ 100 Abs. 2 Satz 6 i.V.m. § 87a Abs. 3 VwGO), sie ist zudem unanfechtbar. 
514Nach dem Gesetzeswortlaut ist zumindest nicht eindeutig, ob sich die Zuständigkeit des Vorsitzenden auf den genannten Fall des § 100 Abs. 2 Satz 3 VwGO bezieht oder ob für die Gewährung von Akteneinsicht im Falle elektronischer Aktenführung der Vorsitzende insgesamt zuständig ist, zumal auch anders als in § 299 Abs. 3 Satz 1 ZPO die Geschäftsstelle in § 100 Abs. 2 VwGO nicht explizit erwähnt wird. Für die punktuelle Zuständigkeit des Vorsitzenden für Entscheidungen nach § 100 Abs. 2 Satz 3 VwGO spricht jedoch, dass für dessen umfassende Entscheidungszuständigkeit anstatt der Urkundsbeamten der Geschäftsstelle im Verwaltungsprozessrecht keine Gründe ersichtlich sind. Auch hätte es in systematischer Hinsicht ansonsten gegenüber dem Grundsatz in § 100 Abs. 1 Satz 2 VwGO der Spezialregelung in § 100 Abs. 2 Satz 5 HS. 1 VwGO nicht bedurft. 
515Gegen die Verweigerung der Akteneinsicht durch den Urkundsbeamten der Geschäftsstelle (in den Fällen des § 100 Abs. 1 VwGO und des § 100 Abs. 2 Sätze 1 und 2 VwGO) ist die Erinnerung gem. § 151 Abs. 1 VwGO statthaft.844 Ob gegen diese gerichtliche Entscheidung wiederum eine Beschwerde möglich ist, wird kontrovers diskutiert.845 Die Verweigerung der Akteneinsicht durch eine gerichtliche Entscheidung (im Fall des § 100 Abs. 2 Satz 3, Satz 5 VwGO) ist nach § 100 Abs. 2 Satz 5 HS. 2 VwGO unanfechtbar. In Betracht kommt stattdessen bei einer Verletzung des Grundsatzes des rechtlichen Gehörs846 als wesentlichem Verfahrensmangel das Rechtsmittel der Berufung (§ 124 Abs. 2 Nr. 5 VwGO) oder der Revision (§ 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO). 
 IV. Elektronischer Zustellungs- und Verkündungsvermerk (§ 117 Abs. 6 VwGO) 
 1. Allgemeines 
516Durch das Justizkommunikationsgesetz847 erfolgte eine Änderung des § 117 Abs. 6 VwGO. Parallelregelungen finden sich in § 315 Abs. 3 ZPO, § 105 Abs. 6 FGO und § 134 Abs. 3 SGG. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
517Die Vorschrift ermöglicht die Erstellung eines elektronischen Zustellungs- und Verkündungsvermerkes in den Fällen, in denen die Prozessakten elektronisch geführt werden (§ 55b VwGO). 
 3. Norminhalt und Rechtsfolge 
518Nach § 117 Abs. 6 Sätze 2 und 3 VwGO hat im Falle elektronischer Aktenführung (§ 55b VwGO) der Urkundsbeamte der Geschäftsstelle den Zustellungs- und Verkündungsvermerk in einem gesonderten Dokument festzuhalten, das mit dem Urteil untrennbar zu verbinden ist. Die Regelung stimmt im Wortlaut mit § 315 Abs. 3 Sätze 2 und 3 ZPO überein; vgl. insoweit die dortigen Ausführungen (vgl. Rn. 387 ff.). 
 V. Berichtigung des „elektronischen Urteils“ (§ 118 Abs. 2 VwGO) 
 1. Allgemeines 
519§ 118 Abs. 2 Satz 3 VwGO wurde durch das Justizkommunikationsgesetz848 angefügt. Parallelregelungen finden sich in § 319 Abs. 2 ZPO, § 107 Abs. 2 FGO und § 138 SGG. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
520Die Vorschrift regelt die Möglichkeit eines elektronischen Berichtigungsbeschlusses. Dadurch wird das Berichtigungsverfahren bei in elektronischer Form (§ 55a Abs. 7 VwGO) vorliegenden Urteilen vereinfacht. 
 3. Norminhalt und Rechtsfolge 
521Nach § 118 Abs. 2 Satz 3 VwGO ist bei einem in elektronischer Form vorliegenden Urteil auch der Berichtigungsbeschluss zwingend in dieser Form abzufassen und zudem mit dem Urteil untrennbar zu verbinden. Die Vorschrift ist entsprechend auf Beschlüsse anwendbar, § 122 Abs. 1 VwGO. Die Möglichkeit, ein in Papierform vorliegendes Urteil elektronisch zu berichtigen, ist im Gegensatz zum Regelungsregime der ZPO nicht vorgesehen. Im Übrigen kann aber auf die Ausführungen zu § 319 Abs. 2 Sätze 2 und 3 ZPO verwiesen werden (vgl. Rn. 401 ff.). 
522Die Wirkung des Berichtigungsbeschlusses ist von dem Berichtigungsvermerk bzw. seinem Fehlen auf dem Urteil unabhängig.849 Mit dem Erlass des Berichtigungsbeschlusses tritt die berichtigte Fassung an Stelle der bisherigen Fassung.850 Auch sonst gelten keine Besonderheiten bei der elektronischen gegenüber der nicht-elektronischen Justizkommunikation. 
 VI. Tatbestandsberichtigung bei „elektronischem Urteil“ (§ 119 Abs. 2 VwGO) 
 1. Allgemeines 
523§ 119 Abs. 2 Satz 6 VwGO wurde durch das Justizkommunikationsgesetz851 angefügt. Parallelregelungen finden sich in § 320 Abs. 4 ZPO, § 108 Abs. 2 FGO und § 139 Abs. 3 SGG. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
524§ 119 Abs. 2 Satz 6 VwGO regelt die Möglichkeit einer elektronischen Berichtigung des Tatbestandes und sorgt für eine Vereinfachung des Berichtigungsverfahrens bei in elektronischer Form (§ 55a Abs. 7 VwGO) vorliegenden Urteilen. 
 3. Norminhalt 
525Nach § 100 Abs. 2 Satz 6 VwGO muss bei einem in elektronischer Form abgefassten Urteil auch der den Tatbestand berichtigende Beschluss zwingend in dieser Form abgefasst werden. Zudem ist er mit dem Urteil untrennbar zu verbinden. Die Vorschrift ist entsprechend auf Beschlüsse anwendbar, § 122 Abs. 1 VwGO. Die Möglichkeit, ein in Papierform vorliegendes Urteil elektronisch zu berichtigen, ist im Gegensatz zur ZPO nicht vorgesehen. Im Übrigen kann auf die Ausführungen zu § 320 Abs. 4 Sätze 6 und 7 ZPO verwiesen werden (vgl. Rn. 406 ff.). 
526Die Tatbestandsberichtigung ändert die übrigen Teile des Urteils nicht.852 Die Wirkung des Berichtigungsbeschlusses ist vom Berichtigungsvermerk unabhängig.853 Auch sonst bestehen keine Besonderheiten bei elektronischen Dokumenten. 
 F. Die elektronische Justizkommunikation im Strafverfahren 
 I. Elektronische Aktenführung (§ 32 StPO) 
 1. Allgemeines 
527Den Kern der Neuregelung durch das – aus einem mehrjährigen Gesetzgebungsprozess hervorgegangene854Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs855 bildet die Einfügung der §§ 32-32f StPO. Damit wurde die gesetzliche Grundlage für die elektronische Aktenführung in Strafsachen geschaffen; im Übrigen wurden § 41a StPO a.F. (elektronischer Rechtsverkehr in Strafsachen)856 aufgehoben und die inhaltlichen Regelungen des elektronischen Rechtsverkehrs in Strafsachen an die entsprechenden Regelungen in den anderen Verfahrensordnungen angepasst, sodass mit Blick auf die Einzelheiten grundsätzlich auf Rn. 231 ff. verwiesen wird. 
528Die neuen Regelungen sind weitgehend zum 01.01.2018 in Kraft getreten, ausgenommen davon insbesondere die in § 32d StPO vorgesehene Pflicht zur elektronischen Einreichung für bestimmte Einreicher, die – wiederum in Parallelität zu den Regelungen in den weiteren Verfahrensordnungen – erst zum 01.01.2022 in Kraft treten wird. Demnach sollen Verteidiger und Rechtsanwälte ab diesem Zeitpunkt den Strafverfolgungsbehörden und Gerichten Schriftsätze und deren Anlagen sowie schriftlich einzureichende Anträge und Erklärungen als elektronisches Dokument übermitteln. Bestimmte prozessgestaltende Erklärungen wie Berufung und Revision nebst deren Begründung und Gegenerklärung ebenso wie Privatklagen und Anschlusserklärungen bei der Nebenklage hingegen müssen sie elektronisch übermitteln, § 32d StPO. Die dargestellte Differenzierung zwischen den Formulierungen der Verpflichtungen stieß dabei in der Literatur auf Kritik: Sie könne sich nicht pauschal auf „Besonderheiten des Strafverfahrens“ stützen.857 Eine solche punktuelle Nutzungspflicht für Rechtsanwälte liefe zudem dem Gesetzeszweck einer nachhaltigen Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs, wie auch den Anforderungen der Praxis zuwider.858 Der Gesetzgeber geht selbst im Rahmen der „Soll“-Vorschrift des § 32d Satz 1 StPO von einer „grundsätzlichen Verpflichtung“ aus, von der „nur im Ausnahmefall abgewichen werden“ darf.859 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
529§ 32 StPO ermöglicht es bis zum 31.12.2025, die elektronische Akte optional auf der Grundlage von Rechtsverordnungen des Bundes und der Länder einzuführen. Ab 01.01.2026 ist gesetzlich vorgegeben, dass neu anzulegende Akten nur noch elektronisch zu führen sind, § 32 Abs. 1 Satz 1 StPO n.F. Die Systematik unterscheidet sich auch insoweit von den anderen Gerichtszweigen, als dass nicht ein bereits in Kraft getretener Absatz 1a ab 01.01.2026 die elektronische E-Aktenführung anordnet, sondern dass zu diesem Zeitpunkt eine bereits beschlossene, neue Fassung von Absatz 1 in Kraft tritt. Gleichbleibend ist jedoch wie in den übrigen Verfahrensordnungen die hybride Aktenführung vom Gesetzgeber bewusst nicht vorgesehen.860 
530Im Gegensatz zu den Parallelregelungen in anderen Gerichtszweigen hat jedoch die erste Norm in diesem Zusammenhang im Strafprozessrecht nicht das elektronische Dokument, sondern die elektronische Aktenführung zum Gegenstand. Die Einreichung elektronischer Dokumente bei Gericht und Staatsanwaltschaft ist in § 32a StPO geregelt (s. hierzu Rn. 537 ff.); die Einsicht in elektronische Akten hat § 32f StPO zum Gegenstand (s. hierzu Rn. 576 ff.). 
 3. Norminhalt und Rechtsfolge 
531Nach § 32 Abs. 1 StPO können die Bundesregierung und die Landesregierungen jeweils für ihren Bereich durch Rechtsverordnung den Zeitpunkt bestimmen, von dem an die Akten861 elektronisch geführt werden, wobei diese Ermächtigung durch Rechtsverordnung auf die zuständigen Bundes- und Landesministerien übertragen werden kann. Die E-Aktenführung kann dabei entweder für das gesamte Strafverfahren angeordnet oder auf einzelne Gerichte oder Strafverfolgungsbehörden oder auch auf einzelne Verfahren beschränkt werden. Letzteres umfasst dabei nicht nur die besonderen Verfahrensarten der §§ 407 ff. StPO, sondern sämtliche, nach allgemeinen Kriterien bestimmte Verfahren wie z.B. Wirtschaftsstrafsachen, UJs-Verfahren etc.862 Ebenso kann nach § 32 Abs. 1 Satz 3 StPO auf diesem Wege bestimmt werden, dass in Papierform angelegte Akten auch nach Einführung der elektronischen Akten in analoger Form weitergeführt werden. Bis auf Letzteres werden die Verordnungsermächtigungen in Absatz 1 bereits zum 01.07.2025, nicht erst wie in den anderen Verfahrensordnungen erst zum 01.01.2026, wieder aufgehoben, vgl. § 32 Abs. 1 StPO n.F. 
532Bislang wurden auf der Grundlage der Öffnungsklausel des § 32 Abs. 1 StPO noch keine Landesrechtsverordnungen erlassen.863 
533Die Modalitäten der elektronischen Aktenführung enthalten nach § 32 Abs. 2 StPO die Rechtsverordnungen der Bundesregierung und der Landesregierungen für deren jeweiligen Bereich, konkret die organisatorischen und dem Stand der Technik entsprechenden technischen Rahmenbedingungen einschließlich der einzuhaltenden Anforderungen der Barrierefreiheit sowie des Datenschutzes und der Datensicherheit. Die beiden zuletzt genannten Elemente bilden eine Besonderheit der strafprozessualen Verordnungsermächtigung gegenüber denselben in anderen Verfahrensordnungen. Hintergrund ist, dass im Bereich der Strafverfolgung und des Strafprozesses sehr sensible Daten verarbeitet werden, woraus sich besondere Anforderungen mit Blick auf das grundrechtlich geschützte Recht auf informationelle Selbstbestimmung ergeben. Die neu zu schaffenden Regelungen vermögen das allgemeine Datenschutzrecht nicht zu verdrängen, sondern können nur bereichsspezifische Sonderregelungen treffen; daneben sind die §§ 496 ff. StPO zu beachten.864 Die DSGVO ist für diesen Bereich nicht anwendbar, vgl. Art. 2 Abs. 2 lit. d DSGVO (vgl. allgemein zu deren Bedeutung im Bereich E-Justice Rn. 158 ff.); maßgeblich ist die RL (EU) 2016/680 zum Datenschutz in Strafsachen (sog. JI-Richtlinie).865 Deren Umsetzung in nationales Recht ist bislang insbesondere durch die §§ 45-61 BDSG erfolgt. 
534Darüber hinaus ist für die Standards der Übermittlung elektronischer Dokumente zwischen Strafverfolgungsbehörden und Gerichten eine Verordnungsermächtigung für die Bundesregierung in § 32 Abs. 3 StPO vorgesehen, wodurch z.B. mit Blick auf Dateiformate eine bundeseinheitliche Festlegung erzielt wird. Anders als in den Verfahren anderer Gerichtsbarkeiten ist im Strafverfahren ein länderübergreifender Aktenaustausch häufig erforderlich, wodurch es auch hierzu einheitlicher Regelungen bedarf.866 
535Auch die Rechtsverordnungen in Bezug auf § 32 Abs. 2 und Abs. 3 StPO stehen bislang noch aus.867 
536§ 32 StPO kann allenfalls im Zusammenhang mit anderen Vorschriften justiziabel sein, insbesondere eine isolierte Anfechtung der (Nicht-)Einführung der elektronischen Aktenführung ist nicht möglich.868 
 II. Elektronisches Dokument (§ 32a StPO) 
 1. Allgemeines 
537§ 32a StPO wurde ebenfalls durch das Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs869 mit Wirkung zum 01.01.2018 neu eingefügt. Die Vorgängerregelung des § 41a StPO a.F. hatte ihrerseits durch das Justizkommunikationsgesetz870 Eingang in die StPO gefunden. Parallelregelungen finden sich in § 130a ZPO, § 46c ArbGG, § 55a VwGO, § 52a FGO und § 65a SGG. § 32a StPO übernimmt weitgehend die Änderungen in § 130a ZPO, ergänzt die Regelungen jedoch konsequenterweise neben der Bearbeitung durch die Gerichte stets noch um dieselbe durch die Strafverfolgungsbehörden. 
 2. Normzweck, Geltungsbereich und systematische Einordnung 
538Die Norm soll, wie die Parallelvorschriften in den anderen Prozessordnungen, die Einreichung bestimmter Erklärungen und Anträge als elektronische Dokumente ermöglichen und damit eine Alternative zur Einreichung von Schriftstücken in Papierform schaffen. 
539Damit fungiert nunmehr auch im Strafprozessrecht nicht nur die qualifizierte elektronische Signatur als Ersatz einer manuellen Unterschrift, sondern auch die Übermittlung eines (einfach) signierten Dokuments auf einem sicheren Übermittlungsweg wie etwa über das besondere elektronische Anwaltspostfach, § 32a Abs. 4 StPO. Nach § 32a Abs. 1 StPO ist der elektronische Rechtsverkehr zum 01.01.2018 bundesweit eröffnet worden; diese Frist konnten Bund und Länder durch Rechtsverordnung bis zum 01.01.2019 oder 01.01.2020 hinausschieben, § 15 EGStPO (sog. Opt-out-Klausel). Selbiges gilt im Übrigen für das Ordnungswidrigkeitenverfahren, vgl. § 110c OWiG i.V.m. § 32a StPO, § 134 OWiG. 
540Während der ursprüngliche Gesetzentwurf der Bundesregierung eine Opt-out-Klausel noch ohne Einschränkungen vorsah, sah man aufgrund rechtspolitischer Diskrepanzen von diesem Ansatz ab und ergänzte die Opt-out-Regelung in § 15 EGStPO um die weitere Anwendung von § 41a StPO a.F. bzw. in § 134 OWiG die Fortgeltung von § 110a OWiG a.F. bis zum jeweiligen Stichtag. Infolgedessen haben nun einige Länger mittels Rechtsverordnung nach § 15 EGStPO bzw. § 134 OWiG871 den elektronischen Rechtsverkehr lediglich partiell, mithin beispielsweise nur für die Strafgerichte, nicht aber für die Staatsanwaltschaft, eröffnet – und das, obwohl die Einführung des elektronischen Rechtsverkehrs selbst um ein bis zwei ganze Jahre verschoben wird.872 Aufgrund eines sog. versteckten Opt-ins ist es den Ländern in diesem Zeitraum zudem möglich, den elektronischen Rechtsverkehr jederzeit für weitere Gerichte, Staatsanwaltschaften sowie Bußgeldbehörden (nicht jedoch für die Polizei) zu eröffnen.873 Nach Kegel handelt es sich dabei um einen „Fallstrick“, denn bei einem derartigen Opt-out habe § 32a StPO keine Geltung, da § 41a StPO und § 110a OWiG in der bis 31.12.2017 geltenden Fassung im Opt-out-Zeitraum weiter Anwendung fänden und den gleichen Regelungsinhalt wie § 32a StPO aufwiesen.874 Anhand zweier Fallvarianten mit Praxisbezug verdeutlicht Kegel die möglichen Auswirkungen dieses ihm missfallenden Umstandes. Ergänzend erläutert der Autor entsprechende Vermeidungsstrategien.875 
541Wie in den anderen Verfahrensordnungen kommt § 32a StPO als Schlüsselnorm für die elektronische Kommunikation eine zentrale Stellung zu. § 32c StPO erlaubt wiederum die Einführung von elektronischen Formularen.876 Strafverfolgungsbehördliche, d.h. staatsanwaltschaftliche und gerichtliche elektronische Dokumente haben in § 32b StPO eine gesonderte Regelung erfahren. 
 3. Norminhalt 
 a. Anwendungsbereiche (§ 32a Abs. 1, 3 StPO) 
542Im Unterschied zu § 130a ZPO wird der Anwendungsbereich des § 32a StPO nicht alleine durch Absatz 1 bestimmt, sondern enthält durch Absatz 3 eine weitere Ebene. Während § 32a Abs. 1 und Abs. 2 StPO die allgemeinen Anforderungen an „elektronische Dokumente“ statuieren, stellt Absatz 3 i.V.m. Absatz 4 zusätzliche Anforderungen an die in Absatz 3 genannten Dokumente. Vom Anwendungsbereich des § 32a Abs. 1 StPO ist bereits jegliche Form elektrischer Information (z.B. Text-, Tabellen-, Bilddatei) erfasst, die ein Schriftstück bzw. eine körperliche Urkunde ersetzen soll und grundsätzlich zur Wiedergabe in verkörperter Form (z.B. durch Ausdruck) geeignet ist.877 
543§ 32a Abs. 3 StPO betrifft ein „Dokument, das schriftlich abzufassen, zu unterschreiben oder zu unterzeichnen ist“. Anders als noch in § 41a Abs. 1 Satz 1 StPO a.F. geregelt, nimmt die Norm damit nicht mehr ausdrücklich nur auf solche Dokumente Bezug, die den dargestellten Anforderungen nach der StPO entsprechen müssen. Hieraus folgt, dass nunmehr auch nach anderen Vorschriften878 schriftlich abzufassende, zu unterschreibende oder zu unterzeichnende Dokumente den Vorgaben des § 32a StPO entsprechen müssen, sofern diese als elektronisches Dokument eingereicht werden. 
544Der Begriff „Dokument[e]“ stellt – in Parallelität zur Formulierung in der Vorgängervorschrift „Erklärungen“, vgl. § 41a Abs. 1 Satz 1 StPO a.F. – klar, dass Äußerungen jeglicher Art gegenüber dem Gericht oder der Staatsanwaltschaft auf elektronischem Wege übermittelt werden können, nicht etwa nur Anträge oder deren Begründung.879 Das sind – mit Blick auf § 32a Abs. 3 StPO – insbesondere:880
 Rechtsmitteleinreichungen und Rechtsmittelbegründungen (§§ 306 Abs. 1, 314 Abs. 1, 317, 341 Abs. 1, 345 Abs. 2 StPO),
 Wiederaufnahmeantrag (§ 366 Abs. 2 StPO),
 Einspruch gegen den Strafbefehl (§ 410 Abs. 1 Satz 1 StPO),
 Anschlusserklärung des Nebenklägers (§ 396 Abs. 1 Satz 1 StPO),
 Strafanzeige, Strafantrag (§ 158 Abs. 1, Abs. 2 StPO).
 
545Zudem sind von § 32a Abs. 3 StPO auch die Fälle erfasst, in denen ausdrücklich eine „Schrift“ eingereicht (z.B. § 345 Abs. 2 StPO, § 381 StPO) oder ein Antrag „unterzeichnet“ (z.B. § 172 Abs. 3 Satz 2 StPO) werden muss.881 Im Vergleich zu § 41a Abs. 1 Satz 1 StPO a.F. neu eingefügt wurden Dokumente, die „unterschrieben“ werden müssen, wobei jedoch kein inhaltlicher Unterschied zur Unterzeichnung erkennbar ist. 
546Die Möglichkeit, elektronische Dokumente einzureichen, besteht zudem für alle Verfahrensbeteiligten, also für Beschuldigte, Verteidiger, (sachverständige) Zeugen, Sachverständige, Nebenkläger und sonstige Beteiligte.882 
 b. Anforderungen an das elektronische Dokument (§ 32a Abs. 2, 4 StPO) 
547Das schriftformersetzende elektronische Dokument muss neben dem Vorliegen einer qualifizierten elektronischen Signatur bzw. alternativ der Einreichung des einfach signierten Dokuments auf einem sicheren Übermittlungsweg – ebenso wie ein nicht-schriftformersetzendes Dokument – auch für die Bearbeitung durch das Gericht oder die Staatsanwaltschaft objektiv geeignet sein, § 32a Abs. 2 Satz 1 StPO. Die Anforderungen im Einzelnen bestimmt nach § 32a Abs. 2 Satz 2 StPO bundeseinheitlich eine Rechtsverordnung der Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrates. 
548Die §§ 10, 11 der Elektronischer-Rechtsverkehr-Verordnung (ERVV) legen die genannten Anforderungen in diesem Sinne fest. Dabei adressiert § 10 ERVV speziell die nach § 32a Abs. 3 StPO einzureichenden Dokumente, während § 11 ERVV auf sonstige verfahrensbezogene Dokumente Anwendung findet. 
549Unter Heranziehung der Rechtsprechung des BGH in Zivilsachen (vgl. hierzu Rn. 244 ff.) sowie des Telos von Schriftformerfordernissen bejahte das OLG Rostock die i.S.d. § 41a Abs. 1 a.F., § 314 Abs. 1 StPO form- und fristgerechte Einreichung einer Berufung in Strafsachen per einfacher E-Mail mit eingescannter und unterschriebener Berufungsschrift, welche vom Gericht innerhalb offener Frist ausgedruckt und zu den Akten genommen wurde.883 Sei wie – nach der damaligen Rechtslage – im konkreten Fall im Land Mecklenburg-Vorpommern der elektronische Rechtsverkehr zu den Strafgerichten noch nicht eröffnet, trage zwar der Absender das Risiko, dass dennoch elektronisch übermittelte Nachrichten vom Gericht wegen bestehender Risiken der IT-Sicherheit nicht geöffnet und berücksichtigt würden.884 Gelange das übermittelte Dokument jedoch wunschgemäß zu den Akten, müsse seitens des Gerichts auch geprüft werden, ob begründete Zweifel an der Urheberschaft und/oder des Anfechtungswillens des Einreichenden festzustellen seien. Treffe – wie im zu beurteilenden Fall – beides nicht zu, entspreche die Erklärung den strafprozessualen Form- und Fristanforderungen. Die vorgenannte Rechtsprechung lässt sich – bezogen auf die geltende Rechtslage – für diejenigen Fälle heranziehen, in denen der elektronische Rechtsverkehr aufgrund der Inanspruchnahme der Opt-out-Klauseln (vgl. Rn. 539) durch Rechtsverordnung noch nicht eröffnet ist. 
 c. Allgemeine Zugangsklausel (§ 32a Abs. 5 StPO) und zur Bearbeitung ungeeignetes Dokument (§ 32a Abs. 6 StPO) 
550Mit Blick auf die allgemeine Zugangsklausel des § 32a Abs. 5 StPO sowie der Verfahrensweise bei der Einreichung von zur Bearbeitung ungeeigneten Dokumenten nach § 32a Abs. 6 StPO ergibt sich zu § 130a Abs. 5 bzw. Abs. 6 ZPO kein Unterschied, wozu auf die dortige Kommentierung verwiesen wird, vgl. Rn. 293 ff. bzw. Rn. 303 ff.885 
 4. Exkurs: Zustellung auf elektronischem Weg durch Gericht und Staatsanwaltschaft 
551Das Pendant des in § 32a StPO geregelten „Eingangs“ elektronischer Dokumente stellt auf der „Ausgangsseite“ die Zustellung solcher Dokumente seitens des Gerichts oder der Staatsanwaltschaft an (justiz-)externe Adressaten dar. 
 a. Zustellung gerichtlicher und staatsanwaltlicher Entscheidungen 
552Direkte Auswirkungen auf das Strafverfahren hat über die Verweisungsnorm des § 37 Abs. 1 StPO die Regelung der elektronischen Zustellung in § 174 Abs. 3, Abs. 4 ZPO.886 Auf der „Ausgangsseite“ sehen im Strafverfahren § 37 Abs. 1 StPO i.V.m. § 174 Abs. 3 ZPO die Zustellung eines elektronischen Dokuments und – a maiore ad minus – formfreier Mitteilungen von Schriftstücken auf elektronischem Wege vor. Adressat kann hierbei sein: (i) eine Person, bei der aufgrund ihres Berufes von einer erhöhten Zuverlässigkeit ausgegangen werden kann (z.B. Anwalt, Notar, Gerichtsvollzieher, Steuerberater), (ii) eine Behörde, (iii) eine Körperschaft oder Anstalt des öffentlichen Rechts oder auch (iv) ein anderer Verfahrensbeteiligter bei dessen ausdrücklicher Zustimmung.887 Nach § 37 Abs. 1 StPO i.V.m. § 174 Abs. 3 Satz 3 ZPO hat die Übermittlung der Dokumente auf einem sicheren Übermittlungsweg zu erfolgen (vgl. Rn. 327 ff.). § 37 Abs. 1 StPO i.V.m. § 174 Abs. 4 Sätze 2-4 ZPO ordnen die Rücksendung des elektronischen Empfangsbekenntnisses an. 
 b. Zustellung in gerichtlichen und staatsanwaltlichen Verwaltungsangelegenheiten 
553Die Zustellung der Gerichte und Staatsanwaltschaften, soweit sie Verwaltungsangelegenheiten erledigen müssen, etwa in Fragen der Personal- oder allgemeinen Behördenverwaltung (z.B. Wahrung des Hausrechts), erfolgt grundsätzlich nach den Landes-Verwaltungszustellungsgesetzen (z.B. BayVwZVG, HmbVwZG) beziehungsweise nach VwZG. 
554Jedoch werden die Landes-Verwaltungszustellungsgesetze in manchen Bundesländern für unanwendbar erklärt (z.B. § 1 Abs. 2 Nr. 1 RPLVwZG), andere Bundesländer erklären auch für Verwaltungsangelegenheiten die Zustellungsvorschriften der ZPO für anwendbar (z.B. § 12 Abs. 1 BWLVwZG). In Bayern und Thüringen können die Gerichte und Staatsanwaltschaften nach Art. 1 Abs. 2 BayVwZVG bzw. § 1 Abs. 3 ThürVwZG in diesen Angelegenheiten wahlweise nach BayVwZVG/ThürVwZG oder nach den prozessualen Vorschriften der StPO zustellen.888 Wieder andere Bundesländer erklären letztere Vorschriften auch in Verwaltungsangelegenheiten für zwingend anwendbar (z.B. § 4 Abs. 2 SächsVwVfZG). 
555Die in Art. 5 Abs. 4, Abs. 5 BayVwZVG bzw. in den korrespondierenden Landes- bzw. Bundesvorschriften getroffenen Regelungen entsprechen nicht in allen Einzelheiten § 174 Abs. 3, Abs. 4 ZPO. So ist beispielsweise in § 5 Abs. 5 Satz 3 VwZG nach wie vor lediglich die qualifizierte elektronische Signatur als Möglichkeit des Schriftformersatzes bei einem elektronischen Dokument vorgesehen. Daneben ist aber eine Zustellung mittels De-Mail nach den jeweiligen Landes-Zustellungsgesetzen inzwischen ebenso möglich wie nach dem Verwaltungszustellungsgesetz des Bundes (dort § 5a VwZG). 
 III. Strafverfolgungsbehördliches und gerichtliches elektronisches Dokument (§ 32b StPO) 
 1. Allgemeines 
556Der ebenfalls zum 01.01.2018 neu eingefügte § 32b StPO hat die Erstellung und Übermittlung strafverfolgungsbehördlicher und gerichtlicher elektronischer Dokumente zum Gegenstand und richtet sich damit ausschließlich an justizinterne Adressaten. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
557Sofern elektronische Dokumente originär durch Strafverfolgungsbehörden und Gerichte erstellt werden, richten sich die Anforderungen nach § 32b Abs. 1 StPO. Eine Verpflichtung der justizinternen Akteure, nur noch elektronische Dokumente zu erstellen, ist damit jedoch nicht verbunden.889 
558Die in § 32b Abs. 3 StPO geregelte Übermittlung elektronischer Dokumente betrifft ausschließlich diejenige zwischen den Strafverfolgungsbehörden und Gerichten; die Zustellung gerichtlicher und staatsanwaltschaftlicher Entscheidungen richtet sich – wie unter Rn. 551 ff. bereits dargestellt – nach § 37 Abs. 1 StPO i.V.m. § 174 Abs. 3, Abs. 4 ZPO bzw. den Zustellungsvorschriften der Landes-Verwaltungszustellungsgesetze bzw. dem VwZG. 
559Die Übertragung ursprünglich in Papierform erstellter Dokumente regelt § 32e StPO, s. hierzu Rn. 568 ff. 
 3. Norminhalt 
 a. Justizinterne Erstellung eines elektronischen Dokuments (§ 32b Abs. 1, 5 StPO) 
560Für die Erstellung eines staatsanwaltschaftlichen und gerichtlichen elektronischen Dokuments ist die qualifizierte elektronische Signierung durch sämtliche verantwortende Personen essenziell, sofern das Dokument schriftformersetzend wirken soll; ebenso müssen – wie bei allen sonstigen strafverfolgungsbehördlichen und gerichtlichen elektronischen Dokumenten – deren Namen hinzugefügt werden, § 32a Abs. 1 StPO. Inhaltlich ergeben sich damit keine anderen Anforderungen als im Zivilprozessrecht wie durch § 130b ZPO vorgeschrieben (vgl. dort Rn. 311 ff.). 
561Die hierbei zu beachtenden Standards sind wiederum nach § 32a Abs. 5 StPO durch Rechtsverordnung der Bundesregierung zu bestimmen. Zu beachten ist damit im Ergebnis vor allem § 2 ERVV, der gerichtsbarkeitenübergreifend die Anforderungen an elektronische Dokumente statuiert. 
562Aus der Nichteinhaltung der gesteigerten Anforderungen des § 32b Abs. 1 Satz 2 StPO wie beispielsweise in Gestalt einer fehlenden oder mangelhaften Signatur eines Richters bei einem Urteil (vgl. § 271 Abs. 1 StPO) – ohne Nachholung innerhalb der Absetzungsfrist890 – resultiert ein absoluter Revisionsgrund nach § 338 Nr. 7 StPO.891 
 b. Zu den Akten gebrachtes elektronisches Dokument (§ 32b Abs. 2 StPO) 
563§ 32b Abs. 2 StPO enthält eine besondere strafprozessuale Regelung dahingehend, wann staatsanwaltschaftliche und gerichtliche elektronische Dokumente zu den Akten gebracht sind. Dies ist in dem Zeitpunkt der Fall, in dem das Dokument von einer verantwortenden Person oder auf deren Veranlassung in der elektronischen Akte gespeichert ist. Hinzu kommen muss ein voluntatives Element, d.h. die Speicherung muss auch bewusst und gewollt erfolgen.892 
564Der Zeitpunkt, wann ein Dokument zu den Akten gelangt ist, ist etwa für die Urteilsabsetzungsfrist nach § 275 Abs. 1 Satz 2 StPO von Relevanz. 
 c. Justizinterne Übermittlung eines elektronischen Dokuments (§ 32b Abs. 3, 5 StPO) 
565Gerichte und Strafverfolgungsbehörden müssen Anklagen, Anträge auf Erlass eines Strafbefehls, Erklärungen zu Berufungen und Revisionen und elektronisch erstellte gerichtliche Entscheidungen ab dem Zeitpunkt der Führung elektronischer Akten elektronisch übermitteln; bei den übrigen Dokumenten soll dies justizintern bei elektronischer Aktenführung elektronisch geschehen (§ 32b Abs. 3 StPO). Demgegenüber kann der Bürger Dokumente elektronisch einreichen, muss dies aber nicht (§ 32a StPO). Gleiches gilt noch bis 31.12.2021 für Rechtsanwälte und Verteidiger, vgl. § 32d StPO. 
566Die hierbei zu beachtenden Standards sind auch hier wiederum nach § 32a Abs. 5 StPO durch Rechtsverordnung der Bundesregierung zu bestimmen. Zu beachten ist damit im Ergebnis vor allem § 10 ERVV, der gerichtsbarkeitenübergreifend die Anforderungen an die Übermittlung von elektronischen Dokumenten mit qualifizierter elektronischer Signatur statuiert. 
 d. Erstellung von Abschriften (§ 32b Abs. 4 StPO) 
567§ 32b Abs. 4 StPO hat die Erstellung von Abschriften der vorgenannten elektronischen Dokumente zum Gegenstand. Dabei wird den Strafverfolgungsbehörden und Gerichten die freie Wahl gelassen, ob diese weiterhin in Papierform oder in elektronischer Form erteilt werden, § 32b Abs. 4 Satz 1 StPO; für die zuletzt genannte Alternative statuiert die Norm weitere Anforderungen, sofern es sich um beglaubigte Abschriften handelt. 
 IV. Medientransfer (§ 32e StPO) 
 1. Allgemeines 
568§ 32e StPO, welcher ebenfalls zum 01.01.2018 neu eingefügt wurde, trägt dem Umstand Rechnung, dass die bei Gericht und Staatsanwaltschaft eingereichten Dokumente bis auf Weiteres von der dortigen Art der Aktenführung (Papierform oder elektronisch) abweichen können. Angeordnet wird daher ein Medientransfer in beide Richtungen. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
569Kernaussage des § 32e StPO ist, dass Dokumente, die in Papierform zur E-Akte (vgl. hierzu § 32 StPO) eingereicht werden, von staatlicher Seite entsprechend in ein elektronisches Dokument übertragen werden müssen und anders herum elektronische Dokumente bei der Aktenführung in herkömmlicher Papierform auszudrucken sind. Der Normzweck besteht damit aus Gründen der Effizienz und Ressourcenschonung in einer in der Form einheitlichen Aktenführung.893 
570Auf originär vom Gericht oder der Staatsanwaltschaft erstellte elektronische Dokumente ist die Norm nicht anwendbar, hierfür gilt § 32b StPO. Die – dem § 32e StPO – vorgelagerte Frage der Anforderungen an die Einreichung des elektronischen Dokuments hat § 32a StPO zum Gegenstand. 
 3. Norminhalt 
571§ 32e Abs. 1 Satz 1 StPO legaldefiniert zunächst den Begriff der Ausgangsdokumente als solche, die nicht der Form entsprechen, in der die Akte geführt wird. Dies legt zugleich den Anwendungsbereich der Vorschrift fest; unterschieden wird im Folgenden noch zwischen als Beweismittel sichergestellten und den übrigen Ausgangsdokumenten. 
572Die Anordnung des zwingenden Medientransfers findet sich ebenfalls in § 32e Abs. 1 Satz 1 StPO. Eine Ausnahme besteht lediglich für als Beweismittel sichergestellte Ausgangsdokumente, bei denen der Medientransfer optional ist, § 32e Abs. 1 Satz 2 StPO.894 
573Die Anforderungen an den Medientransfer hat § 32e Abs. 2, Abs. 3 StPO zum Gegenstand. Während Absatz 2 noch allgemein auf die bildliche und inhaltliche Übereinstimmung verweist und den Stand der Technik zum Maßstab erklärt, stellt Absatz 3 detailliertere Anforderungen an die Übertragung von Papierdokumenten in die elektronische Form, die mit denselben des § 298a Abs. 2 ZPO vergleichbar sind, jedoch noch darüber hinausgehen. So muss etwa der erforderliche Übertragungsnachweis das angewandte Übertragungsverfahren sowie die bildliche und inhaltliche Übereinstimmung dokumentieren, um die Authentizität des transferierten Dokuments zu sichern.895 Nachdem die Vorschrift nicht vorschreibt, dass die Übertragungsvermerke unterzeichnet oder signiert werden müssen, wurde deren automatisierte Erstellung ermöglicht.896 
574Wird den vorgenannten Anforderungen beigekommen, weisen die so hergestellten elektronischen Dokumente grundsätzlich einen gesteigerten Beweiswert auf.897 Im Allgemeinen erklärt § 249 Abs. 1 Satz 2 StPO seit 01.01.2018 elektronische Dokumente zu Urkunden, sofern sie verlesbar sind.898 Der Übertragungsvermerk ermöglicht den erweiterten Urkundenbeweis nach § 256 Abs. 1 Nr. 6 StPO. 
575Der Aufbewahrung und Besichtigung solcher Ausgangsdokumente, die nicht als Beweismittel sichergestellt sind, widmet sich schließlich § 32e Abs. 4 bzw. Abs. 5 StPO. 
 V. Akteneinsicht bei elektronischer Aktenführung (§ 32f Abs. 1 StPO) 
 1. Allgemeines 
576Mit § 32f StPO haben seit 01.01.2018 auch die Modalitäten der Akteneinsicht eine gesonderte Regelung bei den allgemeinen Vorschriften erfahren. 
 2. Normzweck und systematische Einordnung 
577§ 32f Abs. 1 StPO hat die Einsicht in elektronisch geführte Akten zum Gegenstand, wofür per Rechtsverordnung nach § 32f Abs. 6 StPO bundeseinheitliche Standards festzulegen sind. Sofern im Falle von gescannten (Ausgangs-)Dokumenten Einsicht in dieselben genommen werden soll, ist § 32e Abs. 5 StPO maßgeblich. 
 3. Norminhalt 
578Das Verfahren der Einsicht in E-Akten erfolgt nach § 32f Abs. 1 Satz 1 StPO regelmäßig über ein elektronisches Akteneinsichtsportal. Über die im Vergleich zu den vor dem 01.01.2018 bestehenden Möglichkeiten der Aktenauskunft hinaus erhalten nunmehr auch anwaltlich nicht vertretene Beschuldigte (§ 147 Abs. 4 i.V.m. Abs. 1-3 StPO), Privatkläger (§ 385 Abs. 3 StPO), Nebenkläger, Nebenklagebefugte und Verletzte (§ 406e StPO) elektronische Akteneinsicht über das Abrufverfahren. Damit wird einer Forderung des EGMR entsprochen.899 
579Missbräuchlichen Akteneinsichtnahmen ist durch technische und organisatorische Maßnahmen i.S.d. § 32f Abs. 4 StPO vorzubeugen, was – auch im Zusammenhang mit Absatz 5 (besondere Zweckbindung) – wiederum den im Strafverfahren erhöhten Anforderungen an den Datenschutz Rechnung tragen soll. So wird etwa der Name desjenigen, dem Einsicht in die E-Akte gewährt wurde, als digitales Wasserzeichen in abgerufenen Akten und übermittelten elektronischen Dokumenten dauerhaft sichtbar gemacht, was als Hemmschwelle vor unberechtigter Weitergabe oder öffentlicher Zugänglichmachung fungieren soll.900 
580In Parallelität zur Regelung in § 299 Abs. 3 ZPO (s. hierzu Rn. 369 ff.) sind als weitere – aufgrund der Abweichung vom gesetzlichen Regelfall der Online-Einsichtnahme zusätzlichen Voraussetzungen unterliegende – Möglichkeiten der Akteneinsicht auch in § 32f Abs. 1 StPO noch die Akteneinsicht in den Diensträumen sowie die Erteilung eines Aktenausdrucks bzw. Datenträgers mit dem Akteninhalt geregelt. Anders als im Zivilprozessrecht muss der Antragsteller jedoch für Letzteres nur ein berechtigtes Interesse „haben“, nicht „darlegen“. Um das berechtigte Interesse jedoch überhaupt prüfen zu können, wird auch hier eine Darlegung desselben erforderlich sein, zumal es auch nach § 32f Abs. 1 Satz 3 StPO eines besonders zu begründenden Antrags bedarf. Dass die Entscheidungen über die Form der Einsichtsgewährung nicht anfechtbar sind, ist § 32f Abs. 3 StPO zu entnehmen.901 
581Nach Ansicht des OLG Düsseldorf902 besteht – noch in Bezug auf die Rechtslage vor Geltung des § 32f StPO – in einem Strafverfahren kein grundsätzlicher Anspruch des Verteidigers auf Ausdruck der kompletten elektronischen Akte zum Zwecke einer sachgerechten Verteidigung und zur Herstellung von Waffengleichheit. Das in § 147 Abs. 1 StPO vorgesehene Akteneinsichtsrecht lasse sich nämlich nicht in jedem Fall mit einem Anspruch auf Erhalt eines vollständigen Exemplars einer Papierakte gleichsetzen. Dies resultiere daraus, dass die elektronische Aktenbearbeitung inzwischen in weiten Teilen der Wirtschaft und der öffentlichen Verwaltung sowie auch der Gerichte zum Alltag gehöre und ein gezielter Zugriff auf bestimmte Informationen mithilfe der Suchfunktion im Rahmen von elektronischen Dokumenten erheblich erleichtert werde. So sei es einem Verteidiger durchaus zumutbar, sich zunächst anhand einer vom Gericht dauerhaft überlassenen, elektronischen Akte in den Sachverhalt einzuarbeiten, bevor er ggf. hinsichtlich ausgewählter Aktenbestandteile seine Druckkosten über die Dokumentenpauschale (Nr. 7000 VV RVG Nr. 1 lit. a) geltend macht. Ferner sind nach Auffassung des KG Aufwendungen des Rechtsanwalts für das Erstellen von Scans aus den Gerichtsakten bereits als allgemeine Geschäftskosten über die Gebühren abgegolten.903 Zugleich ist jedoch in der Rechtsprechung – zuletzt etwa durch das OLG Frankfurt/M. – anerkannt, dass angesichts der derzeit noch fehlenden Verpflichtung eines Rechtsanwalts zur vollelektronischen Aktenführung die Möglichkeit besteht, zumindest bestimmte Ausdrucke über die Dokumentenpauschale ersetzt zu verlangen.904 Dies setze jedoch voraus, dass der Verteidiger seiner insoweit bestehenden, besonderen Begründungs- und Darlegungslast nachkomme.905 
582Anders als in den übrigen Verfahrensordnungen findet sich in § 32f StPO kein – auch nur punktueller – Hinweis auf die funktionelle Zuständigkeit für die Entscheidungen im Zusammenhang mit der Akteneinsicht. Hintergrund ist, dass in der Vorschrift alleine das Verfahren betreffend die Akteneinsicht geregelt ist und damit das „Wie“, während das denklogisch vorgelagerte „Ob“ stets mit Blick auf die konkret einsichtswillige Person zu klären ist.906 In diesem Zusammenhang finden sich sodann auch Zuständigkeitsregelungen, vgl. etwa § 147 Abs. 5 Satz 1 StPO. 
 G. Das Mahnverfahren im elektronischen Rechtsverkehr 
 I. Einleitung 
583Die elektronische Übermittlung von Mahnanträgen gehört mittlerweile zur alltäglichen Gerichtspraxis, was nicht zuletzt an der einfachen Strukturierung des Mahnverfahrens und dessen daraus resultierender besonderer Eignung für eine elektronische Durchführung liegt. Ohne Einsatz von IT ist eine schnelle und für alle Beteiligten effiziente Bearbeitung angesichts der Masse der jährlich zu bewältigenden Anträge auch kaum realisierbar.907 
584Aufgrund des durch das Gesetz zur Einführung der elektronischen Akte in der Justiz und zur weiteren Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs neu gefassten § 702 Abs. 2 ZPO sind Anträge im Mahnverfahren von Rechtsanwälten und registrierten Personen nach § 10 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 RDG (Inkassodienstleistern) in einer nur maschinell lesbaren Form zu übermitteln, wodurch die Regelung in § 690 Abs. 3 ZPO a.F. in Bezug auf Mahnanträge seither auf sämtliche Erklärungen in den Verfahrensschritten ausgedehnt ist, sofern hierfür maschinell bearbeitbare Formulare nach § 703c Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 ZPO eingesetzt sind. Die Voraussetzungen der nur maschinellen Lesbarkeit erfüllt auch das sog. Barcodeverfahren. Ausgenommen von der Einreichungspflicht für Rechtsanwälte und Inkassodienste in dieser Form ist der Widerspruch, dies jedoch nur noch bis einschließlich 31.12.2019, § 702 Abs. 2 Satz 2 HS. 2 ZPO. Mangels Einsetzung von Formularen i.S.d. § 703c Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 ZPO gilt die Formvorgabe in der Praxis bisher auch nicht für den Einspruch.908 
585Die Beschränkung auf Anträge in maschinell lesbarer Form gilt auch für Mahnanträge und damit zusammenhängende Erklärungen nach § 182a SGG, nicht aber für solche betreffend arbeitsgerichtliche Verfahren, § 46a Abs. 1 Satz 2 ArbGG, und nicht bei Anträgen auf Erlass eines Europäischen Zahlungsbefehls, § 1088 ZPO. 
586Wird ein Mahnantrag in einer nicht zur Bearbeitung zugelassenen Form (z.B. per einfacher E-Mail) gestellt, ist der Antragsteller in entsprechender Anwendung des § 130a Abs. 6 Satz 1 ZPO unverzüglich auf diesen Umstand und die geltenden technischen Rahmenbedingungen hinzuweisen. Generell ist § 702 Abs. 2 ZPO zu der allgemeinen Regelung in § 130a ZPO lex specialis;909 dasselbe gilt für § 130c ZPO. 
587Zuständiges Mahngericht ist gem. § 689 Abs. 2 Satz 1 ZPO grundsätzlich das Amtsgericht, bei dem der Antragsteller seinen allgemeinen Gerichtsstand hat. Hat der Antragsteller keinen allgemeinen Gerichtsstand im Inland, so ist das Amtsgericht Berlin-Wedding ausschließlich zuständig, § 689 Abs. 2 Satz 2 ZPO. Sämtliche Bundesländer haben jedoch von der Ermächtigung des § 689 Abs. 3 Sätze 1 und 2 ZPO Gebrauch gemacht und zentrale Mahngerichte eingerichtet.910 Auch die Möglichkeit des § 689 Abs. 3 Satz 4 ZPO, wonach mehrere Bundesländer die Zuständigkeit eines Amtsgerichts über die Landesgrenzen hinaus vereinbaren können, wurde zum Teil genutzt.911 Damit ergeben sich folgende örtliche Zuständigkeiten912:
 Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen: AG Aschersleben,
 Bremen: AG Bremen,
 Bayern: AG Coburg,
 NRW, OLG Bezirk Köln: AG Euskirchen,
 NRW, OLG-Bezirke Hamm und Düsseldorf: AG Hagen,
 Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg: AG Hamburg-Altona,
 Hessen: AG Hünfeld,
 Rheinland-Pfalz und Saarland: AG Mayen,
 Schleswig-Holstein: AG Schleswig,
 Baden-Württemberg: AG Stuttgart,
 Niedersachsen: AG Uelzen,
 Berlin, Brandenburg, Antragsteller aus dem Ausland: AG Wedding.
 
588Durch den Verweis auf § 298a ZPO in § 689 Abs. 1 Satz 4 ZPO wird darüber hinaus klargestellt, dass die Akten bei den Mahngerichten auch elektronisch geführt werden können. 
 II. Die Methoden zur Übermittlung 
 1. Barcodemethode 
589Die sog. Barcodemethode eignet sich insb. für Personen, die nur gelegentlich mahnen (sog. One-Shot-Player). Das Ausfüllen des Mahnantrags erfolgt hierbei im Internet auf der Seite www.online-mahnantrag.de.913 Anschließend wird der Antrag auf weißem Papier ausgedruckt, unterschrieben und per Post an das zuständige Mahngericht übermittelt. 
 2. Online-Ausfüllen des Antrags und Versand über das EGVP oder individuell vom lokalen PC (z.B. über das beA) 
590Diese Methode ist aufgrund der hierfür erforderlichen Hard- und Software eher für Nutzer geeignet, die regelmäßig in erheblichem Umfang Mahnanträge zu erstellen haben (sog. Power-User). Der Antrag wird wieder online auf der Seite www.online-mahnantrag.de ausgefüllt. Anschließend erfolgt eine Übermittlung an das Elektronische Gerichts- und Verwaltungspostfach (EGVP). Daraufhin hat der Antragsteller den Antrag mit einer qualifizierten elektronischen Signatur zu versehen oder diesen auf einem sicheren Übermittlungsweg einzureichen. 
 3. Erstellen des Antrags mittels Branchensoftware und Versand über das EGVP oder individuell vom lokalen PC (z.B. über das beA) 
591Diese Methode eignet sich wiederum aufgrund der hierfür benötigten Hard- und Software vornehmlich für Power-User. Der Mahnantrag wird nicht online, sondern mit Hilfe einer speziellen Branchensoftware erstellt, via Schnittstelle an das EGVP übermittelt, anschließend mit einer qualifizierten Signatur versehen oder auf einem sicheren Übermittlungsweg versandt. 
 4. Erstellen des Antrags mittels Branchensoftware und Übermittlung per Datenträger 
592Diese Methode unterscheidet sich von der vorgenannten lediglich hinsichtlich der Übermittlung, die nicht über das EGVP, sondern in Abhängigkeit von den einzelnen Mahngerichten teilweise noch per Datenträger erfolgen kann. Aufgrund der zur Erstellung des Antrags benötigten Branchensoftware kommt auch sie in erster Linie für Power-User in Betracht. Wiederum ist eine qualifizierte digitale Signatur erforderlich. 
593Die Übermittlung per Anhang zur E-Mail oder Tar/Web wird inzwischen von keinem Gericht mehr akzeptiert. 
 5. Online-Ausfüllen des Antrags unter Zuhilfenahme der eID-Funktion 
594Zum 01.01.2018 wurde eine die Beantragung des Mahnantrags vereinfachende Einfügung in § 702 Abs. 2 Satz 3 ZPO wirksam, wonach seither ein Mahnantrag (ebenso wie weitere Erklärungen im Mahnverfahren) unter Nutzung des elektronischen Identitätsnachweises nach § 18 Personalausweisgesetz bzw. § 78 Aufenthaltsgesetz gestellt werden kann. Der ausgefüllte und mit dem elektronischen Identitätsnachweis versehene Antrag kann über allgemein zugängliche Netze an das Mahngericht versandt werden. 
 III. Die Übermittlungsmethoden im Einzelnen 
 1. Barcodemethode 
595Bei der Barcodemethode wird der Antrag auf Erlass eines Mahnbescheids auf der Internetseite www.online-mahnantrag.de in acht Schritten ausgefüllt, auf weißem Papier ausgedruckt, unterzeichnet und anschließend postalisch an das zuständige Mahngericht verschickt. Auf der letzten Seite des Ausdrucks befindet sich ein Barcode, der am Gericht mittels eines entsprechenden Lesegeräts eingelesen wird.914 
596Nachdem der Nutzer die Seite www.online-mahnantrag.de aufgerufen hat, hat er zunächst dasjenige Bundesland auszuwählen, in dem der Antrag gestellt werden soll. Daraufhin wird das zuständige Mahngericht automatisch ermittelt. Im Anschluss daran muss als Versandart die Option „Druck auf Papier (Barcode)“ ausgewählt werden. Es folgt ein Überblick über die im Folgenden vorzunehmenden Arbeitsschritte. Diese erstrecken sich von der Angabe des Prozessbevollmächtigten und die Eingabe der Antragsteller- und Antragsgegnerdaten über das Erfassen der Forderung, der Auslagen und Nebenforderungen bis hin zu allgemeinen Angaben zum Antrag, dem Überprüfen der Antragsdaten und schließlich dem Ausdruck des Mahnantrags. Letzterer ist vor dem Versand an das Mahngericht auf der ersten Seite mit Ort, Datum und Unterschrift zu versehen.915 
597Nach Ansicht des AG Hagen soll ein von einem Rechtsanwalt mittels Barcode-Verfahren übermittelter Mahnantrag unwirksam sein, wenn ihm Anlagen beigefügt werden, die im Mahnverfahren berücksichtigt werden sollen.916 Durch die beigefügten Anlagen würde der Charakter der nur maschinell lesbaren Form verloren gehen; der Mahnantrag wäre für seine maschinelle Bearbeitung nicht mehr geeignet („Verlust der nur maschinell lesbaren Form“ i.S.d. § 690 Abs. 3 ZPO a.F.). Angesichts der Erstreckung des Formzwangs auf sämtliche Erklärungen im Mahnverfahren durch § 702 Abs. 2 ZPO ist dem jedenfalls nach geltender Rechtslage zuzustimmen. 
 2. Online-Ausfüllen des Antrags und Versand über das EGVP oder individuell vom lokalen PC (z.B. über das beA) 
598Auch bei dieser Methode wird der Mahnantrag über die Seite www.online-mahnantrag.de im Internet ausgefüllt. Nach Angabe des Bundeslandes, in dem der Antrag gestellt werden soll, ist als Versandart nunmehr „Versand per Internet“ auszuwählen. Die darauffolgenden acht Arbeitsschritte (Angabe des Prozessbevollmächtigten, Eingabe der Antragsteller- und Antragsgegnerdaten etc.) unterscheiden sich nicht von denen, die bei der Barcodemethode vorzunehmen sind. Lediglich am Ende des Ausfüllungsvorgangs ist der Mahnantrag nicht auszudrucken, sondern an das EGVP zu übermitteln. 
599Um diese Übermittlung vornehmen zu können, benötigt der Antragsteller zunächst eine entsprechende Software („Governikus Communicator Justiz Edition“), die er auf der Seite www.governikus.de/produkte-loesungen/governikus-communicator/justiz-edition/ (abgerufen am 28.03.2019) kostenlos herunterladen kann. Darüber hinaus muss er über eine Signaturkarte mit qualifizierter Signatur sowie über ein Kartenlesegerät verfügen. 
600Nach Installation der erforderlichen Software wird auf dem Computer des Antragstellers ein EGVP-Postfach eingerichtet. Klickt er nach Vornahme der oben genannten acht Online-Arbeitsschritte auf die Option „Antrag auf Erlass eines Mahnbescheids übertragen“, so wird der Mahnantrag in diesem Postfach gespeichert. Anschließend folgt die Signatur des Antrags mittels Signaturkarte und Kartenlesegerät. Wurde diese erfolgreich vorgenommen, so kann der Mahnantrag über die Option „Senden“ an das zuständige Mahngericht übermittelt werden. Die weitere Bearbeitung des Antrags erfolgt sodann in Papierform.917 
601Bei der Einreichung auf einem sicheren Übermittlungsweg wie z.B. über das beA muss die Auswahl „Download zum Individualversand vom lokalen PC (für beA-Nutzer, etc.)“ getroffen werden. 
 3. Erstellen des Antrags mittels Branchensoftware und Versand über das EGVP oder individuell vom lokalen PC (z.B. über das beA) 
602Um mittels Branchensoftware Mahnanträge über das EGVP an die Mahngerichte übertragen zu können, benötigt der Antragsteller zunächst eine Kennziffer zur eindeutigen Identifikation gegenüber den Mahngerichten. Diese kann bei jedem Mahngericht beantragt werden. Die hierfür erforderlichen Formulare können auf der Seite www.mahngerichte.de unter Verfahrenshilfen > Kennziffernanträge der Gerichte918 abgerufen werden.919 
603Des Weiteren wird eine entsprechende Branchensoftware, die über eine Schnittstelle zum EGVP verfügen muss, sowie ein EGVP-Postfach benötigt. Letzteres kann auf dem oben beschriebenen Weg eingerichtet werden. Nach Erstellen des Mahnantrags mit Hilfe der Branchensoftware erfolgt die Übermittlung und weitere Bearbeitung über das EGVP dann wie bei Methode 2, d.h. der Antrag ist unter Verwendung einer Signaturkarte und eines Kartenlesers mit einer qualifizierten elektronischen Signatur zu versehen und wird anschließend durch Klicken auf den Button „Senden“ an das zuständige Mahngericht geschickt.920 Alternativ ist wiederum ein Download des zuvor online erstellten Mahnantrags und die darauffolgende individuelle Übersendung auf einem sicheren Übermittlungsweg wie z.B. dem beA möglich. 
 4. Erstellen des Antrags mittels Branchensoftware und Übermittlung per Datenträger 
604Bei dieser Art der Antragstellung wird wie bei Methode 3 der Antrag auf Erlass eines Mahnbescheids mittels Branchensoftware erstellt. Anschließend wird der Antrag dann auf einen Datenträger übertragen und mit einem Begleitprotokoll postalisch an das zuständige Mahngericht übersandt. Nach dem Einpflegen der Daten wird der Datenträger samt Verarbeitungsprotokoll vom Mahngericht an den Antragsteller zurückgesendet. 
605Um den Versand per Datenträger nutzen zu können, müssen beim zuständigen Mahngericht Anträge auf Zulassung zum elektronischen Mahnverfahren und auf Erteilung einer Kennziffer sowie einer Benutzer-ID gestellt werden. Die hierfür erforderlichen Formulare werden von einigen Gerichten online zur Verfügung gestellt.921 
 5. Online-Ausfüllen des Antrags unter Zuhilfenahme der eID-Funktion 
606Auch bei dieser Methode wird der Mahnantrag über die Seite www.online-mahnantrag.de im Internet ausgefüllt. Nach Angabe des Bundeslandes, in dem der Antrag gestellt werden soll, ist als Versandart „Antragstellung unter Nutzung des neuen Personalausweises“ auszuwählen. Die darauffolgenden acht Arbeitsschritte (Angabe des Prozessbevollmächtigten, Eingabe der Antragsteller- und Antragsgegnerdaten etc.) unterscheiden sich nicht von denen, die bei der Übersendung via EGVP notwendig sind, nur dass es keiner qualifizierten elektronischen Signatur bedarf922. 
607Benötigt wird ein Personalausweis oder ein elektronischer Aufenthaltstitel mit freigeschalteter Online-Ausweisfunktion (eID-Funktion), ein Kartenleser für die Online-Ausweisfunktion und die AusweisApp2. 
 IV. Das europäische Mahnverfahren 
608Das europäische Mahnverfahren kommt in Fällen mit Auslandsbezug zur Anwendung und gewährleistet bei der grenzüberschreitenden Geltendmachung einer Forderung die Einhaltung einheitlicher europäischer Standards. Nach der Legaldefinition des Art. 3 Abs. 1 EuMahnVO ist ein Auslandsbezug gegeben, wenn zumindest eine der Parteien ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt in einem anderen Mitgliedstaat als das befasste Gericht hat. Das Europäische Mahnverfahren tritt gem. Art. 1 Abs. 2 EuMahnVO neben die Mahnverfahren nach nationalem Recht, soweit diese – wie etwa das deutsche Recht – die Forderungsdurchsetzung gegen im Ausland ansässige Schuldner gestatten. Der Gläubiger hat daher gegebenenfalls die Wahl, ob er nach nationalem oder europäischem Recht vorgeht.923 Im Gegensatz zum deutschen Mahnverfahren ist das europäische einstufig ausgestaltet. Nach Antragstellung folgt der Erlass eines Europäischen Zahlungsbefehls, gegen den der Antragsgegner die Möglichkeit einer Einspruchseinlegung hat. Wird die Forderung nicht beglichen und der Einspruch nicht innerhalb von 30 Tagen erhoben, so wird der europäische Zahlungsbefehl für vollstreckbar erklärt. Gem. Art. 7 Abs. 5 und 6 EuMahnVO ist der Mahnantrag in Papierform zu stellen und zu unterzeichnen. Die EuMahnVO gestattet den Mitgliedstaaten jedoch auch, die elektronische Antragstellung unter Verwendung einer elektronischen Signatur oder bei Wahrung der Authentizität des elektronischen Antrags zuzulassen, Art. 7 Abs. 6 EuMahnVO. 
609In Deutschland setzt § 1088 ZPO diese Vorgaben um und gestattet durch Verweis auf § 130a ZPO die Antragstellung in maschinell lesbarer Form unter Soll-Verwendung der elektronischen Signatur oder der Einreichung auf einem sicheren Übermittlungsweg. Bereits seit dem 01.07.2014 wird mit der durch das Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs mit den Gerichten eröffneten Möglichkeit, den Mahnantrag durch Nutzung des elektronischen Identitätsnachweises924 zu identifizieren, die elektronische Einreichung der Mahnformulare erleichtert.925 Darüber hinaus kann auch der Einspruch gegen den Europäischen Zahlungsbefehl in elektronischer Form eingereicht werden, § 1088 Abs. 1 Satz 1 ZPO.926 
610Ausschließlich zuständig für das Europäische Mahnverfahren ist nach § 1087 ZPO das AG Berlin-Wedding. Für die Stellung eines Antrags auf Erlass eines Europäischen Zahlungsbefehls besteht Vordruckzwang. Bedient sich der Antragsteller nicht dieser Formblätter, so liegt ein Verfahrensmangel vor, der die Zurückweisung des Antrags zur Folge haben kann. Seit 2011 können Anträge in Deutschland neben einer Einreichung in Papierform auch elektronisch über das EGVP an das AG Berlin-Wedding übermittelt werden. Ferner wurde der Anschluss an das Europäische Justizportal realisiert, so dass hier ein zusätzlicher Antragsweg besteht.927 
611Das europäische Mahnverfahren hat in besonderer Weise von den Ergebnissen des 2016 erfolgreich abgeschlossenen Projekts „e-CODEX“ (E-Justice Communication via Online Data Exchange) profitiert928: Ziel gerade dieses Projekts war die Herstellung europaweiter Interoperabilität, die eine Online-Antragstellung auch über europäische Grenzen hinweg und eine effizientere elektronische Kommunikation zwischen Europas Justizbehörden vorsieht. Dazu wurde im Projekt am Aufbau europaweit anerkannter Standards für ein Identitätsmanagement mit der Verteilung von Rollen und Rechten, die elektronische Signatur, gerichtliche Dokumente, den Austausch von Dokumenten und Daten und die elektronische Entrichtung von Gerichtsgebühren gearbeitet. Durch solche einheitlichen Standards kann auch zwischen bestehenden, technisch unterschiedlich ausgestalteten nationalstaatlichen IT-Lösungen nachhaltig eine Interoperabilität hergestellt werden.929 
612Am 25.07.2013 wurde im Rahmen des e-CODEX-Piloten das grenzüberschreitende Einbringen von Klagen im EU-Mahnverfahren auf der e-CODEX-Plattform zwischen Deutschland, Österreich, Griechenland und Estland gestartet. Im Juli 2015 folgten Italien und Polen.930 Mitte 2016 wurde das Projekt e-CODEX mit einer einheitlichen Kommunikationsstruktur für Rechtsdienste zwischen den EU-Mitgliedstaaten erfolgreich abgeschlossen.931 Die Weiterführung, Pflege und Wartung der Pilotverfahren und technischen Lösungen erfolgt im Rahmen des Folgeprojekts Me-CODEX.932 
613Die EU-Kommission hat am 13.10.2015 ihren Bericht über die Anwendung der EuMahnVO vorgelegt.933 Neben Verbesserungsvorschlägen etwa mit Blick auf die Verfahrensdauer in einigen Mitgliedstaaten sowie zum Ausbau der elektronischen Einleitung und Durchführung der Verfahren hat sich das Europäische Mahnverfahren nach Auffassung der Kommission insgesamt bewährt.934 Sie weist aber auch auf einen – wenngleich geringfügigen – Anpassungsbedarf des nationalen Rechts auf eine Änderungsverordnung aus 2015935 hin, deren Regelungen mit Wirkung zum 14.07.2017 Geltung erlangten.936 
 H. Das elektronische Handels- und Unternehmensregister 
614Durch das Gesetz über elektronische Handelsregister und Genossenschaftsregister sowie das Unternehmensregister937 wurde zum 01.01.2007 verpflichtend die elektronische Führung des Handelsregisters eingeführt.938 Gleichzeitig wurde ein zentrales Unternehmensregister eingerichtet, in dem alle wesentlichen Unternehmensdaten, deren Offenlegung die Rechtsordnung vorsieht, enthalten sind. Beide Einrichtungen sind über zentrale Portale (www.handelsregister.de sowie www.unternehmensregister.de939) im Internet erreichbar. Aufgrund missbräuchlicher Zugriffe sind seit Kurzem die Veröffentlichungen und Bekanntmachungen nicht mehr direkt unter www.handelsregister.de zugänglich, sondern müssen gesondert unter www.handelsregisterbekanntmachungen.de940 abgerufen werden.941 
615Mit Hilfe der Portale soll die Unternehmenspublizität entbürokratisiert, Informationssuchenden ein erleichterter Zugriff auf Unternehmensdaten ermöglicht und das Eintragungsverfahren beschleunigt werden. 
616Einen Schritt weiter gehen aktuell in der Fachöffentlichkeit diskutierte Vorschläge zur Ergänzung bzw. sogar vollständigen Ersetzung öffentlicher Register, darunter insbesondere das Handelsregister, durch die Blockchain-Technologie.942 Anders als in anderen Staaten sind die derzeitigen nationale Ansätze jedoch noch auf bloße Überlegungen beschränkt. 
 I. Elektronisches Handelsregister – Grundsatz (§ 8 HGB) 
 1. Normzweck und systematische Einordnung 
617§ 8 HGB ordnet die elektronische Führung des Registers an (Absatz 1) und schützt in diesem Zusammenhang den Begriff „Handelsregister“ (Absatz 2). 
 2. Norminhalt 
 a. Elektronisches Handelsregister (§ 8 Abs. 1 HGB) 
618Zum 01.01.2007 wurde ein vollständig elektronisches Handelsregister eingeführt. Die Organisation und Verwaltung der Handelsregister obliegt dabei grundsätzlich weiterhin den Amtsgerichten, allerdings besteht die Konzentrationsmöglichkeit des § 376 Abs. 2 FamFG.943 
619Das gemeinsame Registerportal der Länder findet sich unter www.handelsregister.de944 
 b. Schutz der Bezeichnung (§ 8 Abs. 2 HGB) 
620§ 8 Abs. 2 HGB stärkt den Schutz des Begriffs „Handelsregister“, der bereits vor Inkrafttreten der Vorschrift durch § 3 UWG und durch § 5 UWG a.F. (Verbot irreführender Werbung) gewährt wurde. Es handelt sich um eine marktverhaltensregelnde Vorschrift i.S.v. § 3a UWG.945 Das Verbot erfasst die Verwendung des Begriffs „Handelsregister“ für Datensammlungen unabhängig von einem voran- oder nachgestellten Zusatz und dient einer klaren Abgrenzung des Handelsregisters von privaten Datensammlungen, denen keine staatliche Richtigkeitsgewähr und kein Gutglaubensschutz (§ 15 HGB) zukommt. Ein Schutz der Bezeichnung „Handelsregister“ ist erforderlich, nachdem immer wieder Unternehmen mit zweifelhafter Reputation versuchen, in bewusster Anlehnung an die gerichtlichen Register Vermögensvorteile zu erzielen.946 
 II. Elektronische Führung des Handelsregisters (§ 8a HGB) 
 1. Normzweck und systematische Einordnung 
621§ 8a Abs. 1 HGB dient der Festlegung des Zeitpunkts des Wirksamwerdens der Handelsregistereintragung. § 8a Abs. 2 HGB ermöglicht den Landesregierungen per Verordnungsermächtigung die genauere Ausgestaltung des elektronischen Handelsregisters. Die elektronische Anmeldung zur Eintragung und Einreichungen sind in § 12 HGB geregelt (vgl. Rn. 644). 
 2. Norminhalt 
 a. Zeitpunkt der Wirksamkeit der Eintragung (§ 8a Abs. 1 HGB) 
622Wegen der Publizitätsfolgen muss für den Benutzer der Zeitpunkt des Wirksamwerdens der Eintragung ausreichend klar sein. Für die Publizitätswirkung des Handelsregisters ist dabei nicht allein die Aufnahme der Eintragung in den Datenspeicher entscheidend, sondern der Moment, in dem sie auf Dauer unverändert in lesbarer Form wiedergegeben werden kann.947 Dieser Zeitpunkt wird automatisch festgehalten und ist damit ohne weiteres feststellbar. 
623Nach § 47 Abs. 1 HRV (Handelsregisterverordnung) muss zudem gewährleistet sein, dass die Grundsätze einer ordnungsgemäßen Datenverarbeitung eingehalten werden (z.B. Vorkehrungen gegen Datenverlust), die vorzunehmenden Eintragungen alsbald in einen Datenspeicher aufgenommen und auf Dauer inhaltlich unverändert in lesbarer Form wiedergegeben werden können, die nach der Anlage zu § 126 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 GBO erforderlichen Maßnahmen (Kontrollmaßnahmen zum Schutz von personenbezogenen Daten wie Zugangs-, Benutzer-, Speicherkontrolle usw.) getroffen werden und die Dokumente in inhaltlich unveränderbarer Form gespeichert werden. 
 b. Öffnungsklausel (§ 8a Abs. 2 HGB) 
624Die Vorschrift überlässt die Einzelheiten hinsichtlich der elektronischen Führung des Handelsregisters den Landesgesetzgebern, die diese durch Rechtsverordnung regeln können. Alternativ können sie die Ermächtigung zur Regelung auf die Landesjustizverwaltungen übertragen. Alle sechzehn Länder haben von der Verordnungsermächtigung in § 8a Abs. 2 HGB Gebrauch gemacht, nachdem man sich auf einheitliche Standards für das Datenformat der einzureichenden Dokumente verständigen konnte:
Baden-Würt­tem­bergVer­ord­nung des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr in Baden-Würt­tem­berg (LERVVO) vom 21.03.2018 (GBl 2018, 120)
Bay­ernVer­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr bei den ordent­li­chen Gerich­ten (ERVV Ju) vom 15.12.2006 (GVBl 2006, 1084)
Ber­linVer­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr mit der Jus­tiz im Land Ber­lin (ERVJus­tizV) vom 27.12.2006 (GVBl 2006, 1183)
Bran­den­burgVer­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr im Land Bran­den­burg vom 14.12.2006 (GVBl II 2006, 558)
Bre­menVer­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr im Land Bre­men vom 18.12.2006 (GBl 2006, 548)
Ham­burgVer­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr in Ham­burg vom 28.01.2008 (GVBl 2008, 51)
Hes­senJus­tiz-Infor­ma­ti­ons­tech­nik-Ver­ord­nung (Jus­tITV) vom 29.11.2017 (GVBl 2017, 415)
Meckl.-Vor­pomm.Ver­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr in Meck­len­burg-Vor­pom­mern (ERVVO M-V) vom 18.12.2008 (GVOBl 2009, 53)
Nie­der­sach­senNie­der­säch­si­sche Ver­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr in der Jus­tiz (Nds. ERVVO-Jus­tiz) vom 21.10.2011 (GVBl 2011, 367)
NRWVer­ord­nung über die elek­tro­ni­sche Regis­ter­füh­rung und die Zustän­dig­keit der Amts­ge­richte in Nord­rhein-West­fa­len in Regis­ter­sa­chen (Regis­ter-VO) vom 08.05.2013 (GV 2013, 248)
Rhein­land-PfalzLan­des­ver­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr in Rhein­land-Pfalz (ERV­LVO) vom 10.07.2015 (GVBl 2015, 175)
Saar­landVer­ord­nung für den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr mit Gerich­ten und Staats­an­walt­schaf­ten im Saar­land vom 12.12.2006 (ABl 2006, 2237)
Sach­senVer­ord­nung des Säch­si­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums der Jus­tiz über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr, die elek­tro­ni­sche Akten­füh­rung, die elek­tro­ni­schen Regis­ter und das maschi­nelle Grund­buch in Sach­sen (Säch­sE­Jus­tizVO) vom 23.04.2014 (GVBl 2014, 291)
Sach­sen-AnhaltVer­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr bei den Gerich­ten und Staats­an­walt­schaf­ten des Lan­des Sach­sen-Anhalt (ERVVO LSA) vom 01.10.2007 (GVBl LSA 2007, 330)
Schles­wig-Hol­steinLan­des­ver­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr mit den Gerich­ten vom 11.12.2018 (GVOBl 2018, 861)
Thü­rin­genThü­rin­ger Ver­ord­nung über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr bei den Gerich­ten und Staats­an­walt­schaf­ten (Thü­rERVVO Jus­tiz) vom 05.12.2006 (GVBl 2006, 560)
 
 III. Unternehmensregister (§ 8b HGB) 
 1. Normzweck und systematische Einordnung 
625§ 8b HGB legt die Modalitäten des Unternehmensregisters fest. Mit dem Unternehmensregister wurde ein Sammelregister geschaffen, in dem ein Informationssuchender alle wesentlichen veröffentlichungspflichtigen Unternehmensdaten abrufen kann. 
 2. Norminhalt 
 a. Übertragungsermächtigung (§ 8b Abs. 1 HGB) 
626Das Bundesministerium der Justiz hat die Führung des Unternehmensregisters gem. § 9a HGB der Bundesanzeiger Verlag GmbH (vormals: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH) im Wege der Beleihung übertragen (vgl. Rn. 639). 
 b. Inhalt (§ 8b Abs. 2 HGB) 
627Die Vorschrift zählt die Daten auf, die über die Internetseite des Unternehmensregisters948 zugänglich sein müssen. Damit stehen diese Daten gebündelt an einer zentralen Stelle zum Abruf bereit. Durch die Formulierung „zugänglich“ wird klargestellt, dass eine Speicherung der Daten im Unternehmensregister selbst nicht notwendig ist, sondern eine dort bestehende Verlinkung mit den Originaldatenbeständen ausreicht.949 Im Unternehmensregister enthalten sind z.B.
 Handelsregister-, Genossenschaftsregister- und Partnerschaftsregistereintragungen sowie deren Bekanntmachungen und zu diesen Registern eingereichte Dokumente (§ 8a Abs. 2 Nr. 1-3 HGB),
 Veröffentlichungen von Unternehmen nach dem WpHG (§ 8b Abs. 2 Nr. 7 HGB),
 bestimmte Mitteilungen über kapitalmarktrechtliche Vorschriften der BaFin (§ 8b Abs. 2 Nr. 10 HGB).
 
628Die Aufzählung in § 8b Abs. 2 HGB ist nicht abschließend, es können also auch weitere Daten aufgenommen werden.950 
 IV. Herkunft der Daten (§ 8b Abs. 3 HGB) 
629Die Vorschrift regelt, wer die relevanten Informationen an das Unternehmensregister leiten muss. Gemäß § 8b Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 HGB sind die Daten nach § 8b Abs. 2 Nr. 4-8 HGB sowie die von einer Kleinstkapitalgesellschaft hinterlegten Bilanzen nach § 326 Abs. 2 HGB durch den Betreiber des elektronischen Bundesanzeigers zu übermitteln. In den Fällen des § 8b Abs. 2 Nr. 9 und Nr. 10 HGB trifft diese Pflicht nach § 8b Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 HGB den Veröffentlichungspflichtigen bzw. den von ihm mit der Veröffentlichung beauftragten Dritten.951 Die Landesjustizverwaltungen übermitteln die Daten nach § 8b Abs. 2 Nr. 1-3 und Nr. 11 HGB zum Unternehmensregister, soweit die Übermittlung für die Eröffnung eines Zugangs zu den Originaldaten über die Internetseite des Unternehmensregisters erforderlich ist, § 8b Abs. 3 Satz 2 HGB. 
630Die Zugänglichmachung von Unternehmensdaten im Unternehmensregister als Sammel- und Aufbewahrungsstelle erfolgt ausschließlich zu Informationszwecken und hat auf die Pflicht der Unternehmen, im elektronischen Bundesanzeiger und Handelsregister Eintragungen vornehmen zu lassen, keinen Einfluss.952 
631Das Unternehmensregister ist – anders als Handels-, Genossenschafts- und Partnerschaftsregister – nicht mit einem Gutglaubensschutz nach § 15 HGB verknüpft.953 Für diesen ist also weiterhin auf die – parallele – Eintragung in den genannten Registern und auf die gerichtliche Bekanntmachung abzustellen. Bei Widersprüchen zwischen der Eintragung im Unternehmensregister und der gerichtlichen Bekanntmachung der Registereintragung würde die gerichtliche Bekanntmachung gelten.954 Freilich können sich solche Widersprüche nicht ergeben, wenn – wie in der Praxis – im Unternehmensregister keine „gespiegelten“ Daten enthalten sind, sondern eine bloße Verknüpfung mit den Originaldaten („Portalfunktion“) erfolgt. 
 V. Einsichtnahme in elektronische Register (§ 9 HGB) 
 1. Normzweck und systematische Einordnung 
632§ 9 HGB regelt die Modalitäten der Einsichtnahme in das elektronisch geführte Handels- und Unternehmensregister. 
 2. Norminhalt 
 a. Einsichtnahme in das Handelsregister (§ 9 Abs. 1-5 HGB) 
633Die Einsichtnahme in das Handelsregister ist „jedem zu Informationszwecken“ gestattet, ein darüber hinausgehendes Interesse braucht nicht dargelegt zu werden. Es bestehen zwei Möglichkeiten der Einsichtnahme. 
 aa. Einsicht auf der Geschäftsstelle 
634Auf „konventionellem Weg“ kann auf der Geschäftsstelle des zuständigen Registergerichts während der Dienststunden Einsicht genommen werden, vgl. § 10 HRV (Handelsregisterverordnung). 
 bb. Online-Einsicht 
635Der Registerinhalt kann daneben über ein elektronisches Informations- und Kommunikationssystem (www.handelsregister.de955) als PDF-Datei abgerufen werden. Insbesondere abrufbar sind:
 der aktuelle Abdruck mit einem Überblick über alle derzeit gültigen Eintragungen,
 der chronologische Abdruck mit allen Daten ab Umstellung auf elektronische Registerführung,
 der historische Abdruck mit allen Daten, die bis zur Umstellung auf die elektronische Registerführung (01.01.2007) gültig waren.956
Die Höhe der Abrufgebühren richtet sich nach Nr. 1140, 1141 des Kostenverzeichnisses des Justizverwaltungskostengesetzes (JVKostG); für die genannten Datensätze jeweils 4,50 €, unabhängig davon, ob zu der jeweiligen Registernummer vorher oder in der gleichen Sitzung bereits Daten abgerufen wurden.
 
636Kostenfrei ist die Recherche nach einzelnen Firmen, die Einsicht in die Unternehmensträgerdaten und die Nutzung der Handelsregisterbekanntmachungen, wobei letztere aufgrund missbräuchlicher Nutzungen des Portals seit Kurzem nur mehr über www.handelregisterbekanntmachungen.de zugänglich sind.957 
637Voraussetzung für die Nutzung des Registerportals ist eine (kostenfreie) Registrierung.958 
 b. Einsichtnahme in das Unternehmensregister (§ 9 Abs. 6 HGB) 
638In § 9 Abs. 6 HGB ist die Einsichtnahme in das Unternehmensregister geregelt. Sie ist jedermann zu Informationszwecken gestattet. Eine (wiederum kostenfreie) Registrierung ist nur bei Abruf von Original-Registerdaten (Handels-, Genossenschafts-, Partnerschaftsregister) erforderlich. Dieser Abruf ist kostenpflichtig. Für die Einsichtnahme in die übrigen Datenbestände ist keine Registrierung erforderlich. Sie ist kostenlos. 
 VI. Beleihung zur Registerführung (§ 9a HGB) 
639Durch die auf § 9a Abs. 1 HGB beruhende Verordnung über die Übertragung der Führung des Unternehmensregisters und die Einreichung von Dokumenten beim Betreiber des elektronischen Bundesanzeigers959 wurde die Führung des Unternehmensregisters der Bundesanzeiger Verlag GmbH (vormals: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH) als Beliehene übertragen. 
 VII.  Bekanntmachung der Eintragungen (§ 10 HGB) 
 1. Normzweck und systematische Einordnung 
640§ 10 HGB ersetzt die frühere Praxis der Bekanntmachung durch das Gericht im Bundesanzeiger und mindestens einem „anderen Blatt“ (z.B. Tageszeitung) durch das Erfordernis einer Bekanntmachung in einem von der Landesjustizverwaltung bestimmten elektronischen Informations- und Kommunikationssystem. 
 2. Norminhalt 
641Ein solches gem. § 10 Satz 1 HS. 2 i.V.m. § 9 Abs. 1 Satz 4 HGB einheitliches und länderübergreifendes System existiert unter www.handelsregisterbekanntmachungen.de960 
642Bis Ende 2008 war die Übergangsvorschrift des Art. 61 Abs. 4 Satz 1 EGHGB zu beachten, wonach neben der Bekanntmachung in dem elektronischen Informations- und Kommunikationssystem zusätzlich eine Bekanntmachung in einer Tageszeitung oder einem sonstigen Blatt zu erfolgen hatte. Mittlerweile entfällt die Bekanntmachung in den Printmedien, es sei denn, das Unternehmen fordert auf eigene Kosten eine zusätzliche Bekanntmachung in diesen.961 
643Im Übrigen ergeben sich keine Besonderheiten im Vergleich zur Bekanntmachung in Printmedien. 
 VIII. Anmeldungen zur Eintragung und Einreichungen (§ 12 HGB) 
 1. Normzweck und systematische Einordnung 
644§ 12 Abs. 1 HGB zieht die logische Konsequenz aus der elektronischen Registerführung: Auch der „Input“ hat elektronisch zu erfolgen. § 12 HGB soll Medienbrüche und Digitalisierungsaufwand für das Registergericht vermeiden. 
 2. Norminhalt 
 a. Anmeldungen zur Eintragung (§ 12 Abs. 1 HGB) 
645Die Anmeldung zur Eintragung ist auf elektronischem Weg in öffentlich beglaubigter Form beim Registergericht einzureichen. Hierfür sehen die landesrechtlichen Verordnungen nach § 8a Abs. 2 Satz 1 HGB nähere Bestimmungen vor. Danach ist die Übermittlung per E-Mail oder der Versand von Datenträgern nicht gestattet. Zu verwenden ist die jeweilige landesrechtlich angeordnete Kommunikationsform.962 
646Gemäß § 12 Abs. 1 Satz 1 HGB müssen die Anmeldungen zur Eintragung in öffentlich beglaubigter Form eingereicht werden (Beglaubigung durch einen Notar, § 129 BGB). Die Beglaubigung kann elektronisch erfolgen, indem das einzureichende elektronische Dokument von dem Notar mit einer qualifizierten elektronischen Signatur versehen wird, vgl. § 39a BeurkG. 
647In der Praxis erfolgt die Einreichung durch die Notare mittels standardisierter Software, wodurch eine erhebliche Verkürzung der Eintragungszeiten erreicht wird.963 
 b. Form der Einreichung (§ 12 Abs. 2 HGB) 
648§ 12 Abs. 2 HGB regelt die verbindliche elektronische Einreichung von Dokumenten bei der Stelle, die das Handelsregister führt. „Dokumente“ im Sinne dieser Vorschrift sind z.B. Satzungen, Gesellschafterlisten, Unternehmensverträge und Hauptversammlungsniederschriften.964 
649Die Einreichung von Papierdokumenten steht seit dem 01.01.2010 nicht mehr offen.965 Die Vorschrift unterscheidet zwei Fälle:
 Solange eine Urschrift oder eine einfache Abschrift einzureichen ist oder für das Dokument die Schriftform bestimmt ist, ist eine Einreichung einer einfachen elektronischen Aufzeichnung ausreichend. Trotz der Regelung des § 126a BGB ist somit auch bei Dokumenten, für die die Schriftform bestimmt ist bzw. die in unterzeichneter bzw. unterschriebener Form einzureichen sind (z.B. §§ 130 Abs. 5 HS. 2, 188 Abs. 3 Nr. 1 AktG, §§ 8 Abs. 1 Nr. 3, 40 Abs. 1 Satz 1 GmbHG), bei der Einreichung keine qualifizierte elektronische Signatur notwendig.966 Es reicht insoweit eine Einreichung in Textform (§ 126b BGB); auch wenn das Dokument ein Notar einreicht.967 Selbstverständlich kann ein solches Dokument aber auch mit einer qualifizierten elektronischen Signatur versehen werden.968
 Ist ein notariell beurkundetes Dokument oder eine öffentlich beglaubigte Abschrift einzureichen (z.B. § 130 Abs. 5 HS. 1 AktG), muss das übermittelte Dokument zwingend mit einem einfachen elektronischen Zeugnis nach § 39a Abs. 1 BeurkG durch den Notar versehen und damit qualifiziert elektronisch signiert werden. Behörden bzw. öffentlich-rechtliche Körperschaften können öffentliche elektronische Urkunden entsprechend den elektronischen Beglaubigungen der Notare nach § 39 BeurkG errichten.969
 
 IX. Exkurs: Elektronisches Genossenschafts- und Partnerschaftsregister und Elektronisches Vereinsregister 
650Parallel zum Handelsregister wurden auch das Genossenschafts- und das Partnerschaftsregister mit Wirkung zum 01.01.2007 auf den elektronischen Betrieb umgestellt. Gemäß § 156 Abs. 1 Satz 1 GenG und § 5 Abs. 2 PartGG finden die §§ 8 Abs. 1, 8a und 9 bzw. §§ 8, 8a, 9 und 12 HGB auf die beiden Register entsprechende Anwendung. 
651Ferner wurde in einigen Ländern das Vereinsregister elektronifiziert. Auf Basis des § 55a BGB, wonach die Landesregierungen durch Rechtsverordnungen bestimmen können, dass und in welchem Umfang das Vereinsregister in maschineller Form als automatisierte Datei geführt wird, haben einige Länder ihre Vereinsregister ausschließlich für die elektronische Nutzung vorgesehen. Die Informationen können teilweise auch über das Gemeinsame Registerportal der Länder abgerufen werden.970 
652Informationen über das Genossenschafts- und Partnerschaftsregister finden sich ebenfalls unter www.handelsregister.de971 
 I. Einsichtnahme in das elektronische Grundbuch 
653Durch das Registerverfahrensbeschleunigungsgesetz vom 20.12.1993 wurden die Grundbuchordnung und die Grundbuchverfügung um die Vorschriften für die maschinelle Grundbuchführung ergänzt (§§ 126 ff. GBO, §§ 61 ff. GBV). Damit wurden die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen, das Grundbuch und die Hilfsverzeichnisse nicht mehr nur auf Papier, sondern rechtswirksam auf elektronischen Datenträgern zu führen. Mittlerweile wurde das „elektronische Grundbuch“ in allen Bundesländern flächendeckend eingeführt. Da jedes Bundesland sein eigenes Abrufsystem mit teilweise völlig unterschiedlichen Zugangs- und Anmeldevoraussetzungen vorhält, entsteht hierdurch gerade für professionelle Anwender wie Notare ein erheblicher Organisationsaufwand.972 
654Für die Einsichtnahme in das maschinell geführte Grundbuch stehen zwei Möglichkeiten zur Verfügung. 
 I. Einsichtnahme nach den §§ 132, 12 GBO 
655Die Einsichtnahme nach § 132 GBO erfolgt beim Grundbuchamt. Die Voraussetzungen, unter denen Einsicht genommen werden kann, richten sich nach § 12 GBO, d.h. der Antragsteller muss ein berechtigtes Interesse darlegen (§ 12 Abs. 1 Satz 1 GBO).973 Grundsätzlich wird die Einsichtnahme dadurch gewährt, dass ein Grundbuchblatt auf dem Bildschirm wiedergegeben wird und der Bildschirminhalt eingesehen werden kann (§ 79 Abs. 1 Satz 1 GBV). Dazu wird von der zuständigen Person des Grundbuchamts das betreffende Grundbuchblatt auf dem Bildschirm aufgerufen. Dies kann auch dem Antragsteller gestattet werden, sofern sichergestellt ist, dass er nur dasjenige Grundbuchblatt einsehen kann, in das ihm die Einsicht bewilligt wurde, und die Möglichkeit ausgeschlossen ist, dass der Grundbuchinhalt durch den Einsichtnehmenden verändert werden kann (§ 79 Abs. 1 Satz 2 GBV).974 
656Anstelle der Einsicht in eine Wiedergabe des Grundbuchblatts auf dem Bildschirm kann das Grundbuchamt einen Ausdruck des Grundbuchblattes herstellen und den Antragsteller in diesen Einsicht nehmen lassen (§ 79 Abs. 2 GBV).975 
657§ 132 GBO lässt ausdrücklich zu, dass ein Grundbuchamt Einsicht in das von einem anderen Grundbuchamt geführte Grundbuch gewährt, wobei das Grundbuchamt, bei dem die Einsicht begehrt wird, über die Gestattung der Einsicht entscheidet. Die Einsichtnahme kann auch über die Landesgrenzen hinaus erfolgen, sofern die Landesjustizverwaltungen eine entsprechende Vereinbarung getroffen haben (§ 79 Abs. 3 Satz 4 GBV). 
658Bei der Einsichtnahme in das maschinell geführte Grundbuch nach § 132 GBO kann der Einsichtnehmende selbst bestimmen, in welcher Weise er sich Abschriften herstellt. Es kann ihm nicht verwehrt werden, den Bildschirminhalt zu fotografieren.976 Insoweit können Gebühren für Ausdrucke aus dem maschinell geführten Grundbuch „gespart“ werden (einfacher Ausdruck – 10 €; amtlicher Ausdruck – 20 € nach § 3 Abs. 2 i.V.m. Anlage 1, Nr. 17000, 17001 GNotKG). 
 II. Automatisiertes Abrufverfahren (§§ 133, 12 GBO) 
659§ 133 GBO regelt die Einsichtnahme in das maschinell geführte Grundbuch im automatisierten Abrufverfahren. Bestimmte Stellen und Personen können danach Daten aus dem Grundbuch unmittelbar über einen Online-Anschluss abrufen. Eine Einschaltung des Grundbuchamtes ist dabei entbehrlich.977 Die Einrichtung des automatisierten Abrufverfahrens ist nur mit Genehmigung der Landesjustizverwaltung zulässig, § 133 Abs. 2 Satz 1, Abs. 4 Satz 2 GBO.978 Die Voraussetzungen für die Erteilung der Genehmigung sind in § 133 Abs. 2 Satz 3 GBO genannt. 
660Die Einsichtnahme erfolgt entweder über eine