Gericht/Institution:LG Freiburg (Breisgau)
Erscheinungsdatum:15.10.2018
Entscheidungsdatum:15.10.2018
Aktenzeichen:1 O 240/10, 1 O 26/17
Quelle:juris Logo

Hersteller von Hüftprothesen erneut zur Zahlung von Schmerzensgeld verurteilt

 

Das LG Freiburg hat zwei Klägern, denen im Jahr 2005 Hüftprothesen eines international tätigen Medizinprodukteherstellers implantiert worden waren, Schmerzensgeld in Höhe von jeweils 25.000 Euro zugesprochen.

Die Hüftprothesen wiesen einen Produktfehler auf, für den die schweizerische Muttergesellschaft als Herstellerin und die deutsche Tochtergesellschaft, die die Prothese in Deutschland verrieben habe, einstehen müssten, so das Landgericht. Bereits im Jahre 2017 war die Herstellerin der Prothesen in einem ähnlich gelagerten Fall durch eine andere Kammer des Landgerichts zu einer Schmerzensgeldzahlung verurteilt worden.

Beide Kläger litten an einer schmerzhaften Hüftgelenksarthrose und entschlossen sich deshalb auf Anraten ihrer Ärzte im Jahr 2005, sich mit einer Hüftprothese versorgen zu lassen. Ausgewählt wurde ein damals neuartiger, erst seit 2003 in Deutschland vertriebener Prothesentyp, der mehrere Besonderheiten aufwies. So waren sowohl der Hüftkopf als auch die Hüftpfanne aus Metall gefertigt und wiesen einen besonders großen Durchmesser auf. Außerdem wurde der Hüftkopf nicht direkt mit dem im Oberschenkelknochen befestigten Prothesenschaft verbunden, sondern auf einen Konusadapter gesteckt, der seinerseits auf den Prothesenschaft aufgeschlagen wurde (Durom-Metasul-LDH-Hüftprothese). Weil beide Kläger in den folgenden Jahren an Hüftschmerzen litten, wurden die Implantate 2009 bzw. 2010 entfernt. Es zeigten sich in beiden Fällen Osteolysen (Knochenauflösungen) am Oberschenkelknochen sowie schwärzlicher Metallabrieb im Bereich des Prothesenschaftes. Das umliegende Gewebe wies Spuren von Chrom und Kobalt, in einem der Fälle auch von Titan auf.

Das LG Freiburg hat den Klägern Schmerzensgeld in Höhe von jeweils 25.000 Euro zugesprochen.

Nach Auffassung des Landgerichts war nach einer umfangreichen Beweisaufnahme, in der u.a. drei Sachverständige aus den Bereichen der Orthopädie und der Biomechanik Gutachten erstattet haben, festzustellen, dass die Schmerzzustände der Kläger und die Notwendigkeit des Prothesenwechsels darauf zurückzuführen sind, dass der damals neuartige Prothesentyp der Beklagten, der heute nicht mehr vertrieben wird, einen Konstruktionsfehler aufweist. Es sei zu erhöhtem Metallabrieb insbesondere im Bereich der Konussteckverbindung gekommen. Die Freisetzung von Metallpartikeln und Metallionen im menschlichem Körper habe dann zu Entzündungen und Knochenverlust bei den Klägern geführt. Von besonderer Bedeutung für die Stabilität der Konussteckverbindung sei zudem die Kraft, mit der die Prothesenteile während der Operationen ineinander geschlagen werden. Bei diesem Prothesentyp werde eine sichere Verbindung allerdings erst durch Kräfte bewirkt, die so hoch seien, dass der Operateur sie nicht stets gewährleisten könne. Außerdem hätten die Beklagten in der Operationsanweisung nicht in der nötigen Weise darauf hingewiesen, dass die Steckverbindung besonders stark zusammengefügt werden müsse. Das LG Freiburg habe sich durch eine umfangreiche Auswertung der medizinischen Studienlage des Jahres 2005 außerdem davon überzeugt, dass die Beklagten zum damaligen Zeitpunkt über alle Erkenntnisse verfügt hätten, die nötig gewesen seien, um das Risikopotential des neuen Prothesentyps zu erkennen. Zwar hätten einzelne der durch das Landgericht angehörten Sachverständigen diese Frage anders beurteilt und darauf hingewiesen, dass es bisher nicht gelungen sei, wissenschaftlich aufzudecken, wie genau der Prozess der Schadensentstehung verlaufe und warum manche Prothesen funktionierten, während andere ausgetauscht werden müssten. Auf solche naturwissenschaftlichen Nachweislücken komme es für die Frage der Produkthaftung aber nicht an. Die Beklagten hätten nach dem damaligen Stand der Wissenschaft erkennen können und müssen, dass mehrere der in dem neuen Prothesentyp verknüpften Designänderungen (große Durchmesser, Metall-Gleitpaarung, modulare Steckverbindung) Risiken bargen. In dieser Situation wäre es geboten gewesen, weitere Tests durchzuführen, bevor Patienten mit der Prothese in Berührung gebracht werden.

Die lange Verfahrensdauer von rund acht Jahren (die durchschnittliche Verfahrensdauer eines erstinstanzlichen Zivilverfahrens beträgt am LG Freiburg gerade einmal 8,2 Monate) ist darauf zurückzuführen, dass es nur wenige Spezialisten gibt, die in technischer und zugleich in medizinischer Hinsicht über die nötige Fachkenntnis verfügen und noch nicht für den beklagten Hersteller tätig waren, weshalb sich schon die Suche nach geeigneten Gutachtern äußerst schwierig gestaltete.

Gegen das Urteil können die Parteien innerhalb eines Monats nach Zustellung Berufung zum OLG Karlsruhe einlegen.

Das erwähnte Urteil des Landgerichts aus dem Jahr 2017 (Urt. v. 24.02.2017 - 6 O 359/10) ist nicht rechtskräftig. Die Berufung ist beim OLG Karlsruhe unter dem Aktenzeichen 14 U 50/17 anhängig. Beim Landgericht sind noch annähernd 100 vergleichbare Verfahren anhängig.

juris-Redaktion
Quelle: Pressemitteilung des LG Freiburg v. 15.10.2018


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