Gericht/Institution:AG München
Erscheinungsdatum:15.03.2019
Entscheidungsdatum:05.10.2018
Aktenzeichen:154 C 2636/18
Quelle:juris Logo

Entschädigung wegen verpassten Fluges durch lange Warteschlange am Check-In Schalter

 

Das AG München hat entschieden, dass von Fluggästen nicht die Kenntnis erwartet werden kann, wonach diese bei der Abfertigung mehrerer Flüge gleichzeitig an einem Check-In Schalter kurz vor dem Abflug an einer langen Warteschlange vorbeigehen können, um bevorzugt eingecheckt zu werden, um den Flug nicht zu verpassen.

Zudem sei ein Aufrufen in der Form, dass ein Mitarbeiter der Airline an der Warteschlange am Check-In Schalter entlanggehe und die noch fehlenden Passagiere mehrmals laut aufrufe, nicht geeignet, um sicherzustellen, dass alle Fluggäste hiervon Kenntnis erlangten, so das Amtsgericht.

Die Klägerin buchte für sich, ihren Partner und zwei Kinder für 2.262 Euro eine All-Inclusive-Flugreise vom 29.09.2017 bis 09.10.2017 nach Side. Die Beklagte hat im Voucherheft darauf hingewiesen, dass spätestens 30 Minuten vor dem Abflug die Eincheckzeit endet. Der Hinflug sollte am 29.09.2017 um 14:45 Uhr mit der Fluggesellschaft Condor ab dem Flughafen Leipzig mit Ankunft in Antalya um 19 Uhr erfolgen. Am Flughafen wurde gleichzeitig mit dem gebuchten Flug nach Antalya auch ein Flug nach Griechenland abgefertigt. Um ca. 14:20 Uhr kam die Klägerin zu spät am Schalter zum Check-In an die Reihe. Das Flugzeug flog ohne die Klägerin und ihre Familie nach Antalya.
Die Klägerin behauptet, alle seien ca. zwei Stunden vor Abflug am Abflugschalter auf dem Leipziger Flughafen gewesen. Auf dem Bildschirm vor dem Check-In sei lediglich der Name der Fluglinie angegeben gewesen. Die Klägerin und ihre Familie hätten sich an der dort befindlichen Warteschlange angestellt, die zu drei Schaltern führte. Sie seien davon ausgegangen, dass sämtliche Wartenden das gleiche Ziel hätten. Sie hätten weder gehört, dass sie aufgerufen worden seien, noch seien sie darauf hingewiesen worden, dass man nicht mehr einchecken könne, wenn man nicht an der Schlange vorbeigehe. Es sei auch keiner aus der Schlange heraus nach vorne gegangen. Sie hätten einen neuen Flug ab Berlin-Tegel buchen müssen. Die Nacht hätten sie in Leipzig bei Verwandten auf dem Fußboden geschlafen. Am 30.09.2017 seien sie mit dem Zug nach Berlin gefahren, um von dort über Istanbul nach Antalya zu fliegen. Erst am 01.10.2017 gegen 3:00 Uhr sei man im Hotel angekommen. Die Zeugin der Beklagten gab an, dass etwa eine Stunde vor dem Abflug die Passagiere für den Flug nach Antalya aufgerufen worden sein müssten, um sie vorzuziehen. Die Klägerin müsse unaufmerksam oder zu spät gewesen sein.

Das AG München hat der Klägerin in weiten Teilen Recht gegeben und der Klage gegen die Reiseveranstalterin auf Minderung und Schadensersatz in Höhe von 852,03 Euro stattgegeben.

Nach Auffassung des Amtsgerichts ist die Art und Weise des geschilderten Aufrufens, indem ein Mitarbeiter an der Schlange entlanggehe und mehrmals laut rufe, nicht geeignet, um sicherzustellen, dass alle Fluggäste hiervon Kenntnis erlangten. Es sei davon auszugehen, dass die wartenden Personen in der Schlange am Check-In-Schalter sich auch miteinander unterhielten, während sie warteten, und dass deshalb ein gewisser Geräuschpegel herrsche. Die ausrufende Person müsste dementsprechend sehr laut rufen, um sämtliche anderen Geräusche zu übertönen. Es sei auch möglich, dass Reisende für die kurze Zeit des Aufrufs unaufmerksam seien. Die volle Aufmerksamkeit auf das Geschehen vor sich in und neben der Warteschlange während der hier 1,5 Stunden dauernden Wartezeit zu richten, könne von keinem Reisenden verlangt werden. Die Fluggesellschaft hätte entweder durch eine Durchsage per Lautsprecher oder durch ein Ansprechen aller Wartender in der Schlange sicherstellen müssen, dass alle Reisenden die Information erhielten. Es könne auch nicht von den Fluggästen erwartet werden, dass diese alle wissen, dass es auch sein könne, dass zwei Flüge gleichzeitig abgefertigt werden, und dass sie an der Warteschlange vorbeigehen – ein sozial zumeist unerwünschtes Verhalten – um bevorzugt eingecheckt zu werden. Diese Erwartung habe selbst die Fluggesellschaft nicht, da sie ansonsten gar keine Aufrufe machen würde. Das Amtsgericht hält dementsprechend eine Minderung in Höhe eines Tagesreisepreises in Höhe von 205,64 Euro (2.262 Euro : 11 Tage) für angemessen.

Zudem habe die Klägerin einen Anspruch auf 205,64 Euro Ersatz für nutzlos aufgewendete Urlaubszeit. Das Amtsgericht minderte jedoch den daneben geforderten Ersatz der durch den Ersatzflug entstandenen Schadens von insgesamt 881,50 Euro um 50%: Die Klägerin treffe ein erhebliches Mitverschulden daran, dass sie zu spät zum Check-In am Schalter eintraf. Selbst wenn die Beklagte bzw. die Fluggesellschaft keinen hinreichenden Aufruf für den Flug nach Antalya vorgenommen hat, hätte die Klägerin selbst tätig werden müssen, um ein Verpassen des Fluges zu verhindern. Dem Amtsgericht erscheint es als grobe Sorgfaltspflichtverletzung in eigenen Angelegenheiten, sich sorglos in eine Warteschlange zu stellen und sehenden Auges den gebuchten Flug zu verpassen, ohne auch nur einmal eine Nachfrage zu stellen.

Das Urteil ist nach Rücknahme der Berufung seit dem 07.01.2019 rechtskräftig.

juris-Redaktion
Quelle: Pressemitteilung des AG München Nr. 21/2019 v. 15.03.2019


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