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Gericht/Institution:BGH
Erscheinungsdatum:04.01.2021
Entscheidungsdatum:20.11.2020
Aktenzeichen:5 StR 256/20
Quelle:juris Logo
Norm:§ 218a StGB

Berliner Zwillingsfall: Verurteilung zweier Ärzte wegen Tötung eines kranken Zwillings während Geburt bestätigt

 

Der BGH hat im Kern die Verurteilung zweier Frauenärzte wegen gemeinschaftlichen Totschlags an einem hirngeschädigten Zwillingskind während der Geburt bestätigt.

Während der Schwangerschaft einer mit Zwillingen schwangeren Frau entwickelten sich Komplikationen. In deren Folge erlitt ein Zwilling schwere Hirnschäden, während sich der andere überwiegend normal entwickelte. Nach Beratung wurde die Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch bezüglich des geschädigten Zwillings nach § 218a Abs. 2 StGB gestellt. Ein solcher Abbruch kann bei entsprechender Indikation straffrei bis zur Geburt vorgenommen werden. Dieser spezielle Eingriff (selektiver Fetozid) ist aber mit Risiken für den anderen Zwilling verbunden. Er wurde zur Tatzeit 2010 nur von sehr wenigen spezialisierten Kliniken mittels einer besonderen Methode durchgeführt. Die Mutter wollte den Abbruch vornehmen lassen, fühlte sich in der von ihr aufgesuchten Spezialklinik aber nicht gut betreut. Sie wandte sich schließlich an die Angeklagte, die als leitende Oberärztin in einer von dem Mitangeklagten geleiteten Klinik für Geburtsmedizin tätig war. Das zu dieser Zeit gebräuchliche Verfahren zum selektiven Abbruch einer Zwillingsschwangerschaft wurde dort nicht angewendet. Stattdessen entwickelte die Angeklagte in Einvernehmen mit dem Mitangeklagten und der Mutter den Plan, mittels Kaiserschnitt zunächst das gesunde Kind zu entbinden und im unmittelbaren Anschluss daran den schwer geschädigten Zwilling zu töten. Nachdem sich bei der Mutter Wehen eingestellt hatten, gingen beide Angeklagte wie geplant vor und töteten nach Entbindung des gesunden Zwillings den lebensfähigen, aber schwer hirngeschädigten verbleibenden Zwilling durch Injektion einer Kaliumchlorid-Lösung. Dabei war ihnen bewusst, dass sie sich über geltendes Recht hinwegsetzen und einen Menschen töten würden. Erst mehrere Jahre später wurde die Staatsanwaltschaft durch eine anonyme Anzeige auf das Geschehen aufmerksam.
Das LG Berlin hatte die beiden Angeklagten zu Freiheitsstrafen von einem Jahr und sechs Monaten bzw. einem Jahr und neun Monaten verurteilt und die Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt.

Der BGH hat die Revisionen der Angeklagten überwiegend verworfen. Insbesondere hat er den Schuldspruch wegen gemeinschaftlichen Totschlags bestätigt.

Nach Auffassung des BGH beruhen die hierzu getroffenen Feststellungen des Landgerichts auf einer rechtsfehlerfreien Beweiswürdigung. Die Tötung des lebensfähigen schwer geschädigten Zwillings stelle ein strafbares Tötungsdelikt und nicht lediglich einen bei entsprechender Indikation straffreien Schwangerschaftsabbruch dar. Die Regeln über den Schwangerschaftsabbruch gelten nur bis zum Beginn der Geburt. Die Geburt beginne bei einer Entbindung mittels Kaiserschnitt mit der Eröffnung der Gebärmutter, wenn das Kind damit vom Mutterleib getrennt werden soll. Dies gelte unabhängig davon, ob ein Kind oder mehrere Kinder betroffen seien.

Allerdings hat der BGH die vom Landgericht verhängten Strafen aufgehoben, weil den Angeklagten zur Last gelegt wurde, dass sie die Tat geplant und nicht in einer Notfallsituation begangen haben. Dieser Gesichtspunkt sei bei einer medizinischen Operation kein zulässiger Erschwerungsgrund. Während der Schuldspruch wegen Totschlags rechtskräftig sei, müsse über die Höhe der Strafen deshalb noch einmal neu verhandelt werden.

Vorinstanz
LG Berlin, Urt. v. 19.11.2019 - (532 Ks) 234 Js 87/14 (7/16)

Quelle: Pressemitteilung des BGH Nr. 2/2021 v. 04.01.2021



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