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Anmerkung zu:OVG Lüneburg 1. Senat, Beschluss vom 01.06.2021 - 1 ME 137/20
Autor:Prof. Dr. Reiner Tillmanns
Erscheinungsdatum:08.07.2021
Quelle:juris Logo
Normen:§ 23 BauNVO, § 22 BauNVO, § 68 VwGO, § 80a VwGO, § 80 VwGO, § 31 BBauG
Fundstelle:jurisPR-ÖffBauR 7/2021 Anm. 1
Herausgeber:Prof. Dr. Johannes Handschumacher, RA und FA für Bau- und Architektenrecht
Zitiervorschlag:Tillmanns, jurisPR-ÖffBauR 7/2021 Anm. 1 Zitiervorschlag

Wohnraumerweiterung im rückwärtigen Bereich einer Reihenhauszeile



Leitsatz

Der als abweichende Bauweise erfolgten Festsetzung „Reihenhäuser mit einer zulässigen Länge von mehr als 50 m“ kommt nachbarschützende Wirkung im Sinne der „Doppelhausrechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts“ zu.



A.
Problemstellung
Gegenstand der Entscheidung ist die bauplanungsrechtliche Zulässigkeit von Wohnraumerweiterungen in rückwärtigen Bereich einer Hauszeile, die im Bebauungsplan als „Reihenhäuser mit einer zulässigen Länge von mehr als 50 m“ festgesetzt ist.


B.
Inhalt und Gegenstand der Entscheidung
I. Die Antragsteller sind Eigentümer eines selbstgenutzten Hausgrundstücks in einer Reihenhauszeile an der A-Straße. Die Beigeladenen erwarben 2019 Eigentum an dem unmittelbar westlich angrenzenden Hausgrundstück, das etwa 6,50 m breit sowie 42 m tief ist. Beide Grundstücke sind mit zweigeschossigen Reihenhäusern mit einer Tiefe von ungefähr 11,50 m bebaut.
Die Reihenhauszeile, in der die selbstbewohnten Häuser der Antragsteller und der Beigeladenen liegen, umfasst mit einer Länge von mehr als 50 m die Grundstücke 1, 3, 5, 7, 9, 11, 13 und 15, wobei die Häuser 1, 3, 5 und 7 um ca. 7 m südlich versetzt zu den Häusern mit den Nummern 9, 11, 13 und 15 liegen. Innerhalb der beiden Gruppen schließen die Gebäudekörper bündig ab. Die Grundstücke 1 bis 15 grenzen mit ihrer südlichen Gartenseite an die M-Straße.
Die Reihenhäuser sind Mitte der siebziger Jahre errichtet worden. Der zugrunde liegende Bebauungsplan weist den betreffenden Bereich als reines Wohngebiet aus. Zum Maß der baulichen Nutzung schreibt er zwei Vollgeschosse verpflichtend vor und bestimmt eine Grundflächenzahl von 0,4 sowie eine Geschossflächenzahl von 0,8. Als Bauweise setzt der Bebauungsplan zeichnerisch „R“ fest, was in der Planzeichenerklärung, die sich auf der Planurkunde befindet, handschriftlich als „Reihenhausbauweise (§ 22 Abs. 4 BauNVO)“ erläutert ist. Ebenso handschriftlich eingetragen ist das Planzeichen „a“, das mit „Hausgruppen über 50 m (§ 22 Abs. 4 BauNVO)“ erklärt wird. Für die Grundstücke der A-Straße ist zudem eine Baugrenze festgesetzt, die südlich der Reihenhäuser bis drei Meter an die M-Straße heranreicht.
Die Beigeladenen beantragten im vereinfachten Genehmigungsverfahren die Erteilung einer Baugenehmigung für das Vorhaben „Anbau an ein Wohnhaus“. Vorgesehen ist, das im Erdgeschoss zur Gartenseite gelegene Wohnzimmer nach Süden in einer Tiefe von 3,49 m über die gesamte Grundstücksbreite zu erweitern. Nach den Bauvorlagen setzt der eingeschossige Anbau in einer Höhe von 3,31 m am vorhandenen Gebäudekörper an und fällt nach Süden auf eine Höhe von 2,85 m ab. Fenster sind nur an der Südseite vorgesehen. Nach dem bei der Antragstellung vorgelegten qualifizierten Lageplan verläuft die Baugrenze unmittelbar an der Rückseite des Wohnhauses, weswegen die Beigeladenen zudem die Erteilung einer Befreiung beantragten.
Die Antragsgegnerin kam zu der Einschätzung, dass die Baugrenze durch den Anbau nicht überschritten werde, so dass es einer Befreiung nicht bedürfe. Nach zunächst gegenteiliger Ansicht gelangte sie nun auch zu der Auffassung, dass die durch den Bebauungsplan festgesetzte Bauweise die beantragte grenzständige Errichtung des Anbaus zulasse, und erteilte am 20.02.2020 die beantragte Baugenehmigung. Hiergegen legten die Antragsteller Widerspruch ein und beantragten beim VG Braunschweig nach § 80a Abs. 3 i.V.m. § 80 Abs. 5 Satz 1 Alt. 1 VwGO, die aufschiebende Wirkung ihres Widerspruchs anzuordnen. Mit Beschluss vom 02.09.2020 (2 B 224/20) lehnte das Verwaltungsgericht den Antrag ab.
II. Die hiergegen gerichtete Beschwerde hat das OVG Lüneburg zurückgewiesen.
Der zulässige Antrag sei unzulässig. Es fehle an einer hinreichenden Wahrscheinlichkeit einer Rechtsverletzung der Antragsteller.
1. Bauweise
Die den Beigeladenen erteilte Baugenehmigung verletze die Antragsteller hinsichtlich der Bauweise nicht in ihren Rechten.
a) Bedeutung des Planzeichens „R“
Die im Bebauungsplan mit dem Planzeichen „R“ festgelegte und als „Reihenhausbauweise (§ 22 Abs. 4 BauNVO)“ erläuterte Bauweise sei hinreichend bestimmt und wirksam.
Der Begriff der Reihenhausbauweise sei nicht unklar. Reihenhäuser gehörten zu den Hausgruppen (BVerwG, Beschl. v. 31.01.1995 - 4 NB 48/93 Rn. 22). Aus der Bezugnahme auf § 22 Abs. 4 BauNVO 1968 lasse sich schließen, dass die Längenbegrenzung für Hausgruppen, einschließlich Reihenhäuser, von 50 m aus § 22 Abs. 2 Satz 1 BauNVO 1986 hier nicht gelten solle. Folglich ist davon auszugehen, dass mit „R“ Reihenhäuser mit einer zulässigen Länge von mehr als 50 m festgesetzt werden.
Diese Auslegung des Planzeichens „R“ werde durch die Verwendung des Planzeichens „a“ nicht in Frage gestellt. Denn die Verwendung von „R“ und „a“ nebeneinander ergebe auch dann Sinn, wenn – wie hier – beide Planzeichen die für Hausgruppen in der offenen Bauweise bestehende Längenbegrenzung aufhöben. Nehme man das gesamte Plangebiet in den Blick, sei festzustellen, dass die Bauweise „R“ stets mit der Festsetzung einer zwingenden Anzahl von Vollgeschossen kombiniert werde. Demgegenüber werde die Bauweise „a“ durchgängig zusammen mit der Festsetzung einer maximalen Anzahl von Vollgeschossen verwandt. Nach der Vorstellung der plangebenden Antragsgegnerin sollten demgemäß – jeweils mit einer zulässigen Länge von mehr als 50 m – in den mit „R“ ausgewiesenen Teilen des Plangebiets hinsichtlich der Firsthöhe einheitliche Reihenhauszeilen, in den mit „a“ festgesetzten Bereichen dagegen aneinandergebaute Gebäudekörper unterschiedlicher Geschossigkeit entstehen.
b) Doppelhausrechtsprechung des BVerwG
Das Bauvorhaben der Beigeladenen sei auch mit der sog. Doppelhausrechtsprechung des BVerwG vereinbar. Von einem Doppelhaus i.S.d. § 22 Abs. 2 Satz 1 BauNVO sei hiernach auszugehen, wenn zwei Gebäude auf benachbarten Grundstücken durch Aneinanderbauen an der gemeinsamen Grundstücksgrenze zu einer Einheit zusammengefügt würden.
Ein Doppelhaus verlange ferner, dass die beiden Haushälften in wechselseitig verträglicher und abgestimmter Weise aneinandergebaut würden. Für den Begriff der Hausgruppe i.S.v. § 22 Abs. 2 Satz 1 BauNVO gälten diese Grundsätze entsprechend. Aus ihnen folge, dass es für die Frage, ob grenzständige Gebäude eine Hausgruppe bilden, allein auf die wechselseitige Verträglichkeit dieser Gebäude ankomme. Dies schließe es sowohl aus, die Bebauung anderer Grundstücke als der Hausgruppe in den Blick zu nehmen, als auch, bestehende oder fehlende Bebauungsmöglichkeiten zu betrachten. Maßgebend sei allein, ob das Bauvorhaben mit der vorhandenen grenzständigen Bebauung eine Hausgruppe bilde (BVerwG, Beschl. v. 19.03.2015 - 4 B 65/14 Rn. 6 m.w.N.). Die enge Wechselbeziehung, die hiernach mit der Festsetzung als Doppelhaus oder Hausgruppe in der offenen Bauweise verbunden sei, begründe ein nachbarschaftliches Austauschverhältnis, das nicht einseitig aufgehoben oder aus dem Gleichgewicht gebracht werden dürfe. Daraus ergebe sich zugleich, dass die Festsetzung nachbarschützend ist (BVerwG, Urt. v. 24.02.2000 - 4 C 12/98 Rn. 21, 27). Eine entsprechende drittschützende Wirkung komme auch der Festsetzung „R“ zu, da der wechselseitige Verzicht auf seitliche Grenzabstände an der gemeinsamen Grundstücksgrenze, der die benachbarten Grundstückseigentümer in ein Verhältnis des gegenseitigen Interessenausgleichs einbände (BVerwG, a.a.O. Rn. 21), bei der Festsetzung „R“ gleichermaßen bestehe.
Das durch die Baugenehmigung vom 20.02.2020 zugelassene Vorhaben genüge den dargestellten Anforderungen der sog. „Doppelhausrechtsprechung“. Zwar überschreite der geplante Anbau die bisherige Bebauungstiefe von 11,50 m um gut 30%, auch erhöhe sich die Grundfläche des Hauses von bislang 75 qm mit 22,72 qm um etwa ein Drittel. Das Erfordernis, dass die Gebäude zu einem wesentlichen Teil aneinandergebaut seien, bleibe aber erfüllt. Die Einheitlichkeit der Gesamtkubatur werde durch das eingeschossige Vorhaben mit einem Rauminhalt von lediglich knapp 75 qm nicht aus dem Gleichgewicht gebracht (vgl. zu einem Anbau mit einer Tiefe von ca. 3,40 m: OVG Koblenz, Urt. v. 14.08.2014 - 1 A 10252/14 Rn. 22). Die festgesetzte Reihenhausbauweise schließe eine Veränderung der Kubatur einer einzelnen Gebäudescheibe nicht aus, solange ein Mindestmaß an Übereinstimmung verbleibe, bei dem der Hausgruppencharakter erkennbar bleibe. Das ist der Fall.
2. Etwaige Überschreitung der Baugrenzen
Eine Rechtsverletzung der Antragsteller durch die Baugenehmigung vom 20.02.2020 ergebe sich auch nicht im Hinblick auf eine (etwaige) Baugrenzenüberschreitung. Hierbei könne dahinstehen, ob sich die Wohnraumerweiterung noch innerhalb der Baugrenze bewege oder diese überschreite. Der auf dem Grundstück der Beigeladenen verlaufenden Baugrenze komme jedenfalls keine nachbarschützende Wirkung zu. Rückwärtigen Baugrenzen seien regelmäßig nur dann drittschützende Wirkung beizumessen, wenn dies dem Willen des Plangebers entspreche (OVG Lüneburg, Beschl. v. 31.10.2007 - 1 ME 277/07 Rn. 5; vgl. auch BVerwG, Beschl. v. 11.06.2019 - 4 B 5/19 Rn. 4). Besondere örtliche Verhältnisse, die im Einzelfall eine nachbarschützende Wirkung einer hinteren Baugrenze begründen können (z.B. OVG Bremen, Urt. v. 20.02.1996 - 1 BA 53/95 Rn. 26), lägen hier nicht vor.
3. Gebot der Rücksichtnahme
Schließlich sei auch das Rücksichtnahmegebot nicht verletzt. Die den Beigeladenen genehmigte Wohnraumerweiterung sei den Antragstellern gegenüber nicht rücksichtslos. Eine mehr als geringfügige Beeinträchtigung der Besonnung und Belichtung des Grundstücks der Antragsteller von seiner Westseite sei durch den Anbau nicht zu erwarten. Eine Verschattung hinsichtlich der Abendsonne werde bereits derzeit durch die sehr hoch ausfallende eigene Einfriedung bewirkt. Auch nehme der Anbau nur einen kleinen Teil des lang gestreckten Grundstücks ein. Zudem sei es den Antragstellern unbenommen, die Besonnung ihrer Terrasse und ihres Wohnzimmerfensters aus Richtung Süden und Osten herzustellen. Schließlich komme der Kubatur der Wohnraumerweiterung weder eine erdrückende noch eine abriegelnde Wirkung zu.


C.
Kontext der Entscheidung
Rückwärtige Anbauten werden vielfach errichtet. Häufig geht es um Terrassenüberdachungen, bisweilen soll weiterer Wohnraum geschaffen werden. Derartige Vorhaben werfen regelmäßig Fragen in Bezug auf die Genehmigungspflicht, die Einhaltung von Grenzabständen zu Nachbargrundstücken, die Beachtung von Baugrenzen und die Einhaltung des Rücksichtnahmegebots auf.
Anders als bei Terrassenüberdachungen, die – je nach Landesrecht – erst genehmigungspflichtig werden, wenn sie eine gewisse Größe überschreiten (vgl. § 62 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1g BauO NRW), unterliegt die Schaffung von Wohnraum der vorliegenden Art auch bei geringer Kubatur grundsätzlich der Genehmigungspflicht (vorbehaltlich einer Genehmigungsfreistellung nach z.B. § 62 NBauO oder § 63 BauO NRW). Die Beigeladenen hatten eine Baugenehmigung im vereinfachten Verfahren eingeholt.
I. Bauweise
Das OVG Lüneburg hatte zunächst zu prüfen, ob die den Beigeladenen erteilte Baugenehmigung die Antragsteller in Bezug auf die Bauweise in ihren Rechten verletzt und legt hierbei die sog. „Doppelhausrechtsprechung“ des BVerwG zugrunde. Diese Rechtsprechung wurde auch bislang schon auf Hausgruppen in offener Bauweise gemäß § 22 Abs. 2 BauNVO angewandt (vgl. nur BVerwG, Urt. v. 24.02.2000 - 4 C 12/98 Rn. 21). Das OVG Lüneburg erstreckt dessen Anwendbarkeit zu Recht auf die vorliegende Reihenhausbebauung in abweichender Bauweise nach § 22 Abs. 4 BauNVO. Denn die Abweichung von der Festsetzung einer Hausgruppe in der offenen Bauweise nach § 22 Abs. 2 Satz 1 BauNVO liegt hier nur in dem Absehen von der Längenbegrenzung der Reihenhauszeile. Der die benachbarten Grundstückseigentümer in ein Verhältnis des gegenseitigen Interessenausgleichs einbindende wechselseitige Verzicht auf seitliche Grenzabstände an der gemeinsamen Grundstücksgrenze besteht bei der Festsetzung „R“ gleichermaßen.
Das OVG Lüneburg konnte die Anforderungen der sog. „Doppelhausrechtsprechung“ als erfüllt ansehen und mit der Eingeschossigkeit und dem vergleichsweise geringen Rauminhalt des geplanten Anbaus überzeugend begründen.
II. Etwaige Überschreitung der Baugrenzen
Die Frage, ob die rückwärtige Baugrenze dem Vorhaben der Beigeladenen entgegensteht, ließ das OVG Lüneburg unter Bezugnahme auf die Rechtsprechung des BVerwG offen. In der Rechtsprechung des Senats ist geklärt, dass es vom Willen der Gemeinde als Plangeber abhängt, ob Festsetzungen zur überbaubaren Grundstücksfläche durch Baulinien und Baugrenzen (§ 23 BauNVO) auch darauf gerichtet sind, dem Schutz des Nachbarn zu dienen. Ein entsprechender Wille des Plangebers müsse sich nicht aus dem Plan selbst, seiner Begründung oder den Akten über die Aufstellung des Bebauungsplans ergeben. Er könne sich z.B. auch aus dem im Bebauungsplan zum Ausdruck gekommenen Planungskonzept ergeben (BVerwG, Beschl. v. 11.06.2019 - 4 B 5/19 Rn. 4 m.w.N.).
Das OVG Lüneburg hätte mit Blick auf den Reihenhauscharakter der vorhandenen Bebauung auch zu einer anderen Einschätzung kommen können. Eine nachbarschützende Funktion von Baugrenzen wird umso eher anzunehmen sein, je größer die Wohndichte und je näher der Bezug zur Wohnqualität im Plangebiet ist. Das OVG Bremen hat bei einer Breite der Reihenhausgrundstücke von lediglich 4,5 m eine entsprechende Wirkung angenommen, da die Befriedungsfunktion der Baugrenze wegen der besonderen nachbarlichen Nähe eine besondere Bedeutung verleihe. Darüber hinaus falle ins Gewicht, dass die Festsetzung die nach Südwesten ausgerichtete „Wohnseite“ der Reihenhauszeile betreffe, also ein erheblicher Einfluss auf die Wohnqualität gegeben ist. Unter diesen Umständen diene die Festsetzung nicht nur dem öffentlichen Interesse an einer geordneten städtebaulichen Entwicklung, sie ziele zugleich auf einen Ausgleich der nachbarlichen Interessen (OVG Bremen, Urt. v. 20.02.1996 - 1 BA 53/95 Rn. 26).
III. Gebot der Rücksichtnahme
Soweit man die spezifischen Gegebenheiten der Reihenhausbebauung mit Südausrichtung nicht genügen lassen will, um die nachbarschützende Wirkung der hinteren Baugrenze anzunehmen, so wären diese Umstände im Zusammenhang mit dem Rücksichtnahmegebot (erneut) zu berücksichtigen gewesen. Die diesbezügliche Abwägung des OVG Lüneburg berücksichtigt dies nicht und bleibt insgesamt einseitig.


D.
Auswirkungen für die Praxis
I. Bestimmtheit der Planzeichen
Die Planzeichenverordnung aus dem Jahr 1965 sah Planzeichen nur für die „offene Bauweise“, „nur Einzel- und Doppelhäuser zulässig“, „nur Hausgruppen zulässig“ und „geschlossene Bauweise“ vor. Daher musste der Plangeber zur Kennzeichnung einer abweichenden Bauweise gemäß § 22 Abs. 4 BauNVO 1968 sonstige, nicht durch die Planzeichenverordnung 1965 vorgegebene Festsetzungen in den Bebauungsplan aufnehmen. Hierfür wählte er die Zeichen „R“ und „a“ und erklärte diese in der Planurkunde derart ungenau, dass ihre hinreichende Bestimmtheit zweifelhaft war und damit ihre Wirksamkeit infrage stand. So war das Gericht darauf verwiesen, diese Planzeichen im Wege der Auslegung inhaltlich auszuschärfen und gegeneinander abzugrenzen.
Die damit verbundenen Risiken sollten Plangeber meiden und von der in § 2 PlanzeichenVO eröffneten Möglichkeit, eigene Planzeichen zu verwenden, nur Gebrauch machen, soweit dies unabweisbar ist. In solchen Fällen sollte der Plangeber individuell gestaltete Planzeichen in den Erläuterungen zum Bebauungsplan jedenfalls so präzise beschrieben, dass ihr Inhalt und Anwendungsbereich klar sind. Unbestimmt ist beispielsweise die Festsetzung „besondere Bauweise“, wenn im Bebauungsplan selbst nicht geregelt ist, was hierunter zu verstehen ist und wodurch die besondere Bauweise gekennzeichnet ist (VGH Mannheim, Beschl. v. 10.04.1995 - 3 S 608/95 Rn. 6).
Der Plangeber hat zudem darauf zu sehen, dass die abweichende Regelung auch tatsächlich die Bauweise im planungsrechtlichen (und nicht etwa im umgangssprachlichen) Sinne betrifft, d.h. um eine Regelung, die im Hinblick auf den seitlichen Grenzanbau und auf die Längenbegrenzung von den in § 22 Abs. 2 und 3 BauNVO definierten Bauweisen, der offenen und der geschlossenen, abweicht. So ist etwa die Bezeichnung „Hügel“ als Festsetzung einer abweichenden Bauweise i.S.d. § 22 Abs. 4 BauNVO unwirksam; denn der Begriff „Hügel“ bezeichnet keine Bauweise im Sinne dieser Vorschriften, sondern eine Geländeform (OVG Schleswig, Urt. v. 12.03.2009 - 1 KN 12/08 Rn. 73).
II. Anforderungen der sog. „Doppelhausrechtsprechung“ des BVerwG
Das OVG Lüneburg konnte die Anforderungen der sog. „Doppelhausrechtsprechung“ mit guten Gründen als gegeben ansehen. Dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Anforderungen vage und in der Rechtsanwendung mit erheblichen Unsicherheiten behaftet sind. Das BVerwG hat die enge historische Interpretation des Doppelhaus-Begriffs, wonach Doppelhäuser sich in ihren Giebelflächen, Kubatur, Traufen, Dachform, Dachneigung und Firsthöhen, Grundfläche und Bautiefe im Wesentlichen entsprechen müssen, ausdrücklich verworfen (BVerwG, Urt. v. 24.02.2000 - 4 C 12/98 Rn. 23 f.) und fordert neben einer hinreichenden Überdeckung der Baukörper, dass beide Haushälften in wechselseitig verträglicher und abgestimmter Weise aneinandergebaut sind.
Konkrete Kriterien bestimmt das BVerwG nicht. Die Frage, ob zwei Haushälften noch wechselseitig verträglich und abgestimmt aneinandergebaut sind, sei durch eine Gesamtabwägung der Umstände des Einzelfalls zu ermitteln. Zu berücksichtigen seien quantitative und qualitative Merkmale. In qualitativer Hinsicht müssten die beiden Haushälften zwar nicht deckungsgleich oder spiegelbildlich sein, jedoch ein Mindestmaß an Übereinstimmung aufweisen, so dass das Doppelhaus als ein Gebäude erscheine. In welchem Umfang die beiden Haushälften zusammengebaut sein müssen, lasse sich weder abstrakt-generell noch mathematisch-prozentual festlegen. Quantitative Kriterien seien neben der Bautiefe, der Geschossigkeit und der Gebäudehöhe das oberirdische Brutto-Raumvolumen (BVerwG, Urt. v. 24.02.2000 - 4 C 12/98 Rn. 22).


E.
Weitere Themenschwerpunkte der Entscheidung
I. Gegen die Baugenehmigung im vereinfachten Verfahren nach § NBauO ist in Niedersachsen der Widerspruch nach § 68 VwGO gegeben. Der von den Antragstellern erhobene Widerspruch hatte nach § 212a BauGB indes keine sog. „aufschiebende Wirkung“, so dass sie zusätzlich vorläufigen Rechtsschutz beantragen mussten. Hierfür mussten die Antragsteller zunächst bei der Bauaufsichtsbehörde die Aussetzung der Vollziehung nach § 80a Abs. 1 Nr. 2 VwGO beantragen. Nach der Rechtsprechung des OVG Lüneburg ist ein Antrag beim Verwaltungsgericht gemäß den §§ 80a Abs. 3 Satz 2, 80 Abs. 5 VwGO erst zulässig, nachdem die Bauaufsichtsbehörde einen entsprechenden Aussetzungsantrag des Nachbarn abgelehnt, in angemessener Frist ohne zureichenden Grund nicht beschieden oder der Bauherr mit der Bauausführung bereits begonnen hat. Die Antragsteller blieben mit ihrem Aussetzungsantrag bei der Bauaufsichtsbehörde ebenso erfolglos wie mit ihrem Antrag auf Anordnung der aufschiebenden Wirkung ihres Widerspruchs beim Verwaltungsgericht Braunschweig. Gegen den ablehnenden Bescheid des VG Braunschweig erhoben die Antragsteller Beschwerde beim OVG Lüneburg.
II. Nur bei einer Befreiung von nachbarschützenden Festsetzungen kann der Nachbar verlangen, dass die Befreiungsvoraussetzungen des § 31 Abs. 2 BauGB eingehalten werden. Wird von einer nicht nachbarschützenden Festsetzung befreit, ist der Nachbarschutz auf den Anspruch auf Würdigung nachbarlicher Interessen, demgemäß auf die Einhaltung des Gebots der Rücksichtnahme beschränkt (vgl. z.B. BVerwG, Beschl. v. 08.07.1998 - 4 B 64/98 Rn. 5 f.).




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